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Durchs wilde Kurdistan

Am zweiten Tag in Istanbul hat es zu regnen begonnen, und nicht nur ein bisschen, sondern richtig heftig. Wir haben uns überlegt, wie wir wohl am besten die Situation meistern: Ob wir noch einen Tag hier verweilen wollen oder ob wir mit dem Bus oder mit der Eisenbahn fahren. Der Regen hat nicht nachgelassen, im Gegenteil, es goss wie aus Kübeln.
     Wir haben uns bei der Bahn erkundigt, ob es möglich ist, mit den Rädern von Istanbul nach Ankara zu fahren. Gerhard fragte nachdrücklich mehrmals, ob es gestattet sei, die Räder mit ins Abteil zu nehmen. Es war für den Beamten gar keine Frage, es sei gestattet. Na ja, wir hatten doch unsere Bedenken. Der Zug in Richtung Asien fuhr im anderen Teil von Istanbul ab. Wir mussten mit der Fähre erst zum Bahnhof übersetzen. Am Nachmittag um 17 Uhr machten wir uns auf den Weg, weil wir nicht wussten, wie lange wir brauchen würden und wie die Gegebenheiten waren. Um 19 Uhr wollten wir am Bahnhof sein, und um 20 Uhr ging der Zug. Es war alles ganz unproblematisch. Wir erreichten die Fähre, lösten unser Ticket und setzen über. Also waren wir rechtzeitig an diesem Bahnhof angekommen. Der Regen hatte nicht einen Moment ausgesetzt.
     So kam es, wie es kommen musste: Die Räder durften selbstverständlich nicht mit ins Abteil genommen werden, sondern sollten im Gepäckwagen transportiert werden. Gerhard legte Einspruch ein und verhandelte, aber es nützte nichts. Letzten Endes erreichte Gerhard, dass er mit zum Gepäckabteil fuhr, um zu sehen, wo die Räder deponiert werden würden. Wir hatten ein Ticket Erster Klasse gebucht, und tatsächlich: Dieser Schlafwagen war wirklich Erster Klasse! Im Abteil fanden sich zwei bequeme Betten, eine Waschgelegenheit und Seife, also alles optimal. Und mein Gerhard hat die ganze Nacht gut geschlafen, ich meinerseits nicht.
     Morgens um 8.20 Uhr sind wir in Ankara angekommen. Es regnete immer noch. Wir suchten uns den Weg aus der Stadt heraus, was nicht so schwierig war. Tatsächlich ließ auch der Regen nach. Die Straßen waren gut ausgebaut, wir konnten auf dem Seitenstreifen fahren. Es war aber keine Kanalisation vorhanden, damit der Regen abfließen konnte. So standen wirklich große Pfützen auf den Straßen. Wir erlebten einmal, dass sich ein regelrechter Wildwasserbach auf der Bundesstraße gebildet hatte. Wir konnten nur durchwaten. Natürlich war alles nass: unsere Füße, unsere Schuhe.
     In einem kleinen Ort, 85 Kilometer östlich von Ankara, machten wir Halt. Die Unterkunft war sauber und kalt. Wo immer wir auch aufkreuzen, fallen wir natürlich auf. Uns folgte ein Kinderschwarm. In dieser Stadt, die Kirikkale hieß, gab es sogar einen Bankomaten. Niveau international: in drei Sprachen gehalten, Deutsch, Englisch und Türkisch. Wir sind platt. Wir essen seit der Einreise in die Türkei Kebap in jeder Form. Ich denke: Alles Kebap oder was? Ich muss von den drei Dingen Abstand nehmen. Jetzt gibt es nur noch: sauberes Bett, gutes Essen und eine kalte Dusche. Bis jetzt sind wir gesund geblieben, keinerlei Erkrankung, obwohl wir schwitzen und dann wieder kalt werden.
     Die Menschen freuen sich und lassen sich gerne fotografieren. Gerhard hat da auch keine Hemmungen. Er geht ganz nah an diese Menschen heran und fragt auch nicht um Erlaubnis - frei nach der Devise, was nicht verboten wird, ist erlaubt.
     Sonntagmorgen, 9 Uhr, herrlicher Sonnenschein und kalt. Es geht wieder up and down. Am Berg schaltet mein Mann seinen Turbo ein und zieht davon. Auf der Hälfte der Strecke wird mein Rad zu schwer. Ich höre ein Geräusch hinten und orte: Ob etwas mit der Schaltung nicht stimmt? Fünf Minuten später weiß ich es ganz genau: Der Reifen meines Hinterrades ist platt. Wir suchen abseits der Straße einen Platz. Unsere erste Generalprobe mit unserem Hightech-Rad. Und die ist uns super gelungen. Gerhard fand den Corpus delicti im Reifen: Eine ehemalige Heftklammer hat sich in den Schlauch gebohrt. Nach einer Stunde setzen wir die Fahrt fort.
     Nach 144 Kilometern erreichen wir die kleine Stadt Yozgat, die es uns schwer macht. Wir werden von einem Polizeiauto angehalten, gefragt, woher wir kommen und wohin wir wollen. Gerhard holte sein Empfehlungsschreiben des türkischen Konsulats in München heraus. Der Polizeibeamte telefonierte mit seinem Vorgesetzten und verdolmetschte uns, dass er uns über vier Kilometer Begleitschutz geben werde. Diese vier Kilometer hatten es auch in sich. Bei 18 Prozent Steigung mussten wir den Höhengewinn von 260 Höhenmetern überwinden. Eine Schwitztour. Ich wollte es ihnen zeigen, und natürlich bin ich nicht abgestiegen. Es sollte jetzt die weiteren 50 Kilometer immer so sein: den Berg hinauf, Schwitzen, und wieder hinunter. Die letzten 20 Kilometer ging es nur noch bergauf. Jeder Kilometer ging zäh dahin. Irgendwann hatten wir es geschafft - bei einem Höhengewinn von 1.402 Höhenmetern. Wir waren beide fix und fertig. Wir suchten uns eine Bleibe. Das Zimmer war ganz ordentlich, hatte aber keine Heizung und kein warmes Wasser. Der Hotelangestellte versprach uns, dass es ab 21 Uhr warmes Wasser gäbe. Das trat aber nicht ein. So mussten wir uns kalt duschen. Offenbar hatte jemand für uns das Zimmer geräumt. Es standen noch eine Reisetasche und Badelatschen da. Am nächsten Morgen gab es natürlich auch kein Frühstück. Aber dafür gibt es Çay an jeder Ecke, an jeder Tankstelle, die Menschen sind insgesamt sehr hilfsbereit.
     Wir kamen in das Dorf Akdagmadeni. Wir wollten in dem einzigen Hotel, das es hier gab, Quartier machen. Während Gerhard das Hotelzimmer inspizierte, sprach mich ein junger Mann an. Da kam Gerhard dazu. Nein, das sei keine Bleibe für uns. Dunkel, klein und schmutzig, keine Dusche und Gemeinschaftsklo. Der junge Mann lud uns zu sich nach Hause ein. Gerhard fragte, ob denn Platz genug sei. "Yes." Mir war unbehaglich. Wie sollte das gehen? In einer Wohnung, in der schon die Eltern lebten und möglicherweise noch andere Familienmitglieder? Aber es blieb keine Wahl. Besser, als bei kalten Temperaturen im Zelt zu übernachten. Was sollten die Eltern denken, wenn der Sohn Überraschungsgäste mitbrachte? Zunächst besichtigten wir das Elektrogeschäft des Bruders, wo der Vater mit aushalf. Wir tranken Çay, lächelten freundlich, und Gerhard fragte, wie die Geschäfte so gehen.
     Nach zehn Minuten ging es weiter. An einem fünfstöckigen Mietshaus nahmen wir unsere Packtaschen ab. So, und was sollte nun mit den Rädern geschehen? Sie sollten in einem Keller untergebracht werden. Ich hatte Sorge, ob alles ein gutes Ende nehmen würde. Die Mutter und die Schwiegertochter mit ihrem Kind waren daheim. Der Empfang war herzlich, so als ob sie auf uns gewartet hätten. Wir tranken wieder Çay und führten dabei Konversation in Englisch. Es gab sechs Geschwister, davon vier Schwestern und zwei Brüder. Der uns angesprochen hatte, war der Jüngste. Er war Student, lernte Englisch und schien in der Familie das Sagen zu haben. Die Mutter zeigte uns unsere Schlafmöglichkeit. Es schien ein zweites Wohnzimmer zu sein. Ich wollte den Gastgebern keine Umstände machen und zeigte unsere Schlafsäcke. Ich war tief bewegt, mit welcher Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft diese Menschen auf uns zugingen. Der Vater und der Bruder kamen hinzu.

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