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Bericht 35:
IN DIE AUTOFLUT VON SÜDFRANKREICH

Sehr weit hinauf war es noch zur spanischen Nordostecke, wo wir die Küstentraße nach Südfrankreich erreichen wollten. Der Ruhetag hatte neue Kräfte geweckt. Als wir nach 148 km die Bergstadt Teruel vor uns sahen und ich beim letzten Trinkstopp meine Jutta befriedigt anschaute und ihr ein großes Kompliment machte, erwiderte sie eher ärgerlich: "Du musst halt immer deinen Kopf durchsetzen, gib es doch zu, du wolltest heute unbedingt bis Teruel kommen." "Das stimmt nicht",wehrte ich mich, "ich habe heute früh nicht geglaubt, dass wir so weit kommen." Da war auch ein Pass dazwischen, doch die letzten 35km führten uns durch ein grünes Flusstal, angenehm zu fahren, wohltuend für das Auge. Da hatten wir auch Schatten spendende Bäume um uns. Nach oben bauten sich rotbraune erodierte Felswülste auf, bizarr aufgeschichtet. Als wir am Abend durch die Altstadt schlenderten, um so viel wie möglich von der Ausstrahlung der historischen Gebäudeensembles und der sakralen Bauwerke aufzunehmen, spürten wir doch die Müdigkeit eines anstrengenden Tages. "Und immer wieder diese Anstiege" riefen wir uns scherzhaft zu, beim allerletzten Hochsteigen des Tages über eine enge Steintreppe hinauf zu der engen aber urigen Kemenate des in einer schmalen Gasse gelegenen Hostels.

Und wieder mussten wir eine Hochebene erklimmen. In der angenehmen Morgenkühle fiel uns das viel leichter als erwartet und wir waren angenehm überrascht als wir die von einem Radler so herbeigesehnten Passhöhenschilder - beide um die 1400 Meter - vor uns hatten und wir uns im Sattel zurechtrückten für den Abfahrtsgenuss.

Jeder Tag, ja jede Stunde hatte Überraschungen bereit für uns. Hinüber zum Ebro-Fluss vor dem Mündungsdelta hatten wir flaches Land erwartet. Das war jedoch eine zerklüftete Berglandschaft und wir schauten in die Tiefe zum Rückstau des Stromes. Die windungsreiche Bergstrasse war kaum befahren und so war es noch unheimlicher, als wir in die Spuren eines Waldflächenbrandes hinein fuhren, schwarze kahle Baumstümpfe zu beiden Seiten bis hinauf zu den Bergkämmen, dazu der verbliebene Qualm und der Geruch nach Brand und Asche. Jutta drängte, sie hatte Angst, doch das Feuer war gelöscht und könnte keine neue Nahrung finden.

Dann kam der abrupte Bruch, es war vorbei mit den verkehrsarmen Strassen. Die Verkehrsschilder verwiesen auf Autobahnen. Wir suchten nach einer auf unserer Karte ausgewiesenen Nebenstrasse nach Monresa. Die gab es zunächst noch, doch auch da donnerten die Autos im Autobahntempo an uns vorbei und die Strasse endete mit einer Einfahrt in die Autobahn und ratlos stoppten wir vor dem unübersehbaren Verbotsschild für Radfahrer. Wir hatten keine Chance zum Abzweigen auf eine andere Straße. Radfahrer werden rücksichtslos ausgesperrt- das sollten wir noch einige Male erfahren. Wir mussten also drauf auf den Randsstreifen der Autobahn, zumindest bis zur nächsten Ausfahrt. Und weil ein Unglück nicht selten allein kommt, blockierte meine Schaltung, das Schaltseil war offensichtlich verschlissen. Mit dem großen Gang bin ich 25 km hart getreten, wir mussten ja eine Stadt erreichen. Meine Beinmuskeln beschwerten sich am Abend mit stechenden Krämpfen. Da bin ich dann ziemlich hilflos den sich verstärkenden Schmerzen ausgeliefert. Was würde ich tun ohne die Hilfe meiner Frau. Das Städtchen Mollerussa war wie ausgestorben, es gab zwar einen Radladen, doch der war über das verlängerte Wochenende geschlossen bis zum Montagabend. Ein hilfsbereiter Mann äußerte sich skeptisch, als er erklärte, die öffnen und schließen hier ihre Läden wie sie wollen. Also fuhren wider mit dem Zug 70 km bis zur größeren Stadt Manresa. Da hatten wir wieder eine positive Überraschung. Der Beamte im idyllisch ruhigen Bahnhof war sehr freundlich und half uns beim Hochhieven unserer bepackten Räder. Da war ausreichend Platz im schwach frequentierten Zug. Wie wir es auch in anderen Ländern beobachtet hatten, verharrt die Eisenbahn, soweit die Strecken nicht stillgelegt sind, in einem Dornröschenschlaf. Dafür wurde das Straßennetz mit einem riesigen Aufwand ausgebaut. Im Radladen trafen wir frühmorgens auf zwei junge Männer die Zeit hatten für uns. Vom Rohloff-Schaltsystem hatten sie(wie zu erwarten) keine Ahnung, aber etwas mehr technische Findigkeit hätten wir schon erwartet. Dreieinhalb nervlich angespannte Stunden dauerte es, bis die Schaltung mit dem ausgetauschten Zugseil wieder funktionierte. Ohne unsere aktive Mitwirkung wäre das nicht gelungen. Nun wissen wir endlich genauer, wie das geht. Im Nachhinein wuchs da die Achtung vor dem cleveren Vietnamesen, der es allein viel schneller schaffte und auch die winzig kleinen Madenschrauben auf und zu brachte. Die beiden Spanier haben eine halbe Stunde nach dem passenden Schlüssel gesucht.

Das Stadtbild von Monresa war enttäuschend. Die einladenden Plätze und Flanierstraßen liegen in der Neustadt. In den Gassen der Altstadt fällt der Putz von den rußgeschwärzten verwahrlosten Mietskasernen. Mächtig, vom Glanz und der Macht der Kirche zeugend, erhebt sich darüber die Basilika. Beim Betreten hatte ich im Anblick der großen Ausmaße und der Düsternis das beklemmende Gefühl, könnte das den Gläubigen nicht nur Ehrfurcht gebieten, sondern auch Ängste vor der mächtigen Kirchenhierarchie erzeugen. Zur Messe hatte sich ein kleines Häuflein Gläubiger versammelt. Die architektonisch interessanten und berühmten Sakralbauten sind heute mehr Museen als Gotteshäuser. Unbewusst hatte ich das Bild vor Augen, wie in Chechouen die Muslime in die überfüllte Moschee drängten.

Nur durch Zufall hatten wir erfahren, dass die von uns geplante Bergstrecke über Vic nach Girona, mit der wir Barcelona umgehen wollten, zur Autopista hochgestuft und damit für uns verboten war. Es blieb uns nur der Vortortzug ins nahe Barcelona .Oder wir hätten in die Hochregion der Pyrenäen nach Norden ausweichen müssen. Der Bergzwergstaat Andorra hätte mich zwar gereizt, doch der Berge wären es zuviel geworden und wir wussten ja, in Spanien führen die Strassen oben drüber.

So kamen wir früher als vorgesehen zum Mittelmeer. Da musste ich natürlich ins Wasser, eine Stunde im Kraulstil, der Ironman lässt grüssen. Die Armkraft ist vernachlässigt, es gibt da viel nachzuholen.

Von nun an konnten wir der Autoflut nicht mehr entkommen. Unsere letzte Station in Spanien war Figueres. Wir erholten uns vom Motorenlärm des Tages in der Fußgängerzone der Altstadt und speisten noch einmal köstlich, was wir uns ja ab und zu mal mit einer Flasche Rotwein vergönnen wollten. Zur Selbstversorgung hatte meine Jutta regelmäßig einige Scheiben luftgetrockneten Schinken und Oliven eingekauft, eine spanische Delikatesse. Wir fuhren auf die Grenze zu, die es zwar nicht mehr gibt, doch wir wurden wieder einmal völlig überrascht. Ganz oben auf dem Grenzhügel gab es ein Einkaufsparadies. Wir trauten unseren Augen nicht als wir die mit Einkaufstaschen hastenden Menschen sahen. Und die waren alle mit dem Auto gekommen. Wo wir auch hinschauten Autodächer auf Parkplätzen zwischen den Läden, jeder Meter war zugeparkt. Erstmals nach 21000 km erlebten wir einen richtigen ausgewachsenen Autostau. Etwa 8 km lang war der Stau nach oben, wir konnten uns in diesem Abschnitt ergötzen, denn wir rollten ziemlich ungeschoren die vielen Serpentinen hinab in die französische Tiefebene. Nun erst waren wir richtig angekommen im hoch entwickelten Mitteleuropa, mit der für das Wirtschaftswachstum so aussagefähigen Motorisierungsdichte, wo einige hundert Millionen Menschen im Vergleich zu den USA, Canada oder Australien ziemlich zusammengepfercht sind, wo die Stauerlebnisse zum Urlaub und dem Alltag gehören. Und wir weit gereisten Weltradler mussten uns einer neuen Herausforderung stellen, der Autoflut. Im Korridor zwischen den Pyrenäen und dem Mittelmeer drängt sich der Durchgangsverkehr und drängten die Urlauber. Die Grosstadtdurchfahrten Perpignan, Narbonne, Beziers, Montpellier und Nimes haben wir erstaunlich locker geschafft, da sind wir ja anpassungsfähig. Auf einer der unvermeidlichen Schnellstrassen waren wir Nutznießer eines Unfalls. Ein schwerer Lastzug war in einer Kurve umgestürzt. Einsichtige Polizisten ließen uns in den gesperrten Streckenabschnitt einfuhren, so hatten wir einige Zeit Luft, bis die Fahrzeuge wieder angedonnert kamen. Dann kamen wir auch noch in den "Genuss" in kurzen Abständen zweimal die Schläuche wechseln zu dürfen, am knappen Straßenrand in der Mittagshitze. Inzwischen sind wir schon eingespielt und es geht viel schneller als früher. Dazwischen liegt das klassische Languedoc-Weingebiet. Die Weinlese war im vollen Gang, aber dafür gibt es auch schon Erntemaschinen.

An einem sehr frühen Tag sind wir in einer schmalen Landzunge am Meer entlang gefahren. In den zur Strandseite hin massenweise geparkten Caravans schliefen die sonnenhungrigen Touristen noch, so gab es einen gutes durchkommen für uns. Wir sind noch in der touristischen Hochsaison, der August ist Frankreichs klassischer Urlaubsmonat. Da standen wir schon mal vor einer ausgebuchten Herberge und wir fragten uns, ob wir den Zeltsack, den ich auf meinem Rad über vier Kontinente geschleppt hatte, vielleicht doch zu früh heimgeschickt haben. Inzwischen sind wir jedoch schon auf Nordkurs ins Rhonetal eingeschwenkt. Die kleinen typischen Weindörfer der Cote du Rhone und die Platanenalleen versöhnen uns wieder etwas. Im Städtchen Bagnols haben wir für zwei Tage Halt gemacht. Eine alte Stadt mit echt französischem Charme, so wie ich mir das vorgestellt hatte. Wir haben inzwischen mit dem Abbremsen begonnen, damit wir nicht zu früh ankommen. In der Schweiz bei unseren Verwandten in Biel werden wir noch einige Tage zu Gast sein, bevor wir zum Schlussspurt nach Feldafing ansetzen. Für den Nachmittag des 19. September ist unser Ankommen nunmehr festgelegt. Wir freuen uns auf den großen Empfang, der für uns und alle die dabei sein wollen, vorbereitet wird.

Mit herzlichen Grüßen Jutta und Gerhard Krauss