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Im Iran Teil 1

Natürlich fielen wir beide immer auf, wo wir auch auftauchten. Die Blicke, die sich von Frauen auf mich richteten, deutete ich unterschiedlich. Frauen, die mutig das Kopftuch eine Handbreit vom Haaransatz entfernt trugen, schauten solidarisch zu mir herüber, während ältere, die ängstlich ihr Gesicht fast Dreiviertel bedeckt hatten, ängstlich dreinsahen. In einer Stadt bot mir eine Frau einen Schleier an. Ich muss ihr wohl Leid getan haben, so, wie ich gekleidet war. Einmal, während eines Einkaufs, schaute mich ein junges Mädchen fasziniert an, nahm all ihren Mut zusammen und sprach uns in Englisch an. Sie lud uns zu sich nach Hause, und wir nahmen auch die Einladung an. Dort wurden wir von ihr, einigen Freundinnen und einigen verwandten Männern bewirtet.
     Blieben wir mit unseren Rädern stehen, um nach Wegen oder Unterkünften zu fragen oder um Einkaufen zu gehen, lösten wir stets eine Männerversammlung aus, wobei sie sich ausschließlich an Gerhard wandten. Ich war für sie Luft. Ganz eindeutig: Frauen sind, zumindest in ländlichen Gebieten im Iran, Menschen zweiter Klasse, die dazu da sind, Kinder zu gebären, den Haushalt zu versorgen oder niedrige Arbeiten zu verrichten. In Geschäften, Restaurants und Hotels sind immer nur Männer zu sehen. Und so sehen die Unterkünfte auch nach Männerwirtschaft aus. Bestenfalls darf sie noch die Zimmerreinigung vornehmen. Mit der Ordnung und der Sauberkeit sehen es die Iraner nicht so eng. In manchen Unterkünften hat mich der blanke Ekel gepackt. Einmal gab es für Männer und Frauen nur eine Toilette, eine Dusche und ein Handtuch. Hygiene muss extra bezahlt werden. Die Dusche war abgesperrt und wurde nur auf Bitten aufgeschlossen.
     Im Lauf der Reise ist mein Haarschnitt etwas aus der Form geraten. Vergeblich suchte ich nach einem Friseursalon für Frauen. Ein Iraner bestätigte meinen Verdacht, dass so etwas nicht existiert. Die Haare werden den Frauen zu Hause geschnitten. Am Kaspischen Meer sahen wir Frauen wadenhoch im Wasser stehen. Sie setzten in gebückter Haltung bis zu acht Stunden und mehr die gezogenen Reispflanzen Mir tat der Rücken schon vom Hinschauen weh.
     Grundsätzlich sind die Iraner hilfsbereit und ehrlich. Wir mussten nie um unsere Räder oder unsere Sachen bangen. Außerdem sind sie gastfreundlich. Sie geben, auch wenn sie noch so wenig haben. Sie mögen die Deutschen sehr und führen beim Erzählen immer deutsche Firmen auf, die für sie für Qualität stehen. Wie oft sind wir eingeladen worden, nicht nur zum Tee, sondern auch zum Nachtquartier! Das lässt sich an einer Hand nicht mehr Abzählen.
     Das Essen im Restaurant bietet wenig Abwechslung. Es gibt immer viel Reis mit zehn Gramm Butter dazu, Hühnerfleisch und Joghurt. Damit sich der Reis überhaupt schlucken lässt, isst man den Joghurt dazu. Eventuell gibt es eine einzige Suppe, immer die gleiche: Gerstensuppe mal mit, mal ohne Tomatenmark. Vielleicht noch einen Salat. Gekochtes Gemüse gibt es nicht. In den Geschäften werden zwar Kartoffeln angeboten, aber wer kauft sie?
     Seit zwei Wochen haben wir die kühlen Höhenlagen hinter uns. Wir fuhren am Kaspischen Meer, wo die Sonne schon recht kräftig strahlte. 26° Grad und mehr waren keine Seltenheit. Für mich bedeutete das natürlich, im eigenen Saft zu schmoren. Sich luftig anzuziehen ist nicht gestattet. Eine solche Provokation wollen wir nicht riskieren. Die Geschlechtertrennung wird sehr streng gehandhabt. Das zeigt sich schon beim Brotkaufen. Die Männer stellen sich rechts, die Frauen links an. Das Brot, besser der Fladen, ist etwa 20x30 Zentimeter groß und besteht aus Weizen, Hefe und Salz. Frisch schmeckt es köstlich. Ein oder zwei Tage alt ist es so zäh, dass man sich den Kiefer ausrenken kann. Es gibt noch eine weitere, hauchdünne Brotsorte, von Aussehen und Konsistenz her wie ein feuchtes Fensterleder. Brot gibt es morgens um 8, mittags um 12 und abends um 17 Uhr. Oft werden von den Kunden 20 bis 30 Brote gekauft. Sie lagern es auf dem Pickup nebeneinander, auf dem Moped seitlich in den Satteltaschen, auf dem Rad auf dem Gepäckträger oder unter dem Arm in Zeitung gewickelt.
     An einem Morgen standen wir vor einer Bäckerei und diskutierten, ob wir ein Brot als Proviant mitnehmen sollten oder nicht. Da kam ein Junge mit etwa sechs Broten unter dem Arm und schenkte uns eins. Wir waren verblüfft und mussten herzlich lachen. Das hat sich weitere Male wiederholt. Ich glaube, Gerhard hat einen Bonus auf Grund seines ehrwürdigen Aussehens und seines Alters, denn wir erfuhren, dass nur Geistliche und Gelehrte so einen Bart tragen. Mich halten sie für 30 Jahre und fragen uns mit Nachdruck in den Quartieren, ob wir denn auch wirklich verheiratet wären. In den Ortschaften sehen wir viele kleine Geschäfte, die alle die gleiche Ware haben. Manchmal liegt das Waschmittel neben der Marmelade. In Hinsicht auf Ordnung und Sauberkeit musste ich erhebliche Abstriche machen. Hier gehen die Uhren anders. Auf der Durchreise kamen wir an Ortschaften vorbei, wo ein unglaublicher Unrat herumlag. Aber die Iraner sehen das nicht so eng wie wir. Auf den Straßen nervt die ewige Huperei, mit oder ohne Grund, in allen Tonnuancen, vom Krächzen bis zum gellenden Pfiff. Gesundheitlich geht es uns beiden gut. Vielleicht trägt das tägliche Zähneputzen mit zwei Tropfen Teebaumöl auf der Zahnbürste dazu bei.
     Wir hatten die letzte Stadt Qucàn vor dem Grenzübertritt nach Turkmenistan erreicht. Wir wussten, dass noch ein hoher Pass von 1.700 Metern überquert werden musste. Die Ausganghöhe von 980 Höhenmetern stimmte uns optimistisch, dass es nicht so hart würde. Früh um 8 Uhr starteten wir. Es ging kontinuierlich hoch. Fast 1.600 Höhenmeter waren nach 30 Kilometern erreicht. Da ging es wieder abwärts. Das darf doch nicht wahr sein! Alles, was wir hochgekurbelt waren, fuhren wir wieder runter. Es lagen noch 45 Kilometer bis zum Pass und Grenzübertritt vor uns. Parallel zu einem Fluss fuhren wir abwärts. Dann kam der Schock: Plötzlich lag der beginnende Anstieg mit ca. 18 bis 20 Prozent Steigung über ca. einen Kilometer vor uns, dann wurde es etwas flacher, und dann kamen gleich weitere Steigungen. Mühsam kurbelten wir im ersten und zweiten Gang hoch, stiegen zwischendurch ab, um uns muskulär zu erholen und Trinkpausen zu machen. In Serpentinen ging es aufwärts, dann wieder 30 bis 40 Meter runter. Es war ein ständiges Auf und Ab, eine mörderische Etappe, die uns an den Rand unserer Kräfte brachte. . . .

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