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Bericht 22/23:
„An das Ende der Welt von Western Australia “

      Perth, die Metropole, ist eine ruhige Großstadt. Wo sind die 1,4 Millionen, kein hektisch pulsierendes Leben, der Verkehr auf den Straßen ist ziemlich lautlos. In den weiträumigen Fußgängerzonen und Einkaufzentren mit den unzähligen Shops hatten wir den Eindruck, dass das Angebot etwas zu groß geraten ist. Nirgendwo Gedränge, wie das in Großstädten doch so üblich ist.
      Uns war das Recht, die Ruhe tat uns gut. Doch wir waren nun von ganz anderen Menschen umgeben, es fehlten uns die asiatischen Gesichter und ihre offene spontane Aufmerksamkeit und Freundlichkeit, wie wir sie zwei Monate erlebt hatten. Unsere ersten Eindrücke von den Aussis: verschlossen, mürrisch, lustlos! Wegen der verlorenen Schraube an meinem Schaltsystem suchten wir einen Bike Shop auf. Der Verkäufer schaute schon vorwurfsvoll, weil ich mein Rad in den Laden schob. Dann machte er sich nicht mal die Mühe, sich zu bücken, um nachzuschauen. Nein, da kann er uns nicht helfen. Es war eindeutig, der wollte nur verkaufen, aber nicht helfen. Im zweiten Shop war es ähnlich. Da wurden meine sehr schönen Erinnerungen an die Stadt doch ein wenig getrübt. Im November 1997 hatte ich hier bei meinem dritten Triathlon als Neueinsteigen an der Weltmeisterschaft teilgenommen. Mein australischer Freund Bill Hamilton, den ich vom Skilanglauf her kannte, hatte mich dazu überredet und stellte mir sein Zweitrad leihweise zur Verfügung. Es war ein großartiges Erlebnis.
     
Wir mussten wieder aufs Rad, die Schaltung wird schon halten. Ohne Stress sind wir aus der Stadt herausgekommen, schon nach 20 Kilometern waren wir im dröhnenden Verkehr einer Autobahn. Plötzlich war da kein Randsteifen mehr und wir hatten es mit den Road Trains zu tun, diese bis zu 36 Meter langen, mächtigen Trucks. Die mussten uns sehr dicht überholen und erfassten uns mit einem Sog, der mir das offene Hemd bis zu den Schultern hochzog. Jutta rief mir ein entsetztes „Halt“ zu und schwenkte auf eine Ausfahrt ein. „Ich fahr hier nicht weiter, gibt es da keine Nebenstraße?“ Sie hatte auch ein Verbotsschild für Radfahrer gesehen. Nein, wir hatten nur den Great Eastern Highway Nr. 94 zur Verfügung auf unserer Fahrt in den einsamen Osten. Also mussten wir wieder drauf nach zwei Kilometern.
      Erleichtert stellten wir fest, dass der Hauptverkehr nach Norden und Süden abgezweigt war. Unser kurzer Ausflug hat uns jedoch zwei Platte beschert und das war nicht alles. Wir hatten imposante Hügel vor uns, da müssen wir drüber, hatte uns ein Mann gesagt. Viele Kilometer kurvten wir hoch, es nahm kein Ende, eine kleine Bergetappe wurde es, nach leichten Abfahrten immer wieder hoch. Noch schlimmer jedoch war der starke Gegenwind, er kam direkt von vorn. Einige Male schrie ich vor Wut, wenn mich wieder eine Bö packet. Dann mussten wir noch zweimal flicken. Am Straßenrand unter praller Sonne war das nicht gemütlich. Es war wieder mein Vorderrad, zum dritten Mal. Jutta piekste einen winzigen Glassplitter aus dem Reifen nach sehr genauer Untersuchung. Die Autos brausten ungebremst vorbei. Jutta nickte heftig, als ich sagte „Im Iran hätten mindestens fünf Autofahrer angehalten und ihre Hilfe angeboten.“ Ja, da kamen schon Zweifel auf, was ist, wenn du wirklich Hilfe nötig hast.
      Alles war anders hier, wir fuhren durch Eukalyptuswälder, an gepflegten Gärten vorbei. Die großen Warnschilder vor Buschfeuern standen auf „High“ und „Very High Risk“. Der starke Wind, unser Gegner in diesen ersten Tagen, der uns so viel Kraft abverlangte, würde ein Feuer mit Windeseile verbreiten. Wir kamen nach 100 Kilometern in Northam an, einem idyllischen kleine Städtchen. Sympathisch an allen diesen kleinen „Towns“, die wir in diesen Tagen als Etappenziel anpeilten, ist die Idylle der Gründerzeit. Hier scheint die Zeit wirklich stehen geblieben zu sein. Das schönste Gebäude ist meist das „Post Office“. In den Straßenfronten stört kein moderner Neubau.
      Die Hotels sind jedoch auch noch im alten Zustand, schlichte Räume ohne Bad. Da gibt es keine Rezeption, du stehst an der Theke in der Bar. Da hocken Männer wie Frauen an der Bar, so wie ihre eingewanderten Groß- und Urgroßväter. Da sind recht derbe Typen dabei. Den schauderhaften Dialekt konnten wir ohnehin nicht verstehen. Die kümmerten sich auch kaum um uns. Als wir einmal mittags in einem sehr entlegenen Rasthaus einkehrten, wurde uns ein scheußlicher Fast-Food-Fraß vorgesetzt, noch dazu überteuert. Dazu kam, dass die Wirtin einen ziemlich frustrierten Eindruck machte. Oft stellten wir fest, dass Leute hier resigniert lustlos ihren Job verrichten. Ein junger Mann, der in dicken Stiefeln steckte, erwies sich als Farmer, wie ich vermutet hatte. Er gab gerne Auskunft. Sein Haupterwerb ist das Getreide, außerdem hält er Rinder und Schafe. Regen bringt der von uns so erhoffte Westwind, aber nur an einigen Tagen, meinte er sarkastisch. Die Trockenheit ist das große Problem der Landwirtschaft.
      Wir hatten andere Farbtöne um uns als in Asien, das trockene Gelb der abgeernteten Felder. Das einzige Grün kommt von den robusten Eukalyptusbäumen. Wie Kinder schreiende Vögel mit bunten Schwanzfedern flogen herum. Auf einem Baum entdeckte Jutta einen Papagei. Von Kängurus haben wir bisher nur einige zermalmte Kadaver gesehen. Ganz neu für uns sind die lästigen Fliegen, sie krabbeln ungeniert zu Dutzenden im Gesicht herum. Wenn wir anhalten, sind sie sofort da, beim fahren kriegen wir sie erst mit einem Fahrtwind ab 25 km/h los, zeitweise hatten wir einige ganz hartnäckige dann immer noch um uns.
      Southern Cross, einem Goldgräberstädtchen, wo noch immer nach dem kostbaren Metall geschürft wird, war das letzte größere Städtchen vor dem unbesiedelten Osten von Western Australia. Wir kamen schon mittags an nach 110 Kilometern. Als ich meiner Frau vorschlug, nach einer kühlenden Einkehr noch weiterzufahren, reagierte sie ziemlich gereizt. „Was, bei dieser Affenhitze? 42 Grad sind das! Wir bleiben!“ Am Abend studierte sie die Karte „Das ist ja ein Wahnsinn, wie sollen wir da durchkommen, 200 Kilometer ohne Unterkunft, wie stellst Du dir das vor. Übernachten im Busch? Du mit deiner Abenteuerlust.“
      Eine Stunde nach Dämmerung fuhren wir am nächsten Morgen los, mit einem kurzen Ziel, ein „Roadhouse“ nach 33 Kilometern. Es wurden 188 Kilometer, die längste Strecke, die wir bisher an einem Tag gefahren waren. Das kam so: Bei Windstille kamen wir so schnell voran, dass wir am Roadhouse schon um halb neun ankamen, da erkannten wir beide leichten Rückenwind. Wieder mal hat mich meine Jutta überrascht. Komm wir fahren. Wir riskierten die Fahrt in die absolute Einsamkeit, es war russisches Roulette, wie Jutta am Abend bemerkte. Wie wäre es gekommen, wenn der Wind plötzlich wieder gedreht hätte, wie das oft vorkommt hier. Jeder von uns hatte vier Liter Wasser dabei. Es waren sehr wenig Autos unterwegs an diesem Sonntag. Der Wind half uns und wir kamen sehr schnell voran. Noch nie habe ich an einem Tag so viel getrunken, es war die trockene Hitze. Ab Mittags brannte die Sonne so gnadenlos, besonders wenn wir zu kurzen Trinkstopps anhielten, es war nicht leicht, dafür dürftigen Schatten zu finden. Und dann waren immer sehr schnell Fliegen wieder da. Da kamen wir kaum zum Abkühlen, mein Puls hämmerte bei 125, bei Jutta noch höher. Ich wollte immer warten bis er wenigstens auf 105 herunterging. Derweil wedelten wir ständig die lästigen Fliegen ab.
      Nach 158 Kilometern kamen wir an ein Rasthaus und tranken und tranken, zwei Liter nahmen wir noch auf die letzten 30 Kilometer mit. Vorher hatte Jutta einen Knick und klagte über Kopfschmerzen. Die waren aber nach dem Rasthausstopp und mit Hilfe von Cola schnell verflogen. Übermütig trat sie in die Pedale, inzwischen hatten wir die Sonne von hinten und hatten das Gefühl, dass es etwas kühler geworden war. Da erfasste mich ein Knick und musste vom Rad. Ich musste ein Schwindelgefühl überwinden. Sehr besorgt kümmerte sich meine Frau um mich, das war schon die halbe Heilung. Besorgt fragte sie mich: „Sollen wir ein Auto anhalten?“ Nein, auf keinen Fall, diese letzten zehn Kilometer packe ich noch. Und es ging auch gleich wieder besser mit mir, von hinten rief mir meine Frau einige male die Frage zu „Wie geht es Dir?“ Ich war wieder fit, bei mir hatte offenbar die Cola genau das Gegenteil bewirkt als bei meiner Frau.
      Wir kamen an nach genau 188 Kilometer und beiläufigen 771 Höhenmetern im verträumten Städtchen Coolgardie, wo wir nur sehr wenig Menschen sahen. Aber ein Motel ist da und am Abend haben wir im traditionellen Hotel am Platze sehr gut auf chinesisch gegessen. Einen Chinesen aus Singapore hatte es ausgerechnet in diesen einsamen Ort verschlagen.
      Wir haben uns nach einem langen Schlaf gut erholt, haben die Generalprobe für die Wüste bestanden. Da werden wir auch an einigen Tagen um die 180 Kilometer am Tag fahren müssen, wenn wir nicht im Wüstensand schlafen wollen.

Wir fahren in die Wüste

      In aller Herrgottsfrühe haben wir uns auf dem breiten Boulevard der auch tagsüber wie ausgestorben wirkenden Goldgräberstadt auf unsere Rösser geschwungen. Am Vortag hatten wir uns durch Rundgang und im Museum über den im Jahre 1892 dort ausgebrochenen Goldrausch informiert. In kürzester Frist waren 16000 Glücksritter dort auf beschwerliche Weise angekommen, nur wenige haben ihr Glück gefunden, zeitweise war Wasser kostbarer als Gold.
      Das blaue Band der gut asphaltierten Strasse mit den beidseitig rostbraunen Kiesstreifen nahm uns auf und sollte für viele Stunden unser Ausblick sein. Die riesigen Road Trains, die bis zu 54 Meter lang sein sollen, wie uns ein Trucker sagte, störten uns wenig. So viele kamen da nicht vorbei und meist sind sie ziemlich rücksichtsvoll ausgewichen. Eigentlich ideal zum radeln, woran liegt es eigentlich, dass wir auch in Western Australia die bisher einzigen Radler sind?
      Wenn größere Entfernungen bis zum nächsten Haus zu überwinden sind, haben wir weitgehend unberührte Natur um uns. Locker stehende Eukalyptusbaume breit ausladend mit hellbrauner Rinde sind unterwachsen mit grünen Sträuchern. Man könnte meinen, durch einen von Menschenhand angelegten Park zu fahren. Dann gab es aber auch nur kurzes, dürres Buschwerk oder vom Brand gerodete Flächen. Die verkohlten Baumstummel würden nicht gerade einladen zu einer Übernachtung im Busch. Wir querten Rinnen, die zur Regenzeit unter Wasser stehen, auf weiten ausgetrockneten Seenflächen glitzerte Salz. Auf unserem Schwenk nach Süden erfasste uns der Südwestwind, der am Nachmittag stark auffrischte, so forderten diese 168 Kilometer im Schlussteil unsere ganze Stärke und Willenskraft bis wir endlich in Norseman ankamen, dem Westportal zum Wüstengebiet der Nullorbor.
      Der Südwind hatte uns kühl angeblasen und wir sehnten uns nach einer heißen Dusche als wir erschöpft die Türe zur Motelbleibe aufsperrten. So schnell kann sich auch hier das Wetter drehen. Die Plage an diesem Tag hätte nicht sein müssen, denn nach 75 Kilometer hätten wir in einem kleinen Roadhouse unterkommen können. Deshalb hat mich auch ein schlechtes Gewissen geplagt gegenüber meiner Frau, die wieder so tapfer gekämpft und mich im Wechsel in ihren Windschatten nahm. Nun herrscht wieder Friede. Unser technisches Problem mit der Schaltung haben wir mit Hilfe eines hilfsbereiten Servicemannes lösen können, den wir in diesem kleinen Nest am Ende der Welt gefunden haben. Unser Trauma, dass unsere Radpumpe wegen einer verschlissenen Gummidichtung versagen könnte, konnten wir auch vertreiben, denn wir haben Ersatz gefunden. So wollen wir es denn morgen nach einem Anlauf von 730 Kilometern wagen, mit viel Wasser im Gepäck. Wenn wir nicht im Sand schlafen wollen, müssen wir 193 Kilometer überwinden und am nächsten Tag noch mal 186, auf einer schnurgeraden Straße, die keinen Meter abweicht, das soll ein Rekord sein. Wir wollen mit mentaler Stärke gegen die Eintönigkeit angehen. Es soll wieder sehr heiß werden. Hoffentlich kommt der Wind noch für einige Tage aus Südwest. Leider herrscht auf der Nullarbor meist der, uns so unbarmherzig bremsende Ostwind. Bis zum nächsten Städtchen sind es 1200 Kilometer, da werden wir auch kaum ins Internet kommen. Deshalb verabschieden wir uns für eine Weile schon mal von allen, die unsere Reise verfolgen. Es ist schön zu wissen, dass uns viele gute Wünsche begleiten

Wir grüßen alle unsere Freunde aus dem sehr sehr fernen Western Australia,
am Rande der Nullarbor Wüste.

19. März 2003 Jutta und Gerhard