zurück zum Eingang
die Herauforderung; aktuelle Position; Planung
aktuelle Reiseberichte und Berichte früherer Touren und Wettkämpfe
Ausrüstung; Freunde und Partner
Stimmen aus der Presse
Wie es uns geht; was der Arzt sagt
Persönliches
Schreiben Sie uns!
unsere Hompepage im Überblick
zurück zur 128ontour-Homepage Schreiben Sie uns! zu Favoriten hinzufügen
Seite 1
zurück zur Übersicht

Bericht 40:
Mein Abenteuer Ironman Hawaii

Ironman – das sind 3,9 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer auf dem Rad und dann noch einen Marathon laufen, das sind 42 Kilometer, und das alles in einem Wettbewerb. Warum tun die das? Es sind ja fast nur junge Leute, die sich das empfohlene Trainingspensum mit 20 bis 25 Trainingsstunden wöchentlich abverlangen und das sieben Monate lang. Die allermeisten von ihnen haben im harten Wettbewerb mit ihren Mitkonkurrenten keine Chance aufs Siegertreppchen, doch sie nehmen dennoch die Entbehrungen des Trainings auf sich. Dabei zu sein unter den auserlesenen Weltbesten ist für die meisten schon ein sportlicher Höhepunkt. Der besondere Reiz für mich war natürlich, als einer der wenigen ganz Alten in der geforderten Sollzeit durchzukommen.

Zwei Wochen vorher haben wir uns auf Big Island eingemietet, zum letzten Training und der Umstellung auf das Südseeklima mit der extremen Hitze. Immer, wenn wir in Strandnähe kamen, ging mein Puls hoch, wenn ich die anrollenden Brandungswellen vor Augen hatte. Ich schwamm hinaus, jeden Tag. Meine größte Sorge war es ja, ob ich die Sollzeit im Schwimmen schaffen kann. Das Laufen in der Mittagshitze fand ich durchaus erträglich und auf dem Fahrrad fühlte ich mich ausgesprochen wohl.

Es ist ja nicht irgendein Wettkampf, der sich für mich jederzeit wiederholen lässt. Viel musste zurückstehen in den vorausgegangenen Monaten. Meine Frau hat mir den Rücken freigehalten, mich motiviert und unterstützt. Und da war auch noch das Medieninteresse. Ich wusste, dass viele Freunde und Bekannte mein Rennen im Internet verfolgen werden. Da baut sich Spannung auf in den Tagen vorher.

Das Rad durchchecken, die Handgriffe für den Schlauchwechsel üben, welche Werkzeuge nimmst du mit? Es soll ja auch nicht schwer sein. Trinkflaschen, Müsliriegel, die Kleidung. Ich hatte mich entschieden, in der Badehose aufs Rad zu steigen und mir dafür einen etwas weicheren Sattel zu montieren. Ich durfte auch keinen Regelverstoß riskieren. Die Regularien der Amerikaner sind 14 Seiten lang. Alles ist in Vorschriften und Gebote verpackt. Ich musste vor allem die strenge Windschatten-Regel beachten. Meine Frau durfte nicht neben mir herlaufen und mir auch keine Trinkflasche reichen. Nach dem Einchecken am Vortag, als das Rad geprüft war und ich die Umkleidebeutel für Rad und Laufen in der Gemeinschaft mit all den anderen abgegeben hatte, machte sich eine gewisse Beruhigung in mir bemerkbar.

Um 4.30 Uhr sind wir am Renntag aufgestanden, für einen sehr, sehr langen Tag. Wie fühlte ich mich? Jetzt musste ich die Energien aufgeladen haben, mit stark reduziertem Training in der Woche zuvor, mit viel Schlaf und Ruhe, nach der Nahrungsumstellung, zwei Tage nur Eiweiß und die letzten drei Tage Kohlehydrate in Mengen, um die Glykogenspeicher aufzufüllen. Das Body-Marking ist ein besonderes Zeremoniell, das Anstehen in einer langen Schlange, wie schon am Vortag beim Check-In. Ich konnte sie beobachten, die Mitkonkurrenten vor und hinter mir. Alle waren sie ruhig und haben ihre sicher vorhandene Nervosität nicht gezeigt. Dann war ich vorn zum Zeremoniell des Body-Markings. Ich wurde auf ein Podest gestellt und mit meiner Startnummer an Armen und Beinen und mit meinem Alter, einer 7 und 5 auf der linken Wade, gestempelt.

Alle Zuschauer bleiben bei den letzten Vorbereitungen ausgesperrt. Die Flaschen und die Verpflegung aufs Rad bringen, noch mal Pumpen, um 7 Atü Drück zu sichern, dann das Eincremen mit Vaseline, um der von mir befürchteten Abkühlung auf der langen Schwimmstrecke vorzubeugen. Noch einmal Trinken, und dann saßen sie alle da am Boden, die letzten 20 Minuten vor dem Start, um Kräfte zu schonen. Alle waren ruhig, es wurde nicht gesprochen. Und dann versammelte sich die Menge nur zögernd zum Schwimmstart im seichten Wasser an der Pier. Ich will abwarten und mich ganz hinten einreihen. Noch einmal die Schwimmbrille im Wasser prüfen. Sie muss sitzen. Salzwasser in den Augen könnte verhängnisvoll werden. Wenn der glutrote Sonnenball über dem Meeresspiegel hochsteigt, sind es nur noch wenige Minuten. Die Stimme des Ansagers steigert die Spannung. Ich schaue noch einmal hinüber zu den Zuschauermassen an der Pier. Irgendwo ist meine Jutta und wird um mich zittern. Der Startschuss ist nach all der vorausgegangenen Spannung ein erlösendes Signal. Nun gilt es!

Ich versuche, technisch sauber zu Schwimmen und werde an meine Unterlassungssünden erinnert: zu wenig Schwimmtraining und zu wenig Techniktraining. Ich weiß um meine ungünstige, tiefe Wasserlage. Ich habe kaum Unterhaut-Fettgewebe. Dem Salzwasser im Mund konnte ich auch nicht entkommen. Aber ich durfte ja nicht zu viel davon schlucken. Eine gute halbe Stunde hatte ich noch andere Schwimmer in meiner Nähe. Dann wurde es einsam um mich. Ich wusste das. Und wieder, wie vor fünf Jahren, flankierten mich zwei Helfer auf Surfbrettern, einer zur Linken und der andere zur Rechten. Das gab mir Hilfe für die Orientierung. Dennoch musste ich ab und zu den Kopf heben, ob die roten Bojen näher kamen. Und ganz da vorn konnte ich das Schiff erkennen, die Wende. Unendlich weit war das.

Hundert Hände klatschten mir zu, als ich mich endlich herangearbeitet hatte. Ganz nah zu mir waren einige, so wie meine Begleiter auf den Surfbrettern. Die haben mir die Zwischenzeit zugerufen. Das wird knapp, erfasste ich, jede Sekunde zählt. So habe ich nicht gewagt, mich für den Beifall zu bedanken, was mir eigentlich Leid tat.

Die zweite Stunde im Wasser empfand ich phasenweise als grausam. Ich musste alles geben. Noch einmal wurde mir eine Zwischenzeit zugerufen, und ich schaffte es. Nach 2:15 Stunden, fünf Minuten vor der Sollzeit, torkelte ich aus dem Wasser. „You got it!“, hörte ich einen meiner Helfer rufen. Er freute sich mit mir. Erleichtert und glücklich war ich, als ich mich unter dem Beifall von Hunderten auf mein Rad schwang, das zwei hübsche Frauen für mich bereit gehalten hatten. Da standen noch einige Räder. Also war ich doch nicht als Allerletzter aus dem Wasser gekommen.

Dann geschah zunächst ein kleines Wunder. Als wenn ich die Strapazen im Wasser vergessen hätte, legte ich los zur Aufholjagd, auf 15 Kilometern noch durch dichtes Zuschauerspalier. Das gab Auftrieb. „Ich liebe dich“, hörte ich meine Frau rufen, als ich in gebeugter, arodynamischer Haltung vorbeibrauste. Schon bald danach hatte ich den ersten Mitkonkurrenten eingeholt. Dann erfasste mich offenbar ein Jagdinstinkt, als ich sie vor mir sah: eins, zwei, drei, vier in Abständen. Alle packte ich: Ich war auf der Überholspur. Ich habe sie nicht gezählt, nur die über 70-jährigen: Es waren sechs. Ein heftiger Gegenwind und 40 Grad Hitze in den Lavafeldern machte es den Eisenmännern an diesem Tag besonders schwer. Ich spürte das erst sehr viel später, denn ich war wie in einem Rausch auf Überholfahrt. Die Anstiege gegen den Wind hinauf zur Wende nach Hawi kosteten viel Kraft. Ich hatte eine bessere Zeit geplant. Auf dem Rückweg drückte ich weiter aufs Tempo, zunächst mit dem Wind im Rücken. Ich sah auf der Gegenfahrbahn, wie sich andere mühsam hinaufplagten. Sie taten mir richtig Leid, denn sie konnten die Sollzeit zum Wechsel nicht mehr schaffen.

Nach 120 Kilometern hatte ich den Wind wieder von vorn. So ist das meist: Gegen Mittag dreht der Wind. Ich erfreute mich zunächst an der angenehmen Kühlung und powerte weiter, ignorierte einige Verpflegungsstellen. Das war jedoch ein verhängnisvoller Fehler. Oder hatte ich auch zu wenig Powergel geschlürft? Noch gut 30 Kilometer, und ich nahm mir vor, das Tempo zu drosseln. Ich musste ja Kraft für den Marathon sparen.

Ausgerechnet in dieser Phase ereilte mich mein tragisches Schicksal. Ich wusste ja vorher: Eine kleine Unachtsamkeit oder Pech kann sehr schnell das Aus bedeuten. Hatte ich einen kurzen Blackout wegen Dehydrierung oder war es eine Windböe, die mich an den äußersten Rand der Straße getrieben hat? Diese Schrecksekunden werde ich nie vergessen.

Ich war in voller Fahrt nur wenige Zentimeter vom Kiesbett weg, konnte nicht mehr gegenlenken, schlitterte zunächst einige Meter im Kiesbett, dann riss das Rad nach rechts ins Lavafeld. Knapp neben einem riesigen Quader erfasste mich der abrupte Stopp und ich schleuderte nach links. In der Flugphase zuckte in mir die Erkenntnis: Jetzt ist alles aus. Von der Landung habe ich das Krachen des Helmes in Erinnerung und den heftigen Aufprall. Ich rappelte mich auf, torkelte zum Straßenrand mit nur einem Gedanken im Kopf: Kann ich weiter? Das Blut tropfte mir vom Knie, aber die Schmerzen waren zunächst erträglich. Mein Kreislauf drohte wegzukippen, und ich hockte mich auf den Boden. Ein Helfer hatte angehalten, gab mir zu trinken und muntere mich mit dem Zuruf auf: „Your are still in the race.“ Ich torkelte in die Lavabrocken, angelte mein Rad heraus und siehe da, es war noch fahrbereit. Ich musste nur den Lenker zurechtbiegen.

Nein, es ist aus, schoss es mir resignierend durch den Kopf, als mich Muskelkrämpfe an beiden Beinen überzogen. Ich reduzierte auf einen langsamen, runden Tritt, und das half. An der nächsten Tankstelle hielt ich an und trank viel. Tatsächlich war es jedoch viel zu wenig. Noch einmal drehte ich auf volle Kraft voraus, um die Sollzeit zu schaffen. Der Sturz hatte mich eine halbe Stunde gekostet. Ich kam rechtzeitig an, aber beim Absteigen stürzte ich fast vornüber. Erst jetzt beim Aufrichten spürte ich die stechenden Schmerzen der Rippen- und Nierenprellung, die ich mir offenbar bei der unsanften Landung zugezogen hatte. Später habe ich mich damit getröstet, dass es in den groben, scharfkantigen Lavabrocken viel schlimmer hätte kommen können.

Eine Helferin zog mir die Radschuhe aus. Mühsam stakste ich zur Umkleide. Da ließ ich mich massieren und versuchte, mich auf den Weg zu machen. Meine Jutta hatte ich in große Ängste versetzt. Sie umarmte mich. „Kannst du laufen?“, fragte sie besorgt. „Ich versuche es“, sagte ich und trabte los, getragen von der großen Beifallkulisse der massiert stehenden Zuschauer.

Nach zwei Kilometern kam mir meine Frau auf einem Abkürzungsweg entgegen. Ich blieb stehen, hielt mich an einer Mauer fest und stöhnte: „Es geht nicht, jeder Schritt ein stechender Schmerz.“ Ein Betreuer bot sich noch an, mich auf dem Motorrad zu begleiten, doch ich musste abwinken.

„Du musst es noch mal versuchen, nächstes Jahr, das ist so unvollendet.“ Mit dieser Aufforderung überraschte mich meine Frau am nächsten Tag. Das hat mich verblüfft, denn in der harten Trainingsphase, die ihr auch Opfer und Verzicht auf anderes abverlangt hatte, hatte sie wiederholt mit Bestimmtheit erklärt: „Das ist dein allerletzter Ironman.“

Was haben wir in diesem Jahr vor? Vielleicht lasse ich mich doch noch einmal locken von der Faszination Ironman Hawaii. In Lubbok, Texas, will ich mich erneut um die Hawaii-Quali bewerben, doch diesmal habe ich mindestens vier US-Amerikaner als Konkurrenten.

Zwei weitere sportliche Höhepunkte haben wir uns vorgenommen: die Duathlon-WM am 29.5. in Italien und die Triathlon-Europameisterschaften am 21.8. in Lausanne. Und meine Jutta wird ihren ersten Triathlon angehen. Ich freue mich darauf, wenn wir gemeinsam zum Schwimmstart ins Wasser tauchen. Mit Staunen habe ich in diesen Wochen ihre Fortschritte beim Schwimmen beobachtet.

Oktober 2004

Seite 1
zurück zur Übersicht