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Bericht 39:
Ein Händedruck von Björn Dählie

Masters-World-Championships im Skilanglauf in Krasnogorsk bei Moskau, just zur gleichen Zeit, als die Top-Ahtleten in Oberstdorf den Medaillen nachjagten. Die Zuschauerkulisse war bei uns Senioren aber sehr viel bescheidener, doch die Ausrichtung konnte die Ansprüche eines Weltcups der Großen durchaus erfüllen. Skilanglauf in Russland! Da denken Athleten an Kälte. eisige Winde und die starke Konkurrenz der russischen Teilnehmer. Sie stellten auch das weitaus größte Kontingent, die Russen, mit Spitzen-Athleten. Die Master haben in Russland einen hohen Stellenwert wie in keinem anderen Land, auch nicht in den skandinavischen Ländern mit ihrer nordischen Tradition. Von weither sind sie angereist, waren tagelang unterwegs aus dem fernen Sibirien und von der Eismeerküste. So war es kein Wunder, dass meist Russen auf das Siegerpodium sprangen und in den Ergebnislisten weit vorn aufgereiht waren.

Drei Rennen bin ich in der freien Technik gelaufen. Vierzehn Teilnehmer sah ich auf der Startliste, davon zehn Russen. Darunter auch Akhmet Siraciev, der wilde Tatare, gegen den ich im Vorjahr keine Chance hatte. Nach meinen Erfahrungen bei Kälterennen im Ural, Grönland und Alaska drohen leichte Erfrierungen schon ab -15° Grad, wenn der Wind die gefühlte Kälte verstärkt. Dann können daraus -30-40° Grad werden. Ein Phänomen, das von Europäern oft unterschätzt wird. In Krasnogorsk waren Kälte und Wind noch erträglich. Ich sorgte vor mit warmer Unterwäsche, einer Schneebrille, warmen Handschuhen und zwei Mützen.

Wachsrätsel gab wie im Vorjahr in Lillehammer die hohe Luftfeuchtigkeit bei Minusgraden unter zehn Grad auf. Fluorpulver oder nicht? Die Gleittests mit drei Paar präparierten Skiern machten wir im freien Gelände. Gelaufen sind wir jedoch überwiegend im Wald, und da war die Feuchtigkeit auf der Schneeoberfläche offenbar höher, wie ich im Rennen bemerkte. Die Profis bedanken sich nach gewonnenen Rennen mit „schnellen Brettern“ bei den Technikern für das gute Material. Wir Senioren, die wir alles selbst machen müssen, können uns nur entweder selbst loben oder ärgern, wenn der Ski nicht so gut gelaufen ist.

Die ersten Abfahrten offenbaren schon mal das Gleitverhalten.

Als Zweiter habe ich nach dem Anschieben im Massenstart den Skatingschritt gesetzt. So konnte ich das Gedrängel in der ersten scharfen Rechtskurve vermeiden. Die erste Abfahrt, in die Hocke bei Intensivatmung, nur eine knappe Erholungsphase, da unten die Mulde fixieren, wo die Strecke nach rechts zum ersten steilen Gegenhang führt. Ich will nicht viel Abbremsen und versuche das Umtreten, um den Schwung in den Gegenhang mitzunehmen. Rechte Führhand, linke Führhand,. auch im Anstieg den Ski gleiten lassen.

Gewicht verlagern, volle Kraft in die Stockarbeit, so wie ich es eben gelernt habe und wie wir uns das auch immer wieder bei den Profis abschauen. Doch in den Rennen leidet oft die Technik, wenn ich zum Vormann schaue und schon nach der zweiten Abfahrt erkennen muss, dass sich Akhmet der Tatare langsam, aber zielstrebig absetzt.

Auch wir Alten werden von Zuschauern angefeuert und den Freunden, die am nächsten Tag in der klassischen Technik dran sind. Das treibt an. Ich riskiere einen kurzen Blick auf meine Pulsuhr: 153, das absolute Limit für mich. Ich muss mich etwas zurücknehmen, denn noch habe ich einige giftige Anstiege vor mir, bevor ich im Wald in den flacheren Teil einmünden kann und sich mein Puls bei 143 einpendelt. Das kann ich durchhalten, und ich konzentriere mich auf saubere Technik. In meinem Windschatten hat sich unterwegs ein Konkurrent eingenistet. Auch mit Zwischenspurts kann ich ihn nicht abschütteln. Da mache ich das, was zuweilen auch die Profis praktizieren: Ich verlangsame. Er will nicht vor, da weiche ich zur Seite aus und winke mit dem Stock. Nach kurzem Zögern wechselt er vor. Ich traue meinen Augen nicht: Das ist der Finne Phoukka. In den Vorjahren konnte ich den noch locker distanzieren. Bin ich also nicht so gut drauf wie im Vorjahr? Ich erinnere mich an den Trainingseinstieg im November auf der Tauplitzalm. Dreieinhalb Wochen vorher war ich mit meiner Frau von meinem Iron-Man-Abenteuer heimgekommen. Meine Jutta hatte mich noch gewarnt: „Das ist zu früh.“ Sie wollte das nicht mitmachen. Wie Recht sie wieder mal hatte! Ich musste nach vier Tagen heimfahren. Die Rippenprellung, die mir vom spektakulären Radsturz noch geblieben war, hatte mich mit Schmerzen behindert, und ich war nach drei Stunden Training einfach erschöpft und musste mich schon am Nachmittag hinlegen.

Sommersport und Wintersport mit ehrgeizigen Zielen und völlig unterschiedlichen Körperbelastungen und klimatischen Bedingungen toleriert der Körper offenbar nur dann bedingt, wenn ausreichende Regenerationsphasen dazwischen liegen.

Ich beobachte den Finnen. Er läuft gleichmäßig ziemlich aufrecht. In den leichten Anstiegen muss ich mich richtig anstrengen, um dran zu bleiben. Respekt! Er hat also bessere Karten in den neun Hügeln vor dem Ziel, resümiere ich nüchtern. Also bleibt nur die Flucht nach vorn im flachen Teil. Ich ziehe zum Zwischenspurt an. Er kann mir nicht folgen, als ich im leicht Fallenden Gelände alles auf eine Karte setze. Jetzt mit voller Konzentration in die Abfahrten, in die Hocke. Die Skiführung ist nicht so leicht wie bei den Klassikern, da wir keine Spur haben. Der Puls kommt wieder hoch bis 153 beim steilen Bergauf. Ich bin der Gejagte. Nach dem vierten Hügel taucht er wieder auf, mein Schatten, der Finne. Das Stadion mit dem Ziel liegt auf einer Anhöhe. In einem welligen Auf und Ab müssen wir da hoch zum Finish eines gnadenlosen Zweikampfes mit Intensivatmung auch in den Abfahrten, ausgreifenden Schlittschuhschritten in geduckter Haltung, jede Sekunde zählt.

Da oben winkt das Stadion mit dem Flaggenwald. Dröhnende Töne des Stadionssprechers zeigen Nähe an. Ich schinde mich in den allerletzten Anstieg hoch. Aufgeregte, laute Anfeuerungsrufe pushen. Sie gelten uns beiden, es sind deutsche und finnische Töne. Die gellende Stimme meiner Frau will mich vor dem angreifenden Konkurrenten warnen. Mit letzter Kraft erreiche ich knapp vor dem Finnen die Stadionebene, doch dann überholt er mich kurz vor dem Zielstrich. Resignierend richte ich mich auf: Drei Sekunden fehlen mir zur Silbermedaille. Die gebührt Paavo Phoukka. Für ihn ein unerwarteter Sieg, den ich ihm vergönnen kann. Am Abend stehen wir im Kultursaal gemeinsam auf dem Siegertreppchen und rücken zum Foto-„Shooting“ eng mit Akhmet dem Tataren zusammen, der sich so souverän von uns abgesetzt hatte. Björn Dählie, die noch immer sehr populäre Langlauf-Legende, hat uns mit Händedruck gratuliert und die Medaillen umgehängt.

Noch eine Bronzemedaille konnte ich holen beim letzten Rennen über 20 Kilometer. Meinem finnischen Freund Poukka konnte ich dabei zwar zwei Minuten abnehmen, dafür hatte sich jedoch ein anderer Konkurrenz dazwischengeschoben.

Februar 2005

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