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Bericht 3: „Auch in Serbien waren wir willkommen“ – Seite 1/3

Zum Abschluss besuchten wir am nächsten Tag noch einmal Mira im Goethe-Institut. Sie hatte mir am Vorabend in ihrer Freizeit Texte geschrieben. Es waren drei Stunden geworden. Für sie war es interessant, denn da waren auch einige ihr bislang unbekannte Ausdrücke dabei. Am Abend hat sie ihr Mann abgeholt. Er ist Jurist in der Stadtverwaltung. Auf meine Frage nach der Auswirkung des demokratischen Wandels meinte er: „Bürokratie gestern, Bürokratie heute.“ Ich wollte noch einen weiteren Text loswerden. Da sprang ein Kollege von Mira ein, dessen Namen ich nicht mehr parat habe. Als wir fertig waren, wollte ich zu den politischen Äußerungen seiner Kolleginnen seine Meinung hören. Mich interessierte das schon deswegen, weil er am Vortag ruhig und unaufdringlich danebensaß, als sich seine Kolleginnen temperamentvoll äußerten.
      Was er nun sagte und wie er es formulierte, ließ erkennen, dass ihn diese Thematik innerlich bewegt. Er sprach von der Suche der Serben nach ihrer nationalen Identität, die durch jahrhundertelange Fremdherrschaft behindert wurde. Er sprach vom Missbrauch der nationalen Gefühle durch Machtpolitiker wie Milosevic, ohne seinen Namen ausdrücklich zu nennen. Das bei den Serben offenbar vorhandene Überlegenheitsgefühl über andere Volksgruppen wurde zum Herrschaftsanspruch erhoben, was dann wie bekannt in Unterdrückung, Vertreibung und Massenmorden eskalierte. Seine Landsleute dürfen diese Missetaten, die von einigen Militärverbänden begangen wurden, nicht leugnen und müssen das verarbeiten. Wir beide erkannten eine Parallele zur deutschen Schicksalsgeschichte im Zweiten Weltkrieg und den Nachkriegsjahren. Er selbst empfindet sich innerlich nicht als Serbe, mehr sieht er sich den Deutschen verbunden. Er ist in Deutschland geboren und hat dort die Zeit bis zu seinem zehnten Lebensjahr verbracht. Nach dem Tod seines Vaters ist seine Mutter mit ihm nach Serbien zurückgezogen, was er bedauert. „Wer ist schon von der Herkunft her Serbe“, sagt er fragend. 500 Jahre Türkenherrschaft haben nicht nur Spuren hinterlassen. Er selbst sieht aus wie ein Türke.
      Hier in Belgrad wollten wir einigen Ballast abwerfen und hatten aussortiert, was wir nicht unbedingt brauchten. Es waren nur einige Kilo, die wir ins Postamt trugen. Das kostete Zeit und Geld. Es wäre vielleicht besser gewesen, noch mehr als getan, zu verschenken.
      Wir sind um 13 Uhr losgefahren. Unsere Vermieterin hatte sich schon Sorgen gemacht, weil wir viel früher los wollten. Immer dieser Zeitdruck! Die Fußgängerzone in der Knez Mihailova ist mindestens zwei Kilometer lang. Da schoben wir durch und tauchten dann in den Großstadt-Autoverkehr mit vielen Ampelstopps ein, eingezwängt zwischen Pkws, Lkws, Bussen und Straßenbahnen, immer auf der Suche nach der Ausfallstraße in Richtung Smederovo. Wenn die schmutzigen alten Fassaden der großen Mietshäuser verschwinden, die Straßenbahngleise enden und die lockere Bebauung der Vororte sichtbar wird, dann ist man durch. Es waren zehn Kilometer. Wir fuhren in den Obstgarten Serbiens hinein. In einer weitgezogen bergigen Landschaft herrschte ein gutes Klima. Die Kirschen waren in voller Blüte, Äpfel und Birnen mit aufbrechenden Knospen und die Weinreben sorgfältig geschnitten und angebunden. Wir konnten die Ausblicke in den Frühling richtig genießen, denn wir waren topfit. Unser Körper bedankten sich für den Ruhetag. Für mich war es ein kleiner Wunder, wie Jutta heute die langen Anstiege hochkurbelte und sich in wenigen Tagen so gesteigert hatte.
      Ursprünglich wollten wir bis Pozarevac. Das sind gute 80 Kilometer. Innerlich hatte ich nach dem späten Start schon zurückgesteckt. Es war schon gegen 17 Uhr, als wir an einer Abzweigung entscheiden mussten: entweder 5 Kilometer seitlicher Umweg nach Smederovo, oder den nach rechts ansteigenden, langen Berg hinauf nach Pozarevac. Das waren gute 20 Kilometer. Doch um 18 Uhr ist die Sonne weg. So, wie wir heute drauf waren, packten wir es an. Auf dem breiten Asphalt waren wir beim Hochtouren gegen die schräg stehende Sonne ziemlich allein. Es war ein langer Berg, und es kam noch einer. Da maulte Jutta, denn ich hatte der Karte nach erwartet, dass es nur noch bergab geht. Doch dann hatten wir wirklich eine flotte Abfahrt in eine Flussebene. Ich sah öfter auf die Uhr, den Tacho und die recht tief hängende Sonne.
      Rechts tauchte ein Motel auf. Wir hielten an, aber zögerten, denn das verkommen wirkende Haus und die herumstehenden Männer wirkten nicht einladend. Ich ging trotzdem hinein. Da starrten mich einige, nicht vertrauenserweckende Gesichter mit einem Ausdruck an: Was will der denn hier? Der Wirt hatte ein Bündel Geld in der Hand. Das roch nach Dealerszene. Also noch zehn Kilometer weiter. Bei meiner Ausschau nach meiner Frau im Rückspiegel erkannte ich, dass sie abgestiegen war. Oh Gott, jetzt noch einen Platten! Ich kehrte um, sie hielt die Hand am Kopf. Hatte sie etwas ins Auge bekommen? Nein, sie versuchte, mit der Digitalkamera ein Foto von der fast abgetauchten Sonne im Rückspiegel zu machen. Die hat heute Nerven! Nun aber los, volle Fahrt voraus. Die Autos fuhren längst mit Licht, und wir hatten nur ein beleuchtetes Rücklicht. Im Stadtbereich rief ich immer wieder Passanten nach einem Hotel an, und hörte immer „brava“ oder „bravo“, das heißt „geradeaus“.
      Mit dem letzten Fetzen Licht sind wir angekommen. Es gab nur ein Hotel, wir hatten keine Wahl. Wir wurden stark beachtet, die Räder durften wir selbstverständlich nach oben ins Zimmer mitnehmen. Ein hohes Niveau im Service und den Speisen erwartete uns im Restaurant, und billig war es auch noch, wie überall in Serbien. Wir hatten uns daran gewöhnt, als einzige Gäste verwöhnt zu werden. Der Kellner in Frack und Fliege bediente uns elegant, wie in einem First-Class-Hotel. Das Traditionsgericht Cevapcici hatten wir in den letzten Tagen häufig. Aber an der Suppe, die immer sehr reichlich und auch zum Nachfassen serviert wird, und der Schopka, dem Salat mit Gurke, Zwiebel, Tomate und darüber Ziegenkäse, wollten wir schon festhalten. Nach dem Hauptgericht gab es noch Palatschinken, soweit der Magen noch aufnahmefähig war. >

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