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Bericht 41:
14 Jahre Ural – die Geschichte einer Freundschaft

Es begann in Östersund, Schweden, im Frühjahr 1990, bei der Senioren-Meisterschaft im Skilanglauf. Vor dem Start zum ersten Rennen stand ein Russe neben mir. Als er hörte, dass ich Deutscher bin, rief er aus: „Deutschland muss vereint werden und die Russen müssen raus aus Deutschland.“ Es war Andrej Simon, der Präsident des kurz vorher gegründeten russischen Amateur-Skiverbandes. Er entpuppte sich als ein ideenreicher, quicklebendiger Mann und sprach mit auf einen Sportler-Austausch an: Deutsche zum Training nach Russland und Russen zum Gegenbesuch. Ich überlegte kurz und dachte: Wenn sie nichts haben, die Russen, Schnee zum Trainieren werden sie im November / Dezember sicher haben, wo wir den Schnee in unseren Breiten oft vergeblich suchen. Kalli Kamphenkel, der Senioren-Sportwart, sah das auch so. Im August 1991 machte ich mich zusammen mit sechs anderen Senioren-Sportlern auf den Weg zu einer Informationsreise, die Andrej Simon organisierte hatte. Wir kamen nach Moskau, St. Petersburg, nach Kasachstan und auch in den Ural. Eine aufregende, interessante Erkundungsfahrt: überall wurden wir freudig empfangen. Die Russen und auch wir empfanden das als Aufbruch in eine neue Zeit. Im Ural hatte ich Nicolai Lobyncev kennen gelernt und auch Viktor Ivanovic, den umtriebigen Mann aus der geheimen Nummernstadt, die sich später den Namen Novouralsk gab.

Wir sind Freunde geworden und verstehen uns gut, auch wenn wir für eine anspruchsvolle Konversation Dolmetscher nötig haben. Er hat mich damals zu einem Besuch in der gesperrten Stadt eingeladen. Die Stadt Novouralsk hatte damals als geheime Stadt nur eine Nummer und war auf keiner Landkarte zu finden. Im November des gleichen Jahres war ich erstmals mit einer Sportlergruppe in der Stadt Slatoust zum Langlauftraining. Von dort rief ich Nicolai an und bot meinen Besuch an, obwohl ich wusste, dass die Stadt für Ausländer strikt verboten war. Doch ich hatte seinen Ehrgeiz angestachelt, und mit Hilfe seines obersten Chefs konnte er in wenigen Tagen die Genehmigung der Sicherheitsbehörde durchsetzen. Ich wurde mit einem Wolga, der damals komfortabelsten russischen Limousine, abgeholt. Mit dabei als Begleiter war ein Sportfunktionär, der reichlich Essen und Trinken für die Reise über 550 Kilometer mitgebracht hatte.

Es sollte eine abenteuerliche Fahrt werden, denn nach einer Stunde schon kam das Auto mit defekter Ölwanne zum Stehen. Ich war neugierig, wie es weitergeht, einen ADAC-Notruf gab es nicht. Der Fahrer reckte am Straßenrand den Arm heraus. Da verstand ich, dass er per Anhalter weiter wollte und das mitsamt dem Auto und den Fahrgästen. Bei mir kam noch ein dicker Skisack und viel Gepäck dazu. Für das Abschleppen kam nur ein Lkw in Betracht. Tatsächlich hielt einer an, und der noble Wolga mitsamt Inhalt wurde mit einem Drahtseil angekoppelt. Auf diesem Weg wollte unser zuversichtlicher Fahrer nicht etwas nur zur nächsten Werkstatt, nein, bis nach Hause vor die Tore der gesperrten Stadt wollte er gezogen werden. Es war ja auch schon finstere Nacht geworden. Zwei Mal wurden wir abgekoppelt, und nach Wartezeit von einem anderen mitgenommen. Dann riß auch noch das Seil. Im Pkw saß nur der Fahrer zum Lenken, wir beide anderen waren wegen der Kälte im Lkw-Führerhaus untergekommen. Der Lkw-Fahrer hatte im Rückspiegel öfter nach hinten geschaut. Ob der Pkw noch da war, konnte er nur in einer Kurve erkennen. Er hat plötzlich angehalten, gewendet, und nach einigen Kilometern entdeckten wir gemeinsam unser verschollenes Auto mit dem hilflosen Fahrer am Straßenrand.

Wir sind später in einer Polizeistation gestrandet, noch dazu abgeschnitten von einer Telefonverbindung zu der nur 60 Kilometer entfernten geheimen Stadt. Mittlerweile war mein Freund Nicolai in der Stadt mit der Nummer in große Unruhe geraten. Stundenlang hat er mit dem Bürgermeister und anderen lokalen Größen auf mich gewartet. „Wir müssen ihn finden, ob tot oder lebendig“, soll Nicolai ausgerufen haben.
Schließlich sind sie mit einem Polizeifahrzeug losgefahren, und sie haben uns tatsächlich aufgegabelt. So öffnete sich für mich am frühen Morgen in Begleitung von Nicolai und der Ortsprominenz der Schlagbaum, und ich war der erste westliche Besucher in dieser Stadt.

Die Stadt mit ihren 110.000 Einwohnern ist eingezäunt. Einlass und Auslass wird an den Schlagbäumen nur nach sorgfältiger Prüfung des Spezialausweises gewährt. Die Menschen dort wollen natürlich aus der Isolation heraus. In den „heißen“ Jahren des Kalten Krieges durften sie noch nicht mal die Stadt verlassen. Ich war ein gern gesehener Gast im Rathaus, im Theater, in der Hochschule, im Sportverein, im Abendkurs für Englisch-Unterricht und natürlich auch auf der Langlaufloipe. Jeden Abend war ich bei einer anderen Familie zu Gast. Ich konnte mich vor Einladungen nicht mehr retten. Und Nicolai, der sich einige Tage Urlaub genommen hatte, wollte mich natürlich so häufig wie möglich für sich haben, auch bei sich zu Hause im Kreise seiner Familie. Das lag ihm besonders am Herzen. Der von seiner Frau und Tochter festlich gedeckte Tisch unterstrich schon die Bedeutung meines Besuches. Unvergesslich für mich sind jedoch die Gespräche mit ihm und seiner Familie. Ja, wir haben dabei viel Gemeinsamkeiten entdeckt bei der Schilderung unseres persönlichen und beruflichen Werdeganges, bei der Erörterung weltpolitischer Fragen und der Sorge um die Zukunft Russlands. Er hatte mir natürlich auch Bilder gezeigt – und seine Wettkamp-Trophäen. Die von ihm aus dem Kreis der Englischlehrerinnen ausgewählte Dolmetscherin Galina hatte es nicht leicht, denn Nicolai formuliert überlegt und tiefschürfend, und ich hatte, auch in den Jahren danach, oft den Eindruck, dass nicht alles so rüberkam, wie er es sagen wollte. Nicolai ist sportlich-schlank und schon von seiner äußeren Erscheinung her eine Respektsperson. Mit seinem hohen Verantwortungsbewusstsein, Fleiß, Gründlichkeit und Zuverlässigkeit ist er eigentlich kein typischer Russe, die ja oft liebenswerte Chaoten, aber Meister im Improvisieren sind.

Ich musste versprechen, wiederzukommen und andere mitzubringen. Als der Bürgermeister erfahren hatte, dass ich Bankmanager bin, wurde mir die Zusage abgerungen, im nächsten Jahr ein Seminar zum Thema Kapitalismus abzuhalten. Es war die Stunde Null der freien Wirtschaft, doch keiner wusste, wie es geht. Im nächsten Jahr war ich wieder da, diesmal mit meiner Jutta, der ich so viel erzählt hatte. Als Dolmetscher für die Vorträge wurde ein Wissenschaftler aus Sachsen eingeflogen, der perfekt Russisch sprach. Sie wollten ein Patentrezept für den Kapitalismus hören. Ich sollte ihnen erklären, wie das deutsche Wirtschaftswunder aus dem Nachkriegschaos entstanden ist. Ich musste ihre Hoffnungen mit dem Hinweis dämpfen, dass in Russland erst eine junge, gut ausgebildete Generation heranwachsen muss. Ich sah ja unter den Zuhörern beim Thema Marktwirtschaft auch die skeptisch dreinblickenden Funktionäre und Apparatschiks.

Als Nicolai seinen 70. Geburtstag mit vielen Gästen im Kulturpalast und einem anspruchsvollen Kulturprogramm feierte, waren meine Frau und ich die weitest angereisten Gratulanten. Und er kam auch mit einigen Freunden zu meinem runden Wiegenfest. Das hatten wir uns schon Jahre vorher gegenseitig versprochen, und das galt. Später im November 2002 hat er mich wieder eingeladen, diesmal zu seinem 75.. Da konnte ich jedoch nicht zusagen, denn es war kurz vor Beginn des zweiten Teils unserer Weltreise.

Das Millenium haben wir im Ural gefeiert. Auf Langlaufskier sind wir in der Nacht mit Stirnlampen bei 24 Grad Kälte durch den Wald gelaufen, zu der Grenze Europa-Asien. Nach russischem Brauch sind wir im tiefen Schnee Hände haltend um einen geschmückten Tannenbaum gestapft, haben Schaschlik gegessen und uns alle umarmt. Mit Glühwein haben wir auf das ankommende Jahr 2000 angestoßen. Rechtzeitig sind wir durch den verschneiten Wald abgefahren, in der banja, der russischen Sauna, haben wir dann bei 120 Hitzegraden die in die Knochen gekrochene Kälte vertrieben. Dann ging das Feiern in unserem Privatquartier mit 30 Gästen erst richtig los. Wir hatten ja noch die Jahreswende nach Moskau-Zeit und deutscher Zeit vor uns.

Im Jahr 2001 feierten wir unser zehnjähriges Ural-Jubiläum. In unseren persönlichen Patenstädten, die 550 Kilometer auseinander liegen. Wenn wir eine Stadt besuchten, mussten wir unbedingt auch in die andere. Von Slatoust nach Novouralsk, wie die geheime Nummerstadt später hieß, und umgekehrt. Es sind unsere persönlichen Partnerstädte, und wir fühlen uns dort wie zu Hause.

Vier Jahre lag unser letzter Besuch zurück, als wir uns erneut aufmachten in den Ural. Unsere Radweltreise lag dazwischen. Immer waren wir beide uns einig: Wir müssen wieder dahin, dürfen unsere Freunde nicht im Stich lassen. Es ergab sich eine Kombireise Ende Februar zu den Senioren-Meisterschaften in Krasnogorsk bei Moskau und anschließend weiter in den Ural. Bei der WM teilten wir mit Nicolai unser Appartement. Ihm ging es nicht so gut in diesen zehn Tagen: Ein hartnäckiger Husten plagte ihn. Ihm gegenüber beschlicht mich deshalb mit meiner gewonnenen Bronze-Medaille ein klein wenig das schlechte Gewissen.

Aus beiden der uns so vertrauten Städte im Ural Slatoust und Novouralsk erwartete uns eine Delegation bei unserer Ankunft in Jekaterinenburg. Mit Blumen, Sekt und Leckerbissen wurden wir empfangen: ein Wiedersehen nach langer Zeit. Schon auf der Fahrt nach Slatoust erkannten wir, dass sich in den vier Jahren Einiges geändert hatte. Wir saßen in einem komfortablen neuen Auto, gesteuert vom Fahrer der Künstlerin Nina. Vor elf Jahren hatte sie zusammen mit ihrem Mann begonnen, gewerblich hochwertige Stahlgravuren zu fertigen. Schwierige Anlaufzeiten hatten sie zu überwinden, wie wir bei unseren Besuchen beobachten konnten. Nun beschäftigt sie 300 Mitarbeiter, uns es geht aufwärts. Das erzählte uns Larissa, die uns als Dolmetscherin in Empfang genommen hatte. Temperamentvoll, wie wir sie in Erinnerung hatten, kündigte sie uns auf der Fahrt durch die Uralwälder ein reichhaltiges Besuchs- und Besichtigungsprogramm an. Wir wohnten in diesen neun Tagen wie auch die Jahre zuvor im Prophylaktorium, einem Sanatorium draußen vor der Stadt im Wald, die Langlaufloipen vor der Tür. Alles wie gehabt: Auch der Chefarzt ist noch der gleiche und begrüßte uns in deutscher Sprache.

Ja, der wirtschaftliche Fortschritt war unverkennbar in der Stadt mit ihren 200.000 Einwohnern. Die neuen Badarmaturen in den Appartements des Sanatoriums waren da noch ein bescheidenes Beispiel. Überraschend die vielen neuen Autos auf ausgebauten Straßen. Auch bei starken Schneefällen kein Chaos: Die Russen sind da versiert, ihre Reifen sind mit Spikes bewaffnet. Frisch renovierte Fassaden in der Altstadt, viele Läden und Shops nach westlichem Vorbild mit reicher Auswahl – also muss es auch eine Nachfrage geben. Eine Vielfalt des Angebotes, wo es vor 14 Jahren nur wenige dieser trostlosen Magazine mit spärlichen Einheitsprodukten gab. Auch die Tankstelle modern mit Warenangebot, Cafés, Pizzerias, Restaurants: Die Jugend interessiert sich für all das, was aus dem Westen kommt, allem voran Autos, Kleidung, aber auch die „Esskultur“ mit Pizzas und Hamburgern. Der Teebeutel hat den Samowar abgelöst, das Handyfieber grassiert wie bei uns im Westen, wo noch vor vier Jahren meine Jutta absolute Funkstille für ihr Handy hatte.

Arbeitsplätze gab es früher nur in den beiden Rüstungskombinaten, die bei der Umstellung auf zivile Produkte in die Krise kamen. Dass aber immer noch Raketen gebaut werden, sei kein Geheimnis mehr, sagten uns die Manager des Maschinenbau-Kombinats, die uns im Anschluss an einen Musikabend ins Separée eingeladen hatten. Inzwischen hatte sich das große Unternehmen stabilisiert. Es entwickeln sich auch mittelständische Betriebe, zwei davon haben wir besichtigt. Larissa Saizewa, unsere temperamentvolle Dolmetscherin, war früher die Sekretärin des Bürgermeisters. Heute ist sie Personalchefin eines modernen, Metall verarbeitenden Betriebes.

Nein, sie hatten uns nicht vergessen, unsere Freunde: im Gegenteil, freudig begrüßt wurden wir allerorten. Im noblen Haus von Slava und Nina war der Tisch für 15 Freunde des Hauses reich gedeckt. Allein dieser Anblick war schon eine Augenweide. Die Gastgeberin bot wieder eine Spitzenleistung der russischen Esskultur. In Tischreden haben sie unseren Besuch gewürdigt, aber auch bedauert, dass Wilma, Franz, Sigi und Erna nicht mitgekommen sind. Wenn Russen beisammen sind, wird immer auch gesungen und getanzt. Larissa Waizel, die Musikerin und Sängerin, die mit ihrer herrlichen ausgebildeten Stimme meinen 70. Geburtstag bereichert hatte, trug mit ihren Dankbarkeit ausdrückenden Blicken so gefühlsbetont einige Lieder vor, dass es uns die Tränen der Rührung in die Augen trieb. In der Kunstschule wurden wir mit einem für uns beide arrangierten Konzert überrascht. Der Bürgermeister gab einen Empfang und überreichte uns Ehrenurkunden. Wir haben mit Fabrikarbeiterinnen getanzt, waren mit unseren Langlaufskiern unterwegs auf den Wettkampfloipen und auf einer Tagestour durch die Taiga. Und wir saßen lange mit den Lehrerinnen der deutschen Schule Nr. 10 zusammen. Alexandra, die Direktorin, schilderte uns ihre persönlichen Schicksalsschläge und wir hörten, dass die Lehrkräfte mit ihrem Einkommen auf der Schattenseite der bescheidenen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung stehen. Wir sollen wiederkommen, wenn Schulbetrieb ist, dann gibt es ein Schülerprogramm für uns. Bei all unseren Treffen wurde in Erinnerungen gekramt. Boris, der Chef des städtischen Sportkomitees, erinnerte sich an verschiedene Skilanglaufrennen mit unserer Teilnahme. Unvergessen bleibt ihm, als ich zur allgemeinen Überraschung die russische Meisterschaft in meiner Altersklasse gewonnen hatte. Ludmilla, die quicklebendige Deutschlehrerin, zeigte mir ein Bild mit uns beiden.

Einige deutsche Skisenioren hatten vor 13 Jahren eine humanitäre Hilfsaktion in Gang gebracht. Ein Fahrzeugkonvoi der Johanniter war auf abenteuerlicher Fahrt fünf Tage und Nächte unterwegs. Mich hätte es sehr gereizt, auf dieser Fahrt dabei zu sein, doch ich war ausersehen, vor Ort die gerechte Verteilung der Hilfsgüter zu organisieren. Mit einem kleinen Passagierflugzeug des Kombinats war ich in Moskau abgeholt worden. Für Ludmilla, die mich als Dolmetscherin zu begleiten hatte, war es ihr erster Flug – und es war ihre erste Banane, in die sie hineinbiß, wie das von ihr sorgsam gehütete Foto zeigt. Zum Abschied hatte uns Larissa Waizel in ein Café eingeladen, zu einem musikalischen Abschied für uns beide. Und wieder waren auch viele andere unserer Freunde dabei. Sie würden sich immer nur dann treffen, wenn wir zu Besuch kommen. Unsere Besuche lösen also Festtage aus. Das nimmt uns in die Pflicht.

Ljuba, die Angestellte des Sportkomitees, war auch eine engagierte Betreuerin für uns. Dima, ihr Sohn, der ein kleines Geschäft aufgezogen hat, war unser zuverlässiger Taxifahrer in dieser Zeit. Er war stolz auf sein Auto, das nie im tiefen Schnee stecken geblieben war. Pünktlich war er am Abreisetag vorgefahren, sein Auto frisch gewaschen, und Ljuba, seine Mutter, war als Begleiterin dabei, ausgerüstet mit reichlich Essen und Trinken. Ich habe ihr Geld zugesteckt, das sie zögernd annahm. Weder sie noch ihr Sohn hätten Geld von uns verlangt. Dabei ist Geld sehr knapp bei beiden. Dimas Geschäfte bringen nicht viel ein, und Ljubas Mann ist Trinker ohne Einkommen. Es ruft Erinnerungen wach, die Fahrt fünf Stunden lang durch die unendlichen Wälder des Ural, tief verschneit an diesem Tag. Eindrucksvoll farbenprächtig sind die Birkenwälder im schrägen Sonnenlicht. Da wollte ich schon oft aussteigen und mich in den Anblick vertiefen. Aber es gibt auch andere Eindrücke: ein aufgelassenes Kupferbergwerk mit der Trostlosigkeit verfallender Industrieanlagen, verlassener Häuser und hässlicher Abraumhalden, die durch die Schneedecke nur optisch etwas gemildert wird.

Sie waren da, am vereinbarten Treffpunkt, nie hatten wir daran gezweifelt: Viktor Ivanovic, Faina und Sascha aus Novouralsk. Einen Kleinbus mit Fahrer hatten sie gechartert. ES war ein typisch russischer Empfang mit Umarmen und Küssen. Damit drücken sie echte Zuneigung aus, ohne Berührungsängste.
Wir mussten essen und trinken, Sekt zur Begrüßung und dann der rührende Abschied von Ljuba und Dima. Unser schweres Gepäck war längst verladen, als wir im Kleinbus zusammenrückten zur Weiterfahrt zur zweiten Partnerstadt. Novouralsk ist noch immer eine gesperrte Stadt, mit unüberwindlichen Zäunen und Mauern abgeschottet. Schlagbäume versperren die Einfahrt wie im Mittelalter, und das zu einer Zeit der stetig wachsenden Mobilität. Mir schien es nur eine Frage kurzer Zeit zu sein, bis die Schlagbäume verschwinden. Das sich anbahnende Tauwetter wurde unversehens durch „Frost“ erstickt. Aus Angst vor Terroranschlägen haben die Sicherheitsexperten wieder einen eisernen Vorhang für Besucher herabgelassen. Nicolai, der mir einst den Zugang verschafft hatte, bemühte sich mit einflussreichen Freunden seit einigen Jahren vergebens um eine Genehmigung. Sie ernteten sture Ablehnung. So endete auch ein von mir in Gang gebrachter Schüleraustausch. Zuvor durften noch 20 Schüler aus Bayern bei Gasteltern in der Stadt wohnen. Dann kam das unvermittelte Aus.

Nach zwei Stunden erreichten wir die Stadteinfahrt. Am Bahnhof in Sichtweite des Schlagbaumes stiegen wir aus. Der Fahrer nahm mit dem Bus und unserem Gepäck den kurzen Weg durch die Stadt und wollte uns am Ortsausgang zur Weiterfahrt in das uns bekannte Erholungsheim wieder einsammeln. Wir machten uns mit unseren drei russischen Freunden zu Fuß auf den Weg, um die Stadt zu umgehen, stapften durch tiefen Neuschnee. Als wir in den Schneewächten nicht mehr weiterkamen lenkte uns Sascha, der Fährtensucher, auf die Bahngleise. Da war Bahnbetrieb. Einem langen, anfahrenden Güterzug räumten wir an einer Weiche die Vorfahrt ein. Die Bahnbediensteten waren tolerant genug, uns nicht vom Gleis zu vertreiben. Wir beide werteten den hinderungsreichen Fußmarsch als Trainingseinheit, als wir unseren Kleinbus erblickten. Der war im Schnee stecken geblieben, und wir mussten ihn vereint erst einmal kräftig anschieben.

Der Seniorchef des Sanatoriums im weißen Mantel begrüßte uns als alte Bekannte. Wir fühlten uns wie immer im Ural sehr geborgen, denn wir wussten auch, dass wir nicht allein gelassen werden. Faina und Sascha hatten Urlaub genommen und versicherten nicht nur, sondern praktizierten es auch, dass sie immer für uns da sein werden. Auch wenn wir versicherten, dass wir einige Tage auch allein zurechtkommen könnten. Wir wollten ja auch in den Schnee zum Langlauf in die angrenzenden Loipen des Trainingszentrums. Zu diesem Zweck begleitete uns Galina, eine exzellente und ehrgeizige Sportlerin. Sie ist auch Triathletin. Im Sommer werden wir sie zu Gast in Deutschland haben.

Sascha hatte viel zu tun als Taxifahrer. Der Begrüßungsabend war im Privathaus von Walja und Valera organisiert. Dort hatten wir vor vier Jahren auch das Millennium gefeiert. Alle Beteiligten schwelgten noch in Erinnerungen, die einfach hochkommen mussten, als uns Walja und Valera freudig umarmten. Sie haben ihr Steinhaus selbst gebaut. Jedes Mal, wenn wir zu Besuch kommen – es kommen so selten Besucher aus dem Ausland – ist der Innenausbau ein Stück weiter gediehen. Diesmal zeigte er uns stolz seine neue Küche. Seine gütigen Äuglein im runden Gesicht strahlten Zufriedenheit aus, als er uns vor allem die traditionellen Pelmänis servierte. Seine Frau Walja drückte ihre Freude über unseren Besuch sehr lautstark aus.

Auf zwei wichtige Ereignisse hatten wir uns vorzubereiten: eine Pressekonferenz in Jekaterinenburg und unser Start beim traditionellen Skilanglauf-Ereignis Europa-Asien über 30 Kilometer. In diesen Tagen machten wir uns immer noch Sorgen um unseren Freund Nicolai, der sich von seinem tiefen Husten noch nicht recht erholt hatte. Wir waren ja bislang verschont von einer Grippe – bis es mich erwischte. Unhemmbar lief mir das Wasser aus der Nase und den Augen. Viktor Ivanovic, der die Termine organisiert hatte, war beunruhigt. Ich wollte ihn nicht enttäuschen und legte mich frühzeitig ins Bett.
Jutta musste mich beim abendlichen Treffen mit den Lehrerinnen der Schule und anderen Bekannten entschuldigen. Einige davon kamen mit ihren Geschenken an mein Bett. Beschenkt wurden wir wie gewohnt von allen unseren Freunden. „Wo sollen wir das alles hinpacken?“, haben wir oft gestöhnt. Unsere allmählich geleerte Reisetasche mit unseren Geschenken hatte sich nun schon wieder gefüllt. Der lange Schlaf hatte mir gut getan. Ich fühlte mich fit für den langen Tag.

Wir fuhren nach Jekaterinenburg. Diese Stadt, die Metropole des Mittelural mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern, boomt. Viele neue Autos, die aber wie bei uns oft im Stau stehen, Parkprobleme, eilig hastende, gut gekleidete Menschen in der Innenstadt. Eine Besichtigung durften wir uns nicht ersparen: die Gedenkstätte für die von den Roten ermordete Zarenfamilie. Vor 14 Jahren war zur Erinnerung ein schlichtes Holzkreuz aufgestellt worden. Wir standen nun vor einer mächtigen Kathedrale, die in zweijähriger Bauzeit errichtet wurde, ein imposantes Bauwerk mit hoch aufragenden Kuppeln und viel Fläche im Inneren. Es mutet an wie eine pompöse Wallfahrtsstätte zu Ehren der Zarenfamilie. Die Russen finden zurück zu ihrer verdrängten Geschichte und Religiosität. Nach Lenin, der bei unseren ersten Besuchen noch geradezu aufdringlich präsent war, in gewaltigen Statuen aus Stein gehauen, in Büsten und Bildern, in allen öffentlichen Gebäuden, haben wir vergebens Ausschau gehalten. Dieser Lenin, der den kommunistischen Untertanen als makelloser Heilsbringer, als Gottersatz angepriesen wurden, gibt es nicht mehr. Er ist verschwunden aus dem öffentlichen Bewusstsein. Auch in Slatoust hatten wir das schon beobachtet. Es hat uns überrascht. Noch vor einigen Jahren, als ich vor seinem Denkmal sinnierte, wann er wohl verschwinden wird, wurde mir entgegnet, Lenin sei Teil der russischen Geschichte, ihn könne man nicht einfach auslöschen.

Die Privatbank unseres Skilanglauffreundes Roloff ist eine imposante Erfolgsgeschichte im neuen Russland. Roloff ist Wirtschaftswissenschaftler. Er hatte das richtige Gespür für die Neugründung und Entwicklung der Bank. Schon vor vier Jahren waren wir mächtig beeindruckt, als er uns durch seine Bank führte. Jutta und ich waren seine Ehrengäste bei der Jahresschlussfeier für die leitenden Angestellten. Dabei erklärte sich mir ein Teil des Erfolgsrezeptes: Hoch qualifizierte Mitarbeiter, meist mit einer Ausbildung im westlichen Ausland und ein auffallend kooperativer Führungsstil. Roloff, der Mensch, wie wir ihn kannten, hat sich nicht verändert. Eher unauffällig bewegte er sich bei der Führung durch die erweiterten, modern ausgestatteten Bankräume. Aber seine Ausstrahlung auf die Mitarbeiter war nicht zu übersehen. Stolz und Genugtuung standen ihm zu, als er einige Erfolgszahlen nannte: 500 Mitarbeiter hat die Bank, mit Niederlassungen in einigen anderen Großstädten, in der Rangliste der russischen Banken auf dem 70. Platz. Auf dem 700. Platz war die Bank in der Startphase gewesen.

Der Bankier führte uns zur Pressekonferenz in der Bank. Etwa 20 Leute hatten auf uns gewartet, drei Fernsehanstalten waren mit ihren Kameras anwesend. Unsere Radweltreise löste die meisten Fragen aus, aber sie wollten auch wissen, warum wir so oft in den Ural kommen. Schon in den Fragen klang Anerkennung und Bewunderung mit. Als wir vom Bankchef nach eineinhalb Stunden zum Mittagessen geleitet wurden, wollten sich einige Journalisten noch nicht zufrieden geben. Als wir im noblen Bank-eigenen Restaurant beim Nachtisch angekommen waren, klingelte beim Bankchef das Handy. Ich selbst und sicher auch seine anwesenden Vorstandskollegen verstanden das als Abruf zu anderen wichtigen Terminen, so wie ich das ja auch aus meinem Bankberuf in Erinnerung habe. Aber nein, der Anruf galt uns: Einige Journalisten und Radioreporter warteten ungeduldig vor der Tür zu weiteren Interviews. Unsere Teilnahme am populären Volksskilanglauf, der von unserem Bankchef gesponsert wird, sei bereits ihm Fernsehen angekündigt. Viktor Ivanovic meinte, ich sollte wenigstens eine Teilstrecke laufen, wenn ich nicht fit genug sei.
In rührender Fürsorge haben sie uns am Abend zum Schlafen in das Privathaus von Valera gefahren. Wir sollten keine Ruhestörung ertragen müssen, denn im Sanatorium war eine Hochzeit angekündigt.

Wir beide, Jutta und ich, wollten die 30 Kilometer angehen – dann eben etwas langsamer für mich. Mit einem Allrad-Kleinbus wurden wir abgeholt. Das hochbeinige Gefährt wühlte sich durch den Neuschnee am frühen Morgen. Außer dem Fahrer hatten wir vier Begleiter. Es sollte ein herrlicher Wintertag werden, mit Sonne und barmherzigen 10 Grad minus. Ich war ja wieder mal als einer der Allerältesten mittendrin im dichten Pulk der Rennläufer. Ohne Sturz und Stockbruch habe ich die kritische Startphase und das Einfädeln in den schmalen Streckenschlauch überwunden. Jutta hatte sich hinten eingereiht. Sie war etwas vorsichtiger beim Schutz ihrer Stöcke. Für die freie Technik, das Skaten, war die gewalzte Loipe nicht breit genug, und die Russen sind recht ruppig bei ihren Überholmanövern, wie ich schon öfters erfahren hatte. War es bei aller Anstrengung auch Genuss? Ja, das Gleiten im Skatingschritt im gut gewalzten und doch samtweichen Neuschnee und die wechselnden Landschaftseindrücke, immer wieder von freien Flächen im welligen Gelände in Waldgebiete, wo der Schnee im gleißenden Sonnenlicht von den Ästen rieselte. Den ersten Getränkestand erreichten wir nach 20 Kilometern. Da warteten auch unsere Freunde mit heißem Tee. Die Schlussphase mit steilen Anstiegen war hart. Da spürte ich dann doch, dass ich nicht ganz fit war. Im Ziel warteten unsere Freunde mit Spezialservice auf uns. Ich musste nur in die bereit gehaltene Wärmekleidung schlüpfen und heißen Tee trinken. Bald danach kam meine Frau an, und sie wurde noch überschwänglicher empfangen. Die Rückfahrt im Kleinbus war auch eine russische Spezialität. Wir saßen zu sechs nicht etwa neben- und hintereinander, nein, im Viereck, im traulichen Zueinander, in der Mitte ein Tischchen. Und da haben sie aufgetischt: Brot, Wurst, Grünzeug, Bier und Wodka. Drei Mal ließen sie den Bus unterwegs anhalten und kauften Essen und Trinken nach. Reden, Singen, Essen, Trinken – so erlebten wir die Heimfahrt in Etappen. Ich war längst wieder munter. Wir beide ließen uns aufheitern.

Sie wollten uns nichts bezahlen lassen, weder für Unterkunft und Verpflegung, noch für die Fahrten. Wir haben das jedoch nicht ganz zugelassen, und außerdem wollten wir zum Ausgleich eine Spende machen. Sascha nannte uns ein Waisenhaus. Er fuhr uns hinaus in das in idyllischer Landschaft am See gelegene Haus. Dort wurden wir von den Erzieherinnen erwartet. Die Mädchen und Buben blieben brav im Hintergrund, aber sie waren alle aufgeregt und neugierig. Beim Besichtigungsgang nahmen uns kleine Mädchen und Buben am Finger, den sie fest umklammerten, und zeigten uns ihre Kammer und ihr Bettchen. Die Versorgung des Hauses durch die Stadt und das Industriekombinat sei ausreichend, aber für Sport gebe es kein Geld und keine Unterstützung. Eine junge Frau stellte sich als Sportlehrerin vor und führte uns vor die Tür. Da hatten sich zwölf Buben und Mädchen mit ihrer Langlaufausrüstung zum Spalier aufgestellt: Uralte, viel zu lange Holzlatten hielten sie in der Hand, und damit pflügten sie anschließend für uns in einer provisorischen Spur durch den Wald. Wir übergaben einen Geldbetrag zur Neuausrüstung mit Skiern. Sascha wird sich darum kümmern. Sie werden trainieren für einen Wettkampf, wenn wir wiederkommen. Für die Sieger haben wir einen Gerhard-Krauss-Pokal für die Buben und einen Jutta-Krauss-Pokal für die Mädchen versprochen. Das soll auch ein Ansporn für den Sport sein, der auch eine wichtige therapeutische Maßnahme für die gefährdeten Heranwachsenden ist.

Zum Abschiedsabend kamen 20 Leute aus der Stadt. Alle kannten sie uns aus den Vorjahren. Und sie erzählten von unseren Begegnungen und ihren Deutschland-Besuchen. Da übertrug sich viel Symphatie, ja auch Liebe, wie sie es selbst immer wieder ausdrückten, und auch Dankbarkeit auf uns. Sie sangen und tanzten und spielten für uns mit Hingabe, mit Melancholie, aber auch mit viel Temperament.
Und sie erzählten und erzählten, und viele Tischreden wurden gehalten. Zum Übersetzen hatten wir eine große Auswahl, schließlich waren fünf Deutschlehrerinnen in unserer Mitte. Viktor Ivanovic gab es Episode zum Besten, die viel Heiterkeit auslöste. Ich hatte im Jahr 1992 eine Einladung nach Deutschland organisiert, zusammen mit einigen anderen Senioren-Sportlern. Etwa 30 Leute kamen mit dem Bus, eine andere Reisemöglichkeit wäre nicht erschwinglich gewesen. Sie waren fünf Tage und Nächte unterwegs, geschlafen und gegessen haben sie im Bus. Lange Aufenthalte mussten sie als bewusste Schikane ertragen an der Grenze zu Weißrussland, das kurz zuvor die nationale Selbstständigkeit erlangt hatte, und auch, als sie nach Tschechien einreisten. Und als sich die Grenze zum Wohlstandsparadies Deutschland näherte, das sich für sie für einige Tage öffnen sollte, was bisher völlig unerreichbar war, erwarteten sie ein langes Einreiseprocedere. Sie wussten und hofften, dass ich sie jenseits des Schlagbaumes in Bayerisch Eisenstein in Empfang nehmen werde. Zusammen mit einem Freund aus dem nahen Zwiesel hatte ich vorher mit den Zöllner gesprochen. Sie sicherten uns eine zügige Abfertigung zu. Viktor erinnerte sich, wie ein Grenzbeamter auf die geöffnete Bustür zuging, und er großen Respekt empfand und zaghaft den Namen „Gerhard Krauss“ aussprach. „Ah, Gerhard Krauss“, antwortete der, und winkte lachend zur Durchfahrt ohne jegliche Kontrolle. Das war offenbar ein Codewort für die Einfahrt ins Paradies. Meine russischen Freunde stuften mich von da an als den einflussreichsten Mann nach Helmut Kohl ein. Diese Erwartungen musste ich natürlich weit herunterstuften, sonst wären zu viele unerfüllbare Wünsche auf mich zugekommen.

Am Abreisetag kamen sie zu viert, Sascha, Faina, Viktor und der Busfahrer. Vergeblich hatten wir vorgeschlagen, es reiche völlig, wenn uns der Busfahrer zum Flugplatz brächte. Nein, auf keinen Fall: Um 2.30 Uhr waren sie mitten in der Nacht aufgestanden, schleppten uns überschweres Gepäck zum Bus und später zum Einchecken und blieben bis zuletzt. Nach der Passkontrolle winkten sie uns noch mal zu mit Tränen in den Augen. Ja, dafür schämen sie sich auch nicht, das ist die russische Seele.

Feldafing, im Frühling 2005
Jutta und Gerhard Krauss

 

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