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Bericht 11: „Meine tapfere Frau kämpft gegen die Hepatitis“ – Seite 1/8

Jutta hatte darauf bestanden, dass wir mit unseren Rädern zum Bahnhof fahren. „Das wäre ja noch schöner! Die zwölf Kilometer werde ich doch noch schaffen.“ Ich ließ mich von ihrer Zuversicht anstecken und versuchte, die Bilder zu verdrängen, die von Erschöpfung gequälten Gesichtsausdrücke, als sie im fiebrigen Zustand versuchte, wenigstens einige Minuten aufrecht zu sitzen oder als sie sich einige Tage später plagte, wenigstens einige hundert Meter zu gehen. Doch wir dürfen uns nichts vormachen. Die Ausheilung einer Hepatitis erfordert Geduld und Disziplin, bis zu sechs Wochen Ruhe und strenge Diät. Wir dürfen keinen Rückschlag riskieren. Ich sah mich plötzlich in einer Rolle, die ich zuvor nie kannte. Denn ich war es gewohnt, dass meine Frau um meine Gesundheit besorgt war. Jetzt musste ich auf sie aufpassen und darauf achten, dass sie sich nicht zu stark belastet. Und wir waren jeden Tag auf der Suche nach passender Ernährung, was in einer fremden Stadt gar nicht so einfach ist. Wir hatten erkannt, dass das Essen im Restaurant einfach ausfallen muss. Da gibt es meistens fettreiche Kost oder zumindest versteckte Fette. . . .
. . . Endlich waren wir wieder in Aufbruchstimmung. Ich holte unsere Räder aus der engen, dunklen Kammer des Wachpersonals, und wir packten unter den aufmerksamen Blicken der Wachmänner unsere Taschen darauf. Jeder Handgriff sitzt inzwischen. Von drüben grüßte mich ein Taxifahrer, der hier seinen Standplatz hat. Er hatte mich zum Marathonstart gefahren. Vorher hatte ich noch sein überhöhtes Preisangebot heruntergehandelt. Lachend und mit Handschlag hat er dann die Kompromiß-Taxe akzeptiert und mir fortan jedes Mal, wenn wir uns sahen, „Maraphon“ und „moi Drug“, „mein Freund“, zugerufen.
      Azia wollte uns unbedingt zum Bahnhof begleiten, obwohl wir ihn eigentlich nicht verfehlen konnten. Wir mussten nur eine Straßenabzweigung beachten. Sie fuhr im Linienbus voraus, und wir hinterher. Den Bus haben wir nicht aus den Augen verloren. An den Haltestellen konnten wir immer wieder aufschließen. „So schnell wie der Bus“, lobte uns Azia anerkennend am Bahnhof. Da sah ich wieder meiner Frau tief in die Augen. War es zu schnell für sich? Nein, sie machte keinen überanstrengten Eindruck. Wir hatten vier Fahrkarten gekauft, zwei für uns und zwei für die Räder. Die Räder als „bagage“ in das Coupé? Das ist in russischen Fernzügen nichts Außergewöhnliches. Viele Fahrgäste haben schweres Gepäck dabei und wuchten voluminöse Bündel in ihr Abteil. Nur der Gang muss frei sein, worauf die Waggonschaffnerin achtet. Azia hatte mir vor der Abfahrt noch zugeflüstert: „Am liebsten würde ich mit euch fahren.“ Sie lief dann bis zur Bahnsteigkante neben dem anfahrenden Zug her. Ich erkannte an ihrem Laufstil ihr Talent. Sie war ja auch den Bergmarathon mitgelaufen.
      Es war ein Zug der russischen Bahn, der komfortabler ausgestattet ist als der kasachische Zug. Jedes verschließbare Abteil hat vier Plätze, zwei oben und zwei unten. Wir wuchteten unsere Räder auf die oberen Bänke und verzurrten sie seitlich. Sie standen dort bombenfest. Auf den unteren Bänken konnten wir uns bequem zum Liegen einrichten oder am Fenster mit gepolsterter Rücklehne sitzen. Es gibt auch einen Tisch zum Essen. Alle Fahrgäste haben Proviant dabei. In jedem Waggon spendet ein Samowar zu fast jeder Tageszeit heißes Wasser, wenn die Schaffnerin nicht vergißt, Holz zur Befeuerung nachzulegen. Für eine planmäßige Fahrzeit von 40 Stunden sollte man sich schon bequem einrichten. Das ist auch möglich. Es ist ausreichend Bettzeug da, von dem allerdings nicht die besten Düfte ausgehen. Jutta rümpfte bedenklich die Nase. Aber wir hatten ja unsere Schlafsäcke und zudem frische Bettlaken, die von der Schaffnerin gebracht wurden.
      Wir fuhren nach Sibirien, mindestens 1.500 Kilometer nach Norden durch die berüchtigte kasachische Steppe, wo es über weite Strecken keine menschliche Ansiedlung geben soll. Es geht vorbei an trockenen Salzseen über Semipaladinsk, einer bis vor einigen Jahren gesperrten Stadt hinüber nach Russland, bis Novosibirsk. Dort wollten wir mit der Transsibirischen Eisenbahn einige 1.000 Kilometer weiter nach Osten, zum Baikalsee.
      Noch waren wir jedoch im Einzugsbereich von Almaty. Der Zug hält sehr häufig, wie ein Regionalzug. Bis hierher ist es eine fruchtbare Ebene. Wir schauten häufig auf Industrieruinen. Das sind sicher die langsam verrottenden Reste einer überhasteten Industrie-Verlagerung nach dem deutschen Überfall, der den Russen in ihrem „patriotischen“ Krieg 1941–45 so viel Leid und Zerstörung gebracht hat. In großen Städten hält der Zug länger, erkennbar am Basar entlang des Bahnsteiges. Das eindringliche Quietschen der Bremsen mag Musik in den Ohren der vielen Anbieter sein. Meistens sind es Frauen in Tracht, die auf das Aufstoßen der Waggontüren warten. Auch das ist ein geräuschvoller Akt, der den Schaffnern vorbehalten ist und die diese Aufgabe wie einen hoheitlichen Akt zelebrieren. Kein Fahrgast könnte es wagen, selbst die Tür zu öffnen. Da standen vor jeder Tür einige Frauen, die ihre Warenkörbe nach oben reckten und ihr Preisangebot ausriefen. Hier waren es meist vollreife Aprikosen. Draußen am Bahnsteig hatten sich viele andere hinter Tischen mit ihrem Warenangebot postiert. An einigen Stationen wurde auch warmes Essen feilgeboten. Mich trieb es natürlich mit der Kamera hinaus. Ich habe einer Frau Obst abgekauft, damit sie sich fotografieren ließ. Das war zunächst nicht so einfach, denn die wackere Frau wollte mir partout den ganzen Eimer Aprikosen verkaufen. Der Zug war unendlich lang. Da habe ich mich ein Mal ziemlich weit von unserem Waggon entfernt, und als ich schließlich zurückgefunden hatte, war die Tür schon zur Abfahrt geschlossen. Doch mein Klopfen wurde vom Schaffner erhöht. Von da an ermahnte mich meine Frau bei jedem Zugstopp: „Lauf‘ nicht zu weit!“ Sie winkte mir zeitig aus dem Abteilfenster zum Einsteigen. . . .>

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