zurück zum Eingang
die Herauforderung; aktuelle Position; Planung
aktuelle Reiseberichte und Berichte früherer Touren und Wettkämpfe
Ausrüstung; Freunde und Partner
Stimmen aus der Presse
Wie es uns geht; was der Arzt sagt
Persönliches
Schreiben Sie uns!
unsere Hompepage im Überblick
zurück zur 128ontour-Homepage Schreiben Sie uns! zu Favoriten hinzufügen
Seite 1 2 3 4 5
zurück zur Übersicht

Im Iran Teil 2

Wir starten in ein neues Reiseland. Es sind noch 35 Kilometer bis zur iranischen Grenze. Ich hoffe, dass im Iran die Lebensverhältnisse besser als bisher sind. Die Armut, der Unrat und das Chaos belasten mich. Nach fünf Kilometern treffen wir auf zwei Holländer, die mit einem Jeep um die Welt wollen. Hier in Ostanatolien hat ihr Motor versagt, weil sie übermütig durch ein Loch gefahren sind. Die Unterhaltung dauert vielleicht 15 Minuten. Wir machen zwei oder drei Fotos und verabschieden uns mit einem „Auf Wiedersehen, vielleicht irgendwo auf unserer Tour!"
     Wir erreichen die türkisch-iranische Grenze. Ich sehe unzählige Lkws und denke: Wo geht es denn hier zur Passkontrolle? Einige Türken winken Gerhard – denn Frauen beachten sie bekanntlich nicht – in ein Gebäude, wo unser Paß den Stempel bekommt. Draußen und drinnen warten viele Menschen auf ihre Abfertigung. Die Halle ist schmutzig und dunkel mit mieser Beleuchtung. Das Ganze erinnert an ein Gefängnis. Mir ist mulmig zu Mute. Eine mit einem Hängeschloss versehene Tür wird von einem Beamten geöffnet, und Menschen strömen herein. Wir stehen mit unseren Rädern da und sollen ebenfalls durch diese Tür, in die andere Richtung. Wir hatten eine Sonderbehandlung – warum, wird ein Geheimnis bleiben.
     Die Spannung in mir steigt. Jetzt kommt die iranische Grenze. Die Wartehalle ist groß und modern. Unsere Pässe werden uns beim Betreten abgenommen. Es wartet eine Gruppe von verhüllten Frauen in langen, wehenden Gewändern in fast ausschließlich Schwarz- und Grautönen. Ich sage zu Gerhard: „Was haben die denn für Gardinen an?" Sie wirken verschüchtert und trauen sich kaum, den Blick zu heben. Ich hatte mir schon vorsorglich ein Nickituch über den Kopf gebunden. Darüber trug ich meinen Fahrradhelm. Nur keine Provokation an der Grenze auslösen! Meine Schwägerin hatte mir zum Abschied ein Kopftuch mit den typischen Farben, dunkler Untergrund und pinkfarbene Blumen, geschenkt. Damals haben wir darüber sehr gelacht. Heute bin ich froh, dass ich es habe. Vor der Abreise wurde uns von einem Reisebüro gesagt, dass an der Grenze Frauen und Männer gesondert abgefertigt werden. Das geschah nicht. Wir erfuhren wieder eine Sonderabfertigung, genauso wie beim Zoll. Das große Gebäude war sauber und ordentlich, ich hoffte, dass es so bleiben würde.
     Die ersten fünf Kilometer behielten den Charakter. Der erste Eindruck war positiv. Bemerkenswerterweise hatten die Straßen breite Randstreifen, auf denen wir gut fahren konnten. Das mindert die Gefahr für uns. Unsere Sorge war, ob die Straßenschilder auch in Latein ausgewiesen seien. Tatsächlich, sie waren es – zumindest in den großen Städten. Der erste Ort nach der Grenze hieß Tako. Hier konnte man Frauen in knöchellangen, schwarzen Einheitsgewändern sehen, dazu das Gesicht zur Hälfte verhüllt. Schnell huschten sie über die Straßen. Wir brauchen nur stehen zu bleiben, dann kommen Männer ungeniert auf Gerhard zu, schütteln ihm die Hand und wollen behilflich sein. Ich werde erwartungsgemäß überhaupt nicht beachtet. Mich ärgert das schon. Frauen sind in der muslimischen Welt offenbar ein notwendiges Übel, denn letzten Endes braucht man sie zum Kindergebären. Am liebsten würden diese Männer auch das noch übernehmen.
     Am nächsten Tag war gutes Wetter, die Sonne schien – gute Voraussetzungen für uns. Es sollte wieder einmal eine lange Tour werden. Die ersten 25 Kilometer rollten wir dahin. Gerhard fotografierte den Ararat mit Teleobjektiv. Wir ließen uns Zeit. Der Hammer kam nach 45 Kilometern, eine kontinuierliche Steigung mit heftigem Gegenwind. Heute war Gerhard nicht in Form. Er schwächelte etwas, und ich machte die Führungsarbeit. Die Sonne stand schon tief, und wir mussten ein Quartier finden. In diesem Ort gab es kein offizielles Hotel. Gerhard fragte einen Polizisten, der auf ein Flachgebäude zeigte. Das sah nach einem Esslokal, aber nicht nach einer Unterkunft aus. Gerhard ging hinein und kam mit der Nachricht heraus: „Wir können hier übernachten, aber wir müssen unsere Schlafsäcke ausbreiten."
     Mit Rad und Gepäck gingen wir in den bereit gestellten Raum. Es war der Gebetsraum des Lokals. Auf dem Boden lag ein sauberer Teppich, auf der Fensterbank der Koran. Besser drinnen als draußen im Zelt, denke ich, und muss wieder eine fast schlaflose Nacht hinnehmen. Bis 2 Uhr lief der Fernseher überlaut. Was machten diese Menschen ohne TV? Es gab Satellitenschüsseln bis in die entlegensten Winkel. Ich traute mich nicht, die Beine herauszustrecken, denn im Nebenzimmer schliefen die drei Männer, die das Lokal bewirteten. Gegen Morgen kam ein heftiges Gewitter. Gerhard stellte fest, dass es in sein Gesicht und auf den Schlafsack tropfte. Er rückte näher an mich heran.
     Am Morgen fühlte ich mich zerschlagen und müde, und es war außer Gesichtwaschen nicht mehr drin. Das dürftige Frühstück bestand aus Tee, Marmelade, etwas Quark und Fladen. Die Fladen werden aus Wasser, Salz und Mehl gefertigt. Die Konsistenz erinnert an ein feuchtes Fensterleder. Wir warteten den Regenguss ab, dann machten wir uns auf den Weg. Es standen immer noch Regenwolken am Himmel, und es gab Gegenwind. Wir fanden im kaum besiedelten Gebiet keine Unterstellmöglichkeit. Es gab nur kargen Grasbewuchs, Folge der Überweidung durch Schafe und Ziegen. Ich beobachtete einen etwa zwölfjährigen Jungen, der alleine seine Herde hütete. Wie einsam mag so ein Kind sein, dachte ich. Wenn ich diesen Jungen mit unseren Kindern vergleiche – nicht vorstellbar, in unseren Verhältnissen.
     Die drohenden Regenwolken entleerten sich über uns, dazu weiter heftiger Gegenwind und kontinuierlicher Anstieg des Geländes. Auch heute fühlte sich Gerhard nicht gut. Seine Geschwindigkeit nahm ab. Ich sah im Rückspiegel, dass der Abstand zwischen uns immer größer wurde. Die Trinkpausen brachten nicht viel. Die nächste kleine Stadt war insgesamt nur 71 Kilometer entfernt vom Startpunkt, aber die Wetterverhältnisse und das Gelände erschwerten weiterhin das Vorankommen. Wir hatten für unsere Umgebung nicht besonders viel übrig. Die vorbeifahrenden Autos wirbelten das Spritzwasser hoch. Wir, unsere Taschen und die Räder sahen entsprechend aus. Endlich hatten wir die Kleinstadt Mahrad erreicht. Es gab heftiges Treiben auf der Hauptstraße. Autos fuhren quer durcheinander. Menschen passierten die Straße meist im Sauseschritt. Wir stoppten und fragten nach einer Unterkunft. Es gäbe eine drei Kilometer außerhalb der Stadt auf einem Berg. Wir waren sowieso schon fix und fertig. Bloß nicht darüber Nachdenken, einfach weiterkurbeln. . . .

Seite 1 2 3 4 5
zurück zur Übersicht