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Bericht 30:
VON DEN "HIGHER PLAINS" ZU DEN "GREAT LAKES"

     Wie weit wird uns der Rückenwind hinunter treiben in die unendlichen Weiten der Plains. Wie können wir die Monotonie der immer gleichen, nicht endenden Getreidefelder ertragen, einige tausende Kilometer lang. Tun wir uns das an, nur um den Kontinent durchquert zu haben? Wieder war es ganz anders. Nie hatten wir Angst vor Langeweile, denn wir suchten die Faszination der einsamen Kulturlandschaft. Voller Neugier haben wir jeden Tag danach ausgeschaut, was sich verändert hat in der Natur um uns herum, die großflächig bewirtschaftete Agrarlandschaft war nie monoton. Wir durchquerten auch kein flaches Land. Mit breiten Hügeln, sanft ansteigend, aber auch mit uns Radfahrern stark fordernden Anstiegen setzen sich die Ausläufer der Rockys von den hohen Plains zu den lower Plains fort. Der Höhenanstieg des Sockels bis hinüber ins ferne Minnesota ist kaum wahrzunehmen. Mitten im Mai war die Natur noch weit zurück. Wir schauten mehr auf noch braune Ackerflächen als auf sattes Grün. Einige Tage später sahen wir Farmer, wie sie mit Großgeräten die Aussaat vorbereiteten.
     In Chester habe ich mich mittags nach der Ankunft an der Bar mit einem Farmer unterhalten. Er bewirtschaftet 28.000 acre, das sind 11.200 ha. Er baut verschiedene Getreidesorten an. In einer Woche, also gegen Ende Mai will er mit der Aussaat beginnen und Ende Juli will er schon ernten. Die Sommer hier sind extrem kurz, aber mit einer intensiven Vegetation. Als wir am Abend nach dem Essen zum nächsten Gasthaus der little Town an der Bar vorbeikamen, saß der Farmer immer noch beim Bier und begrüßte uns freudig. Sein Redefluss war schon getrübt und seine Aussagen waren nicht mehr so gehaltvoll wie am Mittag. Da saßen nur Großfarmer an der Bar, wettergegerbt, urige Typen, es war Feiertag. Wir sollten unbedingt noch bleiben in Chester, sagte er. Wie er nach Hause komme, wollten wir wissen. Mit dem Auto natürlich, das sind drei Meilen auf dem Highway und viereinhalb Meilen an seinen Feldern lang zur Farm.
      Wir beide dachten dabei an die Kreuze am Straßenrand, die an die Verkehrstoten erinnern an- an übersichtlicher breiter Straße. Für uns selbst konnte die Verkehrssicherheit eigentlich nicht besser sein. Meist hatten wir einen breiten Randstreifen zur Verfügung, anrollende Fahrzeuge konnten wir im Rückspiegel gut beobachten. Jutta ist da ganz besonders aufmerksam. Die wenigen Trucks, die von hinten ankamen, wichen im großen Bogen aus. Von den anderen Fahrzeugen waren es nur die RVs, die oft sehr nahe vorbeikamen. Das sind die Recreation Vehicle. Sie sind so groß wie Reisebusse und hinterher rollt der Pkw. Ein Eigenheim auf Rädern, gesteuert meist von älteren Leuten, die Zeit haben, jahrelang damit durch die Staaten zu fahren. Snowbirds werden sie auch genannt. Im Winter sind sie im Süden und im Sommer weichen sie der Hitze nach Norden aus.
     Von Havre nach Malta waren es 140 km. Stürmischer Wind erfasste uns sogleich und er blies uns seitwärts sehr stark an und Jutta rief mir zu: "Das schaffen wir nicht heute." Doch umkehren gab es noch nie für uns. Dann drehte der Wind auf West und trieb uns an wie nie zuvor. Mühelos brachten wir den Tacho auf 35 km/h. Die kurzen Stopps zum Trinken und der Erledigung der dringenden menschlichen Bedürfnisse waren an diesem Tag keine willkommenen Verschnaufpausen. Wir mussten uns gegen den Wind stemmen, was recht ungemütlich war. "Mach schnell" rief mir Jutta zu. Auf dem Rad mit dem Wind konnten wir uns wieder wohl fühlen. Mit einem neuen Geschwindigkeitsrekord kamen wir an und hätten uns noch weitere 60 bis 80 km treiben lassen. Der Wind bläst immer in der offenen Landschaft und dreht häufig. Schon in den nächsten Tagen hatten wir ihn wieder gegen uns. Ich ermahnte mich: Geduld, Geduld, ausdauernd treten, wir werden es schon schaffen. Ich versuchte mich vom Tacho abzulenken und schaute umher.
     Die Sicht ist frei in der baumlosen Landschaft. Die Saatkeimlinge kamen mit grünen Spitzen aus der Erde. Andere Felder lagen immer noch brach. Es werden auch Sonnenblumen angebaut, die werden später ausgesät. Brachland tauchte auf und Weideflächen, nur zur Straße hin eingezäunt, nach hinten offen bis zum Horizont. Das war klassisches Buffaloland. Riesige Büffelherden grasten hier und stürmten über die Prärie. Bis die Eisenbahn die Siedler ins Land brachte und die Tiere abgeschlachtet wurden. Die Indianer verloren dadurch ihre Nahrungsquellen und wurden weiter zurück gedrängt. Wir fuhren durch einige Indianerreservate, die liegen in weniger fruchtbaren Gegenden. Die Ureinwohner haben längst die Lebensgewohnheiten der Weißen angenommen, kommen aber mit der modernen Zivilisation schlecht zurecht. An ihren bescheidenen Häusern liegen Autowracks herum, die meisten sind fast food dick und sie sind wie alle Urvölker vom Alkohol besonders gefährdet.
     Einige Tage weiter waren die Weideflächen schon mit einem grünen Teppich überzogen und wir sahen Viehherden. Für uns waren das amüsante Begegnungen. Die Tiere schauten nämlich recht aufmerksam zu uns herüber und wendeten den Kopf um uns nachzuschauen. Das wiederholte sich oft und wir riefen ihnen erheitert unsere Grüße zu. Autos beachteten sie offenbar nicht, aber lautlose Radler sind eben eine Seltenheit.
     Nach mehr als 20.000 km haben wir die ersten Fernradler getroffen. Ein junges französisches Pärchen, sie kamen freudig aufgeregt zu uns herüber. Beide zogen einen Trailer nach, sie waren schwer beladen und hatten noch einen Schlittenhund dabei. Der darf auf dem Trailer aufsitzen, wenn es zu schnell für ihn wird. Sie kamen von Quebec und wollten nach Vancouver. Da haben wir natürlich gegenseitig einige Tipps ausgetauscht.
     Der Mittelwesten ist durchsetzt mit kleinen Seen und Teichen. Bunt gefiederte Wasservögel flogen schwankende dürre Halme an. Jutta bewunderte ihre Flugtechnik. Monkeyponds, diese putzigen Stehaufmännchen in der Größe eines Eichhorns huschten über die Straße. Uns konnten sie leicht ausweichen, den Autos eher nicht. Gerne landeten wir in kleinen Städtchen, am Ortschild ist die Einwohnerzahl abzulesen, Population 1080 oder zum Beispiel 870. In privat betriebenen Motels gibt es mehr menschliche Nähe als in den uniformed Häusern der Motelketten.
     Wir bummeln dann zum Einkaufen und schauen durch die "town". Die Straßen sind auch da immer sehr breit. Die Häuser lassen jedoch nur bescheidenen Wohlstand erkennen. Es gibt da nur wenige Arbeitsplätze. In schmalen kleinen Häusern wohnen die Leute, der Rasen in den ungezäunten Gärten ist kurz geschoren. Die Hauseingänge waren liebevoll geschmückt und uns blühte immer noch der Flieder. Einige dieser Häuschen ohne Dachüberstand sahen aus, wie von Kinderhand gefertigte Häuschen aus Pappkarton. Dabei müssen die Einwohner, von denen wir nur wenige zu Gesicht bekamen, sehr lange und kalte Winter ertragen mit Kälteverstärkenden Nordwinden. Lieben diese Leute ihre Heimat in diesem einsamen gottverlassenen North Dakota? Auch im Winter? Ja, die gibt es, wurde uns gesagt, die nicht weg wollen wie viele andere, die in den warmen Süden ziehen. Und gottverlassen sind sie auch nicht. Ihr Glaube und ein aktives Kirchenleben halten zusammen.
     Das kleine Rugby hat eine Attraktion zu bieten. Hier ist das geografische Zentrum des nordamerikanischen Kontinents, neben den Stars und Stripes flattern die Fahnen von Mexiko und Kanada. Im einzigen Restaurant mit Tankstelle und Motel wurden wir besonders herzlich empfangen. Ein Mittsechziger ist mit Frau und Söhnen in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Wie viele der sehr mobilen Amerikaner war er in seiner Jugend los gezogen. Er war lange Farmer im Süden, hatte einige andere Berufe, alles das ist nichts Ungewöhnliches in den USA. Sechs Wochen vorher starteten sie den Familienbetrieb, den die beiden Söhne erworben hatten. Der frische Schwung einer neuen Herausforderung war sehr spürbar. Alle kümmerten sich rührend um uns und wir wurden bei den Gästen herumgereicht.
     Am nächsten Morgen kam der Bürgermeister an und holte uns ab. Er wollte uns einen Glockenturm zeigen. Da hängen zehn Glocken an einem Mastbaum. Zögernd fragte er uns, ob wir uns auch für sein Business interessieren. Neugierig nickten wir mit dem Kopf und schauten zum Haus hinüber. Wir betraten erstmals in unserem Leben ein Beerdigungsinstitut. Unvermittelt überzog uns der Schauer des Todes. Als uns da Einwohner durch die Räume führten und uns mit beruhigendem Ton, der für die Betreuung der Hinterbliebenen so wichtig ist, die amerikanischen Bestattungsriten erklärte. Wieder gab es erstaunlich Neues für uns. Wir standen vor den Bahren, wo die Leichen mit Formaldehyd präpariert werden und hielten den Atem an. Eine Bahre war abgedeckt, lag eine Leiche darunter? Im nächsten Raum erwartet uns das Sargangebot.
     Alle dieser letzten Ruhestätten in kostbaren Edelhölzern waren aufgeklappt, mit großen weichen Kissen in unterschiedlichsten Farbtönen. Der Edelholzsarg ist jedoch nicht alles. Der wird mit einem massiven jedoch auch edel verzierten Betonsockel versenkt und darüber kommt eine gutschließende dicke Platte. Diese korrosionsfreie Umwandung, die den Leichnam bis zur Auferstehung umschließt, wird auch in Kupfer oder Nirostastahl angeboten. Neunzig Prozent aller Leichen werden so bestattet, erfuhren wir noch, als wir wieder das Freie betraten und erleichtert die frische Luft einzogen. Es war keine Flucht vor dem Tod, als wir um einige Stunden verspätet auf die Räder stiegen.
     "Wir hätten noch einen Tag bleiben sollen" riefen wir uns zu, als Regenwolken über uns herzogen und wir abrupt abstoppen mussten, um unsere Regenkleidung überzuziehen. Zweimal haben wir die wieder ab und übergestreift, als uns dann schüttender Regen überzog. 100 km waren es "nur", als wir in Devils Lake ankamen und wir das Wasser aus unseren Schuhen schütteten, bevor wir genießend gemeinsam ins heiße Badewasser stiegen.
     Wir hatten das Quellgebiet des Missourei und des Mississippi längst passiert und hatten immer noch eine unendliche Weite der baumlosen Plains vor uns. Über weite Strecken war die Straße auf vier Spuren erweitert mit einem bis zu 50 m breiten Grünstreifen dazwischen. Und wir hatten unseren komfortablen Randstreifen auf glatten Belag, der nur ein leises Surren unserer Räder erzeugt. Da fuhren wir ach mal nebeneinander und riefen uns einiges aus dem Frischerlebten zu. Machen die auch mal Pausen zwischendurch? Meist drängt meine Jutta zum Durchfahren und stets sind wir mittags eingekehrt. Kurze Stopps erzwingt der Frühstückskaffee, bei mir etwas häufiger, für meine Jutta ist das manchmal schwieriger, eine geeignete Deckung zu finden. Trinken und Essen mussten wir auch und den Oberkörper durchstrecken.
     Da ärgerte ich mich oft, dass wir auf einen massiven Radständer verzichtet hatten. An beiden Rädern waren die leichten Ständer schon in Thailand abgebrochen. In Australien wie hier in den Plains fanden wir nicht sehr häufig Leitplanken oder Pfosten zum Anlehnen. In der Nullarbor hatten wir ein System des Gegeneinanderlehnens ausgetüftelt. Das funktionierte jedoch nicht immer und wenn schwere Trucks vorbeikamen, mussten wir eingreifen. Einige Tage später habe ich mir in einem der so seltenen Bikeshops einen Radständer montieren lassen, der ist zwar auch nicht sehr stabil, aber in der Länge verstellbar und tatsächlich hält er wegen der geringeren Schräglage. Jutta war noch skeptisch. Jetzt brauchten wir halt noch einen…
     Längst wollten wir einen Ruhetag einlegen. Die strapazierten Muskeln verlangten das. Immer wieder haben wir das verschoben, weil wir keinen Internetzugang fanden. In den Libraries dürfen wir stets kostenlos mailen, jedoch meist zeitlich begrenzt und nach Voranmeldung. Auf dem Weg nach Bemijidi verschlechterte sich die Stimmung meiner Frau in für mich beängstigender Weise. Da kam kein aufmunternder Zuruf von hinten, sie schimpfte ihren Ärger heraus. Und als an einem vorgesehenen Zielort kein Motel zu finden war, als wir endlich ankamen, ihr Rad umkippte und sie mich anfuhr "Lass mich allein." Sie steuerte das nächste Motel an, ich im gebührenden Abstand hinterher. Es war ein teures Kettenmotel. Nur eine Suite war frei. Als wir 105 Dollar hörten, rief Jutta unvermittelt aus, "Das ist zu teuer, wir müssen weiter", obwohl sie ja so erschöpft war. Da war neben uns ein großer schlanker Mann aufgetaucht, sprach ein paar Worte mit der Empfangsdame und die erklärte uns, dieser Mann macht sein Zimmer für uns frei. Der war schon wieder verschwunden, als wir hörten, dass wir nichts zu bezahlen brauchten. Morgen um 7 Uhr wollte er uns zum gemeinsamen Frühstück treffen. Verblüfft schauten wir uns an, wir konnten das nicht ausschlagen und meine Frau überwand ihren Stolz.
     Am Abend schenkte sie mir wieder ein erstes Lächeln und die Krise war überstanden. Lang unterhielten wir uns am nächsten Morgen mit dem noblen Spender Dr. Gilford. Er war 50 Meilen weiter gefahren und hatte in seiner Cottage geschlafen. Alles seine persönlichen Dinge, auch Geschäftspapiere hatte er im Zimmer zurückgelassen. Hatte er als Chirurg einen wachen Blick dafür, wem er vertrauen kann?
     Jeden Tag hatten wir angenehme menschliche Begegnungen. In Williston waren es zwei Radlerehepaare aus Iowa, die uns zum Essen einluden und wir sollen sie unbedingt in Iowa besuchen. Da werden sie dann einen Vortrag arrangieren. Am Straßenrand hatte Greg seinen Van angehalten und lud uns zu sich nach Hause ein. Das lag 12 Meilen abseits und meine Jutta mag das private Wohnen ohnehin nicht so gern. Wir schlugen ihm vor, dass wir uns zum Essen treffen könnten. Er wollte uns dann in einem empfohlenen Motel voranmelden und wir sollten ihn anrufen. Er drückte uns noch zwei Flaschen Energiegetränk in die Hand und fuhr los. Im Motel war das Zimmer von ihm schon bezahlt. Ich rief ihn an und lud ihn zum Essen ein. Er kam pünktlich und fuhr mit uns zu einem Restaurant, wo wir erstmals köstlich mexikanisch essen konnten. Er bevorzugte Burgers mit Chips, erzählte uns temperamentvoll von seiner Frau und gemeinsamen Radtouren und aus seinem derzeitigen Beruf als Pipeline-Inspekteur. Sein Berufstraum ist jedoch ein eigener Bikeshop.. Als ich die Rechnung anforderte, war die von ihm längst bezahlt. Da konnten wir diesen so positiv denkenden jungen Mann nur zu einem Besuch nach Deutschland einladen.
     Den Pfarrer Dr. Knappe und seine Frau trafen wir in einer Motellobby. Der ist in München aufgewachsen und vor 50 Jahren in die Staaten ausgewandert. Er hatte viele Pfarrstellen in seinem langen Berufsleben und hilft als 77-jähriger noch häufig aus. Er erzählte von seinem Zwillingsbruder, einem in München wohnenden ehemaligen Lehrer und aktivem Leistungssportler. "Manfred Knappe, ja, den kenne ich doch", entfuhr es mir. Ich hatte stets große Hochachtung vor ihm. In einigen Skilanglaufwettbewerben war er ein harter Konkurrent von mir. Ich werde ihn anrufen, wenn wir zu Hause sind.
     Kenton ist ein sehr kleines Nest. Als wir in die Bar zu einem Bier kamen, wollte ich wieder mal wissen, wie viele Leute da leben. Die sind alle hier versammelt, sagte die Bardame und deutete herum. Es waren etwa 25. Sie hatten sich zu einem Radioquiz versammelt. Der TV-Empfang ist dort sehr schlecht im äußersten Zipfel von Michigan, zwischen den großen Seen. Zur Polizeistation und dem Post Office sind es 70 km. Ja, sie fühlen sich wohl hier. Sie hatten gemeinsam ein kleines Buffett angerichtet, wir waren selbstverständlich eingeladen. Inzwischen haben sie uns eine Mail im Namen des Dorfes geschickt. In einem Motel wurden wir in die Privaträume eingeladen. Die junge Frau reichte mir den Telefonhörer, am anderen Ende war ihre Mutter, sie ist in meinem Alter, auch sie ist vor 50 Jahren eingewandert. Wir müssen sie unbedingt in Lake Placid besuchen. Wir werden sie aus Montreal anrufen. Es kann sein, dass sie dann kurzfristig anreist, um uns zu sehen.
     Ein anderer Motelbesitzer wirkte sehr gebrechlich und ist im Grunde schon ein Pflegefall. Eine Studentin aus Nepal betreut ihn in ihrer Freizeit. Er wollte uns unbedingt in die Zeitung bringen. Als der Journalist nicht kam, quälte er sich zu seinem Auto und fuhr uns voraus zur Redaktion. Als er auch da kein Glück hatte, musste er uns unbedingt fotografieren. Mit leichtem Schrecken hatten wir einige Male beobachtet, wie sich invalide Männer sehr mühsam mit Stockhilfe im Zeitlupentempo zum Auto quälten und allein losfuhren. Nirgendwo haben wir ein Taxi gesehen. Jeder fährt sein eigenes Auto, bis es eines Tages wirklich nicht mehr geht.
     Im Staat Minnesota wurden wir im Nationalforst begrüßt und hatten wieder Wald um uns herum. Mischwald im satten Frühlingsgrün. Duluth mit dem am Westende des Großen Lake Supirior gelegenen Westhafens, den Hochseeschiffen über den Lorenzriver und die Seen erreichen können, war wieder ein wichtiger Zielort für uns. Über hohe Brücken quert der Interstate Highway das Hafengelände hinüber in den Staat Wisonsin. Wir waren auf dem Freeway mit heftig flutendem Verkehr, Rad fahren ist da nicht erlaubt. Getrennt durch eine hohe Betonmauer kamen uns Radler entgegen. Einer hielt an und half uns, die Räder und die Sachen über die Brüstung zum Radweg zu hieven und lud uns sogleich auch zu sich nach Hause ein. Da hätten wir jedoch wieder einige Meilen zurückfahren müssen.      
     Nach nicht weniger als 2000 km verließen wir die Straße Nr. 2. Bis Sault Saint Marie, der Eingangspforte am östlichen Rand des großen Lakes waren es noch 650 km. Wir schafften es wieder mal schneller als geplant. Der Lake Supierior ist der größte Süßwassersee der Welt. Wir hatten ihn immer wieder zur Linken im Blick, Wasserflächen bis hinüber zum Horizont, wie das offene Meer. Die Winter sind hier in Seenähe besonders kalt, im Winter ist der dick zugefroren. Nur eine Schifffahrtsrinne wird offen gehalten. Alles erinnert an den Winter, die Hinweisschilder auf die Snowmobil Trails, die Warnungen vor Eis auf den Brücken. Die Holzhäuser im Wals leuchten in hellblauen und rostroten Farben, wie wir sie von Skandinavien kennen. Finnen und Norweger haben hier eine neue Heimat gefunden. Kurz vor Sommeranfang fuhren wir meist im kühlen Winde, richtig geschwitzt haben wir eigentlich nie. Und immer noch blühte uns der Flieder. Ja, es war viel mehr Genuss als Plage.
     Durch sieben US Staaten sind wir gefahren, haben drei Zeitzonen passiert, 4000 Kilometer sind wir gefahren und es war immer interessant. Und immer noch geht es uns gut.
     Zuversichtlich schauen wir hinüber nach Montreal und grüßen erneut alle unsere Freunde.

     Jutta und Gerhard Krauss