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Zug nach Novosibirsk

Gerhard hatte uns von einem Zugabteil ein ganzes Coupe gekauft, damit wir unsere Fahrräder mit hineinnehmen konnten und damit ich mich auch ungestört hinlegen konnte. Der Bahnhof für Fernzüge lag zwölf Kilometer von unserem Hotel entfernt. Gerhard fragte mich mit besorgter Miene, ob ich das schaffe. „Natürlich werde ich das schaffen“. Dabei dachte ich, na, hoffentlich packe ich das auch. Nach dreieinhalb Wochen Bettruhe ist jede Kondition futsch.
     Unsere Freundin Asyia fuhr mit der Straßenbahn, und wir brauchten ihr nur folgen. Das war ein hohes Tempo, mit dem die Bahn fuhr. Glücklicherweise hielt sie immer wieder an, und so konnten wir den Abstand ungefähr gleich halten. Ich fuhr zeitweise an meinem Limit, mein Puls ging hoch auf 156 Schläge pro Minute. Ich pustete und schnaufte ganz schön. Gerhard voraus. Mich immer in seinem Rückspiegel. Wohlbehalten sind wir angekommen.
     Wir hatten noch zwei Stunden bis zur Abfahrt des Zuges. So nach und nach füllte sich der Bahnsteig mit den potenziellen Fahrgästen. Wir überlegten, wie wir am günstigsten die Räder und unsere Packtaschen ins Abteil schaffen könnten. Es gab keinen Wagenstandsanzeiger wie bei uns. In diesen ehemaligen GUS-Staaten ist bis eine halbe Stunde vor der Einfahrt des Zuges nicht einmal der Abfahrts-Bahnsteig bekannt. So hatten wir auch keine Vorstellung, auf welcher Höhe des Bahnsteigs unser Abteil halten würde. Wir waren beide innerlich sehr angespannt. Beschlossen hatten wir, dass ich Gerhard die Räder anreiche,während ich gleichzeitig bei den Packtaschen blieb und ihm diese nach und nach hinterher reichte. Es war ein ziemliches Gewürge bis wir alles wie geplant erreicht hatten.
     Eine Eigenheit, die mir gleich auffiel, ist, dass die Menschen sich gegenseitig nicht behilflich sind. Nein, sie schauen dir zu, wie du dich abschuftest, das Gepäck hoch zu hieven. Mit dem letzten Gepäckstück stieg auch ich ein. Das war geschafft. Jetzt mussten wir noch unsere Räder auf die oberen Liegen des Abteils bugsieren.
     „Stell dich auf den Platztisch, ich gebe dir die Räder an“, sagte ich. Ich schwitzte wie ein Tier. Das war Stress pur. Letzten Endes haben wir es doch geschafft. Den mit Schuhen betretenen Tisch wischte ich mit einer Desinfektionslösung ab. Das war geschafft, wir lachten und umarmten uns. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Asyia hatte uns Nüsse, Apfel, und verschiedenes Trockenobst gekauft. Die Tür ging auf, die Abteil- Schaffnerin steckte den Kopf herein und murmelte für mich etwas nicht Verständliches. Gerhard antwortete ihr mit einem „Da, Da“, „Jaja“. „Was wollte sie von uns?“, fragte ich Gerhard. „Sie hat uns gefragt, ob wir Bettwäsche brauchen“. Auf den Sitzen lagen für jeden eine Wolldecke und je ein Kissen. Ich hob das Kissen hoch. Bleischwer war das Daunenkissen, dazu der Geruch von altem, sauren Schweiß. „Die Kissen kannst du gleich nach oben packen, sonst wird mir von Geruch schlecht“, sagte ich. Die Wolldecken sahen aus, als seien sie oft gebraucht und dafür wenig gereinigt worden, der Geruch war ganz schön miefig. Die Schafferin brachte uns die Bettwäsche. Sie waren sicher mit einem Seifenpulver ohne Weißmacher gewaschen worden, aber sie waren glatt. Wir hatten ja den Luxus, unsere Schlafsäcke dabei zu haben. Und die packten wir aus.
     Gerhard mahnte „Frau, du musst dich hinlegen“. „Ja, mach ich ja schon“, brummte ich zurück. Ich war immer noch so aufgeregt, es gab soviel Neues zu sehen. Die Landschaften flogen an uns vorbei. Ich legte mich auf mein Schlaflager und nickte für kurze Zeit ein. In meinem Handspiegel schaute ich immer das Gelb in meinen Augen an, manchmal dachte ich, jetzt würde das Gelb abklingen. Und dann im nächsten Moment dachte ich doch: ‚Es ist immer noch sehr schlimm mit dir“.
     Wir entdeckten auf dem Flur gegenüber dem Abteil der Schaffnerin einen Samowar, der noch mit Holz beheizt wurde. Da konnte sich jeder Fahrgast heißes Wasser holen. Das war eine geniale Einrichtung. Wir machten uns jeder einen Tee. Viel Zeit zum Rekonvaleszieren.
     Der Zug hielt an mehreren Bahnhöfen an. Auf den Bahnsteigen boten Händler ihre selbst zubereiteten Speisen und Getränke an. Da gab es Tschai – Tee, Suppe, Kaffee, Brot und Obst (aus dem eigenen Garten), gekochte Eier, Pellkartoffeln und noch vieles andere. Nur zu gerne hätte ich davon gekostet, aber mein Mann achtete streng darauf, dass ich nichts aus einer diesen Garküchen aß. An einem Bahnhof wurden massenhaft geräucherte Fische angeboten. Die hingen aufgereiht wie an einem Schlüsselbund. Vor diesem Fisch hatte uns unsere Gastmutter in Kirgistan ja so ausdrücklich gewarnt. Also verzichteten wir wieder. Stattdessen ging mein Gerhard auf Motivsuche mit der Kamera. Plötzlich hörte ich, wie die Türen des Zuges mit einem Klack schlossen. Wo war mein Gerhard? Mir wurde ganz angst und bange. Das Fenster klemmte, ich konnte nicht ausmachen, wo er war. Er war nur mit einem Sweatshirt, Hose und Hausschuhen unterwegs.
     Ich lief in den Gang des Abteil und rief „Gerhard, Gerhard“. Andere Fahrgäste traten auf den Gang und sahen mich verwundert an. Da kam er aus dem nächsten Abteil. Mir fiel ein Stein vom Herzen. „Bitte, mach das nicht noch einmal“, bat ich ihn. Er hatte schon immer Mut zum Risiko.
     Auf dem Gang des Waggon wurde mein Gerhard in gutem Englisch von einem Mann angesprochen. Ein Mediziner, für einige Jahre sogar Gesundheitsminister von Kasachstan. Eine Weile nach dem Gespräch kam er zu uns ins Abteil, um mich zu begrüßen. Er schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann sagte er zu mir: „Sie sind gelb, Sie haben Hepatitis“. Ich zuckte zusammen. Er schaute mich eindringlich an und sagte mit rollendem R. „Verrry dangerous”. Damit verließ er unser Abteil.
     Gerhard folgte ihm auf den Gang, wo der Arzt ihm klar machte, wie ernst diese Erkrankung war. „Bei dieser Erkrankung müssen die Patienten vier Wochen ins Krankenhaus“. Ich bekam Angst. Wenn dieser Arzt mich bei der kasachischen Behörde meldet, komme ich am nächsten Haltebahnhof auch gegen meinen Willen ins Krankenhaus. Das wurde mir klar. Und in der kasachischen Steppe, wo der Hund begraben ist!
     Ich konnte gar nichts anderes mehr denken. Immer wieder sagte ich zu Gerhard: „Hoffentlich meldet dieser Doktor mich nicht den Behörden“. Ich hatte solch eine Angst. Hier waren die Erkenntnisse noch lange nicht so weit wie bei uns. In Deutschland ist eine stationäre Behandlung einer Hepatitis nach dem neuesten Stand der Forschung nur selten erforderlich. Mein Mann beruhigte mich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass dieser nette Mann mich melden würde.
     Der nächste Bahnhof kam, ich sah den Arzt auf dem Bahnsteig davon gehen. Ob er jetzt die Bahnpolizei informierte? Einige Minuten später fuhr der Zug wieder an. Es geschah nichts. Ganz unruhig schaute ich nach allen Seiten. Unsere Abteiltür wurde geöffnet, der Arzt kam zu uns herein. Er entschuldigte sich für die Störung, und reichte mir eine kleine Schachtel und sagte. „Das ist ein leberunterstützendes Präparat, das habe ich Ihnen eben in der Apotheke besorgt“. Überrascht nahm ich die Schachtel entgegen. Also, doch keine Zwangskasernierung.

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