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Bericht 4: „Eine Fata Morgana in Bulgarien“ – Seite 1/3

Weder die Serben noch die Bulgaren erlauben das Fotografieren an der Grenze. Der Bulgare sprach etwas Englisch und drückte uns einen Prospekt in die Hand. Visa brauchen wir für dieses Land nicht. Er las in unseren Pässen wie in einem Buch, versuchte die diversen Visa zu entziffern, schüttelte den Kopf. Mit dem Fahrrad? Mit der Verständigung wird es schwieriger, je weiter wir auf dem Balkan nach Südosten vorankommen. Die Speisekarten sind nur kyrillisch, auch die Straßenschilder – ja, wir müssen uns mit dem Entziffern des kyrillischen Alphabetes beschäftigen. Ansätze dafür sind von unseren Russlandreisen vorhanden. Es fiel uns auch auf, dass es bei Serben und Bulgaren russische Ausdrücke gibt.
      Nach dem Grenzübergang wechselten wir in eine andere Welt. Kaum zu glauben, dieser Kontrast. Weit zurück sind die hier, so als ob die Uhr vor 50 bis 60 Jahren stehen geblieben ist. Das waren unsere Eindrücke im ersten Dorf. Ärmliche kleine Wohnhäuser, alte verfallene Gebäude, der abbröckelnde Lehmputz legt eine sehr schlichte Holzbauweise frei. Aber auch hier leben Menschen - auf bescheidenem Niveau zwar, aber auch hier blühen in den Gärten Narzissen, Tulpen und der Flieder. Die aufbrechende Natur ist schon etwas weiter, das ist doch wenigstens etwas.
      Typische Merkmale der Armut oder der sehr bescheidenen Lebensverhältnisse konnten wir in diesem Tagen daran erkennen: Die wichtigsten Fortbewegungsmittel sind Pferd, Muli und Ochse. Der wichtigste Energielieferant ist das Holz. Holz nicht etwa aus Baumstämmen ofengerecht zerkleinert: Die Leute sammeln Äste, Zweige Baumstümpfe und kleine Bäumchen am Straßenrand. Ein Mann hackte im Straßengraben kleine Bäumchen mit einem offenbar stumpfen Beil um, während die Frau am Eselkarren wartete, bis sie Einiges aufladen kann. Da trippelte ein Muli gemächlich daher und musste ein Wägelchen ziehen, in dem vier Leute kauerten. Das ist offenbar der ganz normale Alltag hier. Entspannte Gesichter haben sie schon. Ob sie zufrieden sind? Zeigt sich nicht auch Besitzerstolz in den Mienen, wenn sie eine Kuh am Seil nachziehen, einige Ziegen vor sich her treiben oder ein halbes Dutzend Schafe weiden lassen? Reicht ihnen das oder trachten sie nach mehr, dem uns Menschen angeborenen Triebe nach? Pure Armut ist es jedoch, als ich sah, wie zwei Buben am Steilhang morsche kleine Baumstümpfe weghackten. Am Straßenrand hatten sie zwei winzig kleine Kinderwägelchen zum Abtransport des Holzes bereitgestellt.
      Wir fahren auf breiter, überraschend guter Straße mit dem Wind im Rücken hinüber in Richtung Donau. Die Grenzstadt Vidin lassen wir liegen. Ein anderer Stadt, eine andere Währung, und dann noch Bulgarien, wo die Kriminalität sehr hoch sein soll – wir wurden gewarnt, Bulgarien zu durchfahren. Das baut Anspannung und Nervosität auf. Wo würden wir heute nacht schlafen? Montana, wo es ein Hotel geben soll, konnten wir nicht erreichen. Wir hatten heftigen Seitenwind und Berge vor uns, noch 100 Kilometer am Nachmittag sind da zuviel. Wir entschieden uns für die Donauroute nach Lom, dort sollte es eine Herberge geben. Aber die Grenzstadt sei ziemlich verwahrlost. Wenn das schon Bulgaren sagen, dann muss das was heißen. Es wäre ein Umweg von etwa 35 Kilometer.
      Da tat sich nach eineinhalb Stunden eine Kreuzung auf, die sich auf unserer dürftigen Karte nicht fand. Rechts nach Montana 50 Kilometer, links auf erkennbar schlechter Nebenstraße nach Lom 35 Kilometer. Ehe wir uns entschieden hatten, zeigte meine Frau nach rechts hinüber. Da war doch tatsächlich zu lesen: „Motel und Restaurant“. Nicht kyrillisch. Und das Haus im oberbayerischen Stil! Es machte einen sauberen Eindruck. Das ist doch keine Fata Morgana? Zwei flinke schwarzhaarige Burschen kamen uns entgegen, winkten uns herbei, redeten Bulgarisch auf uns ein. Die Räder wollten sie gleich in die Garage bringen, die aber von außen offen ist. Ich winkte ab: „No garage.“ Da tauchte plötzlich ein älteres Frauchen auf. Aber was heißt älter? Ich bin nur zwei Jahre jünger als sie, wie wir erfahren. Einer der Burschen deutete auf sie: „Chefin.“ Und die Chefin sprach leidlich Deutsch. Leicht gebeugt, mit einem müden, warmherzigen Lächeln, stand sie vor uns. Wir spürten, diesen Menschen können wir uns anvertrauen. Sie erzählte uns, das Haus gehöre ihrer Tochter, die lange in Bayern gelebt hat und mit einem Deutschen verheiratet war. Deshalb heißt das Haus „Werner“.
      Wir nahmen die Bleibe wie ein Geschenk des Himmels an. Über die Mängel in der Dusche und in der Einrichtung konnten wir da gerne hinwegsehen. Und die Männer kochten für uns individuell. In der Wirtsstube mit Anzeichen von bayerischen Ambiente sprachen uns zwei Deutsche an. Der eine stellte sich mit „Markwart“ vor, ein mutiger Existenzgründer.
      Er kommt aus Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern, wo es viele Arbeitslose gibt. Er will ausgerechnet in dieser bulgarischen Ecke sein Hobby zum Beruf machen, die Vermehrung von Zierfischen. Vier Gründe nannte er für die Standortwahl: niedrige Investitionskosten, billige Arbeitskräfte, ein sehr sauberes, weiches Wasser und billigen Strom. Er ist noch in der hoffnungsvollen Anfangsphase. Vor drei Wochen kam der junge Mann hier an. Ich wünsche ihm wirtschaftliches Gespür und Erfolg. Er und sein Freund, der zu Besuch da ist, können von ihren ostdeutschen Schulkenntnissen her kyrillisch gut lesen. Aber sie verstehen nicht die Landessprache. Da stützen sie sich auf einen als Mitarbeiter angeworbenen Bulgaren, der jedoch nur einen recht bescheidenen deutschen Sprachschatz hat.
      Gemeinsam haben sie uns bei unserer weiteren Routenwahl beraten. Wir müssen nämlich über die Berge hinüber nach Sofia. Die Gebirgskette, die übersetzt „die alten Berge“ heißt, erstreckt sich wie ein Band von West nach Ost, in den Höhen vergleichbar mit unseren Voralpen. Vom direkten Weg, den ich eingeplant hatte, rieten sie ab. Der Pass bei 1.420 Höhenmeter war in den Vortagen tief verschneit. Sie mussten mit ihrem Auto umkehren, weil vor ihnen zwei Lkws stecken geblieben waren. Es war auch heute noch sehr kühl, in den Vortagen war es richtig kalt.>

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