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Ausführlicher Bericht vom 2. Teil der Weltreise – Kassette 6

Casablanca

Schon im Flieger recherchierte ich in meinem Gehirn: Was weiß ich über Marokko? Eigentlich nicht viel. Mit Marokko verband ich marokkanische Apfelsinen, Gastarbeiter in Deutschland und ein spannendes Buch, das "Der Tuareg" hieß. Nach acht Tagen erholsamen Urlaubs bei Verwandten in Kanada flogen wir mit einer Nachtmaschine direkt nach Casablanca. Als die Maschine den marokkanischen Boden berührte, sagte ich zu meinem Mann: "Jetzt kannst du den legendären Satz zu mir sagen wie einst Humphrey Bogart: Schau' mir in die Augen, Kleines! Damals in Kasachstan, als ich Hepatitis hatte, hast du diesen Satz fast täglich zu mir gesagt."

Es war noch früh am Morgen, doch es herrschte schon Betriebsamkeit auf den Straßen. Ein Shuttlebus brachte uns in die Stadt. Wieder einmal waren wir übernächtigt. In einem schlichten, aber sauberen Quartier schliefen wir uns erst einmal aus. Am späten Nachmittag bummelten wir durch Casablanca und schlenderten über den Basar. Hier boten Händler allerlei brauchbare und unbrauchbare Ware an. Die Männer trugen ihre weißen Kaftans mit passenden Kappen oder Turbans. Ein buntes Bild, die Toleranz gegenüber der Kleiderordnung scheint in diesem Land hoch zu sein: Jeder trägt, was er will. Angenehme Temperaturen luden zum Verweilen unter freiem Himmel ein. Wir aßen also in den Straßenrestaurants im Freien. Die ersten Erfahrungen mit den Menschen hier waren angenehm.

Mit dem ersten Bus fuhren wir ins 200 Kilometer entfernt gelegene Marrakesch. Die schmale Straße, die in einem guten Zustand war, führte über zwei Pässe. In Serpentinen schraubte sich der Bus bis zu einem Bergkamm hoch. Nach viereinhalb Stunden Fahrzeit kamen wir im Busbahnhof an, der inmitten der Altstadt von Marrakesch lag. Wir wohnten gegenüber der Altstadt, die von einer zehn Meter hohen, rotbraunen Mauer umgeben ist. Noch zaghaft beschritten wir eines der vielen Tore zur Altstadt. Schmale Gassen und hohe Wände bieten Schutz vor der sengenden Sonne.

Natürlich wurden wir von den vielen selbst ernannten Führern angesprochen. Wir lehnten dankend ab und ließen sie links liegen, so dass sie nach kurzer Zeit von selbst aufgaben. Die alten Häuser der Stadt präsentieren sich in einer breiten Farbpalette, von ocker bis rotbraun oder rosa. Viele kleine Läden bieten von Fleisch bis zu Schrauben alles nur Denkbare an. Ich sah einen Buben, der vier dünne, zwei Meter lange Fäden unter Spannung hielt, während der Vater ein Tuch säumte.

Am nächsten Tag fuhren wir mit einer Pferdekutsche außen um den Wall der Stadtmauer herum. Die Stadtmauer hat viele Pforten, in denen die einzelnen Handwerker und Händler untergebracht sind. Unser Kutscher führte uns zu einer Gerberei, in der die Behandlung der Felle und des Leders ausschließlich noch Handarbeit ist. Da standen riesige Behälter, die wie die Betonringe aussehen, die bei uns für die Kanalisation verwendet werden. Damit der ungewohnte, stechende Geruch für uns leichter zu ertragen, gab man uns ein Pfefferminzzeug, an dem wir riechen konnten. Der obligatorische Obolus für die Führung war fällig.

Die Kutschenfahrt ging vorbei an vielen Toren zur Residenz des Kaisers. Menschen winkten uns zu. Die Fahrt endete auf dem großen Platz., dem "square". Es war später Nachmittag geworden, die Hitze war gebrochen. Die Sonne zeigte ihre letzten Strahlen. Hier war ein Menschengedränge wie auf einem Jahrmarkt. Auf dem Platz herrschte buntes Treiben, Musiker spielten Folklore auf landestypischen Instrumenten. Kunststücke wurden gezeigt, Gaukler waren da, und nicht zuletzt qualmte es aus vielen Stellen, an denen Essen angeboten wurde.

Ein Kundenfänger sprach uns in Französisch an. Als er unser Herkunftsland erfuhr, erzählte er uns in Aachener Dialekt, dass er 15 Jahre in Deutschland gearbeitet hatte. "Setzen Sie sich bitte", forderte er uns auf. "Was wollen Sie essen?" Auf einer Tafel lasen wir die Speisekarte. Couscous besteht aus gekochtem Weizengrieß und Getreide, das mit Safran und Marsala gewürzt wird. Es ist wahlweise mit Gemüse oder Fleisch zu haben. Brouchette wird in einem Tonteller mit zylindrischem Deckel auf offenem Feuer gekocht: geschnittene Kartoffeln, Gemüse mit und ohne Fleisch, ebenfalls mit Safran gewürzt, und Fleischspieß. Marokkanischer Salat sind klein gewürfelte Tomaten mit Zwiebeln und Oliven.

An anderen Ständen wurde Tee ausgeschenkt. Wir schlenderten über den Platz und gerieten, ohne dass wir es wollten, in die Altstadt von Marrakesch. Zu spät merkten wir, dass wir uns verirrt hatten. Die Gassen wurden schmal, alle sahen gleich aus, eine Gasse wie die andere. Es war dunkel geworden. Menschengedränge. Ratlos sahen wir uns an. Ein Mann in ärmlicher Kleidung fragte uns in schlechtem Englisch, was wir suchen. "Wir wollen auf die andere Seite der Stadtmauer, in die Neustadt", antwortete Gerhard. Der Frager lächelte und entblößte seine lückenhaften Zähne. "Coming", forderte er uns auf. In flottem Tempo folgten wir ihm, vorbei an hunderten von kleinen Läden. Ich konnte alles nur schemenhaft wahrnehmen, denn wir wollten den Mann nicht aus den Augen verlieren. Wir bogen mal nach rechts, mal nach links ab und drängten uns durch die Menschenmenge. Ab und zu zwängten sich Taxis oder Handkarren durch das Gewühl. Es war ein Labyrinth. Wir sahen immer wieder die Stadtmauer. Mir wurde heiß, und ich fühlte meinen Puls am Hals schlagen. "Seit einer halben Stunde laufen wir diesem Unbekannten hinterher. Sollten wir nicht ein Taxi anhalten?", fragte ich Gerhard. "Nein, das können wir dem Mann nicht antun", war seine Antwort. Nach einer halben Stunde erreichten wir endlich eines der Stadttore. Wir waren verblüfft. Gleich gegenüber lag unser Hotel. Natürlich forderte der Fremde sein Trinkgeld ein.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem Überlandbus nach Quazazarte, das 200 Kilometer südöstlich von Marrakesch liegt. Am frühen Nachmittag erreichten wir die Stadt. Es war brutal heiß. Als Europäer, die die heißen Temperaturen nicht gewöhnt sind, suchten wir ein Hotel mit Klimaanlage. Es gab nur eines, und es lag gegenüber dem Busbahnhof. Wir bestellten uns gleich zweieinhalb Liter Mineralwasser. Mein "Omelette fromage" bestand aus einem mit Wasser gestreckten Ei, der Käse war Schmierkäse, der in Stückchen auf dem Omelette lag. Dazu gab es Fladenbrot. Am Abend schlenderten wir noch durch die kleine Wüstenstadt.

Die Straße der Kasbahs

Schon in der Nacht hatte ich nicht geschlafen. Mag es an der Schwüle, dem Krach, der nicht richtig arbeitenden Klimaanlage, dem Stimmengewirr vom gegenüber liegenden Busbahnhof oder an meiner Aufregung darüber gelegen haben, dass wir am nächsten Tag die Straße der Kasbahs erkunden wollten. Ich war müde, konnte aber keinen Schlaf finden. Jede Seite war unbequem. Da versagten auch meine homöopathischen Mittel. Stündlich sah ich auf die Uhr. Gegen vier Uhr fiel ich in einen kurzen Schlaf. Eine Stunde später holte mich der Wecker aus einem Traum in die Realität. Zum Frühstück gab es einen Rest Müsli, ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee. Um 6.30 Uhr saßen wir auf unseren Rädern. Die Luft war klar. Es dauerte, bevor wir den Weg aus der Stadt fanden. Wir fragen drei Passanten und bekamen zwei verschiedene Richtungen gewiesen.

Eine neu errichtete Kasbah wirkte eindrucksvoll. Kasbahs waren einst Festungen der Berber, die die Straße der Karawanen schützen, aber auch Zoll von diesen verlangten. Heute noch stehen viele Ruinen an der Straße der Wüstenlandschaft, die durch Erosion und den Regen verfallen. Unsere Augen mussten sich erst an die rotbraunen Lehmhäuser und -mauern gewöhnen. Die geteerte Straße hob sich als Farbkontrast ab. Bei einem kurzen Radstopp kam ein Mann auf mich zu, gab mir die Hand und sagte: "Salam aleikum." Das hat mich schon erstaunt. Bisher hatte ich in den moslemischen Ländern beobachtet, dass ein Mann einer Frau niemals die Hand gab. Die Frauen wurden in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gedrängt.

Am Ende der Stadt begann die Straße der Kasbahs. Eine unendliche Weite empfing uns. Wüstenlandschaft, so weit meine Augen sehen konnte, bis zum Horizont. Es war beängstigend und beklemmend für mich. So viel Einsamkeit. Ich kam mir auf einmal so klein vor. Unbegreiflich, dass hier Menschen freiwillig leben und sich damit abgefunden haben, hier zu sein. 37 Kilometer entfernt lag das nächste Dorf. Kaum vorstellbar für mich: Wie können Menschen hier leben? Gewöhnungsbedürftig! Hier leben verschiedene Stämme der Berber. Im Verlauf der kommenden Tage machten wir die Erfahrung, dass wir nicht allein in der Wüste waren. Wir sahen Hirten, die ihre Schafe oder Ziegen hüteten, Frauen, die mit Mulis in die unendliche Weite gingen. Steinchen am Weg dienten als Markierung. Wir sahen keine Hütten, und so fragten wir uns: Hinter welchem Hügel oder Berg wohnen sie?

Unterwegs trafen wir nur freundliche Menschen, die stets einen Gruß für uns hatten. Frauen und Männer trugen zum Schutz gegen die heiße Sonne ihre hellen oder dunklen Kleider, die eine Kapuze hatten. Ihre Gesichter waren von der Sonne braun gegerbt, mit tiefen Furchen. In ihren dunklen Augen hatten sie einen fiebrigen Glanz. Trotzdem lag Gelassenheit in ihrem Blick. Bei einem Tagestrip erlebten wir das erste Gewitter und Regenschauer in der Wüste. Der Regen war braun wie die Erde. Alles wirkte so homogen: Die Häuser und die Mauern hoben sich farblich nicht von der Erde ab, selbst die Spatzen hatten Erdfarbe angenommen.

Der folgende Radtag bescherte uns Gegenwind. Schweigend und ohne Murren trat ein jeder von uns in die Pedale. Das Gelände war wie gewohnt bergig, denn schließlich fuhren wir über das Atlas-Gebirge. Wie so manches Mal hupte uns ein Lastwagen an. Wir hoben die Hand zum Gruß. Da hielt der Fahrer an. "Wollen die uns mitnehmen?", fragte ich erstaunt. Sie wollten. Wir berieten uns kurz und nahmen dann die Packtaschen von den Rädern. Der Lastwagen war mit Zementsäcken beladen. In Minutenschnelle hatten Fahrer und Beifahrer unsere Räder auf die Säcke gelegt und die Taschen seitlich verstaut. Mein Gerhard thronte gegen die Fahrtrichtung oben auf den Zementsäcken und hielt unsere Räder fest. Die beiden Männer hatten mir einen Platz im Führerhaus angeboten, den ich nicht annahm, denn mein Platz war in der Nähe meines Mannes. Ich sorge mich um ihn. Die Ungewissheit, ihn alleine auf den Säcken zu lassen, hätte ich nicht ertragen, und außerdem war es mir unangenehm, neben zwei unbekannten Männern zu sitzen. Ich klemmte mich an die Seite, auf der die Packtaschen lagen.

Die Fahrt ging los. Der Fahrtwind blies uns durch. Nach 40 Kilometern hielt der Lastwagen. Leicht mit Zement gepudert stiegen wir ab. Gerhard wollte den Fahrer für seine Dienste entlohnen, aber das war ein selbstloser, nobler Mann. Er nahm kein Geld. Hier in diesem Königreich ist die Schere zwischen arm und reich groß. Die Armut ist sehr hoch. Bei unserem Zwischenstopps fragen uns Kinder meistens nach Bonbons oder nach Essen. Ich hatte mich vorsorglich mit einem Dutzend Bonbons eingedeckt und habe unsere Vorräte verteilt. Die Armut drückt sich in der zerlumpten Kleidung oder im kaputten Schuhwerk aus. Sie tun uns sehr Leid.

Einmal war die Distanz zwischen zwei Städten, in denen es Übernachtungsmöglichkeiten gab, 136 Kilometer. Nur bis acht Uhr morgens ist die Luft angenehm kühl. Eine Stunde später zeigt das Thermometer meines Radcomputers 38 Grad. Wir hatten uns jeder mit vier Liter Wasser versorgt, doch das reichte nicht aus. In den kleinen Dörfern kauften wir gekühltes Mineralwasser hinzu. Beide hatten wir das Gefühl, das Wasser verdampfe zu schnell. Kaum hatten wir unseren Durst gestillt, war ein paar Minuten später die Mundschleimhaut wieder trocken und klebrig. Die sengende Hitze zehrte an unseren Kräften und setzte uns zu. In der Ferne stieg Dunst auf, der sich in den kommenden Stunden verdichtete, so dass die Berge nur noch als Silhouetten erkennbar war. Ich fragte mich etwas beunruhigt, was das zu bedeuten hatte. Wir hatten unser Tagesziel bis auf zehn Kilometer erreicht, da zog ein Gewitter auf.

Die kleinen Oasenstädte, die wir durchfuhren, strotzten vor sattem Grün. Wie sahen Feigen-, Oliven-, Pappeln-, Eukalyptusbäume oder Palmen. Kleinbauern hatten sich Parzellen mit Mais oder Gemüse angelegt. Faszinierend, das plötzliche Grün inmitten der Wüstenlandschaft. Im Schatten vor den Häusern saßen die Männer und Frauen in der typischen Hocke, so als ob sie auf etwas warteten oder nur vor sich hindösten. Es schien eine Selbstverständlichkeit, dass an der Straße Stehende von Autos oder Lastwagen mitgenommen wurden. Das sahen wir sehr häufig. Auch wir spürten, wie uns die Hitze lähmte. Tatsächlich fand sich mitten in der Wüstenlandschaft am Straßenrand ein Schatten spendender Baum. "Laß' uns einen Moment rasten", schlug ich vor. Stille umgab uns, nur der Wind, der diesmal aus allen Richtungen kam, erzeugte einen Sington im Baum. Mental hatten wir uns auf die Entfernung eingestellt, und wir wollten es schaffen. Ob die Kräfte reichen, fragen wir uns in solchen Situationen nie. Eine schlichte Hütte zeigte uns mit Coca-Cola-Werbeschild, das es hier etwas zu trinken gab. Wir schütteten das Getränk in uns hinein, das uns noch einmal einen Push gab, den wir brauchten. Wir kamen am Nachmittag nach zehn Stunden in El Rachidia, einer mittleren Touristenstadt, an.

El Rachidia, die Achse zwischen Süd und Nord

Von dieser Stadt aus gingen geführte Touren in die Sahara zu den Tuaregs, zun den blauen Quellen und zu den Wanderdünen. Es ist eine der heißesten Städte am Rande der Sahara. Zimmer mit Klimaanlage gibt es nicht. Unsere Erklärung dafür ist, dass in der heißen Zeit kaum Touristen herreisen. Die Einheimischen haben sich an die Hitze gewöhnt und leben damit. Ab mittags um ein Uhr sind die Straßen wie ausgestorben. Erst ab 18 Uhr, wenn die Hitze gebrochen ist, öffnen Läden und Lokale wieder. In der Dämmerung haben wir immer erst erkannt, wie viele Menschen in den jeweiligen Städten leben. In den vielen Straßencafes sitzen vorwiegend Männer bei einem Milchkaffee oder dem Nationalgetränk, dem Pfefferminztee. Der Pfefferminztee wird hier in einer sehr konzentrierten Form mit viel Zucker angeboten. Er schmeckt sehr intensiv und sehr aromatisch. Alkoholische Getränke sind eher ungewöhnlich.

Wir waren am Abend in El Rachidia zum Bummeln und Einkaufen unterwegs. Gerhard sieht viele Dinge mit den Augen eines Fotografen. So fand er das Gesicht einer verschleierten Frau als Motiv. Sie bettelte um Geld. Unklugerweise gab er ihr zuerst das Geld, und schon huschte sie davon. Ein gebrechlicher Alter, der fast blind und gehbehindert wirkte, hielt die Hand auf. Dieses Mal war mein Gerhard klüger. Er holte seine Kamera heraus. Als der Alte sie sah, konnte er auf einmal flott gehen und eilte davon.

Der Pass, den es eigentlich nicht gab

Wir hatten unsere Richtung geändert und fuhren nördlich, denn wir steuerten die Straße von Gibraltar an. Unsere Tour führte uns in die Stadt Midelc in den Bergen, die auf 1.500 Höhenmetern lag. Der Besitzer eines kleinen Hotels mit Restaurant war ein quirliger, sympathischer junger Mann. Sein Lokal ist gut besucht, was seinen guten Grund hat. Das Essen ist ausgezeichnet. Wir haben bisher in Marokko noch nie so frisches, schmackhaftes Couscous und Brouchette gegessen. Ein Paar mit dem Reiseführer "Lonely Planet" unter dem Arm betrat das Lokal. Jetzt war uns klar, dieses Lokal stand als Empfehlung für gutes und preiswertes Essen in diesem Buch. Es aßen hier aber auch viele Einheimische.

Am Abend setzte sich der Besitzer zu uns an den Tisch und erzählte, dass Midelc für seine Fossilien und Mineralien weltweit bekannt ist. Er selbst vertritt Marokko jedes Jahr in München auf der Fossilien- und Mineralienmesse. Er holte ein 500 Seiten starkes Fachbuch in deutscher Sprache hervor, das in diesem Jahr erst erschienen ist. Wir verabschiedeten uns mit dem Versprechen, ihn auf der Messe zu besuchen.

Mein Gerhard hatte sich bei mehreren Leuten an Hand unserer Karte über den eingezeichneten Pass erkundigt. Vier Leute behaupteten, dass es diesen Pass nicht gab. Eine Straße führe zwischen den Bergen entlang, so die Auskunft. Guten Mutes fuhren wir wie gewohnt um fünf Uhr früh los. Gleichmäßig stieg das Gelände bis auf 1.700 Meter an, um dann wieder abzufallen. Der eingezeichnete Pass mit 2.178 Höhenmetern kam natürlich. Über 500 Höhenmeter auf zehn Kilometern waren noch hochzukurbeln. Mehrmals legten wir eine Verschnaufpause ein. Auf der Paßhöhe stand ein Schild. Wir waren glücklich, es geschafft zu haben.

Das Gelände ging leicht fallend dahin, dann wieder steigend. Wir fuhren in einem Hochtal mit grünen Wiesen, in dem ein Bach dahinfloß. In der Ferne standen schwarze Zelte von Nomaden, die im Sommer hier mit ihren Schafen, Ziegen und Mulis leben. Ein etwa zehnjähriger Junge bat um Essen und Trinken. Ich füllte ihm Wasser aus meiner vollen Flasche in eine leere und gab sie ihm. Dazu gab ich ihm einen Apfel. Gerhard wollte den Jungen fotografieren und ging auf ihn zu. Er umklammerte die Flasche aus Angst, wir könnten sie ihm wieder fortnehmen. Er tat uns unglaublich Leid. "Das ist ein Königreich der Armen", sagte ich zu meinem Mann.

Wir fuhren weiter talwärts. In den kommenden Dörfchen stärkten wir uns für die letzten 32 Kilometer. Plötzlich kam ein heftiger Wind auf. Wir standen direkt im Wind. Noch einmal wurde unsere mentale Stärke geprüft. In der Ferne sah ich die sich hinschlängende Straße. An einem Sendemast schien der Scheitelpunkt zu sein. Mit Geduld und im letzten Gang kurbelten wir diesem Punkt entgegen. Aber das war nicht der letzte Anstieg. Noch drei Mal fuhren wir auf- und abwärts, dann erreichten wir den höchsten Punkt mit 1.975 Höhenmetern. Wieder einmal bot uns die Natur eine Überraschung. Oben auf der Passhöhe gab es einen dichten Wald mit Pinien, durch den wir talwärts auf die Stadt Azrou zurollten. Es war geschafft.

Es war wieder einmal ein Ruhetag nötig. Gut für die Muskeln, die Moral und die Fortführung der Aufzeichnungen. An kleinen Buden besorgten wir uns die nötigen Lebensmittel wie Fladenbrot, das nur frisch gut schmeckt, Milch für den Morgen, Kaffee, Mineralwasser und natürlich Obst. Honigmelonen und Wassermelonen, die nicht mehr als einen Euro kosten, haben Saison. Da standen wir vor einem riesigen Berg dieser Früchte und sollten uns für eine entscheiden! Das Wiegen war meistens nur mit Halten möglich. Den Gewichtssteinen wurden, wenn nötig, zum Austarieren ein paar kleine Steine hinzugelegt. Es gab auch frisch gepressten Apfelsinensaft. Es packten mich noch Zweifel, Saft aus den auf die Schnelle gespülten Gläsern zu trinken. Ich dachte an meine Hepatitis, die ich mir auf diese Art und Weise zugezogen hatte. Da kam mir die Idee, eine leere Mineralwasserflasche mit Orangensaft füllen zu lassen. Das wiederholten wir noch mehrere Male.

Zurück in die Zivilisation

An den folgenden Tagen spürten wir, dass wir das Wüstengebiet verlassen hatten. An Stelle der Brauntöne waren die Häuser in natur oder weiß getüncht. Der Verkehr wurde dichter und die Fahrweise europäischer, also schneller und rücksichtloser, die Zurufe seltener. Wir näherten uns der Großstadt Meknes, die sich in eine Alt- und eine Neustadt teilte. Wir mussten weit gehen, um ein Esslokal zu finden. Ein Lebensmittelgeschäft fanden wir überhaupt nicht. Diese Stadt war wie für Autos geschaffen.

Am nächsten Tag waren wir darauf angewiesen, uns in den kleinen Ortschaften, die an der Strecke lagen, mit Obst und Mineralwasser einzudecken. Um zehn Uhr vormittags wurde es glutheiß und wir hatten wieder das Gefühl, das Wasser verdunste genauso schnell, wie wir es getrunken hatten. Die Umgebung wurde grüner. Ganze Alleen mit Pinien- und Eukalyptusbäumen säumten die Landstraße. Die Umgebung von Meknes war ein Weinanbaugebiet. Wir mussten eine zusätzliche Schikane auf den letzten zehn Kilometern überwinden. Die Stadt Quazzane war in einen Berg gebaut. Je näher wir der Stadt kamen, um so steiler war der Anstieg. Wir trotzten und fuhren im kleinsten Gang der Stadt entgegen. In einem sauberen, aber bescheidenen Quartier kochte am Abend der Hotelbesitzer für uns ein Brouchette.

In der Kühle des frühen Morgens fuhren wir weiter. Einmal rief mir Gerhard übermütig zu: "Frau, du musst mich heil nach Hause bringen." "Na klar", reif ich zurück. "Ich will ja auch nicht auf der Strecke bleiben." Jeder Tag hielt eine neue Strecken-Variante bereit. Diesmal mussten wir einen unvermuteten Pass von 600 Höhenmetern in Serpentinen in der Hitze des späten Vormittags hinauffahren. Mir ging die Luft aus, und die Beinmuskeln wurden schwer. Verzweifelt rief ich meinem vorausfahrenden Mann hinterher: "Ich kann nicht mehr, halt an!" Unter einem Schatten spendenden Baum machten wir Rast. Wir erreichten die Passhöhe schließlich und fuhren talwärts.

Doch am Ziel waren wir noch lange nicht. Auch diese Stadt war in einen Berg gebaut, was acht Kilometer Bergauffahren bedeutete. Eine Kleinigkeit hatten wir übersehen: Wir hatten zu wenig Wasser mitgenommen. Unterwegs fand sich kein Kiosk oder Laden, der uns etwas Wasser hätte geben können. Wir hätten einen vollen Eimer austrinken können, so durstig waren wir. Es half nichts. Mit einigen Verschnaufpausen erreichten wir die Bergstadt Chechauen.

Nachdem wir unser Quartier bezogen hatten, duschten wir den Schweiß und den Staub der Straße herunter. Gerhard bemerkte: "Ich könnte saufen wie ein Gaul, so durstig bin ich." Jeder von uns trank anderthalb Liter Mineralwasser. Erschöpft gönnten wir uns einen zweistündigen Mittagsschlaf. Am Abend bummelten wir durch die schmalen Gassen. In der Abendsonne sahen die weiß gekälkten Häuser mit den offenen Türen sehr malerisch aus. Manche Ziegeldächer waren mit Grasbüscheln bewachsen, die inzwischen durch die Trockenheit verdorrt waren.

Auf dem höchsten Punkt der Stadt lag ein Platz mit einer kleinen Moschee, vielen Häusern und Lokalen, vor denen die Kellner die Vorbeigehenden zum Essen einluden. Die Marokkaner, die, wie wir im Laufe unseres Aufenthalts festgestellt haben, sprachbegabt sind, fanden schnell heraus, woher die Gäste kamen, und sprachen sie in der jeweiligen Muttersprache an. So auch uns. Wir hatten den Tag über wenig gegessen, und es war Zeit, unseren Magen zu füllen. Wir entschieden uns für Couscous, eines der Nationalgerichte. Als Vorspeise gab es Oliven und frisches Brot so viel wir wollten gratis, was sonst nicht selbstverständlich ist, wohl aber in Marokko. Der nächste Tag war wieder ein Ruhetag für uns, der zum Regenerieren unseres Körpers auch nötig war.

Europa, wir kommen

Die neu asphaltierte Straße führte an der Satellitenstadt Tetouten vorbei in Richtung Küste zur letzten Stadt Ceuta an der Straße von Gibraltar. Wir fuhren an der Küstenstraße, wo viele Baderesorts für Urlauber bereit standen. Stärkerer Autoverkehr und kein Randstreifen, auf dem wir fahren konnten, machten das Radfahren für uns nicht ungefährlich. Nein, es machte keinen Spaß. In Ceuta herrschte ein heftiges Treiben. Hier boten Agenturen Tickets für die Überfahrt nach Andalusien an. Das Meer hatte ein herrliches, klares Türkis und lud zum Schwimmen ein. Doch mein Gerhard wollte heute die Grenze passieren und nach Andalusien übersetzen, um bald die nächste Information für die weitere Tour zu bekommen.

Auf dem Weg zur Grenze überholten uns unzählige Taxis, die es besonders eilig hatten. Pausenlos wurden wir von ihnen angehupt. Das war schon sehr lästig. Der Grenzübergang gestaltete sich recht zäh. Hier heißt es anstehen und die typischen Formulare ausfüllen. Gerhard übernahm das Anstehen. In einem Pulk von Menschen drängelte er sich zum Abfertigungsschalter vor. Er erzählte später, dass ihm der Beamte nur zögernd die nötigen Formulare aushändigte. Die Formulare verkauften Straßenhändler gegen eine Gebühr. "Das wäre ja noch schöner, die Formulare zu bezahlen", sagte mein Mann und forderte sie kostenlos ein. Ich stand bei den Rädern etwas abseits, Gerhard wirkte zeitweise gestresst. Die Prozedur des Grenzübergangs dauerte eine Stunde. Auf dem Weg zur Fähre lösten wir die Tickets nach Algericas. Die Überfahrt dauerte eine halbe Stunde. Wir tauchten ein in die Millionenstadt Algericas. Wie in allen heißen Ländern sind die Straßen am Mittag wie leergefegt.

Andalusien und die Berge

Ein herrlicher Morgen zunächst, moderate Steigungen, vorbei an Bambusalleen und abgeernteten Getreidefeldern. Schatten spendeten uns die Eukalyptusalleen am Straßenrand. Nach 30 Kilometern war der Radlergenuss zu Ende. Eine Passstraße mit einer eigenen Gesetzmäßigkeit: In Serpentinen ging es kontinuierlich bergauf, um dann am Anfang der kleinen Ortschaften um 100 bis 150 Höhenmeter abzufallen, die wir nach Passieren des Ortes wieder hinauffahren mussten. Mein Gerhard war wieder einmal gut drauf. Ich spürte einen leichten Ärger in mir und rief ihm leicht wütend hinterher: "Du mit deiner widerlichen Vitalität. Halte bitte mal an, ich kann nicht mehr." Das Hochkurbeln kostete Zeit, und mein Tacho zeigte oft nicht mehr als neun Stundenkilometer an.

Mit dem Aufsteigen der Sonne stieg auch die Temperatur. Es war Mittag vorbei. Wir fuhren an einem Bergkamm entlang. Irgendwie hatte ich die Plagerei satt. In dieser Situation hätte ich am liebsten mein Rad in die Ecke gestellt und wäre mit einem Bus weitergefahren. Gerhard versuchte mich zu besänftigen. "Wir haben Zeit. Verschnauf' erst einmal." "Nein, Gerhard, wir haben keine Zeit. Es wird immer heißer", antwortete ich darauf kurz. Ich musste einsehen, diese Strecke musste ich aus eigener Kraft bis zum bitteren Ende fahren. Noch 22 Kilometer bis zur nächstgrößeren Stadt. Nach einem Kilometer kam ein Dorf. Hier sahen wir ein Hostel. "Wollen wir hier Station machen?", fragte mich Gerhard. Unschlüssig sah ich ihn an. Mit Hostels verband ich schmuddelige, heruntergekommene Quartiere, bevorzugt von bestimmten Backpackern. Anschauen können wir es uns ja, dachte ich Zu unserer Überraschung war das Hostel ein ordentliches, sauberes Quartier, entsprechend einer Pension bei uns. Wir blieben. Nach drei Stunden Schlaf ging es besser. Hunger und Durst meldeten sich zurück.

Am nächsten Morgen stellte sich bald heraus, dass unsere Entscheidung, dort zu nächtigen, die richtige war. Diese örtliche Passstraße wurde großzügig zu einer breiten Straße ausgebaut. Da wurde das Budget der EU-Gelder vollends ausgeschöpft. Der Eingriff in die Natur war immens. Für ein paar örtliche Autos so ein Gewaltakt, was für eine Unverhältnismäßigkeit! Das Radfahren war über den Schotter bergauf nicht mehr möglich, und so schoben wir unsere Räder mühevoll bergan. Die letzten zehn Kilometer konnten wir endlich die Räder auf die Stadt Ronda zu laufen lassen. Ronda, auf einen Felsen gebaut, mit vielen geschichtsträchtigen Orten, lud zum Ruhetag ein. Da kommen die ausländischen Gäste oftmals von den nahe gelegenen Badestränden der Costa del Sol zur Stadtbesichtigung hierher. Fußgängerpassagen mit unzähligen Geschäften, Straßencafes und Restaurants befinden sich hier.

Das örtliche Touristenbüro empfahl uns, Nebenstraßen zu fahren, die verkehrsärmer sein sollten. Tatsächlich, es war nicht nur leer, sondern auch landschaftlich reizvoll. Olivenplantagen wechselten sich mit großen Sonnenblumenfeldern ab. Die Blüte der Sonnenblumen war vorbei. Nur noch braune Köpfe hingen an ihren Stielen. Zwischendurch stieg uns der angenehme Duft von blühendem Klee und wildem Fenchel in die Nase. Es war ein wahrer Radlergenuß, auf diesen kupierten Straßen zu fahren. Zwischendurch kamen immer mal wieder satte Anstiege, die aber gut zu packen waren.

Wir haben Cordoba inzwischen erreicht. Am Vortag in der Stadt zeigte das Themometer 45 Grad Celsius. Wir halten es wie die Einheimischen. Mittags machen wir Siesta. Es war spät geworden an diesem Tag beim Eintippen des nächsten Berichts im Internet. Das automatische Thermometer an der Straße zeigte um 23.30 Uhr noch 38 Grad. In der Nacht hatte es wenig abgekühlt. Um sieben Uhr morgens war es in der Stadt noch 33 Grad. Nach fünf Kilometer stadtauswärts waren es dann erträgliche 26 Grad. Zwei Pässe waren zu überwinden, wies unsere Karte aus. Um 7.30 Uhr stand die Sonne glutrot am Himmel. Schnell erwärmte sich die Luft. Vorbei an trockenen, verdörrten Wiesen. Olivenplantagen, soweit das Auge reichte,

Brandgeruch stieg in unsere Nase. Der Brandherd ließ nicht lange auf sich warten. Großflächig waren Wiesen und Olivenplantagen durch die Selbstentzündung niedergebrannt. An einigen Stellen stieg noch Rauch auf, an einer Stelle loderte noch ein Feuer. Wir spürten die Hitze der verbrannten Erde. Ich beschleunigte mein Tempo: Nichts wie weg! Mittags um zwei Uhr war die Hitze auch für uns unerträglich geworden. Mir macht die Hitze mehr zu schaffen. Gerhard ist der heiße Typ, der Wärme gut abkann. Ich dagegen komme besser mit Kälte zu Recht. Glücklicherweise fanden wir eine passable Bleibe.

Vor uns lag die La Mancha. Den nächsten Tag kam es wieder knüppeldick: Das Gelände glich einer Achterbahn: auf und ab in zahllosen Kurven. Wir hatten einen Passanten zuvor nach der Beschaffenheit des Geländes gefragt. Er hatte uns geantwortet: "Alles plano." Das bestätigte uns wieder einmal in unserer Meinung, der Auskunft eines Autofahrers nicht trauen zu dürfen. Sie empfinden das Gelände als flach. Zum krönenden Abschluss dieser Tagestour mussten wir 800 Höhenmeter auf zehn Kilometer hochkurbeln, und das natürlich bei einer Affenhitze von 43 Grad. Wieder einmal mussten wir öfter absteigen. "Ich schaffe es heute nicht", jammerte ich. "Nein, es geht wirklich nicht." Völlig hilflos sah mich Gerhard an und sagte kein Wort. Mich packte die blanke Verzweiflung. Ich versuchte mich mental noch einmal zu motivieren, denn wir mussten die letzten 20 Kilometer schaffen. Das konnte mir ja niemand abnehmen.

Selten fuhren Autos an uns vorbei. Es waren nicht mehr, als an einer Hand Finger waren. Dazu war das Gelände sehr wellig, was unser Tempo zusätzlich drosselte. Nur sehr langsam kamen die Kilometersteine. Unter jedem Busch und Baum, der Schatten gab, blieben wir stehen und tranken. Es war ein mühevolles Vorankommen. Letzten Endes erreichte wir die nächste kleine Stadt, die ein Hostel hatte. Wir waren in der La Mancha angekommen.