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Ausführlicher Bericht vom 2. Teil der Weltreise – Kassette 5

Kühler Nordostwind blies uns schon am Morgen. Kräftiger, aber lustlos trat ich in die Pedale. Eigentlich wäre ich lieber in meinem Bett geblieben. „Aber wer weiß, wie in den nächsten Tagen das Wetter sein wird“, bemerkte mein Gerhard. Für jede Biegung der Straße, die uns aus dem Gegenwind nahm, waren wir dankbar. Das ständige Auf und Ab erschwerte uns das Vorankommen. Ich erinnerte Gerhard an seinen Ausspruch: „Wenn wir die Rockies hinter uns haben, wird es flach.“ Davon kann überhaupt keine Rede sein. Doch es ist eben so – alles eine Frage der Einstellung! Seit drei Tagen weht uns ein frischer Ostwind entgegen. Läßt er einmal für kurze Zeit nach, ist es, als ob er kurz Luft holen wollte, um uns dann erneut anzublasen. Ich versuche, es gelassen zu nehmen und sehe nicht auf die Uhr oder die Geschwindigkeit.
 
Eine Begegnung mit einer Frau indianischer Herkunft fand ich bemerkenswert. Wir hielten gerade an, um uns auf unserer Karte zu orientieren. Auf der anderen Straßenseite stieg eine Frau aus ihrem Pickup und kam direkt zu uns herüber. Sie empfahl uns, nach fünf Mal rechts auf die Nr. 1 abzubiegen, weil sie nicht so bergig wie hier der Highway Nr. 2 sei. Nach fünf Mal kam die Abbiegung. Wir standen dort noch zweifelnd, da kam wieder ein Pkw. Aus dem Auto rief uns ein Mann, ebenfalls indianischer Herkunft, zu: „Fahren Sie diese Straße. Die hat nur einen Berg.“ Gerhard fragte ihn, ob er Indianer sei. „Ja“, sagte der Mann. Ob er auch ein Pferd besitze, wollte Gerhard wissen. „Das ist mein Pferd“, klopfte der Mann auf seinen Lenker. „Sind sie Farmer?“, fragte Gerhard weiter. „Nein, Straßenarbeiter.“ Dankbar für den Tipp fuhren wir die Nr. 1, und tatsächlich war bis auf einen Berg alles flach. Nach dieser Umgehung wurde es später noch recht bergig.
 
Wir fanden nach 90 Kilometern eine Bleibe in einem Motel, das mehr an einen Container oder Wohnwagen erinnerte. Es war so beengend, aber es war alles vorhanden, was wir brauchten. Am folgenden Tag kamen wir in eine große Stadt. Wir hielten an einem Motel, das unmittelbar neben einem chinesischen Restaurant lag. In diesem Restaurant konnte man bei einem chinesischen Buffet für 8,50 Dollar so viel essen, wie der Magen fassen konnte. Wir haben uns an diesen vielen Köstlichkeiten satt gegessen.
 
Billstone (??), die erste Stadt in North Dakota
 
In Willstone trafen wir auf vier Radler, zwei Paare aus Idaho, die mit dem Rad für einige Tage unterwegs waren. Sie hatten uns am Abend zum Essen eingeladen. Jim und Jane, Sandra und David bewunderten uns und ließen sich ausführlich von unserer Reise berichten. Wir versprachen uns, Kontakt zu halten. Sie hatten uns eingeladen, sie in ihrer Stadt zu besuchen.
 
Beerdigung auf amerikanisch
 
???Radwick ist der geografische Mittelpunkt Nordamerikas. Wir fanden eine Unterkunft in einem Motel am Highway. Zwei junge Brüder, die dieses Motel vor sechs Wochen gekauft hatten, waren die Besitzer. Dazu gehören eine Tankstelle und ein Restaurant. Die Eltern unterstützten ihre Söhne bei der Führung des Komplexes. Der Vater war von Colorado wieder zurück in seine ursprüngliche Heimat gezogen.
 
Heute kam der Bürgermeister persönlich und holte uns mit seinem Pickup ab. Eigentlich wollte er uns nur seinen Glockenturm und das Glockenspiel mit den zehn Glocken zeigen. „Möchten Sie mein Geschäft sehen?“, fragte er uns. Wir nickten – und erlebten eine amerikanische Bestattung. Er schloß die Tür zu seiner Wirkungsstätte auf, und wir betraten einen Raum mit gedämpftem Licht. Ein eigenartiger Geruch, der mir irgendwie bekannt war, lag in der Luft. Noch vermochte ich nicht zu sagen, was es war. „Hier findet das erste Gespräch statt“, sagte er und führte uns in das anschließende Zimmer, einer Art Vortragsraum mit sakralen Figuren an den Wänden. Er wurde konkreter und sprach von seinen Kunden und deren Angehörigen. Als er die nächste Tür öffnete, kamen wir in einen nüchtern gekachelten Raum, in dem zwei Bahren standen. Sie waren mit weißen Tüchern abgedeckt. An der Wand hing ein Glasbehälter mit einem Schlauch, der etwa fünf Liter Flüssigkeit fasste. Mir war dieser Behälter aus meiner Tätigkeit als OP-Schwester bekannt. Er diente zum Absaugen von Körperflüssigkeit. Ist das ein Sektionsraum, in dem Tote seziert werden?, fragte ich mich. Er erklärte: „Den Toten wird das Blut abgesaugt, und statt dessen bekommen sie Formaldehyd injiziert.“ Damit soll der Fäulnisprozess verhindert beziehungsweise verzögert werden. Aus angeblichen hygienischen Gründen wird dies so in Amerika praktiziert. Mir schauderte bei dem Gedanken.
 
Die Führung ging weiter. Im nächsten Raum standen mehrere Särge in unterschiedlicher Qualität und Ausführung, ob Eiche, Palisander oder auch Holzfurnier. Die Seidenwäsche war wählbar in weiß, rosa, himmelblau oder mit Blümchenmuster. Der Holzfurnier-Sarg stand in einer Ecke. Er war für die Armen, deren Beerdigung von der Regierung subventioniert wird. 99 Prozent der Verstorbenen dieser kleinen Stadt werden in der Erde bestattet, das restliche Prozent wird verbrannt. Die Urnen können sich die Angehörigen zu Hause in die Wohnung stellen. In Miniatururnen bekommt jeder Verwandte ein bisschen Asche des Verblichenen.
 
Der Bestattungsunternehmer zeigte uns ein Modell von der Sarghülle, wählbar in massiv Kupfer oder Beton, oder, wenn es ganz kostbar sein soll, Nirosta-Stahl. Darin wird der Sarg einbettet. Den Abschluss bildet oben eine Betonplatte. Alles ist für eine eventuelle Auferstehung für die Ewigkeit gedacht. Wir waren sehr beeindruckt. Jeder von uns dachte: „Typisch amerikanisch.“ In einem Gästebuch zeigte uns der Bürgermeister einen Eintrag vom Gouverneur von North Dakota. Wir waren beide wie betäubt. Das war ein Spektakel besonderer Art. Seine Frau kam hinzu. Sie besitzt ein Geschäft mit Souvenirartikeln mit Stickereiapplikationen, die jeder individuell wählen kann. Das Geschäft ist in einer ehemaligen presbyterianischen Kirche untergebracht.
 
Es war schon recht spät, am Vormittag gegen elf Uhr, als wir mit unserer Tagesetappe begannen. Nach drei Meilen wurden wir zum ersten Mal vom Regen geduscht. Schon fünf Minuten, bevor der Regen kam, hatte ich meinem Gerhard zugerufen: „Sollen wir nicht unsere Regenkleidung anziehen?“ „Warten wir noch“, war seine Antwort. Natürlich zogen wir uns im strömenden Regen die Kleidung an. „Wie immer“, sagte ich zu ihm. „Du hast ja Recht“, antwortete er mir.
 
Später, als der Regen vorbei war, sprachen wir über diesen Besuch. Der Randstreifen war breit genug, und der Autoverkehr war minimal. Ich begann: „Mal ehrlich, wenn ich jetzt tot wäre, welchen Sarg würdest du für mich wählen? Sag es einfach aus dem Bauch heraus! Wählst du eine einfache Jammerkiste, sagt das Umfeld, mehr war sie ihm nicht wert.“ „Stimmt, du hast recht.“ „Also, ist das makaber?“ „Ja, aber vergiß‘ nicht, der Tod gehört zum Leben.“ „Wenn du dich verbrennen läßt, kann ich deine Urne auf unseren Kaminsims stellen. Asche zu Asche“, sagte ich sarkastisch.
 
Wir beendeten das Thema und konzentrierten uns auf die Straße. In der Ferne sahen wir schon wieder drohende schwarze Wolken, die nichts Gutes verhießen. Noch drei Mal kam ein Regenschauer auf uns nieder. Wir sind froh, nach 95 Kilometern ein Motel zu finden. Ein heißes Wannenbad bringt wieder Leben in uns.
 
Seit 17 Tagen fahren wir die nördliche Route auf dem Highway Nr. 2 in Richtung Osten. Gut und breit ausgebaute Straßen für wenig Autoverkehr, umgeben von einer herrlichen Landschaft. Wir sind über die Cascades, die letzten Ausläufer der Rockies, gefahren. In Grand Folks? In Kanada sind wir über die Grenze in die USA eingereist, im Staate Washington, haben Idaho, Montana und North Dakota erreicht. In zwei Tagen kommen wir nach Minnesota. Wir sind über 2.500 Kilometer gefahren und haben fast 17.000 Höhenmeter überwunden. Im Durchschnitt waren das 900 Höhenmeter bei annähernd 100 Kilometern pro Tag.
 
Bisher sind wir nur auf freundliche Menschen gestoßen. Aber die Fast-Food-Mentalität hat sich in den letzten fünf Jahren geändert. 70 Prozent der Amis sind zu dick. Den Wilden Westen gibt es immer noch. Wir merken es an den Rodeos, die plakativ ausgeschrieben sind. Viele Männer tragen die typischen breitkrempigen Hüte und die Jeans mit den Cowboystiefeln. Über manchen Lokalen steht „Saloon“ An Stelle der Pferde haben sie Pickups.
 
Die herrliche Berglandschaft haben wir verlassen. Die Flatlands umgeben uns. Weiden oder bestelltes Ackerland, so weit das Auge reicht. Die Straßen sind gut für Intervall-Training. Manchmal liegt die Straße vor uns wie eine Himmelsleiter, die in Etappen hoch geht. Haben wir den Gipfel erreicht, schießen wir mit einem irren Tempo herab, mit 50 oder 60 Stundenkilometer, um den nächsten Berg so weit wie möglich hochzukommen. Zu keiner Zeit war es uns langweilig. Wir hatten Schiebewind und leicht fallendes Gelände. Da hatten wir einen Schnitt von 28,1 Stundenkilometern. Das Wetter ist wärmer geworden. Die warme Kleidung haben wir wieder tief unten in unsere Taschen gepackt. Hoffentlich können wir sie dort auch lassen.
 
Meine Laune ist an diesem Tag unter Null. Die Muskeln rufen nach Entspannung, doch mein Chef gibt die Order zum Weiterradeln aus. Die Argumentation: „Der Wind steht günstig, es regnet nicht.“ Ich muss nachgeben, wenn auch unter Protest. Für 150 Kilometer Tagesetappe fehlt mit die mentale Einstellung. Hin und wieder überholen uns Motorhomes. Das sind Eigenheime auf vier Rädern, deren Besitzer wie die Nomaden früher dorthin fahren, wo es warm ist. Es sind vorwiegend ältere Leute, Pensionisten, die oft körperlich nicht sehr fit wirken. Steigen sie aus, um in die nächste Fast-Food-Bude zu gehen, müssen sie eine Verschnaufpause zwischen dem Parkplatz und dem Lokal einlegen. An ihren Motorhomes, die die Größe eines Busses haben, hängt vielleicht noch ein Pkw zur Ergänzung, und obendrauf noch ein Boot.
 
Wir können keinen Genuss an diesen Schnellimbissen der Dickmacher finden und versuchen, uns wie gewohnt zu ernähren: mit viel Gemüse und Obst. Die Motels geben uns begrenzt die Möglichkeit, selbst zu kochen. Dafür stehen oft eine Mikrowelle und ein Kühlschrank zur Verfügung. Nach Brot, wie wir es kennen, suchen wir vergebens. Allerdings sind die Regale gefüllt mit Broten, die ob dunkel oder hell, sich wie Schwämme zusammendrücken lassen. Das ist schon eine wahre Kunst, und wird für uns immer ein Geheimnis bleiben. Wir prüfen das Brot auf eine harte Kruste – vergebens. Ließen wir es los, schnellte es in seine ursprüngliche Form zurück. Gerhard ruft jedes Mal: „Pfui Teufel!“ Wenn wir Glück haben, finden wir Knäckebrot. Die Tiefkühlschränke sind gefüllt mit großen Säcken Pommes und Fertiggerichten.
 
Je weiter wir ostwärts kommen, um so dunkler wird das Ackerland, ja fast schwarz. Rechts und links des Highway Nr. 2 sehen wir viele Seen und Teiche, Brutstätte für Moskitos, die jedes Jahr zur Plage werden. Sie haben sich dem Wind und der kühlen Jahreszeit angepasst. Selbst unter der Fahrt springen sie mich an und stechen durch die Kleidung. Zurück bleiben rote Quallen, große wie ein Eurostück, die leicht jucken. Ein dürrer Schilfhalm ist Landeplatz für Vögel. Ich bin fasziniert: Wie können sie so gut zielen? Sie unterscheiden sich im Aussehen durch eine orange-gelbe Halskrause von den europäischen Staren.
 
Der neue Bundesstaat Minnesota ist relativ flach, nur wenig bergig. Mehr und mehr sehen wir Baumkolonien als Windschutz für Ackerland und solitär stehende Häuser oder Ranchen. Oftmals steht über dem Eingang einer Ranch der Familienname. Auf einem Holztorbogen las ich „Path of life“. Dieses Land ist so weit, dass es viel Brachland gibt. Versuchsweise werden Fichten oder Laubbäume angepflanzt. Je weiter wir ostwärts kommen, mehren sich die Baumanpflanzungen, die dann schon kleine Wälder sind. Das Land Minnesota ist hier fruchtbarer als im Westen.
 
In einer Stadt mit ca. 2.500 Einwohnern nächtigen wir. Da gab es ein China-Buffet für 8,50 Dollar. Wir konnten so viel essen, wie der Magen fasste. Alle Fleisch- und Fischsorten, diverse Gemüse, Nudeln und Reis in jeder Zubereitungsart. Selbst roher Lachs fehlte nicht. Als Magenschließer und Abrunder danach noch Dessert, wieder in reicher Auswahl. Doch wir beide bleiben unserer Devise treu: Nur so viel essen, bis wir satt sind. Nur sehr selten haben wir gesundes, schmackhaftes Essen, wie wir es uns vorstellen, in den Restaurants gefunden. Die Amis bevorzugen fast ausschließlich Fast-Food-Gerichte, fritierte und mit Panade umhüllte Lebensmittel. Andererseits werden viele Lebensmittel mit der Aufschrift „Low Fat“ angeboten. Das hat für mich eine Alibi-Funktion. Das Ergebnis dieser Ernährung läßt sich an der Körperfülle der Menschen ablesen.
 
Unterwegs ist mein Gerhard derjenige, welcher alle paar Meilen ein menschliches Bedürfnis hat. „Schatz, halte bitte mal“, ruft er. „Was ist denn“, frage ich. „Ich muss mal“, antwortet er. „Du mit deiner Sextanerblase!“
 
Eine lange Distanz und ein Amerikaner besonderer Art
 
Völlig platt kamen wir an einem Spätnachmittag in der Stadt Demidji in Minnesota an. Wir suchten Quartier. In einem Motel hätten wir bleiben können, aber der Preis lud nicht zum Bleiben ein. Das sprengte unser Tagesbudget. „Das ist uns zu teuer“, erklärten wir der Rezeptionistin. Ein in der Nähe stehender Mann verfolgte unser Gespräch. Kurz entschlossen bot er uns seine Suite, die er in diesem Motel bewohnte, an. Er selbst hatte in der Nähe ein Landhaus. Wir sahen ihn völlig überrascht an, und ehe wir die Situation ganz realisiert hatten, besaßen wir den Zimmerschlüssel. „Morgen früh um sieben lade ich sie zum Frühstück ein“, sagte er und ging davon. Etwas befangen gingen wir mit unseren Packtaschen aufs Zimmer.
 
Am nächsten Morgen pünktlich um sieben trafen wir uns mit diesem selbstlosen Menschen. Er hatte offensichtlich Zeit – so wie wir, denn wir hatten einen Ruhetag geplant. Er war ein pensionierter Chirurg, der in den warmen Monaten in Minnesota lebt und ansonsten in Arizona ein Haus hat. Auch er war ein ambitionierter Radler. Das hatten wir schon am Abend bemerkt, denn sein Rennrad stand im Zimmer. Er plante eine Reise mit dem Rad durch Spanien. Also war das Rad ein Vehikel für das Verständnis für uns.
 
Die Mentalität der Amis drückt sich in ihrer Flexibilität aus. Bis ins hohe Alter sind sie bereit, kurz entschlossen Haus und Hof zu verkaufen, um in einem anderen Staat der USA neu zu beginnen. Überwiegend sind die Häuser in Leichtbauweise aus Holz konstruiert. Nicht selten sahen wir ein komplettes Haus auf einem Tieflader, der mit „oversize load“ über die Straße rollt. Der Käufer kann sich das Haus an den gewünschten Ort liefern lassen und dort auch bestimmen, ob es quer oder schräg stehen soll. Manche Häuser erinnern an einen Container. Um es mit den Worten eines Bayern zu sagen: Es sind „Pappendeckelhäuser“.
 
In Minnesota und Wisconsin wird das Farmland von vielen kleinen Seen und „national forests“ abgelöst. Einmal umschwärmten uns über 40 Meilen Fliegen und Bremsen. Ich versuchte, dem Schwarm zu entkommen, und verschärfte das Tempo. Bei einer kurzen Rast fragte mich Gerhard: „Warum fährst du so schnell?“ Ich rief: „Ich will den Bremsen entkommen.“ „Die hast du sowieso um dich, egal wie schnell du fährst“, entgegnete er gelassen.
 
Viel Brachland und abgestorbene Lärchenwälder, für die die Ursache nicht erkennbar war. Aber vielleicht ist im Nachhinein betrachtet das viele Salzen auf den Straßen die Ursache, denn die Temperaturen sind hier oft 20 Grad unter Null, und der Winter ist mindestens ein halbes Jahr lang. In den „national forests“ wird am Wald nichts verändert, es gilt das Prinzip der Selbstregeneration. In Wisconsin gibt es keine Meilensteine mehr. Die Straßenbeschilderung beschränkt sich auf ein Minimum.
 
Der Ami Gregg
 
Unterwegs wurden wir von einem jungen Ami angehalten, der uns zur Begrüßung jedem eine Flasche Energy Drink in die Hand drückte. „Hi, where do you go?“, fragte er uns. “Around the world”, antwortet mein Gerhard. Er ist der Sprecher von uns beiden, den mein englischer Sprachschatz reicht für eine Unterhaltung nicht aus. Er machte ein Foto von uns und lud uns über Nacht zu sich nach Hause ein. Gerhard war gleich einverstanden. Seine Begeisterung konnte ich nicht teilen und sagte: „No, thank you.“ Ich fühle mich in diesen Privatunterkünften so abhängig. Er empfiehlt uns ein gutes, preiswertes Motel. Wir verbleiben so, dass wir uns zum Abendessen treffen. Auf der Fahrt zum Motel werden wir Zeuge eines Zusammenstoßes zwischen einem Auto und einem Motorrad. Das Ergebnis: ein Toter und drei Schwerverletzte. Wir sind geschockt. Auch das mahnt uns, konzentriert und aufmerksam zu fahren.
 
Im Motel wurden wir erwartet. Unser Freund Gregg, wie der junge Ami hieß, hatte das Zimmer schon gebucht und bezahlt. Wir haben mit ihm telefoniert und uns für sechs Uhr abends zum Essen verabredet. Er holte uns ab und fuhr mit uns in ein mexikanisches Lokal. Wir bestellten mexikanische Gerichte, Gregg sich einen Halbpfünder. Gerhard war es wichtig, die Stimmung und die Meinung über den Irak-Krieg quer durch alle Altersgruppen zu hören. Dieser Ami war ambivalent zum Krieg. Er wusste nicht so recht. Wir wollten uns mit dem Bezahlen des Essens für die Unterkunft bedanken. Keine Chance: Ehe wir reagieren konnten, hatte er seine Kreditkarte der Bedienung gegeben. Da nützte auch kein Protest. Als wir wieder allein waren, bemerkte ich zu Gerhard: „Na der Gregg braucht wohl auch seinen täglichen Burger. Der ist ja schon burger-abhängig.“
 
The Weather Channel
 
In den Staaten gibt es im Fernsehen einen Wetterkanal, der 24 Stunden ausschließlich über die Wetterkonditionen berichtet. Unter anderem gab es eine Serie, die „storm stories“ hieß. Da wurden Bilder von Naturkatastrophen wie Sturm, Feuer, Flut, Hochwasser, Hurrikane und deren Auswirkungen und Folgen aus der Kiste geholt, die manchmal zehn Jahre zurücklagen. Es blieb bei uns der Eindruck zurück, dass sie damit die Einschaltquoten erhöhen wollten. Alle drei Minuten wurde uns Werbung reingepresst. Ich habe überwiegend die Stummschaltung eingeschaltet. Für uns war ja nur das regionale Wetter von Bedeutung, nach dem wir unsere Radkleidung herrichteten.
 
Eine lange Distanz und eine schmerzende Sitzfläche
 
Sonntag morgen war auf der Straße wenig Verkehr. Wir steuerten die größere Stadt Dolus an der Grenze zu Wisconsin an. Unterwegs musste ich mehrmals anhalten, weil aus unerklärlichen Gründen meine Sitzfläche schmerzte. Zwischendurch entlastete ich meine Kehrseite, indem ich mich auf meine Pedale stellte. Wir meiden die größeren Städte oder versuchen, sie zu umgehen. So auch an diesem Tag. Die nächste Stadt hinter Dolus lag auf der anderen Seite des Hafenbeckens des Superior-Sees. Beide Städte verbindet eine lange Brücke, über die eine Interstate führt. Wir hatten offensichtlich den Eingang des speziellen Radweges über die Brücke verpasst. Wir fuhren mit ungutem Gefühl auf dem Seitenstreifen der Interstate. Ein Radfahrer, der uns auf dem Radweg entgegenkam, hielt uns an. Es sei verboten, auf dem Seitenstreifen zu fahren, mahnte er. Er bot uns an, uns zu helfen, die Räder und das Gepäck über die hüfthohe Abgrenzung zu hieven. Wir willigten ein, den unsere Sicherheit war uns wichtig. Auch er lud uns ein, bei ihm zu nächtigen. Davon machten wir keinen Gebrauch und fuhren weiter.
 
In zwei Tagesetappen waren wir durch Wisconsin. Iron Wood hieß die erste Stadt im Staate Michigan, die wir ansteuerten. Die Flüsse, die wir querten, hatten alle eine braune Farbe, was auf eisenhaltiges Wasser schließen ließ. Ein Bibliothekar bestätigte unseren Verdacht und wusste viel von der Geschichte seines Städtchens zu erzählen, wo tatsächlich früher Eisen abgebaut wurde. Es war nie langweilig. Die Natur um uns war üppig mit ihren Mischwäldern, Fichten, Erlen, Eichen und Pinien, sattgrünen Wiesen mit Margheriten, Lupinien, Butterblumen oder reichlich Ackerschachtelhalm. Über 3.500 Kilometer seit Vancouver erlebten wir den Frühling. Die größte Hitze kam zu unserem Vorteil in diesem Jahr später.
 
Unterwegs überholte uns ein Auto mit einem Anhänger, der ziemlichen Lärm machte. Bei genauem Hinsehen erkannte ich, das einem Rad des Anhängers der Reifen fehlte. „So etwas gibt es nur in Amerika“, bemerkte ich. Um die Häuser sehen wir ausschließlich riesige, gepflegte Rasen. Mit ihren Diesel-betriebenen Rasenmähern mit Sitzgelegenheit kommen uns die Besitzer vor wie Kinder im Autoscooter. Wir hatten das Gefühl, das es ihnen großen Spaß macht, so ohne körperliche Anstrengung den Rasen zu mähen. Das Ergebnis dieser Bewegungsarmut und das ernährungsphysiologisch arme Essen ist, dass viele ältere Menschen nicht mehr richtig gehen können. Sie gehen am Stock oder sitzen sogar im Rollstuhl. Ich frage Gerhard: „Hast du hier schon einmal einen Gemüsegarten gesehen?“ „Nein, habe ich noch nicht“, gibt er zurück. Ich spöttelte: „Na ja, die Burger gedeihen im Garten so schlecht.“
 
25 Meilen Langeweile
 
Auf einem Abschnitt von 25 Meilen in Richtung kanadische Grenze führte die Straße schnurstracks geradeaus. Wenig Abwechslung von der Natur, wieder mal ein Nationalpark. Immer die gleichen Bäume, wenig Blumen am Wegrand, dazu die schlechte Straße, die gleichmäßige Risse in der Decke aufwies. Das erzeugte ein eintöniges Geräusch – „plock, plock“ – an unseren Rädern. Erschwerend kamen die schmalen Randstreifen hinzu. Auf dieser Straße herrschte dichter Autoverkehr einschließlich Schwerlastverkehr, der in Markqart in Richtung Süden/Detroit abbog. Die weniger stark befahrenen Straßen waren in einem besseren Zustand.
 
An der kanadischen Grenze in Saoltste Marie
 
Ein Teil von Saoltste Marie lieg im Staate Michigan, USA. Der andere Teil liegt in Kanada und wird durch die Ausläufer des Superior-Sees abgetrennt. Dorthin führt eine Brücke von ca. zwei Kilometern. Es war Samstagmorgen, und wir waren früh da. Das war ein Glück, denn es herrschte wenig Verkehr. Ein besonders langsam arbeitender Grenzbeamter verursachte einen Autorückstau. Zum ersten Mal empfanden wir unsere Vehikel als Vorteil, denn wir fuhren an all den wartenden Autos vorbei. Mich plagte ein schlechtes Gewissen. Durften wir einfach vorbei, oder hätten wir uns fairerweise auch anstellen müssen? Quatsch, dachte ich. Die Autofahrer sind im Gegensatz zu uns so oft im Vorteil. Das Passieren der Grenze ging ohne Probleme vonstatten. Wir waren jetzt wieder in Kanada.
 
Manfred Rupp in Broce Mines
 
Wir fuhren weiter in Richtung Osten. Auf unserer Route lag das Dorf Bruce Mines mit 600 Einwohnern. Hier lebt Manfred Rupp, der Sohn eines mit uns befreundeten Ehepaares aus dem Allgäu. Wir trafen uns mit ihm. Der ehemalige Bankangestellte lebt mit seiner Frau und den vier Kindern auf einer Farm vier Kilometer abseits der Hauptstraße, auf der er Schafe und Büffel züchtet. Es sind 600 Schafe und 70 Büffel, die versorgt werden müsse. Wir fragen, ob er die Wolle verkauft. „Nein, das lohnt sich nicht, die Unkosten sind höher als der Ertrag“, antwortet er. Die Wolle wird verbrannt. Unsere Frage, ob sie hier glücklich sind, beantworten beide mit einem spontanen „Ja“ und fügen hinzu: „Wir würden es immer wieder machen.“ Manfred Rupp besitzt aber auch noch einen Tieflader und bekommt Aufträge, Eisen und Stahl zu transportieren.
 
Wir wohnten in einem Motel, das einen deutschen Besitzer hat. Gleich nebenan gab es ein Restaurant mit dem klangvollen Namen „Bavarian Inn“. Es ist der gleiche Besitzer, den wir auch kennen lernen. Er kommt aus Frankfurt, seine Frau aus Köln. Beide sind etwa 60 Jahre alt. Hier konnten wir gut essen, und dazu gab es tatsächlich ein Hacker-Pschorr-Bier. Nach so viel amerikanischem Budweiser hat es köstlich geschmeckt. Das Paar hatte uns am nächsten Tag zum Brunch eingeladen. Es fehlte uns an nichts, es war wirklich deutsche Esskultur.
 
Der Highway Nr. 17
 
Es ist heiß geworden. Schon früh um neun steht die Sonne hoch. Das bedeutet für uns, zügiger und früher aufzustehen. Im Indianerreservat ist das Land nicht kultiviert. Eine gewisse Eintönigkeit der Landschaft lässt sich nicht leugnen. Wir fahren weiter auf dem Highway Nr. 17, der stark befahren ist. Es gibt nur diese eine Verbindungsroute in Richtung Osten. Die Straßen sind in unterschiedlichem Zustand. Vor allem fehlt uns der sichere und breite Seitenstreifen wie auf der Nr. 2. Die Straßen sind schmal und die Randstreifen oft nicht mehr als 20 Zentimeter breit. Wir müssten oft Schotter oder Glas ausweichen und blicken dauernd in den Rückspiegel. Diese Straße verlangt volle Aufmerksamkeit und Konzentration. Kurioserweise war der Randstreifen breit, wenn die Straßen zweispurig waren – um dann unvermutet zu enden.
 
Einmal wurde ich von einem Lastwagen angehupt. Gelassen winkte ich. Es war ein „Oversize load“-Truck, der einen überbreiten Bungalow transportierte. Er kam mir so nah, dass ich den Luftzug der Druckwelle am linken Arm spürte. Erst als das Fahrzeug an mir vorbei war, wurde mir bewusst: Eine falsche Bewegung von mir, und er hätte mich unfreiwillig mitgenommen. Wir hatten Gelegenheit, den Highway für 30 Kilometer zu verlassen, was eine kurze Erholung bedeutete. Später mussten wir auf die Nr. 17 zurückkehren. Gegen elf Uhr wurde es unerträglich heiß. Wir näherten uns Montreal. Der französische Einfluss ist an Steinhäusern und Straßenschildern nicht zu übersehen. Aus den Geschäften hörten wir mal englische, mal französische Worte. Auch die Fahrweise der Autofahrer ist europäisch, sprich: schnell und rücksichtslos.
 
Der siebte Hochzeitstag
 
An unserem siebten Hochzeitstag hatten wir keine Zeit, um mit Champagner anzustoßen. Morgens um acht starten wir, schon um neun Uhr ist es drückend heiß. Die Straßen sind weiterhin schlecht. Die kalten und langen Winter kann man am Zustand der Straße ablesen. Jedes Mal, wenn sich uns ein Lastwagen nähert, umklammere ich meinen Lenker fester, gerade so, als wollte ich mich an ihm festhalten. Wir wissen nie, ob der Fahrer so nah kommt, dass er uns fast touchiert, oder einen gebührenden Abstand einhält. Schon mehrmals musste ich ausweichen und landete im losen Schotter. Die Toleranz der kanadischen Autofahrer ist gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern sehr begrenzt, im Gegensatz zu den Amerikanern, die meist in der Defensive fahren.
 
Ein giftiger Anstieg
 
Gleich vom Motel aus kam ein giftiger Anstieg über 3,5 Kilometer mit 137 Höhenmetern. Wir spürten die Belastung der vergangenen Radtage. Die Berge der Laurentien waren ein ständiges Auf und Ab, mit unendlich vielen Anstiegen und vielen Abfahrten. Erschwerend kam hinzu, dass sich über 19,4 Kilometer eine Baustelle hinzog. Die Straßen waren holprig und erlaubten uns kein schnelles Abfahren. Die Belastung für unsere Räder war immens. Hoffentlich halten sie das aus.
 
Zwischen Mischwäldern kommen kilometerlange Pinienwälder, die einen typischen Geruch verbreiten, der erdig und schwer ist. Uns entgeht auch nicht der Geruch von verwesenden Tieren, den wir in Australien zur Genüge wahrnehmen mussten. Manchmal rauschen riesige Lastwagen an uns vorbei und hinterlassen eine Duftfahne von Schwein. „Ach du arme Sau“, denke ich.
 
In dem beschaulichen Städtchen Deep River legen wir einen Ruhetag ein. Wir haben es dringend nötig, denn unsere Beine wollen nicht mehr so recht. Am Sonntagmorgen werden wir mit Sonnenschein begrüßt. In der Nacht hatte es kräftig geregnet. Noch war wenig Verkehr auf den Straßen, aber zwei Stunden später bemerkten wir keinen Unterschied zum Werktag. Da rauschten Pkws und Lastwagen an uns vorbei. Der Himmel zeigte Quellwolken. In der Vorhersage war Gewitter angesagt worden. Ich verschärfte das Tempo. Vor Gewitter habe ich seit meiner Kindheit große Angst. Nass werden ist nicht weiter schlimm. Schließlich bin ich kein Stück Seife, ich nütze mich im Regen nicht ab. Nach 87,5 Kilometern verlassen wir den Highway Nr. 17 und fahren 20 Kilometer auf einer Querverbindung, einer verkehrsarmen Straße. Da begann es zu regnen, und auf den letzten fünf Kilometern zuckten gefährlich wirkende Blitze am Himmel, denen ein krachendes Donnern folgte. Wir fuhren, was die Kondition hergab. Ich spürte wieder das kalte Regenwasser in meinen Schuhen. Da endlich sehen wir das ersehnte Motel. Nach einem heißen Bad sieht die Welt schon besser aus.
 
Auf unserer Weiterfahrt auf dem Highway Nr. 17 treffen wir einen Radler, einen Frankokanadier aus Montreal, der am Anfang seiner Tour steht. Er will ein Jahr lang unterwegs sein. Er empfahl uns, die Route über Amyler nach Ottawa zu nehmen. Wir fragten uns durch, und der Tipp war richtig gut. An Stelle des Autolärms hörten wir Vogelgezwitscher. Viele Radler und Inline-Skater sind auf diesem Weg unterwegs. Wir fahren am Fluss Ottawa entlang, umgeben von dichtem Mischwald. Wir erreichen die riesige Stadt Ottawa, in der die moderne Architektur mit der alten optisch sehr angenehm verknüpft ist. Auch an die Radler wurde gedacht: Hier gibt es gut ausgebaute Radwege. Wir haben in Ottawa so viele Radler wie bislang auf unserer ganzen Reise nicht gesehen. Wir fragten uns weiter nach dem alten Highway in Richtung Osten durch.
 
Die Radbedingungen waren ideal. Herrlicher Sonnenschein, angenehme Temperaturen und Rückenwind. Unsere Räder rollten beinahe von allein. Wir müssen weit fahren, bevor wir Quartier finden. Während wir dahinpedalieren, überlege ich mir, wie lange unsere Reise dauert. Ich rufe meinem Gerhard zu: „Unsere Reise dauert beinahe so lange wie eine Schwangerschaft!“ Eine Schwangerschaft dauert 280 bis 283 Tage, unsere Reise aber nur 260 Tage. Insgesamt sind wir 80 Kilometer auf asphaltierten Radwegen gefahren, zuerst durch Ottawa, dann am Ottawa- und am Laurentien-Fluss entlang. Der Wind unterstützt uns von hinten. An diesem Tag feierte Kanada seinen 135. Nationalfeiertag. Vielerorts waren ganze Straßenzüge für den Autoverkehr gesperrt, weil Straßenfeste stattfinden. Es herrschte ein buntes Treiben mit Musik und Veranstaltungen. Alles, was Beine hat, war unterwegs. Das sonnige Wetter war geradezu dazu gemacht. Das Radeln wurde für uns zum Genuss. Um die Region Carignan zu erreichen, mussten wir drei Brücken passieren. Spezielle Radwege führen über die Flüsse.
 
Im Laufe des Nachmittags zogen dicke Regenwolken auf. Wir versuchten, ihnen zu entkommen, und traten wieder in die Pedale. Wir hatten die drei Brücken passiert, doch am Ziel waren wir noch lange nicht. Da kam ein heftiger Gewitterregen auf uns nieder. Wir konnten gar nicht so schnell unsere Regenkleidung herausholen. Unter einem Dachvorsprung suchten wir Schutz. Eine freundliche Frau gewährte uns eine Unterstellmöglichkeit in ihrem Haus, gab uns ein Handtuch und etwas zu trinken. Der Regen hatte nachgelassen, und wir wollten weiter. Nach 500 Meter stellte Gerhard einen Platten am Vorderrad fest. Das war schnell behoben, denn nach mehr als 20 platten Reifen hatten wir die nötige Routine. Wieder fragten wir Passanten nach dem von uns angestrebten Ort. Chablis sollte sieben Kilometer entfernt sein. Aber nach dieser Distanz immer noch keine Spur von einer Ansiedlung.
 
Es war ungemütlich, es regnete, und die Straße war holprig. „Da rechts ist eine Autowerkstatt, da arbeitet ein Mann. Frag’ ihn doch bitte, wo es nach Chablis geht, und wie weit es noch ist“, bat ich Gerhard. „Ich mag nicht mehr, ich will endlich angekommen sein.“ Der Radcomputer zeigte 168 Kilometer. Mein Mann bat den Werkstattbesitzer, telefonieren zu dürfen. Nach zehn Minuten verkündete er: „Die Verwandten holen uns ab.“ Wir sollten warten, in 15 Minuten seien sie da. Ich muss meinem Mann wohl sehr Leid getan haben. Es war ja nicht so, dass ich nicht mehr konnte: Vielmehr die Ungewissheit, wie weit es tatsächlich noch sein sollte. Die mentale Einstellung zur Distanz war gefragt. Die Verwandten kamen, nahmen uns die schweren Packtaschen ab und lotsten uns zu ihrem Haus. Die Kusine von Gerhard, die hier seit 35 Jahren mit ihrem Mann lebt, hat sich ein beachtliches Zuhause geschaffen. Sie machte uns ein heißes Wannenbad – das war göttlich. Dann gab es original Münchner Weißwürste und ein gutes Bier dazu. Weiß der Himmel, wo sie das gekauft haben. Hier machen wir acht Tage Relaxing, bevor wir nach Marokko weiterfliegen. An jedem Tag werden wir von ihnen verwöhnt.