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Ausführlicher Bericht vom 2. Teil der Weltreise

Vor dem zweiten Start

Nachdem ich mich in viereinhalb Monaten zu Hause von meiner Hepatitis-Erkrankung erholt hatte und die Leberwerte wieder die Norm erreicht hatten, starteten wir am 01.01.2003 zum zweiten Teil unserer Weltradtour. In den letzten Wochen unserer Reise war bei allem, was ich tat, die Reise in meinem Kopf. Schon Weihnachten und Silvester verliefen nicht so feierlich wie sonst. Gerhard überredete mich zu einem Weihnachtsbaum. „Laß‘ uns wenigstens einen kleinen kaufen!“ „Bitte, dann musst du ihn auch schmücken“, erwiderte ich. Er fiel in der Tat wirklich klein aus, so dass wir ihn gut im Auto mit nach Hersbruck zu unserem Zweitwohnsitz nehmen konnten. Dort feierten wir den Heiligabend und den ersten Feiertag mit Gerhards Bruder. Walter ist zwei Jahre älter als er. Er versorgt sich nach dem Tod der Mutter alleine. Vor neun Jahren hatte einen Schlaganfall mit einer halbseitigen Lähmung, die sich bis auf eine Gesichtslähmung zurückgebildet hat. Er hat einen prächtigen Körperbau und ist insgesamt von robuster Natur. Das liegt offenbar in der Familie Krauss, denn auch mein Mann hat diesen genetischen Vorteil von seinen Eltern mitbekommen.

Alles, was ich tat, richtete sich auf unsere Reise. „Es ist noch so viel zu machen“, stöhnte Gerhard. „Du hast Recht“, stimmte ich ihm zu. Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte mein Mann Geburtstag. Es war sein 74. Er bekommt jedes Jahr eine Schwarzwälder Kirschtorte, das ist seit Jahren Tradition. Lachend frage ich ihn: „Wie alt bist du eigentlich?“ „Ziemlich jung, jung genug für dich!“ Silvester feierten Gerhard und ich völlig unspektakulär mit unserer Mieterin Gitti. Mit einem Fleischfondue, Kartoffelsalat und einem guten Wein verbrachten wir die letzten Stunden des Jahres 2002. Unsere Gedanken kreisten um den Start unserer Reise. Wir gingen zeitig um ein Uhr zu Bett. In dieser Nacht schlief ich ab drei Uhr nicht mehr. Ein letztes Frühstück um sieben Uhr, obwohl ich vor Aufregung kaum etwas essen konnte. Gerhard kam auch unausgeschlafen zum Frühstück. Um elf Uhr kam das Taxi, das uns zum Bahnhof brachte. Gitti war unglücklich. Das übertrug sich auf mich, und so weinten wir beide.

Mit der S-Bahn fuhren wir zum Flughafen. Alles klappte reibungslos. Wir hatten zwei Stunden Zeit. Unsere Räder wurden uns von unserem Radhändler in Kartons verpackt gebracht. Das Einchecken war unproblematisch. Wir hatten insgesamt 80 Kilo Gepäck. Zu unserer Freude konnten wir bis Hanoi durchchecken. Nach vier Stunden Flug kam der erste Zwischenstopp in Dubai. In dem riesigen, modernen Terminal gibt es unzählige Duty-free-Shops, und ein Duft mischt sich mit dem anderen. Nach dreieinhalb Stunden Zwischenstopp ging der Flug weiter nach Bangkok. Dort hatten wir ebenfalls fünf Stunden Aufenthalt. Wir waren völlig übermüdet und haben auf den Stühlen geschlafen. Irgendwann war auch diese Zeit um. Den zweieinhalbstündigen Weiterflug mit Thai Airways nutzten wir zum Schlafen. Endlich, um 19.30 Uhr, setzte das Flugzeug in Hanoi zur Landung an.

In Hanoi gelandet

Ich verspürte Unwohlsein in Form von Bauchschmerzen: Schiß! Was würden wir erleben? Ob alles gut geht? Ob der Fahrer vom Goethe-Institut am Flughafen ist? Die Einreise verlief normal. Die nächste bange Frage stellte sich am Gepäckband. Aber das Gepäck kam, und unsere Räder auch. Die Verpackung von Gerhards Rad bestand nur noch aus Kartonfetzen. Der Radhelm kam ihm gleich entgegen. „Unser Gepäck ist wohl gründlich kontrolliert worden“, bemerkte ich. Das bestätigte sich später auch an unseren Plastikaufbewahrungsboxen mit Ersatzmaterial und Küchenutensilien, denn die Verschlüsse sind alle abgebrochen. Die Zollbeamten demonstrierten das typische Verhalten eines Militärstaates und fertigten uns mit steinernen Mienen ab. Draußen wartete tatsächlich der Fahrer des Goethe-Instituts. „Gerhard, geh‘ du zuerst durch die Ausgangstür, ich gebe dir das Gepäck und die Räder nach und nach durch.“ Denn schon einmal hatten wir am Münchner Flughafen die Dummheit begangen, nur mit einem Teil des Gepäck - und ohne Räder - durch die Ausgangstür zu gehen. Damals half kein Bitten und Flehen an die Zollbeamten, uns doch die Räder durch die Tür zu schieben. Gerhard musste sich umständlich beim Sicherheitsbüro einen Laufzettel geben lassen, mit dem er Einchecken durfte, bis er wieder auf der Seite der Räder stand. Die ganze Prozedur hatte uns damals eine Stunde gekostet. Die Erfahrung hatten wir noch gut in Erinnerung.

Der Fahrer des Goethe-Instituts, ein kleinwüchsiger Mann mit Mandelaugen, lächelte uns an. Da zeigten sich seine lückenhaften und schlechten Zähne. Trotzdem wirkte er vertrauenserweckend. Er hieß uns in Deutsch herzlich willkommen. Ich spürte, wie die erste Anspannung in mir nachließ. Wir waren Herrn Augustin, dem Leiter des Goethe-Instituts in Hanoi, dankbar für diese Geste. Außerdem hatte er für uns ein Quartier gebucht. Vorausgegangen waren Kontaktaufnahmen per E-Mail.

Nachdem wir die zerfledderten Radkartons und das Gepäck im Kleinbus verstaut hatten, nahmen wir vorne neben dem Fahrer Platz. Der Flughafen liegt 29 Kilometer außerhalb von Hanoi. Der Fahrer beherrschte nur wenige Standardsätze Deutsch. Im Quartier aßen wir noch etwas und spülten mit einer heißen Dusche den Staub einer 32-stündigen Reise von uns. Wir erwachten am nächsten Morgen erst gegen zwölf Uhr Ortszeit. Die Zeitverschiebung von sechs Stunden machte sich bemerkbar. „Frau, sei so gut und brau‘ uns einen Kaffee“, bat mich Gerhard. „Ich bin noch so müde.“ Gerhard wollte Herrn Augustin besuchen, um sich bei ihm zu bedanken. In der Rezeptionshalle stand der Fahrer, der offenbar deutsche Landsleute vom Flughafen abgeholt hatte und nun zum Institut fahren wollte. Das war ein glücklicher Zufall. Die drei jungen Deutschen waren in Hanoi, um eine Wanderausstellung moderner Kunst aufzubauen, die für zwei Wochen im Institut zu sehen ist.

Herr Augustin ist ein Mann mittlerer Größe mit weißem Haar, dynamisch und sympathisch. Er lud uns alle zusammen zum Essen ein. Ich hatte Fisch und Gemüse mit Reis bestellt. Der bekannte Geschmack von Lemongras und leichter Schärfe ließ das Essen köstlich schmecken. Herr Augustin lud uns für den nächsten Abend ein.

Von Hanoi wollten wir Einiges sehen. Wir mieteten uns eine Fahrrad-Rikscha. In einer atemberaubenden Fahrt quer durch den Verkehr brachte uns der Fahrer zum Ho-Chi-Minh-Mausoleum. Alle Besucher mussten paarweise, schön hintereinander, eintreten. Die Kameras mussten wir vorher abgeben. Dafür bekamen wir eine Nummer. Der Weg war durch Pfeile vorgegeben. Unzählige Soldaten bewachen die Besucher. Am Eingang des Mausoleums mahnte ein Staatsdiener zum Schweigen, indem er seinen Zeigefinger gegen die Lippen tippte. Wir betraten einen halbdunklen Gang, der um mehrere Ecken führte. In jeder Ecke stand ein Soldat. Endlich betraten wir den Raum, in dem der ehemalige Führer und Befreier Vietnams in einer Glasvitrine gut präpariert aufgebahrt liegt. Ein süßlicher und leicht stechender Geruch erfüllt den Raum. Vier Soldaten hielten am Sarg Totenwache. Ein Rundgang führte uns dann wieder nach draußen. Ich atmete tief durch. „Stell dir mal vor, die Soldaten stehen jeden Tag acht Stunden in diesem Raum.“ Allerdings nicht in den Sommermonaten: In dieser Zeit wird Ho Chi Minh wieder neu präpariert.

Wir besuchten noch die Häuser, wo er gelebt und gewirkt hatte. Er lebte sehr bescheiden, kein Prunk, kein Protz waren zu sehen. Das Museum der modernen Kunst besuchten wir auch noch. Dann ließen wir uns durch den tosenden Verkehr mit den Tausenden von Motor- und Fahrrädern zum Quartier zurückbringen. Es scheint im Verkehr überhaupt keine Ordnung zu geben. Jeder fährt, wie er will, kreuz und quer, dazwischen huschen noch vereinzelt Fußgänger über die Straße. Ampeln sind zwar vorhanden, werden aber weitgehend ignoriert. „Wir müssen wenigstens ein paar für uns wichtige Worte lernen, zum Beispiel <Hotel>, <Essen>, <Restaurant>“, meinte Gerhard. Die Sprache, beziehungsweise die Aussprache, ist für uns einfach nicht lernbar. Eine falsche Betonung lässt einen simplen Vornamen zum Schimpfwort werden.

Die große Tour

Heute ist Sonntag. „Vielleicht gilt der Sonntag auch hier als arbeitsfreier Tag, und wir können leichter aus der Stadt finden“, sagte ich zu Gerhard. Gerhard hatte sich am Abend zuvor noch einmal den Weg erklären lassen. Das stetige Hupen der Autos, Busse und Motorräder ist gewöhnungsbedürftig. Wenn ich nicht genau wüsste, dass sie auf der Nationalstraße Nr. 1 fahren, könnte ich glauben, ich sei im Hamburger Hafen, so laut rollen die Hupen. Unterwegs versorgen wir uns mit Obst und Wasser. Wir waren beeindruckt vom Lebensstil der Menschen. Das Leben spielt sich weitgehend auf der Straße ab. Die Häuser haben einen eigenwilligen Baustil. Fast alle stehen solitär, sind vielleicht fünf bis zehn Meter breit und gehen bis zu 20 Meter in die Tiefe. Die Türen sind, so weit die Bewohner zu Hause sind, geöffnet. Es gewährt den totalen Einblick. Alle handwerklichen Betriebe arbeiten vor dem Haus. Rechts und links der Straße sehen wir sowohl Feudalhäuser als auch einfache Häuser hin bis zum schlichten Holzschuppen. Die Überdachung ist meist aus Wellblech. Die besten erinnern an verspielte französische Bauweise, oft mit Säulen. Etwa jedes dritte Haus hat eine Garküche mit unterschiedlichen Qualitätsansprüchen. In allen Lokalen, in die wir sehen konnten, dienten Plastikstühle als Bestuhlung. Sie sind nicht höher als eine Fußbank. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es sich die Menschen in ganz Asien oft in der Hocke bequem machen. Die Häuser sind lila, rosa und hellbeige. Auch die Mützen haben diese Farben. Frauen tragen Schals oft so gebunden, als ob sie Zahnschmerzen hätten, wenn sie nicht gerade einen Chinesenhut tragen. Die meisten tragen einen Mundschutz. Das ist eine notwendige Maßnahme, wenn sie nicht die stinkenden Abgase einatmen wollen.

Wir sind dankbar für das Radfahren auf einer Seitenstraße. Allerdings liegen auch hier reichlich Unrat und Glassplitter, was gleich am zweiten Tag bei Gerhard einen Platten verursacht hat. Beim Pedalieren durch einen kleinen Ort sehe ich ein Schild „Hot Tok“. Oh, gibt es hier etwas zu Essen?, denke ich. Als ich genau in diese gute Stube schaue, sehe ich einen Damenfriseur.

Bis jetzt sah ich keine Frau mit kurzen Haaren. Alle haben wunderbare, lange, schwarze Haare. Die Frauen hier in Nordvietnam sind hübsch, mit Mandelaugen, zierlichen Nasen und wohlgeformten Lippen. Einmal sah ich ein hübsches Mädchen auf einem Ochsenkarren sitzen und einen Büffel antreiben. Da fiel mir das Sprichwort ein: „Einen schönen Menschen entstellt nichts.“ Die Männer finde ich nicht ganz so attraktiv. Die älteren Männer tragen oft als Kopfschutz den Vietconghelm.

Während unserer ersten Etappe hatte es zu nieseln begonnen. Der Regen nahm stetig zu. Nach 83,5 Kilometern sahen unsere Taschen, Räder und Schuhe lehmig aus. Suchend blickten wir uns nach einen geeigneten Quartier an. Ein Mopedfahrer hielt an und fragte: „Can I help you?“ „We are looking for a hotel“, antwortete Gerhard. „Follow me“, gab er zurück. Tatsächlich, nach gut einem Kilometer, bog er in eine Seitenstraße ein. Dort lag ein kleines Privathotel mit einem Hof. Ein junger Bursche und eine Frau mittleren Alters kamen uns entgegen. Ich deutete auf unsere mit Sand verschmutzten Kleider und Utensilien. Sie nickten und reinigten uns mit einem Wasserschlauch. Sie nahmen mir die tropfnassen Taschen ab und brachten sie aufs Zimmer. Zum Glück war der gesamte Fußboden gefliest. Die Wasserlachen, die die Taschen hinterließen, konnten keine bleibenden Schäden anrichten.

Die Hausfrau war sehr fürsorglich. Sie kochte gleich eine Suppe, die wir nach einer heißen Dusche aßen. Frau Swini, das ist ihr Vorname, erzählte uns von ihren Kindern, zwei Söhnen und zwei Töchtern. Eine der Töchter lebt in Frankreich. Ein Sohn und die andere Tochter leben in Hanoi. Nur der jüngste Sohn lebt noch bei den Eltern. Sie ist eine kleine dralle Frau mit einem Teint von der Farbe eines Milchkaffees. Sie trug eine bunte Pudelmütze keck auf ihrem Kopf und eine Anzugjacke gegen die Kälte im Haus. Das Haus hatte ihr Mann erst im letzten Jahr ausgebaut, und die Fensterrahmen schlossen nicht dicht ab. Es war nicht für eine kühle Jahreszeit konstruiert. Draußen windete es sehr, und der Regen peitschte gegen die Fensterläden. Unser Zimmer war recht kühl. Eine Heizung gab es nicht. Da war das Bett der beste Ort. Sie brachte uns noch eine weitere Decke. Wir fühlten uns richtig wohl.

Ein ereignisreicher Tag

Wind und Regen hatten am nächsten Tag aufgehört. Der Himmel war noch bedeckt, aber das störte uns überhaupt nicht. Nach einem ausgiebigen Frühstück fuhren wir los. Wieder begann es zu regnen. Das machte die Menschen verschlossener. Jeder versuchte, mit dem miesen Wetter fertig zu werden. Transportiert wird alles auf dem Fahrrad oder dem Motorrad - Hausstand, Couchgarnitur, Schränke, in Körben Enten, Hühner, Schweine, Bambusstangen, Eisenstangen, Drahtrollen. Und natürlich hat die gesamte Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei Kindern, Platz auf der Sitzbank eines Motorrades. Selten wird ein Sturzhelm getragen. Rückspiegel finden sich genauso selten. Öfters sehen wir Männer oder Frauen, die ihre Räder schieben. Sie waren voll beladen mit vier oder fünf Säcken Reis von je einem Zentner. Zum besseren Hantieren wird die Lenkerstange mit einem Stock verlängert, der mit einer Kordel fixiert ist. Hinter dem Sattel wird ebenfalls ein langes, kräftiges Rundholz, das mindestens 30 Zentimeter über den Sattel hinausragt, mit einer Kordel fixiert. Gepflegt oder geölt werden die Räder nie. Die Laufräder eiern, quietschen, klappern oder geben andere Geräusche von sich. Sie sind oft schrottreif. Das gängige Schuhwerk der Landbevölkerung sind Plastiklatschen, die, als sie neu waren, die Farbe weiß hatten.

Nach 20 Kilometern riss das Schaltseil an Gerhards Rad. Ach, du heiliger Schreck, dachte ich, hoffentlich kommen jetzt keine Berge. Es kamen aber doch kleine Hügel. Nach weiteren zehn Kilometern drehte sich mein Mann um und rief mir zu: „Ich habe einen Platten.“ Er verriß den Lenker und stürzte zur Seite. Da lag er für einige Sekunden regungslos. Ich legte mein Rad auf den Seitenstreifen und lief zu ihm. „Gerhard, ist alles in Ordnung?“ Mir zitterten die Knie. „Ja, es geht schon“, antwortete er. Ich half ihm beim Aufstehen. „Meine Schulter und meine Hüfte schmerzen“, sagte er- Er schien immer noch benommen. Ich versorgte ihn mit homöopathischem Mittel.

Wir hatten Glück: Auf der anderen Straßenseite war ein Mechaniker. Nachdem er geschickt den Schlauch des Vorderrades geflickt hatte, sagte ich zu Gerhard: „Vielleicht kann er auch den Bowdenzug austauschen!“ Ganz wohl war uns beiden nicht. Mit so einer Hightech-Schaltung hatte der brave Mann bestimmt noch nie Kontakt gehabt. Da muss selbst bei uns so mancher Radmechaniker passen. Wir zeigten ihm die Montageanleitung. An Hand der Skizzen versuchte er, die Arbeitsschritte zu verstehen, denn Englisch konnte er nicht. Wir arbeiteten im Team. Jeder wusste etwas. Nach anderthalb Stunden hatten wir es gemeinsam geschafft. Er strahlte, und wir merkten, wie stolz er auf sich war. Gerhard entlohnte ihn gut. Auch wir waren glücklich, die Fahrt fortsetzen zu können. Nach weiteren 30 Kilometern endete die Tagesetappe in einer Kleinstadt. Ich merkte, wie sehr der Sturz Gerhard zugesetzt hatte, und bereite ihm erst mal ein warmes Bad. Leider war es nur eine Sitzwanne. Dann machte ich uns einen heißen Tee.

Erste Hilfe auf vietnamesisch

Im Laufe unserer Fahrt erlebten wir Erste Hilfe auf vietnamesisch. Ein Fahrer war mit seiner Rikscha gestürzt. Er war bewusstlos. Zwei Männer hievten ihn auf ein Motorrad. Er saß zwischen dem Fahrer und einem Mitfahrer. Sein Kopf pendelte hin und her. Ehe ich realisiert hatte, was geschehen war, fuhren sie los. Drei Kilometer weiter hielten sie an. Wir holten sie ein. Ich sprang vom Rad, holte meine homöopathische Taschenapotheke heraus und steckte ihm fünf Kugeln in den Mund. Ich bemerkte, dass er betrunken war. Mehr konnte ich nicht für ihn tun.

Weiter oben in den Bergen hielten wir wieder einmal zu einer Trinkpause an. Kinder näherten sich uns. Ein kleines Mädchen in zerlumpter, ärmlicher Kleidung, schaute mich mit großen Augen an. Ich gab ihm von dem eingekauften Brot. Sie lief davon. Ich beobachtete, wie sie es mit anderen Kinder teilte. Gerhard meinte: „Das war gerade Brot für die Welt.“ Kurze Zeit später kam das Mädchen zurück. Diesmal gab ich ihm den einzigen Apfel. Auch der Apfel wurde durch sechs oder sieben Kinder geteilt. „Lass‘ uns weiterfahren, sonst verschenkst du den Rest auch noch“, meinte Gerhard. Diese Tagesetappe endete nach 137,5 Kilometern. Leider besaß das Zimmer kein Fenster. Das wirkte sich am nächsten Morgen nachteilig aus, denn es gab im ganzen Haus keinen Strom. Also suchte ich mit einer Minitaschenlampe unsere gesamten Sachen zusammen.

Nach dem Frühstück setzten wir unsere Fahrt fort. Wir sahen oft an schlichten Häusern üppig blühende, lilafarbene Bougainvilla-Sträucher oder Hibiskus. An Schutthalden gedeihen prächtige Weihnachtsstern-Sträucher. Beiderseits der Straße wechselt das Bild, mal sind es Kokospalmen, mal Bananenbäume.

Wieder ein Regentag

Es regnete, wenn auch leicht, aber über den ganzen Tag. Wir kamen wieder total nass und schmutzig in einem Hotel an. Dort wurden unsere Sachen wieder abgespritzt. Zum Frühstück gab es Bananen, Mango und eine Tasse Kaffee. Der Himmel ist bedeckt, es regnet nicht. Wir erleben das Hupen in jeder Tonlage. Das ist reines Imponiergehabe. Besonders lästig ist das Hupen der Überlandbusse und der Lastwagen.

Wir haben inzwischen Südvietnam erreicht. Die Menschen haben hier eine andere Physiognomie. Die Nase ist breiter, das Gesicht ist runder, die Hautfarbe ist dunkler. In der kleinen historischen Stadt Hue haben wir einen Ruhetag eingelegt. Wir wollten uns Hue anschauen, das Sehenswürdigkeiten zu bieten hatte. Wir haben uns einen Rikschafahrer für den Tag gemietet. Als er hörte, dass wir nach Danang wollen, erzählte er uns, dass dazwischen ein hoher Pass liegen würde. Er meinte, es sehr besonders schwer, und wir sollten am besten den Zug nehmen. „Das mag ja sein, dass das mit den üblichen Fahrrädern nicht zu schaffen ist“, sagte ich zu Gerhard.

Auf dem Weg zum Pass wollten wir uns eine der köstlichen Suppen zu Gemüte fuhren. Aber es wurde uns eine trübe Brühe mit Nudeln und Gemüse, das nach Spinatblättern aussah, gereicht. Der Geruch - pfui Teufel! Das erinnert mich an verwesende Hühnerknochen. Ich hatte diesen Geruch in Südamerika in meiner Nase, als ich ein Lager mit Hunderten von geschlachteten Hühnern gesehen hatte. Ich konnte die Suppe einfach nicht herunterbekommen. Gerhard isst ja fast alles (nur zu Hause nicht).

Nach 65 Kilometern kam der erwartete Pass. Oh Graus: Er begann gleich mit neun Prozent Steigung. Nach 500 Metern begann ich mächtig zu schwitzen, schnaufte und hoffte, der Pass möge sich moderat hochschrauben. Nach 180 Höhenmetern musste ich erst einmal anhalten und verschnaufen. Laufend überholten mich Lkws, Busse oder Motorräder, immer mit der Hupe als Vorankündigung. Die Hupe scheint nach dem Gaspedal das zweitwichtigste Utensil am Auto zu sein. Erschwerend kamen die Auspuffgase hinzu - oftmals schwarze Schwaden von Dieselmotoren. Gerhard zeigte mir heute, was ein „strong man“ ist. Er fuhr ganz locker ohne zu Schnaufen voran. Der Abstand zwischen uns wurde immer größer. Zwischendurch hielt er an, um auf mich zu warten. „Lass‘ dir ruhig Zeit, es drängt uns nichts zur Eile“, sagte er dann beruhigend. „Du musst was Essen und Trinken, Frau“, mahnte er mich. „Bin ich ein kleines Kind?“, brummte ich zurück. „Du musst die Banane jetzt essen, denn du brauchst Power, anstatt sie über den Pass zu tragen.“ Tatsächlich, nach 15 Kilometern und 600 Höhenmetern hatten wir die Passhöhe erreicht. Oben warteten die Händler auf Buskunden und solche wie uns. Sie boten lauthals ihre Waren an. „Madam, Kaffee?“ „No, thank you“, rief ich in gleicher Tonlage zurück. Dann ging es zehn Kilometer mit zehn Prozent Gefälle bergab. Einige Male waren wir schneller als die Laster. Das Überholmanöver war nicht ungefährlich, denn stellenweise waren tiefe Löcher im Asphalt. Da mussten wir auf der Hut sein.

Das Wetter hatte sich seit der Passhöhe verändert: ein wolkenloser Himmel, Sonnenschein. Mein Radcomputer zeigte 28 Grad plus. Auf der Meereshöhe angekommen, mussten wir bis zur angepeilten Stadt noch 16 Kilometer radeln. Wir waren schon recht geschafft. Die Kilometer gingen langsam dahin. Drei Kilometer vor Danang fanden wir eine passable Bleibe. Nachdem wir uns gereinigt und gelüftet hatten, gingen wir zum Abendessen. Das Gemüse war wieder das der letzten Tage, spinatartig mit einem Geruch wie Henna. Vielleicht war es ja auch Henna. In Deutschland wird das nicht gegessen, sondern als natürliches Haarfärbemittel verwendet. Es wird in der Tat in Asien produziert.

Um acht Uhr starteten wir in die falsche Richtung. So mussten wir wieder drei Kilometer zurück fahren. Schon am frühen Morgen war heftiger Schwerlastverkehr und unerträgliches Hupen. Die Straßen wurden zunehmend schmaler mit teilweise holprigem Asphalt und sehr vielen Baustellen. Die Geschäfte werden im Garagestil gebaut. „Hast du schon bemerkt, bei den Hot Tok ist nie Licht im Salon. Wie können die da einen gescheiten Schnitt machen?“, fragte ich Gerhard. „Ist vielleicht auch besser, wenn der Kunde den Haarschnitt nicht gleich sieht“, antwortete er. Faszinierend war schon die Haarwäsche: Der Kunde legt sich auf eine Art Bahre, bekommt von hinten die Haare gewaschen und die Ohren gereinigt.

Ein Thema hat von Anfang an gewisse Probleme bereitet: meine Notdurft. Selten gibt es einen Busch, hinter dem ich mich hinhocken kann. Ist gerade mal kein Haus in der Nähe, kommt Sumpfland mit Reisfeldern. Gerhard stellt sich gerade mal an die Ecke. Ich muss oft stundenlang einhalten, bis es fast nicht mehr geht.

Als wir durch eine kleine Stadt fahren, sehen wir einen Menschenauflauf und einige Lkws auf der Straße stehen. Auf der Straße lagen zwei junge Burschen bäuchlings übereinander. Die beiden hatten das Gesicht zur Seite und die Augen geöffnet. Eine frische Blutlache lag unter ihnen, das Motorrad neben ihnen. Für sie kam wohl jede Hilfe zu spät. Sie müssen einfach ein herannahendes Auto übersehen haben. Ein Polizist regelte den Verkehr, kein Notarzt, kein Blaulicht. Das lässt für mich den Schluss zu, dass Menschenleben nicht um alles in der Welt gerettet werden. Es waren blutjunge Kerlchen, vielleicht 15 oder 16 Jahre. Es hat uns beide nachhaltig beeindruckt. Die einzige gesetzliche Voraussetzung fürs Motorradfahren ist, dass sie 18 Jahre alt sein müssen. Dann werden sie in den heftigen Verkehr geschickt. Gerhard erregt sich darüber und meint: „Sie kommen mir vor wie Kinder auf dem Abenteuerspielplatz.“ Sie unterschätzen die Gefahren des Verkehrs. Es gibt Tausende und Abertausende von Motorrädern. Nicht selten steuert der Mann das Gefährt, während die Frau mit ihrem Säugling oder Kleinkind im Arm dabei sitzt, gerade so, als ob sie sich in einem Auto befände.

Wir fahren weiter, vorbei an den vertrauten Bananenstauden und Kokospalmen, die hier wild wachsen. Hin und wieder sehen wir auch Eukalyptusbäume. Aus allen Richtungen klingt es pausenlos „hello“ an unsere Ohren, vom Kleinkind bis zur Großmutter grüßen sie uns. Oft klingt das „hello“ auch wie „helau“. Nach 100 Kilometern unserer Tagesetappe treffen wir auf zwei europäische Radler mit Trailer. Es sind zwei Franzosen, die ein Jahr unterwegs sein wollen. Sechs Monate liegen schon hinter ihnen. Sie fahren in der entgegengesetzten Richtung. Wir tauschen Erfahrungen aus und erzählen von erlebten Dingen. Später gehen die Kilometer zäh dahin, und wir kommen kurz vor der Dunkelheit an unser Fahrziel. Eine einfache Bleibe zu finden, ist nicht so schwierig. Männer mittleren Alters bieten uns ihre Hilfe an. Sie lotsen uns zu preiswerten Unterkünften.

Während wir dahinpedalieren, steigen alle möglichen Gerüche in unsere Nase. Mal riecht es nach Fischen oder Pfannkuchen, und im nächsten Augenblick sind wir in eine Dieselwolke eingehüllt. Unsere Aufmerksamkeit ist immer auf viele Dinge zugleich gerichtet - nicht nur der fließende und der einbiegende Verkehr verlangen ganze Konzentration. Eine unangenehme Eigenheit der Vietnamesen ist es, ohne rechts und links zu schauen einzubiegen. So manches Mal habe ich meinem Mann warnend zugerufen. Die anfängliche Ängstlichkeit vor den vielen Motorrädern und Autos haben wir uns weitgehend abgewöhnt, sonst kämen wir nicht von der Stelle.

Wir fahren an vielen kleinen Dörfern mit ärmlichen Häusern vorbei. Diesmal haben wir oft den Duft von Weihrauch in der Nase. Je höher wir kommen, umso bescheidener werden die Behausungen, von einfachen Lattenbuden hin bis zu Lehmhäusern. Ein Vietnamese erzählt uns, dass in den noblen Häusern oft Auslandsvietnamesen wohnen, die sich ihr Domizil mit der Arbeit in einem Gastland zusammengespart haben. Wenn wir Halt machen, sammeln sich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Sie haben eine unglaubliche natürliche Neugier. Jeder will wissen, was dort geschieht, obwohl wir nur eine unspektakuläre Trinkpause machen oder einfach zur Entlastung der schmerzenden Sitzfläche absteigen. Das übrige Land besteht aus Reisfeldern und nochmals Reisfeldern. Zu diesem Zeitpunkt werden entweder die Jungpflanzen gesetzt, oder sie stehen in der frühen Wachstumsphase.

Wir fahren auf der Nationalstraße Nr. 1. Sie ist der Verkaufsboulevard Vietnams. Je weiter wir in Richtung Saigon fahren, umso dichter wird der Verkehr. Nach wir am Vortag einen Pass passiert haben, fahren wir auf einer Höhe von 600 bis 900 Höhenmeter. Das Gelände ist ein ständiges Auf und Ab. 50 Meter Höhengewinn, 30 Höhenmeter wieder runter. Hier oben leben offensichtlich Minderheiten. Die Gesichter sind runder, relativ flach mit breiten Nasen. Gerhard wollte ganz arglos Erstklässler fotografieren, die aus der Schule auf ihn zustürmten. Sobald er seine Tasche öffnete, gab es ein Gerangel, als ob es etwas zu verteilen gäbe. „Komm, lass‘ uns weiterfahren“, drängte ich. Gerhard machte einen zweiten Versuch, seine Tasche zu öffnen. Jetzt war der Ansturm noch heftiger. Er brüllte laut die Kinder an und konnte nur noch die Flucht nach vorn antreten. Selbst im Anfahren hielten sie den Gepäckträger fest. Eine völlig neue Erfahrung, für uns leider eine negative.

Auch die Wetterbedingungen haben sich schlagartig geändert. Es ist sonnig und bis zu 35 Grad warm.

Ein Problem, der sich seit Beginn unserer zweiten Etappe nicht verändert hat, ist Gerhards Radständer. Holt er seine Kamera raus, kommt der Satz: „Halte mal.“ Ich protestiere: „Ich bin doch kein Radständer.“ Aber was soll‘s: Ich halte es.

Eine Frage, die mich schon die ganze Zeit in Vietnam beschäftigt, ist, warum die Fenster und die Türen vergittert sind. Selbst in der vierten Etage sind sie vergittert. Die bisherige Antwort auf mein Fragen war: Schutz vor Einbruch.

Wir erreichen Play Cu, eine sehr schöne, mittelgroße Stadt, die auch einen völlig anderen Charakter hat als die zurückliegenden. Sie hat breite Straßen, und die Häuser sind in einem gepflegten Zustand. Auch an diesem Tag zeigte mir mein Mann, wer der Stärkere von uns beiden ist. Er fuhr meistens 100 Meter voraus. Als ich am Berg nach ihm ankam, stellte ich fest: „Du kannst Brotzeit machen, bis ich komme. Oder fahr doch voraus und mach‘ schon Quartier.“ Wir mussten beide lachen. Damit ich ja nicht demoralisiert wäre, lobte mich mein Mann, dass ich schon da wäre. Ich glaube, er wollte mich bei Laune halten.

Abends belohnen wir uns meistens mit einer Nudelsuppe, die einmalig gut schmeckt. Die Suppe besteht aus Brühe, Glasnudeln, Sojasprossen, Zwiebellauch und wenig fein geschnittenem Fleisch. Wenn ich dann und wann auf feine, undefinierbare Knöchelchen in meiner Suppe treffe, frage ich mich im Stillen, ob ich jetzt vielleicht an einem Hundeknochen knabbere. Aber den Gedanken verdränge ich, sonst kann ich nicht mehr weiteressen. Das Besteck besteht aus zwei Stäbchen und einem Esslöffel aus Aluminium. Selten sehen wir Gabeln. Ein Messer gehört nicht zum Essen. Alles wird mundgerecht zerschnitten. Zur Suppe werden Blattsalat, ganze Thymianzweige oder Zitronenmelisse gereicht, die wir in beliebiger Menge zur Suppe geben können. Mit den Stäbchen können wir schon ganz gut umgehen. Manchmal glaube ich, dass ich die Fertigkeit mit den Stäbchen beherrsche, und ein anderes Mal gelingt es mir nicht, die Fleischstückchen oder anderes aufzunehmen. Meine Finger beginnen zu verkrampfen, und ich entspanne sie und starte einen neuen Versuch. Gerhard wickelt zuweilen die Glasnudeln wie Spaghetti auf die Stäbchen. Ich spüre die Blicke, die uns während des Essens verfolgen.

Mit dem Tierschutz sehen es die Vietnamesen nicht so eng. Erst vor wenigen Tagen sahen wir auf der Straße einen Schweinetransporter. Jedes einzelne Schwein saß in einem ellipsenartigen Korbgeflecht, über- und nebeneinander geschichtet. Es waren circa hundert Stück. Der Lkw überholte uns, nach einigen Kilometern sahen wir ihn am Straßenrand stehen. Die Schweine wurden mit einem breiten Wasserstrahl abgeduscht. Wir haben das für uns so gedeutet: Damit sie auf der Fahrt zum Schlachthof nicht verenden, werden sie so getränkt. Auf einem anderen Lkw saßen in ähnlichen Körben Hunde, alle von der gleichen Rasse.

Am nächsten Tag starten wir bei herrlichem Sonnenschein um acht Uhr früh. Nach einer kurzen Abfahrt geht es gleich einen lang gezogenen Berg mit 100 Höhenmetern los. Unterwegs versorgen wir uns mit Wasser, Mandarinen und Bananen. Wir kaufen uns eine Staude, die etwa 18 bis 20 Bananen hat, für wenige Cent. Das ist unsere Energiequelle während der gesamten Fahrt. Nach vielen Aufs und Abs bewegen wir uns auf einer Höhe von 1.002 Metern. Wir haben Rückenwind, und unsere Räder fliegen nur so dahin. Wir fahren an einer Gummiplantage vorbei, und an jedem Baum hängt ein Töpfchen mit einem Ablaufrohr, mit dem der Kautschuk gewonnen wird. Die Plantage ist etwa zehn Kilometer lang. Die Breite lässt sich nicht einschätzen, aber so weit wir schauen, sehen wir nur Gummibäume. An diesem Tag steigt uns sehr oft der Duft von Weihrauch in die Nase. Plötzlich rieche ich etwas sehr Liebliches, mir Bekanntes: Es ist Jasmin. Meine Augen suchen die Sträucher. Es waren keine zu sehen, nur halb hohe Bäume mit weißen Blütenknospen. Mir kamen Zweifel: Vielleicht sind es ja duftende Mandarinenbäume. Später erfahre ich von einem Franzosen, der hier als Kaffeeexperte tätig ist, dass es der Duft der Kaffeeblüte ist, der wie Jasmin riecht.

Nach den ersten 40 Kilometern dreht der Wind, und wir fahren im böigen Gegenwind. Wir fahren an Monokulturen mit Pinien vorbei. Die Erde ist rotbraun, tonhaltig und trocken. Die Häuser bestehen nur noch aus einzelnen roten Lehmhütten. Auch der Asphalt hat die rote Farbe angenommen, ebenso wie die Hängebauchschweine, die von der Erde kaum zu unterscheiden sind. Von den wiederkehrenden Anstiegen sind meine Beinmuskeln schon recht strapaziert, und sie protestieren heftig. Mit den ermüdeten Muskeln gehen die Kilometer immer langsamer dahin. Ich muss zwischendurch oft anhalten. Gerhard fuhr so wie die letzten Tage die Berge mühelos hinauf. „Rebellieren deine Muskeln nicht?“, frage ich ihn. „Nein, ich spüre nichts“, antwortet er. „Es sind doch nur noch 19 Kilometer bis zum nächsten Dorf“, ermuntert er mich. „Oh, ich kann nicht mehr“, stöhne ich. 19 Kilometer erscheinen mir endlos weit. Außerdem bereitete es mir Sorge, dass es keine Unterkunft in diesem Dorf gab, und die nächste kleine Stadt lag noch 100 Kilometer entfernt. Das konnten wir unmöglich an einem Tag schafften. Es war 15 Uhr, als wir das Dorf erreichten. Gerhard fragte im Restaurant nach einem Hotel. Die Befragten schüttelten den Kopf, schrieben auf einen Zettel einen Namen und schickten einen Jungen mit Fahrrad mit uns mit. Es war wieder ein Restaurant, wo die Wirtin ebenfalls den Kopf schüttelte. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass vor dem Haus zwei Europäer aus dem Auto stiegen. Sie wollten hier essen. Es waren zwei Franzosen, die seit fünf Jahren in Vietnam leben und Experten im Kaffeeanbau sind. In Englisch erklärte Gerhard unsere aussichtslose Situation. Sie waren sehr hilfsbereit und fuhren mit uns nach dem Essen zur nächsten Polizeistation. Wir bekamen keine Genehmigung, in diesem Ort privat zu nächtigen. Camping war ebenfalls nicht gestattet. Uns blieb nur die Fahrt mit einem Bus in die nächste Stadt, die 50 Kilometer entfernt lag. Die Wirtin bot uns die Fahrt für 30 Dollar an. Es war die einzige Alternative, wir mussten das Angebot annehmen.

Unsere Räder kamen auf den Dachgepäckträgers eines Kleinbusses und wurden verschnürt. Die Wirtin fuhr selber mit, was mich doch verwunderte. So konnte wir das Geschehen auf der Straße mal aus einer anderen Perspektive erleben. Der Fahrer überholte, ganz gleich, ob die Sicht überschaubar war oder nicht. Auch entgegen kommende Motorräder hielten ihn nicht ab, er steuerte geradezu auf sie zu. Dabei setzte er die Hupe als Dauersignal ein. Die Mopedfahrer wurden regelrecht von der Straße abgedrängt. Nur entgegen kommende Fahrzeuge konnten den Fahrer vom Überholen abhalten, dann musste er kräftig abbremsen. Ich schaute immer ängstlich, ob nicht durch die Zentrifugalkraft des Bremsens unsere Räder vom Dach geschleudert wurden. Gottseidank hielten sie alles unbeschadet aus. Wir beide saßen total verkrampft im Bus. Ich hatte jedes Mal Schweißausbrüche, wenn der Fahrer zum Überholen ansetzte. Ich war um jeden gefahrenen Kilometer froh. Es war eine atemberaubende Fahrt im negativen Sinne. Endlich erreichten wir die Vorstadt. Der Kleinbus hielt an einem neu erbauten Haus im europäischen Stil. Die Wirtin stieg mit Gerhard aus, und sie gingen in das Gebäude. Kopfschüttelnd kam Gerhard wieder heraus. „Was ist?“, fragte ich. „Da lagen nur zwei Matratzen auf dem Boden des Zimmers, es gab keine Waschgelegenheit“, sagte er. Also ging die Fahrt weiter. Inzwischen war es dunkel geworden. Wir hatten das Stadtzentrum erreicht. Der Kleinbus bog in eine Seitenstraße ein und hielt. Wieder stiegen die Wirtin und Gerhard aus. Wie Gerhard später erzählte, parlierte die Wirtin wortreich mit dem Rezeptionspersonal. Vermutlich kassierte sie eine Vermittlungsgebühr. Die Räder wurden vom Gepäckträger geholt, und die Wirtin half uns beim Tragen unserer Taschen.

Wir stiegen in die erste Etage des so genannten Hotels - grauenhaft! Unvorstellbar, was sich vor meinen Augen auftat. Dass kein Fenster im Zimmer war, konnte ich ja noch hinnehmen. Zwei abgetakelte Bettgestelle mit einem bunten Rüschenkissen und als Zudecke eine verfilzte, farbenverblasste Decke, die lange keine Wäsche gesehen hat. Die Wände waren verschmutzt. Zum Sanitärraum war eine halb hohe Wand mit einer schmutzigen Holztür. Im Waschraum gingen Rohre vom Waschbecken frei in den Raum ab. Das Bad stand ständig unter Wasser. Zur Flurseite hin waren Gitter aus Beton, alles ziemlich heruntergekommen und schmutzig. Das einzig neue Gerät war ein Fernseher. Mit spitzen Fingern klappte ich das Bettzeug auf. Es war erkennbar, dass das stramm gespannte Betttuch schon benutzt war, davon zeugten die Flecken und die vereinzelten Kopfhaare. Wir mussten uns dem Schicksal und der Situation beugen. Ich legte meinen Sommerschlafsack als Betttuch hin und hatte noch zusätzlich meinen Schlafsack ausgebreitet. Ich war völlig k.o. und schlief trotzdem lange nicht ein. Von der einen Seite hörte ich den Fernseher des Zimmernachbarn und von der anderen Seite vietnamesische Musik. In der Nacht wachte ich auf, denn das Neonlicht vom Flur schien mir ins Gesicht. So muss man sich im Gefängnis fühlen. Unverschämter Weise wurden die zehn Dollar fürs Zimmer sofort kassiert - Betrug! Das war gerade mal einen Dollar wert. Wie zu erwarten war, huschten nachts die Kakerlaken durchs Zimmer. Es waren walnussgroße, schwarze Käfer. Am Morgen schüttelte ich meine Taschen kräftig, bevor ich meine Sachen hineinlegte.

Als wir am Morgen im Freien standen, atmete ich erst mal tief durch. Der strahlend blaue Himmel und die Morgensonne ließen mich die letzte Nacht ein wenig vergessen. Wir suchten uns eine andere, saubere Bleibe, denn wir mussten uns erst einmal regenerieren, und unsere Wäsche musste gewaschen und gelüftet werden. Alles roch ziemlich miefig.

Das neue Quartier liegt schräg gegenüber einer katholischen Kirche. Am Sonntag Nachmittag läuten die Glocken kurz zur Messe. Die Menschen strömen in die Kirche, deren Türen zu allen Seiten geöffnet sind. Die vielen Gläubigen kann die Kirche nicht fassen, und so sitzen sie zu Hunderten auf kleinen Plastikstühlen draußen. Oder sie lauschen der Messe auf ihren Motorrädern sitzend. Außerhalb des Kirchengeländes werden von fliegenden Händlern allerlei Süßigkeiten für die Kinder angeboten. „Komm‘, lass‘ uns auch in die Messe gehen“, sagt Gerhard. Wir erleben einen Gottesdienst auf vietnamesisch. Wenn der Pfarrer spricht, hört es sich an, als ob er sänge. Es wird überhaupt viel in der Messe gesungen. „Unser Pfarrer würde bei einer so großen Gemeinde jubeln“, sage ich zu Gerhard.

Eine endlose Etappe

Nach zwei Ruhetagen fahren wir um sieben Uhr morgens los. Eine Stunde später ist es schon recht warm. Die ersten 16 Kilometer gehen zügig dahin. Dann folgen 40 Kilometer mit gleichmäßigem Anstieg. Das ist sehr kräftezehrend: Auf je eine Abfahrt folgt sofort ein Anstieg. Mittags brennt die Sonne schon sehr intensiv. Wir fahren an kilometerlangen Kaffeeplantagen vorbei. Später wird das Land karger mit Buschwerk und vereinzelten Bananenbäumen. „Lass‘ uns eine Suppe essen“, schlug Gerhard vor. „Wir brauchen Salz.“ Zögernd willigte ich ein. Ich wollte nicht zu spät das Ziel erreichen und fürchtete, dass es mit den Bergen noch schlimmer kommen könnte. In der Tat, die Suppe und die Pause taten uns gut. Die letzten 40 Kilometer verbrauchten bei uns beiden die Kraftreserven. Nach 1.441 gestrampelten Höhenmetern erreichten wir erschöpft unsere Herberge.

Am nächsten Tag beschlossen wir, noch einen Ruhetag einzulegen. Wir schlenderten an diesem Tag über den Markt des Ortes und kauften Obstsorten, die uns unbekannt sind, um sie zu kosten. Wir gehen unter einer mit Planen bespannten Passage, in der sich ein Stand an den anderen reiht. Mal ist es Obst, mal sind es Haushaltsgeräte oder Fleisch. Auf einer Erhöhung hocken die Frauen vor dem Fleisch ohne jede Kühlung. Es riecht nicht und wirkt auch sonst trockener als unser Fleisch. Wie sie so dahocken, sehen sie aus wie die Hühner auf der Stange. Alle sind freundlich und lächeln dankbar, wenn wir ihren Gruß erwidern. In einer Schneiderei wollte ich mir eine leichte Sommerhose kaufen. Sie zeigte mir zwei Modelle, aber sie waren für mich in der Taille zu schmal. Mit den Händen demonstrierte ich meine Hüftbreite. Sie schüttelte den Kopf und klopfte gegen meinen Bauch, was heißt, dass ich zu fett bin. Mit ihren Händen zeigt sie die Bewegung von Radfahren. Gerhard stimmt zu und sagt: „Du musst eben mehr Radfahren, bis du in die Hose passt.“ Mit einem gemeinsamen Lachen verlassen wir den Stand. Gerhard ersteigert sich einen Vietconghelm. Er ist leicht im Gewicht und gibt den nötigen Sonnenschutz. Es sieht ja schon ein bisschen komisch aus, wenn ein Europäer so ein Ding auf dem Kopf trägt.

Abends gingen wir zum Essen. Wir aßen eine Suppe und gingen anschließend in unsere „Stammkneipe“. Dort saß ein junger Mann, den wir schon am Vorabend getroffen hatten. „Ich trinke ein Bier. Komm’, Gerhard, wir spendieren den Jungs dort auch eins“, schlug ich vor. Gerhard stimmte zu. Wir setzten uns zu ihnen und besiegelten die vietnamesisch-deutsche Freundschaft. Es sind wirklich bescheidene Menschen. Täglich können wir erleben, wie hart sie arbeiten müssen. Am Abend vor unserer Abreise klopfte es an unsere Tür. Dort standen der Rezeptionist, sein Manager und noch ein Mann. Mir wurde mulmig. Sie boten uns eine Ausflugstour zu einem Wasserfall für den nächsten Tag an. Ausgerechnet am Abreisetag! Ich sagte zu Gerhard: „Der hat Nerven! Als wenn es nicht darauf ankäme, wann wir morgens starten.“ Anstatt auf das Angebot einzugehen, holte mein Mann unsere vietnamesische Karte hervor und befragte den Rezeptionisten nach dem Zustand der Nebenstraße. Zu guter Letzt meinte Gerhard dann: „Wir wollen morgen sehr früh starten.“ Das war Diplomatie auf höchster Ebene.

Am Morgen waren wir um 4.30 Uhr auf. Wie immer gab es zum Frühstück Kaffee, dazu Melone und Banane. Gerhard brachte einen Teil der Packtaschen runter. Er kam mit der Nachricht ins Zimmer: „Mein Rad hat hinten einen Platten.“ „Nein, das kann doch wohl nicht dein Ernst sein.“ Inzwischen klappt unsere Teamarbeit beim Reifenwechsel schon recht gut. In einer halben Stunde waren wir bereit zur Abreise. Wir fahren von einer Höhe von 925 Höhenmetern stetig, aber mit immer wiederkehrenden Anstiegen auf eine Höhe von 180 Metern talwärts. In den Vorgärten der Häuser hängen pflückreife Papayas oder Mangos. Auch die Wassermelonen sind reif. Auf den vielen Märkten werden diese Obstsorten neben Bananen und anderen exotischen Früchten, die wir nicht kennen, für wenige Cent angeboten. Eine Frucht ist pinkfarben, das Fruchtfleisch weiß mit vielen schwarzen Körnchen wie bei einer Feige. Durch die Sprachbarriere können wir nicht ausmachen, wie die Früchte heißen und wo sie wachsen. Durch diesen reichen Genuss haben wir unsere tägliche Vitaminmenge, die unser Körper braucht.

Die zunehmende Hitze setzt uns mittags doch recht zu. Wir verlieren dadurch reichlich Mineralien. So haben wir beschlossen, eine Mittagspause zu machen, wenn die Sonne am höchstens steht, und eine Suppe zu essen, die immer wieder köstlich ist. Die Garküchen sind so zahlreich, dass wir hier nicht verhungern können. Um die Garküchen schleichen auffallend viele weibliche Hunde herum. Ihr stark herunterhängenden Zitzen zeigen eine häufige Säugung ihrer Nachkommenschaft. Nur die sehen wir kaum. Ich komme ins Grübeln. Ob es da einen Zusammenhang gibt?

Im Laufe einer Etappe steigen uns viele Düfte in die Nase. Mal ist es Jasmin, Weihrauch oder verwestes Fleisch, mal sind es Fäkalien oder Dieselgeruch.

Wenn die Menschen miteinander reden, hört sich das wie quäkende Laute an, wobei ein „Ng“ sehr oft zu hören ist. Es ist für uns eine schwer verständliche Sprache.

Auf einer Etappe kam für uns der Abzweig nach Tay Ninh. Die Hauptstraße führte nach Ho-Chi-Minh-Stadt. Das Schild zeigte uns 100 Kilometer. Mit dem Verlassen der Hauptstraße wurden die Straßen holprig. Wir hielten erst mal an, um eine Suppe zu essen. Menschen umringten uns. Wir sind die Exoten, wo wir auch stehen bleiben. Wenn die Leute alles an uns und den Rädern gesehen haben, löst sich die Versammlung wieder auf, und wir können uns nach der Suppe einen Saft aus Zuckerrohr genehmigen. Für die Saftgewinnung wird ein Stück Zuckerrohr durch zwei gekerbte Walzen gedreht, ein Mal, noch ein Mal, zusammengefaltet und noch en Mal durch die Presse geschoben. Schon ein 50 Zentimeter langes Zuckerrohr ergibt ein Glas Saft. Er schmeckt einfach köstlich nach Zuckerwasser, dazu viel Eis. Sonst werden keine gepressten Obstsäfte angeboten. Trockenobst haben wir in diesem Land auch nicht gesehen.

Bei einer dieser Mittagspausen quälte ein junges Huhn die Köchin. Ich sagte zu Gerhard: „Das muss gar nicht mehr gerupft werden.“ Das mangelnde Federkleid der Hühner ist mir schon oft aufgefallen. Nach der Pause gingen wir die letzten 30 Kilometer Wegstrecke an. Auf dieser Nebenroute fehlte jede Beschilderung, es gab weder Ortsangaben noch Kilometersteine. Wir fragten verschiedene Leute, jeder sagte etwas anderes, bis wir zur Stadt Tay Ninh kamen. Es traf uns hart. Auf sieben Kilometer war die Straße nicht asphaltiert, nur Schotter. Wir hatten Angst um unsere Bereifung. Bloß jetzt keinen Platten. Der aufgewirbelte Staub legte sich auf unsere Räder, Taschen und Kleidung. Wir waren am Ende der Etappe wie gepudert.

Die Frauen in Vietnam tragen fast ausschließlich Hosenanzüge mit Mustern in bunter Vielfalt. Es hat sicherlich einen praktischen Aspekt im Hinblick auf die benutzten Fortbewegungsmittel. Bei der Arbeit gibt es offenbar eine Gleichberechtigung, das heißt, Frauen üben auch Männerberufe aus. Ich sah beiderlei Geschlechter bei Gleisbauarbeiten, beim Hausbau und bei der Feldarbeit.

Tay Ninh ist die letzte Stadt vor der Grenze nach Kambodscha. Wir wollten früh dran sein. Kurz nach dem Start um sieben Uhr begegneten wir einer Beerdigungsprozession. Voran ging eine Kapelle aus zehn Blechbläsern, die eine monotone, leicht schräge Musik spielte. Darauf folgte eine Gruppe Fußgänger. Einer von ihnen trug ein Bildnis des Verstorbenen. Dann kam das mit roten und gelben Glühbirnen behangene Auto mit dem Sarg. Dieser war ebenfalls verziert mit gelben und roten Ornamenten. Das sind die beiden Farben der Nationalflagge, die einen gelben Stern auf rotem Grund zeigt. Den Sarg begleiteten weitere Trauergäste auf ihren Motorrädern. So zogen sie durch die Hauptstraße. Der Tag fängt ja gut an, dachte ich mir.

Nach sechs Kilometern lag die Stadt hinter uns. Es ist angenehm kühl, Nebelschwaden steigen aus den Reisfeldern hoch, doch die Sonne beginnt sie niederzudrücken. Eine Stunde später steht sie am Himmel. Der Verkehr ist in Richtung Grenze nicht mehr so dicht. Bis zur Grenze nach Kambodscha sind es noch 45 Kilometer. Wir decken uns noch einmal mit Bananen und Wasser ein.

Wir erreichen Kambodscha

Alles ist so weitläufig. An der Grenze ist kaum Verkehr. Zuerst der vietnamesische Zoll. Wir werden zügig abgefertigt. Dann kommt ein Stück Niemandsland, und dann die kambodschanische Grenze. Die Abfertigungsgebäude bestehen aus mehreren, solitär stehenden Waschbetontresen mit einer Überdachung als Sonnendach. Hier erfolgt die Passkontrolle. Alles läuft reibungslos ab. Hinter der Grenze bieten beiderseits der Straße kleine Händler ihre Waren an. Die Kinder rufen uns „hello“ zu, doch dorthin zu sehen und den Gruß zu erwidern, bleibt uns keine Zeit. Denn die Straße, sofern diese als eine solche bezeichnet werden kann, fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Loch an Loch, mal große, dann wieder kleinere. Wir fahren kreuz und quer im Slalom und suchen nach den befahrbaren Stellen im Asphalt. Schon eine kleine Unachtsamkeit kann einen Speichenbruch zur Folge haben.

Ich glaube noch daran, dass es ein kurzes Stück schlechter Wegstrecke ist. Aber wir fahren zwei, drei und vier Kilometer, und es wird nicht besser. Es wechseln sich Sand und festgefahrene, spitze Steine ab. In der Entfernung sehen wir Staubwolken von herannahenden Autos. Der aufgewirbelte Staub hüllt uns ein. Die Sicht reicht keine fünf Meter weit. Der lockere Sand läßt unsere Reifen nur langsam rollen. Stellenweise ist er glitschig. Mein Hinterrad bricht zur Seite aus. Verkrampft versuche ich, das Gleichgewicht zu halten. Rechts und links der Fahrspur begleitet uns Sumpfgebiet. Oft sind Tümpel mit satten, pinkfarbenen Seerosen bedeckt. Auch Wasserbüffel suhlen sich in ihnen. Zuweilen liegt ein unangenehmer, süßlich-scharfer Geruch in der Luft. Ich bin immer froh, wenn ich diese Wolke durchfahren habe.

Die Menschen sehen anders aus als in Vietnam. Sie sind dunkelhäutiger, und ihre Augen sind rund. Frauen tragen Wickelröcke und haben eine einem Turban ähnliche Kopfbedeckung. Ich passe mich an und trage eine lange, schwarze Hose. Das Baumaterial der Häuser besteht durchweg aus Holz. Am Zustand der Hütten läßt sich unschwer der Lebensstandard ablesen. Aus windschiefen Baracken kommen oft Kinder wie die Orgelpfeifen zur Straße gelaufen, um uns ein „hello“ entgegen zu rufen. Den Gruß erwidern wir gerne. Es bedeutet wohl sozialen Aufstieg, wenn das Haus auf Zementpfeilern steht. Sie sind etwa zehn Meter hoch und sollen ein sicherer Schutz gegen Überflutung sein, was bei der alljährlichen Überschwemmung Sinn macht. Die Versorgung mit Getränken ist hier allemal gesichert. Es finden sich im Abstand von wenigen Kilometern kleine, bescheidene Hütten mit einem Wellblechdach, die verschiedene Getränke, Eis oder Süßigkeiten anbieten. Dann und wann halten wir an, um uns von der Mittagshitze zu erholen, die in diesen Tagen 38 Grad beträgt. Nach 20 Kilometern kommt endlich wieder eine passable Straße. Die Rüttelaktion hat Gerhards Gangschaltung den Rest gegeben. Er kann nicht mehr in den kleinen Gängen schalten. Er fährt nur noch im drittletzten Gang.

Wir nächtigen in einem etwas heruntergekommenen Hotel, in dem die Bettücher nach der Benutzung nur glatt gezogen werden. Geckos an der Decke sind unsere Mitbewohner. Wir duschen uns den Staub des Tages ab und glauben, wieder sauber zu sein. Aber unsere Handtücher zeigen immer noch braune Spuren. Der Staub hat sich tief in unsere Poren gesetzt. Als ich unsere Kleider wasche, erhalte ich eine braune Brühe. Erst nach dem sechsten Spülgang ist das Wasser nur noch leicht trübe. Am nächsten Morgen erkündigen wir uns nach dem weiteren Straßenzustand: Die Antwort: „Very good road.“ Die haben wir ganze fünf Kilometer lang, dann müssen wir den gleichen Zustand wie am Vortag ertragen. Prompt hat Gerhard einen Platten am Vorderrad. Eine Traube von Menschen schaut uns beim Schlauchwechsel zu. Völlig überraschend endet die Straße. Ein Weiterkommen ist nur per Fähre möglich.

Wir stehen dicht gedrängt auf dem Fährschiff. Selbst hinten auf der Anlegeplatte stehen Passagiere. Gerhard verordnet uns eine Mittagspause. „Frau, du musst was essen.“ Am anderen Ufer ist der Asphalt gut befahrbar, aber wir haben das Gefühl, dass unsere Reifen kleben. Wir erreichen die Vororte der Großstadt Phnom Penh. Der Verkehr nimmt stetig zu. Gerhard fragt einen Rikschafahrer nach der City und der Lage der Unterkünfte. Es sind noch vier Kilometer bis zur Innenstadt. Jetzt kommen die Fahrzeuge nicht nur von links und rechts, sondern kommen uns mitten auf der Fahrspur der rechten Seite entgegen. Es ist schwierig, die Nerven und den Überblick zu behalten. Ich bin so damit beschäftigt, dass ich nur noch dann und wann auf meinen Mann achte. Ein Motorradfahrer lotst uns durch die Stadt zu einer Unterkunft. Eine Etappe, die uns endlos erschien, endet nach 128 Kilometern.