zurück zum Eingang
die Herauforderung; aktuelle Position; Planung
aktuelle Reiseberichte und Berichte früherer Touren und Wettkämpfe
Ausrüstung; Freunde und Partner
Stimmen aus der Presse
Wie es uns geht; was der Arzt sagt
Persönliches
Schreiben Sie uns!
unsere Hompepage im Überblick
zurück zur 128ontour-Homepage Schreiben Sie uns! zu Favoriten hinzufügen
Seite 1
zurück zur Übersicht

Bericht 25:

      Die beiden Ruhetage in Cenduna haben uns gut getan. Wir spürten es im angenehmen Wohlbefinden, wie sich der Körper mit der strapazierten Muskulatur erholte und wir verstanden es als Signal: Es war höchste Zeit. Jutta war in diesen Tagen besonders besorgt „Du hast nichts mehr zuzusetzen, kein Gramm Fett unter der Haut, du brauchst endlich Ruhe. Ich kann immer noch ein Fettpolster einsetzen, Du nicht“. Das war ihre Erklärung, warum sie in den Schlussphasen längerer Tagesetappen stärker war als ich. Ich wusste es selbst und hatte es jeden Tag mehr und mehr gespürt, wie sehr ich eine Regeneration nötig hatte, und nötig hatte ich die Liebe und Zuwendung meiner Frau, besonders in diesen Tagen, wo ich mich in den äußersten Grenzbereich meiner körperlichen Belastungsfähigkeit gewagt hatte. Als wir im Bett lagen und unsere Erinnerungen austauschten, wie schon so oft auf dieser Reise, wurde mir an diesem Tag besonders bewusst, welches Glück mir widerfährt, dass mich meine Frau begleitet und alles mit mir teilt, glückliche Stunden und harte Belastungen, angenehme Überraschungen, aber auch menschliche Enttäuschungen.
      Langsam hatten wir uns daran gewöhnt, dass die Aussis ganz anders sind als die Asiaten. Ich habe oft Gespräche gesucht, im Caravan-Park gibt es da gute Gelegenheiten und ich hatte da meist den Eindruck, dass sich die Australier mit einem Abwehrpanzer umgeben, den man erst aufsperren muss. Und selbst nach einem längeren Gespräch bleibt ein Rest von Misstrauen.
      Es sind überwiegend Rentner, die auf ihren Reisen mit dem Wohnwagen wochen- und monatelang unterwegs sind. Eine Frau erzählte mir stolz, dass sie zwei Jahre im Land umhergefahren ist, von einem Caravan-Park zumanderen. Die allermeisten haben ihre große Insel noch nie verlassen und ihr Interesse an unserer Reise beschränkte sich auf Australien, alles andere entzog sich ihrer Vorstellungskraft. Einige schauten mich fassungslos an, als sie hörten, dass dies unser 18. Land ist, das wir bereisen. Es ist uns aufgefallen, dass sich die Kontakte untereinander auf die üblichen Höflichkeitsfloskeln an den Toilettenanlagen beschränken. In den Caravan-Parks gibt es keine Gemeinschaftsräume und auch keine Gaststätten. Dass die Menschen uns Radlern mit Misstrauen begegnen, war ja völlig neu für uns. An einem frühen Morgen hatten wir noch Wasser an einer Tankstelle eingekauft. Da fuhr ein Auto zum Tanken vor. Die Leute blieben aber im Auto sitzen, bis wir uns auf den Weg gemacht hatten. Konnte von uns eine Gefahr ausgehen? Wir wollten das eigentlich alles übersehen und nahmen es erleichtert zur Kenntnis, wenn wir aus fahrenden Autos heraus aufmunternd gegrüßt wurden. Ganz sensationell sind Fernradler in diesem Land nicht. Wir haben einige andere getroffen. Für einen Autofahrer wäre es ja unvorstellbar, auf freier Strecke anzuhalten und seinesgleichen zu begrüßen. Für uns Radler ist es immer ein Ereignis. Der erste war ein Aussi um die dreißig. Ihn entdeckten wir im angrenzenden Busch, wo er zu Mittag gekocht hatte. Hinter seinem schwerlastigen Trailer hatte er ein Schild, mit dem er um Wasser bat, Er war gerade mit Wasser von einem Autofahrer versorgt worden und bot uns eine Flasche an. Er entpuppte sich als ganz besonderes Exemplar eines Einzelgängers, der sich dem Busch verschrieben hat. Er fährt täglich 50 bis 60 Kilometer und schläft immer im Busch. Etwa alle zehn Tage schlägt er sein Zelt in einem Caravan-Park auf und hat großen Waschtag. So ist er schon zwei Jahre in Australien unterwegs. Wenn ihm das Geld ausgeht, versucht er, mit Gelegenheitsarbeiten Geld zu verdienen.
      Schon am Tag darauf trafen wir einen anderen jungen Aussi, groß und kräftig war der. Auch ihm hatte der Gegenwind stark zugesetzt. Sein selbstgestecktes Tageslimit waren 100 Kilometer und auch er schlief meist im Busch .Ein sehr sympathischer junger Mann. Als wir nach den beiden Rasttagen wieder aufgebrochen waren, haben wir einen Neuseeländer eingeholt, sein Ziel war Melbourne, auch er schlief meist im Busch. Als wir uns einiges erzählten, kam plötzlich der junge Aussi von den Vortagen an, er hatte uns während unserer Rasttage wieder eingeholt. Als er angehalten hatte, zeigte er auf uns, schüttelte mit dem Kopf und sagte „They do 186 kmon one day, I cannot believe that“. Er ist dann vorausgefahren und ich konnte erkennen, dass er mächtig in die Pedale trat, kraftvoll ruckartig mit seinem Trailer im Schlepp. Es war deutlich erkennbar, dass er sich am Limit bewegte. Dass er kein erfahrener Fernradler war, erkannte ich auch an seinem Wassersack, den er sich auf den Rücken geschnallt hatte, mit dem Trinkschlauch am Mund. Mit rundem Tritt sind wir an ihm vorbeigezogen und ich habe ihm ein paar aufmunternde Worte zugerufen. Das konnte er jedoch nicht verstehen, denn er hörte offenbar die neuesten Nachrichten vom Irak-Krieg des George W. Bush ab. Die Australier hatten in den Wochen davor mit großer Mehrheit den Krieg und die Beteiligung an der Militärallianz abgelehnt. Als die Angriffsaktionen beendet waren und alle beteiligten australischen Soldaten unverletzt heimkehren durften, ist die Zustimmungsrate zur Politik der Regierung stark angestiegen.
      Auch wenn wir wieder die ersten menschlichen Ansiedlungen erreicht hatten, die Einsamkeit über große Entfernungen war noch lange nicht zu Ende. Wir hatten das gleichförmige Braun der abgeernteten Getreidefelder vor Augen über weite Flächen, so weit das Auge schweifen konnte. Bei der trockenen sandigen Dürre konnten wir uns kaum vorstellen, dass es da gute Getreideernten gibt. Wie zum gegenteiligen Beweis dafür ragten in Abständen von 70 bis 100 Kilometer gewaltige Getreidesilo-Anlagen in den Himmel und kündigten schon von weiter Ferne die nächste „town“ an. Die erste, die wir erreichten, hatte ganze 58 Einwohner, mit Post Office, PoliceStation und einem Hotel aus der Gründerzeit als Kommunikationscenter. Wenn auch die „city“ wie ausgestorben ist, an der Bar im Pub sitzen immer Leute. An den Abenden zum Wochenende ist dann richtig was los, wenn die Farmer mit ihren Familien zum Essen kommen. Da klingeln auch die Spielautomaten und an der Bar stehen die Männer und Frauen in Zweierreihen. Wir hatten noch eine anstrengende Kraftprobe zu bestehen. „Nur“ 80 Kilometer waren es bis Minnipa, doch an diesem Tag hatte sich der Wind gegen uns verschworen. Schon im Morgengrauen, wenn es sonst noch fast windstill war, blies er uns heftig an, direkt von vorn. Wir zählten jeden Kilometer, mussten häufig absteigen und verschnaufen, wenn wir nicht umgeblasen werden wollten. Wir hatten auch keine Chance, auf der Ladefläche eines PickUps mitgenommen zu werden. An einer Tankstelle auf halbem Weg klopften wir zweimal vergeblich an, die waren nur im Nahbereich unterwegs.
      In den Tagen darauf kamen wir in etwas größeren „towns“ an. Wudinnea, es mögen da etwa 1000 Menschen wohnen, haben wir in guter Erinnerung. Hier trafen wir erstmals auf viele freundliche Menschen. Eine Frau, deren üppig blühenden Vorgarten wir bewunderten, schenkte uns Aprikosen. In der Library wurden wir zum Mailen besonders freudig begrüßt, und das ganze Städtchen mit den alten historischen Gebäuden und den einladenden Wohnhausern strahlte Charme aus.
      Zu unserer Verblüffung hatten wir dann wieder trockenes Buschland zu durchqueren, 250 Kilometer unberührte Natur, die dem Menschen keine Nutzungschance bietet. Nur anspruchsloses niedriges Buschwerk mit viel Sand, eigentlich mehr Wüste als in der Nullorbor. Eindrucksvoll mit einem Schauer von Einsamkeit vermittelte der Ausblick von den kleine Anhöhen schnurgerade das Straßenband bis hinüber zum Horizont, das unendlich gleichförmige Land durchschneidend. Wir machten nur 40 Kilometer vor der Hafenstadt Port Augusta nochmal Einkehr in einer Ranch. An diesem Tag war uns das Wasser knapp geworden. Von dem Farmer, der auch ein kleines Motel und ein Restaurant betreibt, erfuhren wir, dass er Schafe hält. Schon kurz vorher waren uns Schafe in keiner eingezäunten Fläche aufgefallen. Was fressen die, fragten wir uns, da waren nur Büsche, kein Grashalm. Die Schafe fressen tatsächlich die trockenen Blätter von einigen Buschsorten, das Fleisch der Tiere wird dadurch besonders aromatisch.

      In Port Augusta, wo wir in einem Caravanpark gelandet waren, zweigt der Highway nach Süden ab. Der Nordostwind, der uns spitz von vorn angeblasen hatte, sollte eigentlich zum Schiebewind werden. „Du wirst sehen, morgen kommt der Wind vom Süden.“ orakelte meine Jutta sarkastisch. Tatsächlich, in der Nacht hatte es geregnet und die Nationalflagge am Parkaeingang zeigte Südwind an. Inzwischen hatten wir uns telefonisch in Adelaide bei Margret& Graham Kday angemeldet. Es sind Freunde unseres Verlegerpaares Axel &Peter. und erwarteten unseren Besuch. Sie hatten uns Empfehlungen und Informationen für die Nullorbor gegeben. Fürsorglich empfahlen Sie uns die Nebenstrassen auf dem Weg nach Süden. Der stark befahrene Highway wäre zu gefährlich. Wir wagten noch 100 km auf der Durchgangsstrasse und wichen vor den anrollenden Roadtrains rechtzeitig auf den Seitenstreifen aus und gönnten uns in der alten Hafenstadt Port Pirie noch einen Ruhetag. Der Hafen macht einen verlassenen Eindruck, denn der einst florierende Schiffs und Bahngüterverkehr ist stark rückläufig. Das erzählte uns ein Rentner, der auf dem Weg zu den Spielautomaten im nahen Pub war, sein Nachmittagsvergnügen, wie er sagte.
      Wir freuten uns auf die Weinregion ClareVally. Vorher hatten wir noch einige Hügel bergauf und ab zu überwinden und es war unser erster Regentag seit drei Monaten. Das störte uns jedoch nicht. Viel wichtiger es, dass wir endlich mal den Wind von hinten hatten. Es ist ein fruchtbares Land, das wir da durchfuhren. Auf den abgeernteten Feldern waren viele Strohballen gestapelt. Dazwischen Schafe im gleichen Gelbton wie das Stroh und die Felder. Doch auch hier waren wenig Menschen anzutreffen. Wir fuhren durch ein kleines Städtchen, am Post Office an der Schule, und am Supermarkt vorbei. Es war 11 Uhr vormittags und wir haben nicht einen Menschen gesehen, es mutete an wie eine Geisterstadt.
Die erste Flasche Wein haben wir uns in der Wein- und Touristenstadt Clare gegönnt. Wieder waren es völlig neue Eindrücke, die Weinreben hatten schon den Gelbton der herbstlichen Färbung und die Blätter der Laubbäume leuchteten auch schon in herbstlichen Farbtönen. Wir kamen an einem Ampelstopp an und fragten uns, wann wir an der letztmals an deiner Ampel anhalten mussten. Da liegen etwa 2.000 km dazwischen.
      Wir waren also endgültig im Herbst angekommen, es war deutlich kühler geworden, die Sonne kam nicht mehr so steil hoch und die Tage sind kürzer. Wir erreichten Adelaide, unsere Freunde waren uns entgegengefahren, und wir erreichten ohne Suchstress deren Haus im Vorort Mitcham. Wir hatten uns entschieden unseren Australientrip in Adelaide zu beenden, nahezu 3000 Kilometer sollten genug sein. Wir hatten kälteres und regnerisches Wetter zu erwarten gehabt auf einem weiteren Weg nach Melbourne oder Sydney.
      Margret und Graham haben uns sehr herzlich aufgenommen und wir fühlen uns sehr wohl hier. Beide sind ein Beispiel von körperlicher und geistiger Aktivität im Alter, denn auch sie haben die 70er Marke schon überschritten. Sie sind begeisterte Radler, aktiv im örtlichen Radclub und in der Radlerorganisation von South Australia. Sie haben andere Kontinente, vor allem Europa auf ausgedehnten Radtouren erkundet und sind voller Pläne für die Zukunft. Das ermuntert uns, weiterhin aktiv zu bleiben, so lange es geht. Beide sind ausgezeichnete Gastgeber und wir wissen nicht, wie wir das alles erwidern können. Wir haben uns an einer Radtour mit einer Vereinsgruppe in die näheren Umgebung beteiligt und beide wollen uns in den nächsten Tagen noch einiges zeigen in der herrlichen abwechslungsreichen Region um Adelaide. Selbstverständlich werden wir uns zu diesem Zweck auf die Räder schwingen.
      Sie sind zuversichtlich, dass wir Koalas in freier Natur sehen werden.
Am Ostermontag fliegen wir nach Fidji in das uns so vertraute tropische Klima und am 1. Mai kommen wir in Vancouver an und wollen dort den Frühling einfangen.
      Wir wünschen all unseren Freunden sein schönes Osterfest in das frühlingshafte Germany aus dem herbstlichen Adelaide.


      Jutta und Gerhard