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Ausführlicher Bericht vom 2. Teil der Weltreise – Hua Hin bis Adelaide

Hua Hin - hier kannst du was erleben

In der Frühe, morgens um sieben Uhr, schien die kleine Stadt so herrlich friedlich. Außer Einheimischen oder ein paar Touristen, die an- oder abreisen, ist niemand auf der Straße. Gegen Mittag um zwölf Uhr erwacht das Leben. Da jault aus Lautsprecherboxen amerikanische Musik aus längst vergangenen Tagen. Wir haben uns ein Frühstück geleistet, wie wir es normalerweise nicht essen. Zwei Spiegeleier, zwei kleine Streifen Schinken, natürlich Toast und eine Tasse Kaffee dazu. Seitdem wir unterwegs sind, ist es morgens das erste Brot, was ich esse. Um ehrlich zu sein, ich vermisse es auch nicht - im Gegensatz zu Gerhard. Der muss am besten zu jedem Essen Brot haben.

In mir brodelt eine Erkältung. Daran ist sicher die Bakterienschleuder, die Klimaanlage, schuld. Mir läuft die Nase, dazu ein Reizhusten und Kopfweh. Wir beschließen, eine Strandwanderung zu unternehmen, also nichts Aufregendes zur Entspannung. Es fühlt sich wunderbar an, mit nackten Füßen das Meer knöcheltief zu durchwaten. Ein lauer, frischer Wind fächelt angenehme Kühle zu. Mein Blick richtet sich auf die entgegenkommenden Strandläufer und auf die sich der Sonne hingebenden Urlauber. Mir entfährt es laut: "Wie können sich Leute stundenlang der prallen Sonne aussetzen, wo jeder weiß, welche Auswirkungen das nach sich zieht?" Wir erkennen gleich, wer in dieser Szene neu hinzugekommen ist: Das sind diejenigen mit Verbrennungen ersten Grades. Ich sage zu Gerhard: "Na dann `Gute Nacht´ im wahrsten Sinne des Wortes!" Die, die die erste Häutung schon hinter sich haben, sind wie Leder gegerbt. Braun sein scheint immer noch in den Köpfen der Menschen für Gesundheit und Vitalität zu stehen. Wir haben uns von zu Hause Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 60 mitgenommen, um ja nicht zu verbrennen. "Wir können diese Menschen nicht ändern", sage ich zu Gerhard.

Nach fünf Kilometern kehren wir um, da sich mein Befinden verschlechtert hat. Am liebsten möchte ich mich hinlegen, und sonst gar nichts. Ein Mittagsschlaf wird sicher gut tun. In Wellen fröstle ich. Nicht schon wieder, denke ich. Das ist innerhalb einer Woche das zweite Mal. In meinem Buch über Reisekrankheiten lese ich mir das Kapitel "Malaria" und deren Symptome durch. Ich wollte es genau wissen. Schließlich hatte ich den Malaria-Selbsttest zur Früherkennung mitgenommen. "Können wir den Test mal gemeinsam durchlesen?", fragte ich Gerhard. "Was ist denn eine Pipette, und wo ist die Lazette?", wollte er von mir wissen. Nein, er war keine Hilfe. Den Test machte ich wie vorgeschrieben. Die Wartezeit, ob der Test positiv oder negativ ausfällt, betrug fünf bis zehn Minuten. Für mich bange zehn Minuten. Mein Puls ging gleich 15 Schläge höher. Dann sah ich auf dem Blut getränkten, mit der Antikörperlösung vermischten Fleece einen roten Querbalken: Der Test war negativ. Ich atmete auf. Also doch nur eine leichte Grippe.

In der Kühle des Morgens

Wir starten mit den Mönchen um 6.30 Uhr in den Tag. Mit ihren typischen Curry-farbenen Gewändern und den kahl geschorenen Köpfen ziehen sie von Haus zu Haus und bitten mit ihren Alu-Töpfen nach Essensspenden für den Tag. Sie genießen besondere Privilegien und werden kostenlos mit dem Zug, Bus oder Privatauto mitgenommen. Arzneien sind ebenfalls frei.

Kokospalmen und Bananenstauden rechts und links der Straße sind für uns inzwischen selbstverständlich geworden. Immer wieder erfreuen mich die üppig und wild wachsenden Blüten der Bougainvillien, die von zinnoberrot bis weiß zu finden sind. Riesige Sträucher mit knorrigen Ästen zeigen, dass sie schon sehr alt sein müssen. Blumen, die ohne Kultivierung auf anspruchslosem, sandigen Boden gedeihen. Es ist wunderbar, dahinzuradeln und dabei so viele Dinge zu sehen und zu erleben. Wir sehen, wie Berge von Kokosnüssen von der Außenschale gelöst werden. Dann wird die feste braune Schale ebenfalls entfernt. Ich brülle in den Wind: "Halt doch mal an, ich möchte eine Kokosnuss!" Wir sind fast schon vorbei, als mein Gerhard versteht, was ich will, und anhält. "Kannst du mal fragen, ob sie uns eine Kokosnuss verkaufen?" Bewaffnet mit seinem Fotoapparat marschiert er zu den Arbeitern. Nach kurzer Zeit kommt er mit zwei kindskopfgroßen Kokosnüssen zurück. Oben ist eine kleine Öffnung. Wir trinken die gut schmeckende Kokosnussmilch. Es ist pro Nuss bestimmt ein halber Liter drin. So viel Inhalt hatten wir vorher nie gesehen. Die Kokosnüsse, die bei uns in den Handel kommen, sind dagegen kümmerlich. Unterwegs haben wir den Rest der Kokosnüsse verkostet. Sie haben sie uns geschenkt und wollten kein Geld.

Gegen elf Uhr ist mein Mann "leer", wie er immer sagt, da muss er etwas zu essen haben. Wir machen einen Stopp und lassen uns, wie oft, eine Suppe aus einer der zahllosen Garküchen schmecken. Das Trinken zwischendurch ist auch sehr wichtig. Wir verlieren so viel Schweiß. Wir merken es daran, dass wir während einer Fahrt von sechs bis acht Stunden oft nicht ein einziges Mal zur Toilette müssen. Durch den kühlen Fahrtwind spüren wir das Schwitzen nicht. Wir fahren vorbei an Häusern, vor denen viele Menschen sitzen. Ein Lächeln oder ein "Hello" löst oftmals eine Lawine von vielen "Hellos" aus. Wenigstens zehn Hände fliegen hoch und winken.

Wir hatten an diesem Tag zwei Möglichkeiten: Entweder 183 Kilometer durchzustrampeln oder diese Tagesetappe nach 75 Kilometern enden zu lassen. Natürlich wäre mein Gerhard am liebsten weitergefahren. Es lief alles gerade so gut. Ich spürte seinen Unwillen, jetzt schon Schluss zu machen. Er ist so unruhig, am liebsten immer weiter, bis zum Limit. Ich setze mich durch: "Für heute ist Schluss." Tatsächlich, nachdem wir geduscht haben, schlafen wir zwei Stunden tief und fest. Wir hören draußen ein Rauschen: Ein kräftiger Regenschauer, der eine halbe Stunde dauert, kommt näher. Das scheint zu dieser Jahreszeit üblich zu sein. Die satt-grüne Vegetation zeugt davon. Danach scheint wieder die Sonne, so als ob nie etwas gewesen wäre.

Immer wieder begegnen uns in Südostasien Erwachsene, die kleine Kinder oder Säuglinge auf dem Motorrad transportieren, mit einem Leichtsinn, dass wir nur den Kopf schütteln können. Mit der rechten Hand wird gelenkt und mit der linken das Baby auf der Sitzbank gehalten. Außerdem scheint es in Südostasien keine Wegwerfwindeln zu geben. So lange die Kleinkinder noch nicht sauber sind, sind sie untenrum einfach nackt. Das Motorrad ersetzt in Südostasien das Auto. Die ganze Familie hat Platz darauf: Vater, Mutter und vielleicht noch zwei Kinder. Erst heute stand in der thailändischen Zeitung, dass täglich im Durchschnitt zwei bis drei Menschen im Straßenverkehr sterben. Ursache ist Leichtsinn. Sechs Millionen Menschen jährlich sind in einen Unfall verwickelt. Die Einsicht, einen Helm zu tragen, rechts und links am Motorrad einen Spiegel zu befestigen oder im Auto Sicherheitsgurte zu montieren, könnte laut Statistik die Unfallzahlen deutlich mindern. Die Motorradfahrer sind oft noch Kindern, nicht älter als 14 oder 15 Jahre, die sich der Risiken der Straße nicht bewusst sind.

Hier in Südostasien genießen wir das vielfältige Obstangebot. Wir machen regelrecht eine Enzymkur. Es ist Erntezeit für Melonen, Bananen, Ananas, Papayas und Mangos. Es ist alles so zuckersüß und saftig. Deutlich merken wir, dass das Obst reif gepflückt wird. Für Europa dagegen wird das Obst unreif gepflückt und in die EU-Länder transportiert, wo es in Kühlhäusern ohne Sonneneinwirkung nachreift. Ananas ohne Säure - ein Hochgenuss. Da hängen Basketball-große, stachelige Früchte am Baum. In Kambodscha haben wir gerätselt, was das sein mag. In Thailand haben wir gesehen, was diese Frucht in sich birgt. In vielen kleinen Kammern sitzen gelbe, eiergroße Früchte, die jeweils einen Kern haben. Sie schmecken süß, sind im Geschmack aber nicht mit einer Frucht, die wir kennen, vergleichbar.

Aus zwei mach' eine Etappe

Nach einem Ruhetag planen wir, die nächsten 140 Kilometer in zwei Etappen aufzuteilen. So entschlossen, wie mein Mann die Tour anging, spürte ich, dass es nicht bei 70 Kilometern bleiben würde. Wir hatten leichten Gegenwind, der im Laufe des Morgens zunahm. Das Gelände brachte uns leichtes Auf und Ab. Zwischendurch stieg mir der süßlich-fade Geruch von Verwesung in die Nase. Ich bin immer froh, wenn ich diese Wolke durchfahren habe. Am Ende der Orte lag oft Müll, dekoriert mit vielen Plastiktüten, in die der Händler auch für uns die Ware packen will. Wie überrascht sind sie, wenn ich die Plastiktüten ablehne, und den Einkauf in meine Stofftasche stecke! Für jede Flasche Wasser wollen sie uns Trinkhalme geben, die ich dankend ablehne. Das Umweltbewusstsein ist in Südostasien nicht besonders ausgeprägt. Für mich ist das alles vermeidbarer Wohlstandsmüll.

Ich hätte heute hundertprozentig gewettet, dass Gerhard an dem Ort, der die 70 Kilometer beendete, vorbeifuhr. Gespannt beobachtete ich ihn. Genau, wie ich geahnt hatte: Er fuhr vorbei. "Vielleicht ist es ja besser, wenn wir weiterfahren", sagte ich. Gerhard ließ sich nicht lange bitten, in die Pedale zu treten. Der Wind hatte an Heftigkeit zugenommen. Es folgte ein lang gezogener, gleichmäßiger Anstieg mit über 100 Höhenmetern. Die Straße wurde wechselseitig erneuert, und so mussten wir unter anderem zehn Kilometer weit auf der falschen Straßenseite fahren. Ein irritierendes Gefühl.

Um die Mittagszeit stand die Sonne hoch am Himmel. Mein Fahrrad-Computer zeigte 38 Grad plus. Mein Mann fuhr hinter mir her, was für mich immer ein Zeichen ist, dass sein Akku leer ist. Ich hielt nach einer Garküche Ausschau. Unter einem Dach kühlten wir uns mit kalten Getränken ab. Gerhard bestellte zwei Nudelsuppen. "Du kannst meine Suppe gleich mitessen, denn ich habe keinen Hunger", sagte ich zu ihm. Das tat er auch.

Je weiter südlich wir in Thailand kamen, desto weniger Obststände waren am Straßenrand. Mit schöner Gleichmäßigkeit konnten wir auch beobachten, dass auf einen Händler mit einer Ware eine ganze Allee mit dem gleichen Angebot folgte. Auf einmal kam kilometerweit nichts mehr. Endlich, nach 100 Kilometern, sichteten wir einen Obsthändler, der Melonen und Mandarinen anbot. Außerdem verkaufte eine junge Frau Bananen. Im Hintergrund lag ein Baby schlafend in seinem Bett. Daneben saß ein betagtes Paar. Die alte Frau schaukelte das Bettchen. Sie bot uns an, auf kleinen Plastikstühlen Platz zu nehmen. Mit den Händen zeigte Gerhard sein Alter. Aber die alte Frau war schon 84, und von ihr ging so eine Ruhe aus. In ihrem Blick lag Güte und Bewunderung für mich. Sie hatte große, braune Augen und ein sonnengegerbtes Gesicht. Das zeigte mit unendlich vielen Furchen und Falten ein bewegtes Leben in Arbeit und Sorge. Mir ist aufgefallen, dass alte Menschen in Südostasien von der Arbeit gebeugt wirken, sie sind sehr dünn und haben eine stark zurückgebildete Muskulatur. Die junge Frau, die den Obststand betrieb, war sehr lebhaft und verstand einige Worte Englisch. Sie wollte unsere Namen wissen. Gerhard gab ihr die Visitenkarte mit unserem Logo.

Wir verabschiedeten uns herzlich und traten die letzten 40 Kilometer der Etappe an. Die letzten Kilometer sind für mich immer die härtesten. Da muss ich immer noch beißen. Je näher wir dem Ziel kommen, um so zäher gehen die Kilometer dahin. Diesmal endete die Etappe nach 148,5 Kilometern. Wenn ein Paar in einem nicht mehr so ganz jungen Alter so eine Reise macht, dazu noch europäisch ist und auf dem Kopf einen für die Asiaten futuristischen Helm trägt, dann löst das bei den Menschen hier ganz unterschiedliche Reaktionen aus. Als diejenige, die meist hinten fährt, sehe ich die erstaunten, bewundernden oder mitleidsvollen Blicke, die auf meinem Mann ruhen. Es gibt freundliche "Hellos" und die Faust mit dem Daumen nach oben, was "echt stark" heißt. Wir spüren den Stolz der Motorradfahrer auf ihr schnelles Vehikel. In Thailand sind uns verschwindend wenig Radler begegnet.

Bis um 11.30 Uhr spenden uns die Bäume am Straßenrand angenehmen Schatten. Es wechseln sich Bambus, Teak, Eukalyptus und andere Bäume, deren Namen wir nicht kennen, ab. Ausnahmsweise fuhr mein Gerhard an diesem Tag von Beginn an hinter mir und rief dauernd: "Frau, du bist stark!" So stark fühlte ich mich gar nicht. Der Mann schwächelt, dachte ich, er braucht eine Stärkung. An einer Garküche machten wir Halt. Nach der Weiterfahrt kam schon nach drei Minuten Gerhard Ruf: "Ich habe einen Platten!" Wieder einmal das Hinterrad. Als inzwischen eingespieltes Team suchten wir den Mantel nach dem corpus delicti ab und wechselten den Schlauch. Die Spuren der Reifenwechsel sammeln sich als schmutziges Öl unter unseren Fingernägeln ab. Ich hasse das. Die restlichen 59 Kilometer zeigte mir Gerhard, wer hier der Chef war.

Eine neue Körpererfahrung

Nachdem wir uns am Morgen kurz entschlossen haben, einen nicht geplanten Ruhetag zu machen, drängte mich mein Mann zu einer traditionellen Thai-Massage. Ich hatte am Vortag den Wunsch geäußert, eine solche meinem geschundenen Körper angedeihen zu lassen. Der Preis für solch eine Massage, die mindestens zwei Stunden dauert, ist mit vier Dollar in der Tat erschwinglich. Es entzog sich meiner Vorstellungskraft, was man so lange an mir massieren will. Wir einigten uns, dass wir beide auf dem Zimmer massiert werden. "Der Masseurin muss doch bei der Höhe des Bettes bald das Kreuz weh tun", sagte ich zu meinem Mann.

Minuten später klopfte es an der Tür, vor der zwei Thailänderinnen standen. Bis auf Schlüpfer und BH zog ich alles aus und legte mich aufs Bett. Sie stiegen zu uns ins Bett, worüber ich dermaßen verblüfft war. Als erstes überstreckten sie meine Füsse: nach hinten und nach oben. Die Masseurin zog mir meine Zehen lang. Beide machten es sich im Schneidersitz in unserem Bett bequem und bearbeiteten zuerst das linke Bein unter Einsatz der Hände und Unterarme, indem sie drückende Rollbewegungen machten. Sie drückten und klopften die Beinmuskulatur. Im Vierfüßlerstand über mir, pressten sie mit der linken Hand in meine Leistenbeuge. Mit den Fingern strich sie über meine Blinddarmnarbe und fragte: "Baby?" Ich lachte schallend und antwortete: "No." "So klein wird selbst in Deutschland kein Kaiserschnitt gemacht", sagte ich zu Gerhard. Die beiden Mädchen unterhielten sich lachend. Ungeniert zeigten sie mir ihren Bauch, der viele verblasste Striemen hatte. Spaß hatten sie an Gerhards großem Brustkorb, der zugegebenermaßen größer als bei einem Durchschnittsmann ist.

Sie arbeiteten weiter an meinem linken Bein. Jetzt stemmten sie sich gegen meine rückseitigen Oberschenkelmuskeln und zogen mir dabei am Beim. Nach 30 Minuten war die Prozedur beendet, und das rechte Bein wurde in gleicher Weise bearbeitet. Ich war auf das Folgende gespannt. Es ging mit den Armen weiter. Fertig?, dachte ich. Nein, ich musste mich auf den Bauch legen. Kräftig drückte sie auf meine Wadenmuskeln, die von der gestrigen Radetappe noch jaulten. "Wenn sie müsste, wie weh mir meine Waden tun!", sagte ich zu Gerhard. Geduldig unterdrückte ich den Schmerz. Auch mein Mann kniff die Augen bei jedem Griff an die Waden zusammen. Na hoffentlich übersteht mein Körper diese traditionelle Thai-Massage schadlos, dachte ich. Es kam noch besser. Meine Thai-Masseurin setzte sich rücklings auf mein Gesäß, während sie dabei meine Wirbelsäule und die Rückmuskulatur behandelt. Zum Abschluss der Rückenmassage überstreckte sie meinen Oberkörper, so weit es ging. Es knackte dabei einige Male heftig in meinem Knochengerüst. Es folgten Nacken, Stirn, Schläfen und Kopfhaut. Kein Körperteil war vergessen worden, von unten nach oben. Nun wusste ich, warum die Massage zwei Stunden dauert. "Wie fühlst du dich?", fragte Gerhard. "Ganz entspannt - bis auf meine Wadenmuskeln. Die fühlen sich an, als ob ich den Tauernpass hochgefahren bin", antwortete ich. "Frau, ich lade dich heute abend zum Essen ein. Wer weiß, ob es uns in Malaysia nochmal so gut geht wie hier."

Der Weg nach Malaysia

Um sechs Uhr in der Früh waren wir startklar. Wir gönnten uns das üppige Frühstück, das im Hotelpreis enthalten war. Bis zur malayischen Grenze waren es nur 60 Kilometer. Aber die vielen langgezogenen, kilometerlangen Anstiege hatten es noch einmal in sich. Die Plantagen, in denen Latex gewonnen wurde, spendeten uns angenehmen Schatten. Die Blätter der Bäume wurden stellenweise braun. Offenbar hielten sie den Latex-Entzug nur eine begrenzte Dauer aus, danach starben sie ab. Wir sahen auch riesige Flächen von abgeholzten Bäumen und gleich daneben die Neuaufforstung. Es gab auch Bananen-Plantagen. Wir sahen kleine Familienbetriebe, die den in 40 x 60 Zentimeter große Matten gegossenen Latex zum Trocknen auf Leinen hängen. Offensichtlich verändert sich das Latex durch den Trockenprozess. Wir konnten Farbnuancen von weiß bis honiggelb betrachten. Im grenznahen Gebiet standen Latex-Großbetriebe, die den Stoff nach der Trocknung weiter verarbeiten. Die dabei entstehenden Gerüche waren alles andere als wohl riechend. "Hier möchte ich auch nicht unbedingt wohnen, immer diesen Mief in der Nase", sagte ich zu Gerhard.

Nach einem letzten kräftigen Anstieg von 100 Höhenmetern waren wir bis auf einen Kilometer an die Grenze herangekommen. Hier wurde noch einmal kräftig gehandelt: Ob Fisch, Fleisch, Obst oder Textilien, es gab alles zu kaufen, natürlich mit einem Preiszuschlag. An der malayischen Grenze drückte uns ein Muselmann ein Formular in die Hand, das in dreifacher Ausfertigung auszufüllen war. Dann bekamen wir den Stempel in den Pass und konnten passieren. Die erste Veränderung spürten wir sofort: Die Straße hatte keinen Randstreifen. Rechts und links der Straße stand nur trockenes Gras, was den Schluss zuließ, dass es hier lange nicht geregnet hatte. Der linke Streifen war mit blühendem Hibiskus in gelb und rot bepflanzt. Dazwischen standen in Pilzform zurecht geschnittene Bäume mit grünem Blattwerk. Es schoß mir durch den Kopf: Das muss doch täglich gegossen werden!

Im grenznahen Gebiet gibt es wenig Ansiedlungen, nur karges Land mit wenig Strauchwerk. Die Straße von der Grenze mündet in der E 1, der Autobahn. Mir ist überhaupt nicht wohl dabei, auf dem hier angelegten breiten Randstreifen zu fahren. Das Gelände ist leicht fallend, der Wind kommt von links hinten. Wir treten in die Pedale, beide mit dem mulmigen Gefühl der fraglichen Illegalität. Nach zwei Stunden hatten wir die erste kleine Stadt erreicht. Ein Quartier war bald gefunden. Sehr schnell merkten wir, dass die guten Garküchen der Vergangenheit angehören. Hier war der indische Einfluss spürbar. Angeboten wurden Pfannkuchen, deren Teig aus Wasser, Salz und Mehl besteht. Dazu gibt es zwei verschiedene Soßen, die eine war Curry und die anderen hatten einen Geschmack wie das Öl von Sixtus, das ich bei jedem Marathon rieche. Was äußerlich gut tut, kann innerlich auch nicht schlecht sein, denke ich bei mir.

In den folgenden Tagen fiel uns der krasse Unterschied zwischen Malaysia und seinen nördlichen Nachbarn noch mehr auf. In Vietnam beispielsweise pulsiert das Leben schon um fünf Uhr. Hier sind die Menschen deutlich träger. Mittags sind die Garküchen geschlossen, morgens um neun Uhr hat kein Geschäft geöffnet, samstags und sonntags ist alles zu. Die Menschen hier haben die Arbeit nicht erfunden, dachte ich, eine bequeme und satte Gesellschaft.

Rechts und links der Straße verlaufen Kanäle, die mit stinkendem Wasser und Unrat gefüllt sind. Es ist so zu sagen eine offene Kanalisation. An die heruntergekommenen Behausungen mit den rostenden Wellblechdächern haben wir uns längst gewöhnt. "Hello"-Rufe sind verschwunden. Die Kopftuch tragenden Frauen wirken auf den ersten Blick unscheinbar, doch sie haben durchaus frauliche Reize.

Eine nie enden wollende Baustelle

Wir erlebten die längste Baustelle auf der ganzen Strecke. Sie hatte eine Straßenlänge von 128 Kilometern. Nicht nur die schwüle Hitze bei einer Temperatur von 40 Grad, sondern auch die Straßenverengung mit dem dicht vorbeifahrenden Schwerlastverkehr, Autobussen und Pkws setzen uns sehr zu. Hoch konzentriert achtete ich ständig auf drei Dinge: meinem Mann, den Straßenzustand und den nachfolgenden Verkehr. Durch den kühlen Fahrtwind merken wir das starke Schwitzen nicht so. Erst bei den Ampelstopps spüren wir den an Gesicht und Körper herunterlaufenden Schweiß. T-Shirt und Hose waren nass. Die Schaltung war salzig geworden und ließ sich nur schwer betätigen. Die Luftfeuchtigkeit betrug mindestens 95 Prozent.

Nach 110 Kilometern kamen wir in eine kleine Stadt. An der Ampel fragte ich Gerhard: "Wollen wir hier nicht Station machen? Es ist so heiß." Ungläubig schaute er mich an: "Wieso hier? In einer größeren Stadt haben wir doch mehr Möglichkeiten, das Quartier auszuwählen." Die Ampel sprang auf grün, und er trat in die Pedale. Ich dachte wütend: Das ist doch pathologisch, dieses Kilometerklotzen. Warum muss ich mir bei dieser Affenhitze noch 28 Kilometer entlang der strapaziösen Baustelle antun? Trotzdem fügte ich mich.

An einem Obststand wollten wir Mangos kaufen. Gerhard nestelte an meinem Körbchen, in dem essfertige Ananas lagen. "Muss das jetzt sein?", fragte ich. Wütend wollte er die Ananasscheibe in das Tütchen zurückschmeißen, aber er verfehlte das Ziel, und es landete auf dem Boden. Das löste Zorn in mir aus. Ich schmiss ihm die Tüte vor die Füße und rief: "Hier hast du deine Ananas." Die zweite Scheibe purzelte heraus. Es waren nur noch zwei Scheiben darin. Wir sammelten die Tüte wieder auf. Ich war so sauer. "Du kannst allein weiterfahren, wir können uns ja in der nächsten Stadt wieder treffen." Hartnäckig blieb er neben mir stehen. "Nein, ohne dich fahre ich nicht." Stillschweigend fuhren wir weiter. Wir litten an Durst, unsere Trinkflasche war leer. Es gab keinen Kiosk und keine Garküche mehr. Nach unendlichen zehn Kilometern erreichten wir die Stadt Klang. Der Radcomputer zeigte 138,5 Kilometer. Reines Kilometerklotzen. Die Situation hatte es nicht zugelassen, rechts und links zu schauen.

Klang, eine mittlere Großstadt mit vielen kleinen Geschäften und wenigen Hochhäusern, lud nicht zum Verweilen ein. Wir beschlossen, am nächsten Morgen weiter an die Westküste und Richtung Süden zu fahren. Seit 500 Kilometern fahren wir die Westküste entlang, und noch nicht einmal haben wir das Meer gesehen. Das wollte Gerhard endlich ändern. Am Landschaftsbild hat sich nichts geändert. Palmenwälder, wohin wir sehen. 20 Kilometer vor Port Dickson wird es noch einmal bergig, ein Auf und Ab. Schließlich haben wir 354 Höhenmeter zusammengebracht. "Ich dachte, wir fahren ans Meer und nicht in die Berge", bemerkte ich. Fünf Kilometer vor Port Dickson kaufen wir uns essfertige Ananas und Papayas. Wir sehen endlich das Meer. Gerhard jubelt wie ein Kind, aber wir müssen noch fünf Kilometer weiter radeln, bis wir eine Bleibe fanden. Wir erlauben uns einen Ruhetag.

Ich wollte an einem Kiosk ganz arglos eine Flasche Bier kaufen. Eine ältere Frau öffnete die Kühltür, suchte sehr geheimnisvoll im unteren Fach in der hinteren Ecke, räumte die davor stehenden Limoflaschen und die Kartons zur Seite. Sie kramte zwei Flaschen Bier hervor und signalisierte mir, dass ich es mit ins Hotel nehmen sollte, weil es in der Öffentlichkeit nicht getrunken werden darf. Das ist im islamischen Glauben nicht erlaubt. In einem Restaurant aßen wir Nasi Goreng, das heißt, mehr Goreng als Nasi. Es war Reis mit einer undefinierbaren Soße, zwei kleinen Stückchen Fleisch und Zwiebellauch zur Garnitur. So langweilig wie die Bedienung war, war auch das Essen. "Wie würdest du den malayischen Menschentypen beschreiben?", fragte mich Gerhard. "Ganz einfach", sagte ich. "Quadratisch, praktisch, gut." "Ja stimmt, und einen Quadratschädel haben sie auch." Natürlich will ich nicht alle Malayen über einen Kamm scheren. Es gab zuweilen auch sehr freundliche und höfliche Menschen. Aber es fehlt die Spontaneität und Natürlichkeit, wie wir sie in Vietnam erlebt haben.

Hervorzuheben ist die Vielfalt, Üppigkeit und Schönheit der Natur. Bedauerlicherweise wird sie oft durch Wohlstandsmüll verschandelt. Das Bewußtsein, das dies für ihre Kinder die Welt von morgen ist, fehlt hier völlig. 35 Kilometer entlang dem Strand standen Bettenburgen, eine neben der anderen, manche im futuristischen Baustil. Sie versuchten, sich an Höhe zu überbieten und waren architektonisch kein Vorzeigeobjekt. Sie wirkten nur abweisend und häßlich. Sie nannten sich "Resorts", in denen es Apartments zu Mieten und auch zu Kaufen gab. Wahrscheinlich setzen die Investoren auf Wochenendurlauber aus dem nahen Singapur.

Wir durchfahren eine lange Stadt, die als Besonderheit einen Rad- und Motorradweg aufwies, der über drei Kilometer mit roter Farbe gestrichen war. "Schau' Gerhard, die haben für uns den roten Teppich ausgerollt", witzelte ich. "Das ist ein Gefühl wie auf einer Tartanbahn." Das sportliche Element war ja schließlich vorhanden.

Singapur ist nicht mehr weit

Bis zur Grenze Singapurs waren es noch 140 Kilometer, die wir nach einem Ruhetag angehen wollten. Am nächsten Morgen war es noch dunkel, als wir unsere Packtaschen auf die Räder packten. Alle schliefen in der Herberge - einschließlich des Rezeptionisten auf Nachtdienst. Der Tag kam in Minutenschnelle, so, als ob jemand das Licht einschaltet. Auf die 140 Kilometer hatte ich mich mental eingerichtet. Je früher wir starten, desto kürzer war die Fahrt in der prallen Sonne, wenn die Mittagssonne um 12 Uhr zentral über uns stand und keinen Schatten mehr möglich machte. Auf ein Frühstück verzichteten wir diesmal.

Mein Gerhard wollte am liebsten entlang der Autobahn Nr. 1 fahren. Bestimmt lehnte ich das ab. Er maulte unterwegs, wenn zuweilen kein Randstreifen vorhanden war. 60 Kilometer vor Johro Bahro legten wir eine Pause ein, damit Gerhard seine Suppe, die er mittags nötig hat, bekommt. Diese Suppe gab es eigentlich in dieser Garküche nicht, aber sie wurde eigens für ihn zubereitet. Die Begegnung mit dem Besitzer hat Gerhard ausführlich beschrieben.

20 Kilometer vor Johro Bahro nahm der Autoverkehr zu. Die Randstreifen wurden schmaler, und die Fahrspuren verbreiterten sich von drei auf fünf Spuren. Außer Autos waren nur wir zwei Radfahrer als Exoten auf der Bundesstraße Nr. 1. Nach zehn Kilometern sollten wir uns laut Schild auf die rechte, äußere Fahrspur einordnen. Mir war unheimlich zu Mute. Bei sechs Spuren im Linksverkehr rechts zu fahren - das war außerordentlich gefährlich, denn der nachfolgende Verkehr nahm an Dichte zu. Ständig schaute ich in meinem Rückspiegel und wechselte wieder nach links. 50 Meter vor mir fuhr Gerhard immer noch rechts. Ich trat in die Pedale, um auf seine Höhe zu gelangen. Ich brüllte: "Komm' nach links, du bist auf der Überholspur!" Ich hatte solche Angst um ihn. Der Wind verschluckte meinen Ruf. So wiederholte ich meine Aufforderung noch zwei Mal und rief aus Leibeskräften. Endlich hatte er verstanden und wechselte die Fahrspur vorsichtig.

Einsam unter all den Autofahrern fuhren wir ziemlich verunsichert über die Bundesstraße, die uns wie eine Autobahn vorkam. Kein Hinweis, wann es zur City Johro Bahro abzweigt. Wir wussten nur eines: Die Grenze nach Singapur war nicht mehr weit. Da endlich tauchte auf der rechten Abbiegerspur ein Pfeil nach Johro Bahro City auf. Wieder das Wechseln der Fahrspur. Irgendwann haben wir es dann geschafft. Die brüllende Hitze von 45 Grad hatte dazu beitragen, dass wir übermüdet und verschwitzt in der Stadt ankamen. Aber jetzt spendeten uns ältere und neue, riesige Hochhäuser Schatten. Auf den Straßen herrschte pulsierendes Leben. Ich sagte zu Gerhard: "Diese Stadt könnte auch Sodom und Gomorrha heißen."

Die reichste Stadt der Welt: Singapur

Am nächsten Morgen um zehn Uhr hatten wir uns mit Herrn Wolf, dem Bankmanager der Bayerischen Landesbank in Singapur, auf der anderen Seite der Grenze verabredet. Um 8.15 Uhr starteten wir ahnungslos Richtung Grenze. Es gab eine Fahrspur für Motorräder, auf der wir uns einordneten. Plötzlich befanden wir uns in einem Strom von Hunderten von Motorradfahrern. Von Fahren konnte keine Rede mehr sein. Auf den vier Spuren, die sich im Grenzbereich verbreiterten, war nur noch Schieben möglich. Ich war stressbedingt klatschnass geschwitzt. In einem Nebensatz bemerkte mein Mann, dass wir keine Ausreisestempel von Malaysia in unseren Pässen haben. Die Motorradfahrer haben sich uns gegenüber anerkennend, fair und freundlich verhalten - genauso wie die Grenzbeamten von Singapur, die bewusst übersahen, dass wir die Grenze ohne Ausreisestempel passierten. Außer dem üblichen Einreiseformular in dreifacher Ausfertigung verlief der Grenzübertritt völlig unproblematisch.

Nun waren wir in Singapur. Ich atmete tief durch. 500 Meter hinter der Grenze erwartete uns auf einem Parkplatz nicht nur Herr Wolf, sondern auch ein Fernsehteam vom "News Asia Channel". Das war ein herzlicher Empfang. Auf dem Weg zum Hotel wurden wir von dem TV-Team gefilmt. Der Chauffeur von Herrn Wolf fuhr mit dem Auto in Sichtweite voraus. Wieder einmal machten wir Tempo, um dem langsam fahrenden Pkw folgen zu können. Zeitweise hatten wir über 30 Stundenkilometer auf dem Tacho. Nach 26 Kilometern hatten wir das Hotel erreicht. Wir wurden wie VIPs empfangen: Der Hotelmanager und die ganze Crew standen Spalier. Der Hotelpage nahm mit weißen Handschuhen unsere leicht verschmutzten Räder in Empfang. Ganz vornehm wurden uns ein Handtuch und eine Flasche Wasser gereicht. Dann wurde uns ein Orchideenkranz umgehangen. Das war alles so unwirklich wahr. Auch hier wartete noch einmal ein Team eines regionalen Fernsehsenders zum Interview auf uns. Ich "liebe" solche öffentliche Auftritte!

Wir wurden auf unser Zimmer begleitet, das in der 17. Etage des Hotels lag. Das Zimmer war eine Suite, bestehend aus Wohn- und Schlafzimmer. Auf dem gedeckten Tisch standen eine Sachertorte, die mit Fahrrädern aus Schokolade dekoriert war, Obst und Tee, der warm gehalten wurde. Wir mussten uns nur bedienen. Der Blick aus dem Fenster war einzigartig. Es bot sich ein beeindruckendes Panorama: der Hafen vor der Skyline von Singapur. Die Straße unter dem Hotel erschien winzig. Wir mussten keinen Fuss auf die Straße setzen: Vom Hotel "Oriental" konnten wir nahtlos ins Einkaufszentrum gehen. Hier gibt es alles zu kaufen, was das Herz begehrt, außerdem gibt es auch eine Etage mit Imbissständen aus fast aller Welt - einschließlich Fast Food.

Am Abend waren wir von Familie Wolf in ein Fischrestaurant zum Karaoke-Essen eingeladen. Alle führenden Mitarbeiter waren ebenfalls eingeladen. Beim Karaoke-Essen steht auf einem runden Tisch eine drehbare Platte, auf der die bestellten Speisen serviert werden. Davon kann sich jeder aus der Runde bedienen. Der Gastgeber sucht die ausgesuchten Speisen aus. Der bestellte Hummer wurde uns zum Zeichen der Frische noch einmal lebend gezeigt. Mit verging bei dem Anblick der Appetit. Ich konzentrierte mich beim Essen auf das angerichtete Gemüse. Mochten sich die übrigen Gäste mit dem Herauspuzzlen des Hummerfleisches beschäftigen!

Wir erlebten drei wunderbare, entspannte Tage, die uns immer im Gedächtnis bleiben werden. Singapur ist ein einziger Steinhaufen, und eines Tages wird ganz Singapur überdacht sein. Das ist die Meinung eines Menschen, der es wissen muss, denn er lebt ja dort. In diesen Tagen ließen wir Fahrrädern durchchecken und reinigen, weil sehr viel Schmutz an ihnen klebte.

Ein neuer Kontinent

Das war gut so, denn wie sich am Flughafen von Perth herausstellen sollte, ließen die Australier nur saubere Dinge in ihr Land. Des Weiteren durften keine Lebensmittel importiert werden. Wir mussten das schriftlich und mündlich bestätigen. Schnüffelhunde suchten nach Rauschgift und Kaffee.

Aber bevor wir dieses Land betraten, hatten wir am Flughafen von Singapur noch eine schwierige Aktion mit der australischen Fluglinie zu bestehen. Sie wollten partout unsere Räder über das Durchleuchtungsband schieben. Aber dafür waren sie zu groß. Ich habe mich gefragt: Was kann ein Mensch in den Rädern schon verstecken? "Ich krieg' die Krise", sagte ich zu meinem Mann. Erst nachdem eine Frau in führender Position, die uns am Vorabend im Fernsehen gesehen hatte, die Order ausgab, uns gesondert abzufertigen, lief alles reibungslos.

Nachdem wir die Passkontrolle und die Gepäckausgabe in Perth hinter uns hatten, war mir bewusst: Wir haben einen neuen Kontinent betreten. Würden meine angenehmen Erinnerungen an Australien bestätigt? Mit einem Shuttlebus ließen wir uns in ein empfohlenes Hotel bringen. Wir wollten uns drei Tage zur Anpassung geben. Da gab es eine Einkaufspassage neben der anderen. Das Leben in Perth, so schien es mir, bestand nur aus Essen und Shopping. Insgesamt war die Begegnung mit den "Aussies" eher kühler.

Am 20. März um sieben Uhr starteten wir Richtung Grand Eastern Highway Nr. 94. Noch war wenig Verkehr. Der Highway war relativ schmal, es gab keine "shoulders", also keine Seitenstreifen. Mir war es unheimlich, wenn die Road Trains an uns vorbeifuhren und der Sog ihres Fahrzeuges unsere Räder ins Schlingern brachte. Ich rief meinem Mann zu:" Lass' uns an der nächsten Abfahrt `runterfahren! Es muss doch noch eine andere Straße geben, die nach Northam führt." Ich hatte blanke Angst, so ungeschützt weiterzufahren. "Es sind doch nur ein paar Kilometer, bis der Hauptverkehr abzweigt", versuchte mich Gerhard zu beschwichtigen. Hartnäckig weigerte ich mich weiterzufahren. Also fuhren wir auf mein Drängen hin 15 Kilometer von Perth entfernt die nächste Abfahrt hinaus.

Es war wenig Verkehr. Wir fragten einen Autofahrer nach dem Weg nach Northam. Widerwillig zeigte er mit der Hand, dass wir erst links, dann die nächste scharf rechts über eine Brücke fahren müssten, dann über einen hohen Berg geradeaus weiterfahren. Nach kaum 500 Metern hatte Gerhard einen Platten am Vorderrad. Das war schnell behoben, denn inzwischen hatten wir richtige Fertigkeit im Schlauchwechseln bekommen. Kaum, dass wir auf unseren Rändern saßen, rief ich: "Ich habe auch einen Platten!" Dieses Mal war es das Hinterrad, was mit der Hightech-Roloff-Schaltung schwieriger zu flicken ist. Wir schafften es in einer halben Stunde, die Fahrt konnte fortgesetzt werden.

Tatsächlich folgte eine stetig ansteigende Straße. Am Ende zeigte mein Radcomputer 350 Höhenmeter an. Nach einer langen Abfahrt folgte wieder ein langer Anstieg. Es war inzwischen später Vormittag geworden, die Temperatur stieg auf 35 Grad. Hinzu kam Gegenwind. Wir sprachen während des Fahrens wenig miteinander, denn jeder hing seinen Gedanken hinterher. In die Stille hinein rief mir Gerhard zu: "Ich habe wieder vorne einen Platten!" "Nein, das kann doch nicht wahr sein", antwortete ich. Also vorn die Taschen runter, Rad abbauen, Schlauch wechseln. Gerhard tastet den Mantel von innen ab, ohne etwas zu finden, was den Platten verursacht hatte. Jeder weiß, was er zu tun hat, damit das Wechseln zügig geht. Wir haben uns da gut eingespielt. Zehn Kilometer weiter ein drittes Mal. Jetzt untersuchte ich den Mantel von außen. Tatsächlich war ein kleiner Glassplitter in den Mantel eingedrungen, der jedes Mal, wenn der Druck der Straße hinzukam, auch in den Schlauch eindrang und so ein winziges Loch verursachte. Mit einer Pinzette entfernten wir das corpus delicti. Ungestört konnten wir unsere Fahrt bis zum Tagesziel fortsetzen.

In einem Hotel aus dem 19. Jahrhundert, das bessere Tage gesehen hatte und in dem die Zeit stehen geblieben war, stiegen wir ab. Die Fassade war original, und wir konnten uns die gute alte Zeit vorstellen. Der nächste Tag war geprägt von Hitze und Gegenwind. Gerhard hatte wie meistens mittags Hunger und schlug eine Rast in einem Tankstellen-Restaurant vor. Er bestellte sich Spaghetti Bolognese, ich einen Salat. Gerhard wollte die Spaghetti durchmischen und sagte: "Was ist denn das? Pfui Teufel!" Unter den Nudeln war Toast - mal eine neue Variante.

Die Hitze nahm noch zu. Mein Radcomputer zeigte 45 Grad. Wir tranken an diesem Tag jeder sechs Liter. Es war Samstag. Nach 110 Kilometern kamen wir in die kleine Stadt Sonthern-Cross. Gerhard wollte eine kurze Rast machen, etwas Kühles trinken und dann die Fahrt fortsetzen. "Du spinnst, bei der Affenhitze weiter zu wollen. Ich bin auch noch da", sagte ich erregt. "Wo ist der Sinn? Kilometerklotzen? Da mache ich nicht mit." Nach meinem Protest blieben wir. Wir hatten Glück, dass uns ein Supermarkt um 12.30 Uhr kurz vor dem Schließen Gelegenheit gab, die Lebensmittel für diesen und den morgigen Tag zu kaufen.

Die 33 ungefahrenen Kilometer dieses Tages kamen am folgenden dazu, so dass es bis zur nächsten Kleinstadt 188 Kilometer waren. Diesmal meinte es der Wettergott gut mit uns: Wir hatten leichten Seitenwind von hinten und haben leicht Coolgardie erreicht. Das ist eine verschlafene ehemalige Goldgräberstadt, in der einst 13.000 Menschen lebten. Heute sind es in der "Mother of the Gold Fields" nur noch 1.000 Seelen. Die überbreite Srtaße imponiert sehr. Auch sie stammt original aus dieser Zeit. Ein Store, ein Post Office, ein Museum und ein Hotel mit Restaurant sind die Hauptbestandteile der Main Road.

Die dem Restaurant angeschlossenen Bar steht in Hufeisenform mitten im Raum. Auf dem Tresen liegen Frotteetücher, auf denen die ausgeschenkten Biergläser abgestellt werden. Im Innenkreis agiert die Bedienung. An der Theke sitzen Frauen wie Männer gleichberechtigt, trinken ihr Bier und rauchen Zigaretten. Es gibt harte Männer mit Bärten, sichtbaren Tätowierungen auf den Armen und vielleicht auch welchen an anderen Körperstellen, die nicht sichtbar sind. Die meisten trugen Achselhemden. Einige hatten den Staub einer Grube noch im Gesicht. Dann sahen wir, wie die Kneipe zur Bank wurde, denn eine Bank gab es in der Stadt nicht. Gegen eine Gebühr bekommt der Kundes Bares. Seine Scheckkarte wird durch einen Schlitten gezogen, so dass die Auszahlung zentral registriert wird.

Wir gönnten uns einen Ruhetag, denn die vergangene Etappe saß uns doch in den Beinen. Die Kleinstädter hatten ihre Stores, aber das Obstangebot war begrenzt. Wir nahmen, was vorhanden war: Bananen, Äpfel oder Melonen. Mit Sonnenaufgang radelten wir wieder los. Die Luft ist noch kühl und frisch, ein leichter Wind weht uns entgegen. Die Morgenstille wird vom Schreien der Schwarzkrähen unterbrochen, die wie kleine Kinder klingen. Manchmal schreien sie in drei verschiedenen Tonlagen hintereinander. Wir sehen die ersten Umrisse der aufgehenden Sonne, die innerhalb von drei Minuten voll am Morgenhimmel steht. Der Asphalt ist rau und bremst die Geschwindigkeit der Laufräder. Die Vegetation ist gerade an den Straßenrändern erstaunlich grün. Windharte Büsche und vereinzelte Eukalyptusbäume, die den Naturgewalten widerstanden haben, finden sich als Akzente im Landschaftsbild. Gespenstisch wirken die verbrannten Bäume, die sich nur noch als schwarze Silhouetten gegen den Himmel abgrenzen.

Gegen Mittag nimmt der Wind an Stärke zu. Wir müssen kräftig in die Pedale treten. Mit leicht nach vorn gebeugtem Oberkörper stemmen wir uns gegen den Wind. Am Straßenrand wechselt die Farbe der Erde zwischen rotbraun und ockergelb. Entgegen kommende Road Trains heben uns fast aus dem Sattel. Fahrer oder Beifahrer winken uns zu. Manchmal ist es nur das Heben des Zeigefingers vom Lenker. Ich frage mich was, das heißen soll: `Hallo Kumpel?´ Oder: `Die armen Schweine müssen sich so plagen, haben kein Geld für ein Auto.´ Ich verwerfe diese negativen Gedanken und sehe es einfach als anerkennenden Gruß. Einmal fuhr ein Auto ganz dicht und langsam vorbei, der Beifahrer fotografierte uns aus dem fahrenden Auto. Das war sicher ein Kompliment.

Die in der gleichen Richtung vorbeifahrenden Road Trains ziehen uns durch die Sogwelle fast das Radhemd aus. Nicht nur die ständigen Auf und Abs verbrauchen unsere Energie: Erschwerend gesellte sich der starke Ostwind hinzu, der uns entgegen blies. Still schweigend kämpfen wir beide gegen den Wind. Wir wechseln uns in unregelmäßigen Kilometerabständen mit der Führung ab, so dass sich ein jeder im Windschatten ausruhen kann. Die Kilometer gehen zäh dahin. Im Abstand von zwei Kilometern kommt eine Kilometerangabe. Wir fahren aus ausgetrockneten Salzseen vorbei, die aus der Ferne betrachtet so wirken, als ob sie mit Wasser gefüllt wären. Immer wieder denke ich, Jutta, irgendwann kommst du an. Die Zeit arbeitet für dich. Auch im Gesicht meines Mannes kann ich ablesen, wie schwer es ihm fällt. Endlich sehen wir das heiß ersehnte Hinweisschild mit den Symbolen für Übernachtung, Tanken und Essen. Noch fünf Kilometer. Außerdem heißt es unten: "Next service 192 km, Belladonia". Wir mobilisieren unsere letzten Kräfte. Total platt kommen wir an und lassen uns aufs Bett fallen. Wie es am nächsten Tag weitergeht, will ich gar nicht wissen. Erst einmal ausruhen.

Die längste Strecke unserer Tour: 192 Kilometer

Der nächste Tag kam schneller, als wir wollten, und das bedeutete: Wir hatten die bislang längste Etappe von 192 Kilometern vor uns. Es war der Eintritt in die Nullarbor-Wüste. Von jetzt ab gab es als Unterkunft entweder ein Roadhouse oder das Zelt im Busch. Wenn der Wecker morgens um 4.30 Uhr klingelt, erinnert mich das an meine Berufstätigkeit. Das war genau die Zeit, zu der ich aufstehen musste, wenn ich zum Frühdienst ging. Es war in der Tat mit einem harten Arbeitstag vergleichbar. In sechs Tagen habe ich im Durchschnitt 2.262 Kalorien verbrannt. Das Erleben und Wahrnehmen der Natur und ihren Elementen hatte seinen Preis. In den zurückliegenden Tagen war das kein Genussradeln.

Auch diesmal hatten wir Gegenwind. Am Morgen ist er noch schwach. Da geht das Pedalieren noch leicht. Während der Fahrt halten wir nach hüpfenden Kängurus oder Kamelen Ausschau, wie sie auf Warnschildern an der Straße abgebildet sind. Wir sind entsetzt: Es liegen bestimmt hunderte von toten Kängurus auf der Straße, in jedem Verwesungsstadium, bis zur Skelettierung. Nur lebende haben wir an diesem Tag nicht gesehen. Die Landschaft war noch abwechslungsreich mit Eukalyptus-, Akazien- und anderen Bäumen, die nadelartige Blätter besaßen. Nach 80 Kilometer kam ein Warnschild: "Danger!" Buschfeuer. Der Geruch von verbranntem Eukalyptus stieg uns in die Nase. Über zehn Kilometer lang sahen wir rauchende Wälder. Es waren nur noch Schwelbrände, die kontrolliert wurden. Patrouillen fuhren Streife. Vom Wald war nur noch Schutt und Asche übrig.

Die Straßen waren in einem guten Zustand. Das Gelände war ein stetiges Auf und Ab, immer wieder und immer wieder. Hatten wir eine Steigung erklommen, kam die Abfahrt und gleich wieder der Anstieg. Hielten wir zu einer Trink- und Esspause an, wurden wir von unzähligen Fliegen umschwärmt. Am lästigstens waren sie im Gesicht, wenn sie in Augen, Nase und Mundbereich krabbelten. Die Pausen wurden dadurch entsprechend kurz. Zeitweise hing ich mir ein Mulltuch über den Kopf, damit ich vor den Plagegeistern wenigstens im Gesicht geschützt war. Nur bei einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern waren wir sie für eine Weile los.

Der Gegenwind hatte mittags zugenommen, doch wir trotzten ihm. 30 Kilometer vor dem Tagesziel kam mein Rad ins Schlingern, weil ich abgelenkt auf einen Gegenstand auf der Straße sah. Ich bremste, und Gerhard, der hinter mir fuhr, fuhr auf mich auf. Er kam nicht rechtzeitig aus den Klickpedalen und stürzte mit der rechten Schulter und dem Kopf auf den Asphalt. Aufgeregt legte ich mein Rad auf die Straße und rannte zu meinem Mann. "Loverman, mein Liebster! Kannst du aufstehen, tut dir was weh?" Er klagte über Schulterschmerzen. Zuerst half ich ihm beim Aufstehen, dann hob ich sein Rad auf. Ein voll beladenes Auto hielt an, und die Insassen fragten, ob sie uns helfen könnten, ob wir genug Wasser hätten. Das ist meistens das Einzige, worin ihre Hilfe besteht. Die Bremsen hatten sich verschoben, aber das hatten wir bald gerichtet. Wir bedankten uns für ihr Angebot, sie konnten nichts für uns tun. Mit weichen Knien und einem schlechten Gewissen bestieg ich mein Rad, denn den Sturz hatte ich verursacht. Zwischendurch fragte ich meinen Mann, ob er fahren kann. "Ja, es geht schon", antwortete er.

Die letzten zehn Kilometer wehte der Wind recht stark. In Belladonia gab es ein ordentliches Motel, das allerdings auch einen ordentlichen Preis verlangte. Daran mussten wir uns erst einmal gewöhnen. Nach einem weiteren Ruhetag starteten wir wie gewohnt früh in den Tag. Diesmal sollte es "nur" 182 Kilometer weit gehen. Pünktlich mit der Sonne kam der Wind, der um 13 Uhr immer zunahm. Er wehte aus Süd, Südost, Nordost oder Nord. Wir rechneten damit.

Die Prüfung der mentalen Stärke

Von dem Sturz hatte Gerhard offenbar ein leichtes Schleudertrauma davongetragen. Er klagte über Gleichgewichtsstörungen und Kopfschmerzen. Zunächst lief alles noch recht gut. Wir sahen hüpfende Kängurus. Gegen Mittag frischte der Wind auf. Die Landschaft wurde karger, keine Bäume mehr, nur noch windfeste Büsche. Eine unendliche Weite. Wir kämpften gegen den Wind, der mit einer Stärke daherkam, dass der Radcomputer zuweilen zehn bis zwölf Stundenkilometer anzeigte. Das ging über Stunden so. Oftmals kam eine Böe aus südlicher Richtung, die uns beinahe vom Rad geschleudert hätte.

Ich machte an diesem Tag die Führungsarbeit. Bei diesen Naturwidrigkeiten kämpft jeder für sich. Die Weite, die Einsamkeit und die Stille gaben mir ein Gefühl der Verlassenheit. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es gehen soll, im Busch zu zelten. Nein, danach war mir wirklich nicht. Ich hatte schon Angst vor möglichen Schlangen oder ähnlichen Reptilien. Wir mussten das nächste Roadhouse erreichen. Aber das war noch so weit. Ich schämte mich und dachte: Sei kein Weichei, Jutta. Ich dachte an Freunde von uns, die an einer schweren Krankheit litten und so tapfer gegen sie kämpften. Also das hier ist doch gar nichts dagegen, das ist doch ein Klacks, ermunterte ich mich. Ja, es war eine Prüfung der mentalen Stärke. In Gedanken betete ich: Herr, gib' mir die Kraft und die Geduld, das durchzustehen.

Im Rückspiegel sah ich, wie schwer es Gerhard fiel. Ich drosselte meine Geschwindigkeit, damit er von meinem Windschatten profitieren konnte. Zwischendurch hielten wir für Trinkpausen an. Aber es war keine Erholung, am Straßenrand zu stehen, während die Autos an uns vorbeirauschten und der Wind an uns zauste. Meinen Mann fragte ich lieber nichts, wie es ihm geht, denn ich konnte es an seinem Gesicht ablesen. Wir fuhren gegen Osten, und das bedeutete, dass die Sonne früher unterging. Wir fuhren jetzt einen Schnitt von 15 Stundenkilometern und kamen nur mühsam voran. Die Sonne stand schon sehr tief, und 40 Kilometer lagen noch vor uns. Das Wasser in unseren Flaschen schmeckte fad, und der letzte Energieriegel war gegessen. Gerhard klagte über Gleichgewichtsstörungen. Wir standen oft minutenlang im Wind, es war, als ob uns jemand festhielte.

Der Herr hat mir die Kraft und die Geduld gegeben: Mit dem letzten Sonnenstrahl des Tages kamen wir nach 182,4 Kilometer im Roadhouse von Ceduna an. Gerhard, der hinter mir fuhr, fiel buchstäblich vor dem Roadhouse vom Rad. Dort wartete eine böse Überraschung auf uns. Das Roadhouse war ausgebucht. Die Art und Weise, wie uns dies der zuständige Mann mitteilte, war völlig kühl. Wir spürten seine Antipathie gegen uns. Sein Äußeres machte ihn noch umsympathischer, denn er war für mich ein Fettsack. Medizinisch ausgedrückt, ein Protoplasmahaufen. Gerhard hat ihn noch einmal um eine Unterkunft gebeten. Sein Gesicht erhellte sich. Er bedeutete uns, mit ihm zu kommen. Breitbeinig und die Arme vom Körper abgestreckt, wackelte er vor uns her. Was er uns als Nachtquartier anbot, war ein Durchgang zu den Campground-Duschen. Ich stand wie angewurzelt für einige Sekunden da. "Was, hier sollen wir nächtigen? Bestimmt nicht! Komm', wir bauen unser Zelt auf dem Campground auf." Es war inzwischen dunkel geworden. Nicht nur der heftige Wind erschwerte den Zeltaufbau, sondern auch unsere Ungeübtheit. Daheim hatten wir es nur einmal geprobt. Irgendwie und irgendwann stand das Zelt auf dem Sandplatz. Nur eben etwas essen, und dann wollten wir uns hinlegen und schlafen.

Ein neuer Tag, neuer Optimismus und eine kurze Tagesetappe

Wir waren vor Sonnenuntergang auf, hatten tief und traumlos geschlafen. Das Nötigste war schnell erledigt: Duschen, Einpacken und zum Schlaf das staubige Zelt zusammenfalten. Frühstück war wichtig, doch das Gebotene war wenig und musste hier teuer bezahlt werden. Cornflakes, zwei Scheiben Toast, Marmelade und eine Tasse Kaffee. Das Ganze wird dann "continental breakfast" genannt. Gerhard fühlte sich wieder besser, und unsere Zuversicht war auch zurückgekehrt. Gerhard ging nach dem Frühstück auf den besagten Mann noch einmal zu und fragte ihn, ob er sein Verhalten vom Vorabend in Ordnung fände. Er druckste erst herum und entschuldigte sich dann.

Diesmal waren die Bedingungen nicht schlecht für uns. Sonne, 36 Grad und wenig Wind. Das nächste Roadhouse war nicht so weit entfernt: 58,5 Kilometer. Wir ließen uns Zeit und hielten nach Tieren Ausschau, Kängurus, Emus oder Papageien. Wir ließen die unendliche Weite auf uns wirken. Mittags trafen wir im Roadhouse ein und erlebten eine Duplizität der Ereignisse, denn auch hier war alles ausgebucht. Wir suchten uns auf dem sandigen Campground ein schattiges Plätzchen und richteten uns für den Rest des Tages und die kommende Nacht ein. Um fünf Uhr früh weckte uns der Wecker. Draußen war es noch dunkel. Um 5.30 Uhr kam das erste zarte Tageslicht. In der Ferne war der Himmel glutrot, davor in schwarzen Umrissen die bizarren Formen der Bäume. Die Luft war noch recht kühl und ich fröstelte. Schnell packten wir unsere Siebensachen zusammen und suchten die Wärme des Roadhouse. Eine heiße Tasse Kaffee wäre genau das Richtige. Unser Müsli hatten schon im Zelt im Schein der Stirnlampe gegessen.

Wir ließen es langsam angehen. Dank der Windstille und des flachen Geländes genossen wir die karge Landschaft, die wechselnden Büsche und die Eukalyptusbäume, die uns geboten wurden. Ohne starken Gegenwind erreichten wir unser Ziel. An den folgenden Radtagen veränderten sich die Bedingungen kaum: Wind, coupiertes Gelände und eine Landschaft mit windfesten Büschen. War es windstiller, waren die kleinen Fliegen da. Beides war gleich lästig: Wind oder Fliegen. An einem Tag hatten wir über 30 Kilometer lang Bremsen als Begleiter, die an uns hafteten. Wenn wir anhielten, stachen sie gemein. Esspausen wurden dadurch noch ungemütlicher und kürzer. Schnell eine Banane `rein, und schon saßen wir wieder auf unseren Rädern. An Bagatellverletzungen, die wir uns durch Unachtsamkeit an unseren Rädern zugezogen hatten, setzten sich die Fliegen in Pulks. Da nützte kein Verscheuchen: Gleich waren sie wieder da. Ich fand das so unappetitlich.

An einem Tag waren wir gerade an einem Roadhouse angekommen, als dunkle Wolken aufzogen. Es braute sich ein Gewitter zusammen. Tatsächlich regnete es heftig in der Wüste. Am nächsten Tag schien wieder die Sonne, so, als ob nichts gewesen wäre. Wir spürten deutlich: Der Herbst war in Australien angekommen. Nach 2.000 Kilometern hatten wir die Nullorbor-Wüste durchquert. Die Roadhouses hießen jetzt Motels. Die Distanzen zwischen den kleinen Städten wurden kürzer. Wir waren ein wenig stolz auf uns: In 18 Tagen hatten wir erfolgreich die Wüste durchquert. Wir dachten, es geschafft zu haben. Das sollte sich aber als Irrtum herausstellen. Die erste Stadt nach der Wüste erreichten wir an einem Samstag Mittag um 13 Uhr. Ich freute mich darauf, endlich Obst, Müsli und andere Lebensmittel kaufen zu können. Diese Freude wurde gleich gedämpft: Der Store hatte um 12.30 Uhr geschlossen. Wir quartierten uns um einzigen Motel der Stadt ein. Wir hatten Hunger, aber es war erst um 18.30 Uhr Abendessen-Zeit. Wir hatten nichts zu essen außer zwei Müsliriegeln. Wir legten uns erstmals hin und schliefen. Am Abend erwachte das Leben im Motel-Restaurant.

Hier trafen sich die Farmer-Familien, die mit Kind und Kegel gekommen waren und hier spielte sich das ganze gesellschaftliche Leben der kleinen Stadt ab. "Mir ist schon ganz übel vor Hunger", sagte ich zu Gerhard. Ich bestellte mir ein Steak mit Salat und natürlich ein Bier. Ich traute meinen Augen nicht, als das Essen kam: Das Steak füllte den gesamten Teller aus. "Die geben dir gleich ein halbes Rind, wenn du ein Steak bestellst", kommentierte Gerhard meine Mahlzeit. Doch ich verdrückte es mühelos. Gerhard war mit seinem "Vegi" nicht so gut bedient. Das Gemüse war zu Plätzchen verarbeitet, paniert und fritiert. Fritierte Lebensmittel war genau das, was Gerhard überhaupt nicht mochte.

Am Montag morgen fuhren wir mit dem ersten Morgengrauen los. Dichter Nebel mit einer Sichtweite von 30 Meter - das hatten wir bisher noch nicht. Gerhard schaute sich nach Blumen um, die als mögliches Fotomotiv lohnend waren. Gedanken verloren verriss er seinen Lenker und stürzte auf den groben Asphalt. Ich eilte herbei und half ihm aufzustehen. Blut rann an seinen Beinen herunter. "Kannst du dich bewegen, tut dir etwas weh?" "Nein, es geht schon", antwortete er mir. Ich holte meine Apothekentasche heraus, die unter meinem gesamten Hausrat steckte. Mit Salbe verarztete ich sein Bein, zusätzlich gab ich ihm noch fünf Globulin. Nach 20 Minuten setzten wir die Fahrt fort. Wir steuerten eine größere Stadt mit circa 4.000 Einwohner an. Wir mieteten uns eine Kabine auf einem Campground. Hier konnten wir uns selbst bekochen. Heißhungrig kauften wir Obst und andere Lebensmittel ein.

Das Landschaftsbild änderte sich. An die Stelle der windfesten Büsche trat braunes, abgeerntetes Farmland, so weit das Auge reichte und über das der Wind ungestört hinwegfegte. Die braunen Sandwege nannten sich "Road". Sie führten in die unendliche Weite, ohne dass ein Haus sichtbar war. Schafherden, die sich farblich von der dürren Landschaft nicht abhoben, grasten dann und wann. In der Nähe von Farmen säumten Eukalyptusbäume die Straße. An den Gegenwind, mal mehr, mal weniger, konnten wir uns immer noch nicht gewöhnen. Aber er war eben da.

In einer kleinen Stadt mit 57 Einwohnern machten wir Halt. Das Hotel war wieder einmal Treffpunkt für die Farmer aus der Umgebung. Unsere Unterkunft war mehr Kabine als Zimmer, mit einem Bett, das einem Trampolin ähnelte. An der Bettwäsche haftete der Schweißgeruch vom Vorgänger. Das Hotel war ein Überbleibsel von der Jahrhundertwende, was sich hier und da bemerkbar machte. Die Toilettentür klemmte, die Duschen verkalkten und es war ein Glücksfall, vom Wasserstrahl getroffen zu werden. Das alles war zweitrangig: Wir hatten ein Dach über dem Kopf. Am Tresen der Bar wurde gegessen, meist übergroße Rindersteaks mit Pommes und viel Ketchup, dazu einen gemischten Salat. Alles war auf Fastfood-Basis zubereitet.

Die Modalitäten änderten sich am Folgetag. Wie immer kräftiger Wind von vorne oder seitlich. In der nächsten Stadt Widuna trafen wir erstmals auf Menschen, denen wir willkommen waren. Wir kamen schon am frühen Vormittag an und gingen in die Bibliothek, um die gut gemeinten Grüsse per E-Mail abzurufen. Die Buchhändlerin empfing uns herzlich und offen. Das tat nach so viel Verschlossenheit und Misstrauen wirklich gut. Wir blieben vor einem gepflegten Blumengarten stehen und genossen die Pracht nach so langer Dürre. Der Gartenbesitzerin gefiel unser Interesse. Spontan schenkte sie uns Aprikosen und Pfirsiche. Auf der Straße wurden wir von Einwohnern gegrüßt - ganz ungewohnt. Sollte sich die Verhaltensweise der Menschen ändern, je weiter östlich wir durch Australien kamen? Gut gelaunt starteten wir am nächsten Morgen. Wir hatten Seitenwind von hinten. Es war eine Genussfahrt.

Das Ziel heißt Port Augusta

Unser Vorhaben, am Folgetag Port Augusta zu erreichen, wurde durch eine Fehleinschätzung jäh verhindert. Wir hatten zu wenig Trinkwasser mitgenommen. Unser Gegner, der Wind, blies uns diesmal kräftig von vorne an. Kein Baum schützte uns. Wir schauten auf die windfesten Büsche. 39 Kilometer vor Port Augusta waren wir platt, uns fehlte Flüssigkeit. Auf einer Ranch fanden wir Unterschlupf und löschten unseren Durst mit abgekochtem Wasser. Nach einer erholten Nacht verwirklichten wir unser Ziel vom Vortag. In der Ferne sahen wir Nebel, der die Stadt verhüllte. Als wir nahe genug waren, sahen wir, dass es aufgewirbelter Sand war. Der Wind tobte von der Seite und stellte unsere Räder schräg. Er drückte uns auf die Straßenmitte, und wir mussten kräftig gegensteuern.

Auf der anderen Straßenseite kam uns ein Radfahrer entgegen, der, als er uns sah, auf uns zusteuerte. Es war ein allein reisender Mann, der aus Finnland kam. In seiner Heimat war er selbstständig und hatte eine Firma, die er verkauft hatte. Nach der Reise wollte er einen Neubeginn starten. Im Schlepp hatte er einen Trailer. Ich fragte ihn, ob er sich allein nicht einsam fühlte. Ja, er hätte es sich auch anders gewünscht, aber es sei schwierig, einen geeigneten Partner zu finden. Wir beneideten ihn ein wenig wegen der günstigen Windrichtung.

Im Schleichtempo erreichten wir Port Augusta. Wir mussten in einem Caravanpark den Diensthabenden ´rausklingeln. Er kam mit einem ziemlich mürrischen Gesichtsausdruck angeschlurft. "Wer hat dem denn in die Suppe gespuckt?", sagte ich zu Gerhard. Er tauschte nur die allernötigste Konversation mit uns aus. Seit mehr als einer Woche spürten wir an den Tagestemperaturen, die sich um die 26 Grad bewegten, und an der schon schräg stehenden Sonne den Herbst. Nun aber wurde es uns durch die Verfärbung der Laubbäume auch optisch bewusst. Erstmals sahen wir nach mehr als 2.500 Kilometern wieder Laubbäume. Das Grün der Felder, Wiesen und Bäume war der Beweis, dass wir die Trockengebiete endgültig verlassen hatten. Ab Port Augusta mehrte sich das Grün. Wir hatten 80 Kilometer nach der Stadt den Highway verlassen und eine ruhige Nebenstrecke nach Adelaide gewählt. Die Landschaft war abwechslungsreich, mit wenig Autoverkehr, aber sehr bergig. Die Luft war vom intensiven Geruch der Pinienbäume erfüllt, die ab Port Augusta die Eukalyptusbäume abgelöst hatten. An diesem Tag bekamen wir den Beweis, dass es hier mehr Niederschlag gab. Erstmals nach 1.300 Kilometern regnete es. Das störte uns nicht weiter.

Im Weingebiet Clare Valley machten wir Station, einem der vielen Weingebiete um Adelaide. Wir leisteten uns eine Flasche Wein, dessen hoher Preis mich erstaunte. Einen qualitativ guten Wein gibt es ab 20 australische Dollar aufwärts, das entspricht etwa zwölf Euro.

Margret und Graham Day aus Adelaide

Margret und Graham Day hatten uns eine Streckenempfehlung gemailt, die wir nutzten. Sie kamen uns die letzten 35 Kilometer entgegen. Das ersparte uns das Fragen und Suchen nach ihrer Adresse. Das Paar, über 70, ist geistig und körperlich noch sehr agil. Sie sind aus Überzeugung Radfahrer. Fast alle Besorgungen in der Stadt Adelaide, die acht Kilometer von ihrem Vorort entfernt liegt, machen sie per Rad. Sie sind nicht nur im örtlichen Radclub engagiert, sondern darüber hinaus im Radclub von Südaustralien. Beide haben uns freundlich aufgenommen. Wir haben acht Tage lang ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen. Ich wünsche mir die Verfassung der beiden im fortgeschrittenen Alter.

In einigen Tagen liegt der Kontinent Australien hinter uns. Zusammenfassend und zurückblickend stellte die Querung der Nullorbor-Wüste an mich schon manche Herausforderung.