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Ausführlicher Bericht vom 2. Teil der Weltreise – Kassette 4

Immer höher, kein Ende war abzusehen. Mein Puls war über 160. Endlich waren wir oben, so schien es. Mich plagte ein schlechtes Gewissen. Hätten wir doch besser die ursprüngliche Route Richtung East 5 A, Canadian Highway, nehmen sollen, die uns als landschaftlich schön und flach geschildert wurde? Aber es war zu spät. Vielleicht fahren wir runter und müssen wieder mit Mühe hochstrampeln, dachte ich. Mein Puls klopfte bis zum Hals, und die Beine waren schwer. Im Laufe der vielen Monate unserer gemeinsamen Tour hatte ich gelernt, wortlos Gerhards Rad zu halten. Auch hatte ich begriffen, wie wichtig es ist, den Moment zu erleben. Mir ist klar geworden, dass ich all die Orte in meinem Leben nie wiedersehen werde. Wir hielten alle paar Höhenmeter an. Gedankenverloren betrachtete ich mein Gepäck und dachte: Meine Güte, all das muss ich, egal wie, hochbringen. Mein Liebster hatte wieder ein Fotomotiv gesehen, den Wolkenhimmel in einer eigenwilligen Stimmung. Mir kommen die Gedanken, wie viele Berge und Pässe werden wir noch fahren müssen, bis wir wieder wohlbehalten vor unserer Haustür stehen?

Die Quellwolken am Himmel nahmen bedrohlich zu. Wir fuhren talwärts. Es reihte sich ein smaragdgrüner See an den nächsten. Manchmal sehen wir rindenlose Baumstämme im Uferbereich liegen, die, so scheint es, durch die Kälte des Wassers versteinert sind. Drohende Regenwolken stehen am Himmel. Die Nebenstraße ist ruhig. Wir brausen dahin und machen Tempo, um dem drohenden Guss zu entkommen. Ein Straßenschild verkündigt, dass wir uns in einem der vielen Indianerreservate befinden. Der abgelegte Wohlstandsmüll vor den Häusern spricht für sich. Gerhard ruft mir zu: "Halte bitte an!" "Was ist denn?" "Ich ziehe mir vorsorglich Regenjacke und -hose an." Nachdem das geschehen war, sagte er: "So, jetzt kann der Regen kommen." "Du bist gut", antworte ich. "Ich kann also nass werden." Ich scheute mich, meine Regenkleidung herauszuholen und hoffte, die nächste Stadt ohne Schauer zu erreichen. Doch dann brach ein kräftiger Hagelschauer auf uns nieder.

Der Morgen begrüßte uns mit Sonnenstrahlen. Es war Sonntag, und Muttertag dazu. An einer Kirche wurden "Mother's day pancakes" verkauft. Textilgeschäfte boten Prozente für den Muttertag an. "Und was hast du für mich?", fragte ich scherzend meinen Liebsten. "Du hast doch mich!" Es war ein herrlicher Tag mit angenehmen 16 Grad. Wir fuhren entlang eines Flusses und kamen weiter in tiefere Lagen. Hier stand der Frühling noch am Anfang, die Bäume standen in erstem zarten Grün. Es war eine Landschaft, wie sie in Bayern oder Österreich hatte sein können. So machte das Radeln Spaß. Als ein leichter Wind aufkam, sah ich zum Himmel: wieder dicke Gewitterwolken am Horizont.

Wir fuhren aus dem Gewitterband heraus und kamen in eine kleine Stadt. An Ständen wurde allerlei Obst und Spargel angeboten. Wir suchten eine Bleibe, in der auch eine Kochgelegenheit war. So gab es für uns Spargel mit Rührei und Kartoffeln. Wir empfanden es als eine Köstlichkeit. In der beschaulichen Stadt machten wir einen Rasttag, denn Gerhard fühlte sich abgeschlagen. Wir wollten in eine der beiden Kapellen, die sich direkt gegenüber stehen. Der Pastor werkelte davor und sperrte uns die Kirche auf. Wir dankten unserem Schutzengel. Der Pastor ging eilends ins Haus und kam mit einem Glas selbst eingelegter Kirschen zurück, die er uns schenkte. Dann nahm er unsere Hand, sprach ein Gebet und gab uns Gottes Segen mit auf den Weg.

Aus der Ferne konnten wir den gleichmäßigen Anstieg sehen, der in Serpentinen nach oben führte. Wir hatten die Information vom Besucherzentrum, dass 500 Höhenmeter zu überwinden seien. Noch bevor wir in diese Stadt fuhren, hatte Gerhard einen alten Bauern, der dem Aussehen nach indianischer Abstammung war, über die Route befragt. Er hatte uns gesagt, dass der Pass neun Meilen lang war. Beides stellte sich als nicht richtig heraus. Der Pass, auf den wir uns mental eingestellt hatten, wollte einfach nicht enden. Vor jeder Kurve hatten wir die Hoffnung, dass es abwärts gehen würde. Aber es ging immer noch weiter aufwärts. Inzwischen hatten wir 850 Höhenmeter erreicht, und neun Meilen waren längst überschritten. Meine Beinmuskeln waren schon blau und schmerzten. Alle paar hundert Höhenmeter musste ich eine Verschnaufpause einlegen. Das Herz klopfte mir in meiner Brust. Als es zunächst abwärts ging, konnte ich ein ansteigendes Straßenband erkennen. Ich sagte mir: Das ist sicher eine andere Route. Doch wir fuhren schnurstracks darauf zu. "Ich kann nicht mehr", rief ich Gerhard zu. Er war gut drauf und hatte mindestens 50 Meter Vorsprung. "Lass' dir Zeit", beruhigte er mich. Mir war klar, dass wir an diesem Tag keine 130 Kilometer weit fahren konnten.

Auf der Höhe stand der Frühling noch am Anfang. Schließlich erreichten wir die Höhe nach 29,7 Kilometern und 1.100 Höhenmetern. Mit hoher Geschwindigkeit brausten wir talwärts. Alle mühevoll gewonnenen Höhenmeter verloren wir in Minutenschnelle. Im Tal fuhren wir eine Weile an einem Fluss entlang und durchquerten ein Dorf mit wenigen Häusern und einer Tankstelle mit einem Lebensmittelshop und einem Motel. Die Berge haben nach wie vor spärlichen Baumbewuchs, meistens Pinien, die uns auch diesmal ihren typischen Geruch spenden. Wieder kam eine kleine Ansiedlung. "Willst du hier halten?", fragte mich Gerhard. "Ja, hier ist für mich heute Schluss", antwortete ich. Ich fühlte mich geschafft. Der Tag war jung, es war erst 13 Uhr.

Ein moderater Pass über 30 Kilometer

Mischwald und junge Birkenbäume. Oben auf 1.083 Metern über dem Meeresspiegel wehte ein eiskalter Wind. Wir zogen unsere Regenjacken an. Das war wohl zu wenig. Wir fuhren wieder talwärts und mussten leicht bremsen. Ich fuhr verhaltener, denn immer höhere Geschwindigkeit macht mit auch Angst. Die Angst vor unvorhersehbar auftauchenden Hindernissen lässt mich die Geschwindigkeit drosseln. Ich fuhr mit 40 Stundenkilometern ab. Gerhard war da mutiger. Der Abstand zwischen uns vergrößerte sich. Unten im Tal empfing uns kühles Wetter. Das war ein Temperatursturz von zehn Grad im Vergleich zum Vortag.

Am nächsten Tag legen wir wieder einen Ruhetag ein. Wir lassen unsere Räder durchchecken. Irgendwann war der Ölwechsel der Rohloff-Schaltung notwendig. Bis jetzt hatten wir keinen Fahrradshop gefunden, der sich mit dem Rohloff-System auskannte. Auch diesmal war uns nicht wohl. Dieser Radhändler hatte von Rohloff nur gehört. Er fragte uns, woher wir kämen. Auf unsere Antwort hin erzählt er in gebrochenem Deutsch, dass er vor 30 Jahren für eineinhalb Jahre in der Schweiz gelebt hat. Gerhard erklärt ihm das Rohloff-Prinzip und den Ölwechsel. Wir hatten für alle Fälle die englische Gebrauchsanweisung mitgebracht. Brian, Mitte bis Ende 40, ist ein aufgeschlossener Mensch mit Humor. Wir überließen ihm unsere Räder. Bei Verlassen des Geschäftes meinte Gerhard: "Hoffentlich schafft er das."

Gegen Mittag des Vortages gingen wir vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Strahlend zeigte Brian auf mein Rad. "Es war kein Öl mehr in der Schaltkassette", berichtete er. Und bei Gerhard sei es auch nur tropfenweise herausgekommen. Am späten Nachmittag holten wir die Räder fertig ab. Brian wollte das deutsche Wort für "Mountainbike" wissen. Alle wichtigen Teile am Rad konnte er auf Deutsch bezeichnen. Nach einer Probefahrt vor dem Geschäft gab ich ihm einen Kuss auf die Wange: "Perfekt!" Er sah mich lächelnd und ein wenig stolz an, wozu er allen Grund hatte. Zum Abschied, der uns allen schwer fiel, machten wir Fotos.

Einreise in die USA
Wir kamen nach 21,5 Kilometern am Grenzübergang an. Es war noch früh, der Himmel war bedeckt, die Straßen fast autofrei. Ob das wohl am Samstag liegt, sinniere ich. Der Grenzbeamte, ein Mann mittleren Alters mit goldfarbenen Haaren, war freundlich und kontrollierte unsere Pässe. Dann sprach er Deutsch mit uns, wo wir herkommen, wo wir hinwollen, ob wir Früchte wie zum Beispiel Orangen mit uns führen. Gerhard verneinte. Bevor er weiter unsere Sachen inspizieren konnte, grüßte ich und fuhr an. Zehn Kilometer weiter sagte ich: "Du bist gut. Sagst nein, dabei hatte ich in meinem Korb eine Banane und eine Orange liegen." "Also illegales Obst", sagte er lachend. 15 Kilometer vor unserem Tagesziel blies uns noch einmal ein heftiger Wind entgegen. Wir wechselten uns in der Führungsarbeit ab. Ich dachte, es ist doch völlig egal, wann wir ankommen, ob eine Stunde früher oder später.

Es war Sonntag, und wir wollten und mit dem Radeln Zeit lassen. Die Muskeln waren noch nicht warm, als der erste gemeine Anstieg von 150 Kilometern auf vier Kilometer kam. Auf der Hälfte der Strecke zogen wir unsere Regenhosen und -jacken an. Trotz des Sonnenscheins wehte ein eisiger Wind. Wir wussten von unserer Karte, dass insgesamt 550 Höhenmeter zu überwinden waren. Wir genossen die Landschaft und die sonntägliche Ruhe auf den Straßen. Was tue ich alte Frau am Sonntagmorgen auf dem Rad auf dieser Straße, dachte ich. Frauen in meinem Alter treffen sich für gewöhnlich zum Brunch oder im Fitnessstudio oder zum Laufen. Meinereiner fährt mit dem Rad um die Welt, und das alles aus Liebe.

Wir sahen die Quellwolken am Himmel und erhöhten das Tempo. Auf der Passhöhe von 966 Metern meinte Gerhard: "Wir haben den höchsten Punkt erreicht." "Nein, mein Lieber, das geht noch höher hinauf", antwortete ich. Die Wolken standen schwarz am Himmel und verkündeten nichts Gutes. In der Ferne sahen wir schon Niederschlag herunterkommen. Wir fuhren 50 Höhenmeter hinunter, um sie gleich wieder hochzukurbeln. Schließlich hatten wir 1.050 Höhenmeter erreicht. Das war die beschriebene Höhe. Auf einem Bergrücken fuhren wir einige Kilometer dahin. Eine Lodge in den Bergen hätte uns eine Übernachtungsmöglichkeit geboten, aber wir hatten ein anderes Ziel im Auge. Endlich ging es bergab. Die Straßenschilder zeigten an: Über vier Meilen acht Prozent abwärts. Wir brausten die Serpentinen mit 40 bis 50 Stundenkilometern hinab, immer den Griff an der Bremse. Im Tal war ich völlig durchgefroren. Das Thermometer am Computer zeigte frostige neun Grad. Ich zog mich wärmer an. Wir hatten die Wahl, vier Kilometer nach links in die nächste Stadt zu fahren, oder nach rechts noch weitere 50 Kilometer vorwärts zu fahren. Keine Frage für uns.

Nach insgesamt 115 Kilometern kamen wir in einer kleinen Stadt mit 400 Seelen in einem Hotel an. Die Wirtsleute waren sehr nett, aber die Zimmer hatten ein bisschen zu viel Plüsch und Spitzen. Wo sollten wir unsere Räder unterbringen? Nach einer großen Tasse heißen Kakaos, die wir an einer Imbissbude tranken, hatten wir Gewissheit: Wir fahren weiter. Es waren 15 Meilen bis zur nächstgrößeren Stadt. Da kamen noch einmal satte 130 Höhenmeter, die wir auf einem Kilometer hochkurbeln mussten. Nach 136,5 Kilometern hatten wir die Stadt erreicht.

Wir wollten am Morgen später starten und schoben unsere Räder um 9.30 Uhr straßenwärts, als mir Gerhard zurief: "Ich habe einen Platten." Ich glaubte falsch verstanden zu haben. Tatsächlich, vorne war der Reifen platt. Kein Problem für uns, in 15 Minuten war das Problem behoben. Der Tag begann mit Sonnenschein. Wir beide spürten unsere Oberschenkelmuskeln, traten aber unbeirrt in die Pedale. Die verkehrsarmen Straßen verführen dazu, in der Mitte zu fahren. Insgesamt sind die Autofahrer sehr defensiv, selten werden wir angehupt. An die vielen Auf und Abs können wir uns zwar nicht gewöhnen, doch wir nehmen sie gelassener hin. Am Straßenrand sahen wir mahnende Kreuze. Es waren hier in Montana weiße Pfähle mit rotlackierten Kreuzen. Ich fragte mich, durch welchen Umstand hier Menschen ihr Leben lassen mussten.

Die letzten 21 Kilometer übernahm ich die Führung, Gerhard fuhr in meinem Windschatten. Die Straße wurde erneuert, und die Seitenstreifen hatten noch keine Markierung. Wir blieben zur üblichen Trink- und Esspause stehen. Ein Team, bestehend aus einem Mann und einer Frau, hielt zehn Meter vor uns an. Sie vermaßen offensichtlich die Straße. Die Frau entschuldigte sich für den schlechten Straßenzustand über vier Meilen. Nach einem Kilometer wurde uns klar, was sie gemeint hatte. Wir mussten an einer roten Ampel warten, bis uns ein Begleitauto abholte. Das dauerte geschlagene zehn Minuten. Verkrampft hielt ich meinen Lenker, denn der Untergrund war zeitweise mit lockerem Sand und Steinen belegt, so dass das Rad ins Schlingern gerät. Gerhard rief mir von vorn zu: "Kambodscha lässt grüßen!" "Ja, aber da war der Sand trocken, und die vorbeifahrenden Autos haben uns staubgepudert", antwortete ich. Nach vier Meilen trafen wir auf festen Asphalt. Plötzlich wissen wir es zu schätzen, auf welch guten Straßen wir fahren.

Jeden Morgen haben wir uns auf unsere Stahlrösser gesetzt, um den Tag und den Frühling, der mal mehr, mal weniger im Kommen ist, zu genießen. Aber wir waren auch den Gefahren der Straße ausgesetzt. Ich hatte auf einer Strecke von 60 Meilen die mahnenden Kreuze gezählt. Kaum zu glauben, aber es ist wahr: Im Durchschnitt auf jeder Meile ein Toter. Auf einem Kreuz mit nie welkenden Blumen stand geschrieben "Mom". Ich habe mich gefragt, wie diese Mutter aussah, wie alt sie war und welche Kinder um sie trauern mussten. Ich bin doch auch eine Mom. Nur ein Fehler, und mir konnte das gleiche Schicksal widerfahren.

Unterdessen donnern die Lastwägen, die mit Zedernstämmen beladen sind, an uns vorbei. Sie hinterlassen eine Duftfahne vom Geruch des Holzes. Wir haben die Staaten Washington, Idaho und Montana durchfahren. Die Rockies haben unsere mentale Stärke immer wieder geprüft. Kilometerlange Abfahrten, um gleich wieder hochzukurbeln. Ein Fuchs kreuzte die Straße. Fünf Junge wollten folgen, waren aber schlau genug, kehrt zu machen, als wir uns nähern. Auch Rehe queren am helllichten Tag die Straße. Wir sahen einen angefahrenen Adler, der in die schützenden Büsche hüpfen konnte. Es war für uns nicht erkennbar, ob sein Flügel verletzt war oder ob er durch den Aufprall gegen ein Auto nur benommen war. Wir konnten in aus nächster Nähe fotografieren.