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Bericht 42:
Ironman Hawaii 2005, ein Drama

Die Qualifikation

Meine sportliche Leistungsfähigkeit ist seit zwei bis drei Jahren schwankender geworden. Das muss ich mir eingestehen. Das Alter fordert seinen Tribut auch bei mir. War es ein persönliches, nicht allein ein sportliches Schicksalsjahr 2005? Noch einmal wollte ich den Ironman Hawaii versuchen, mit nahezu 77 Jahren die gigantischen Distanzen zu bewältigen. Meine Frau hatte mich ermutigt, wenn auch zögernd. Auch meine Zuversicht war zeitweise schwankend. Für die erforderliche Qualifikation hatte ich auf zwei Optionen gesetzt: wie im Vorjahr auf den Half-Ironman in Texas Ende Juni und schon zwei Wochen später dann auf den Ironman Frankfurt. Im Vorjahr war es gut gegangen: ein Sieg in Texas in Strecken-Bestzeit und zwei Wochen darauf der Challenge Roth in 14,5 Stunden auf der klassischen Ironman -Distanz. Auch in 2005 holte ich mir in Texas die Quali, aber nicht so souverän wie im Vorjahr. War es ein Leistungsknick nach dem Erfolg bei den Duathlon- Weltmeisterschaften auf der Langstrecke, die ich mit großem Vorsprung gewonnen hatte? Schon im Vorfeld meines Starts in Texas hatte ich einen Trost für mich parat: Meine Frau war auch im Rennen, bei ihrem ersten Half-Ironman. Sie hat mir auf der abschließenden Laufstrecke zehn Minuten abgenommen. Das war aber nach ihren Trainingsleistungen nicht überraschend für mich.

Auf den Ironman Frankfurt hätte ich also verzichten können, da ich die Quali schon in der Tasche hatte. Ich habe es dennoch gewagt. Der Faszination dieses Riesen-Events konnte ich letztlich nicht widerstehen. Nach einem erfolgreichen, geradezu euphorischen Aufbruch im Wasser und auf dem Rad kam die Ernüchterung. In der zweiten Radrunde habe ich die am hinteren Reifen langsam entweichende Luft, einen so genannten „Schleicher“, ignoriert, und bin die letzten Kilometer in der Frankfurter Innenstadt auf der blanken Felge gefahren. Die konditionellen, muskulären Folgen nahm ich mit auf die Laufstrecke, die von Anfang bis zum Ende von Zuschauern gesäumt war. So oft war ich noch nie bei meinem Vornamen angerufen worden, der auf meiner Startnummer zu lesen war. „Gerhard, Gerhard“, hallte es immer wieder. Ich plagte mich, quälte mich, unerträgliche Schmerzen im Bereich der Lendenwirbel zwangen mich immer wieder zum Anhalten. Meine Frau war bei mir, lief mit mir, massierte mich. Mir wurden viele wohlwollende Ratschläge zugerufen. Einmal legte ich mich ins Gras, um die Muskeln zu entspannen. Alles vergebens – zwölf Kilometer vor dem Ziel musste ich aufgeben, das war schon bitter. Ich musste durch das Tal der Enttäuschung und Erschöpfung. In den letzten entscheidenden Trainingswochen vor Hawaii machten Körper und Geist wieder mobil. Ich konnte bis zu 20 Trainingsstunden in der Woche verkraften. Zwischendrin ein Halb-Marathon mit meiner Frau. Ich war konditionell auf Augenhöhe mit ihr. Es war eine Traumkonstellation, beide waren wir in gleicher Leistungsstärke und sprinteten nach 1Stunde 55Minuten Hand in Hand ins Ziel, keinesfalls gezeichnet von Strapazen.

Mit Skepsis auf die Reise

Ich erinnere mich genau. Ich sagte, als ich vor dem Radkoffer kniete, beim möglichst beschädigungssicheren Verstauen der Radteile auf engstem Raum: „Bin ich froh, wenn ich das hinter mir habe. “Das war schon eine Portion Skepsis, die eigentlich nicht sein sollte.

Die erste Triathlon WM meiner Frau

Wieder hatte ich einen Trost parat, für alle Fälle. Meine Frau bereitete sich auf ihren ersten Start bei einer Triathlon-Weltmeisterschaft vor.
Sie wollte eine Woche vor dem Ironman in Honolulu in der olympischen Distanz an den Start gehen. Ich war erstmals Zuschauer und Betreuer, ganz neu für mich. Es war ein schönes Erlebnis für sie und für mich. Hätte sich allein deshalb die lange Reise gelohnt? Ich war richtig stolz auf meine mutige Jutta, die ihre Tiefenangst überwand und tapfer durch die Brandungswellen am Waikiki-Beach kraulte. Wir hatten es die Tage zuvor gemeinsam geübt. Nach einer hervorragenden Laufzeit lief sie die zehn Kilometer locker ins Ziel. Sie hatte starke Konkurrenz:38 Frauen in der Altersklasse 55-59 Jahre, viele davon aus den USA mit hervorragenden Schwimmzeiten. Der 22. Platz war da gar nicht so schlecht.

Die Tage davor
Die Tage vor dem Ironman zehren schon an den Nerven. Es ist anders als bei jedem anderen Wettkampf. Jeder hat entbehrungsreiche Trainingsmonate hinter sich. Die Profis kämpfen begleitet vom erwünschten Medieninteresse um ihr Prestige, und es geht um viel Geld. Wir Alte sind echte Amateure, haben jedoch versucht, uns ebenfalls professionell auf diesen Wahnsinnstrip vorzubereiten. Um das Durchkommen in der Sollzeit geht es bei uns. Jenseits der 75 sind es nur wenige, die es schaffen können. Ich kenne sie aus den Vorjahren, es sind US-Amerikaner und ein Australier, die schon lange beim Ironman dabei sind. Ich gewann den Eindruck, dass der Ironman ein Teil ihres Lebens ist. Ist es für mich, den Spätberufenen und Außenseiter, der eigentlich mehr in anderen Sportarten zu Hause ist, zu verwegen, als einer der Ältesten da noch einmal durchzukommen? Ich erinnere mich an Ken Nash und Bill Albrecht, zwei erfahrene Ironmänner, die nach zwei gescheiterten Versuchen nicht mehr antreten wollen. Und ganz verdrängen kann ich auch nicht, dass drei mit Spitzenzeiten gefeierte Ironmänner im Alter von 77 bis 81 Jahren gestorben sind. Der souveräne Sieger des Vorjahres in meiner Klasse, Bob Southwell, ein exzellenter Schwimmer, der mir im Wasser nahezu 50 Minuten abgenommen hat, stand noch auf der Startliste. Ein Herzinfarkt, den er überlebte, hat jedoch seine Karriere jäh beendet. Ihm hatte ich zuallererst zugetraut, den Ironman mit 80 zu schaffen. Dass es für mich der allerletzte Versuch sein wird, war nie im Zweifel. Das hatte ich mir und meiner Frau fest versprochen.

Wir hatten dasselbe Appartement wie im Vorjahr bezogen. Da mussten mich ja die Erinnerungen einholen. Gleich um die Ecke kamen wir jeden Tag mindestens zwei Mal an der hüfthohen Mauer vorbei, an der ich mich erschöpft angelehnt hatte und mich von Schmerzen gepeinigt zur Aufgabe entschließen musste. Ein Offizieller hat mir den Chip vom Fuß genommen. Vorher hat er mich noch ermuntert und wollte mich mit dem Motorrad auf der Laufstrecke begleiten.

Es sollte anders werden in diesem Jahr. Locker laufend wollte ich diese Straßenecke passieren, so wie vor fünf Jahren, als ich lachend hier vorbei trabte. Ich musste Kräfte sammeln in dieser letzten Woche, viel schlafen und entspannen, nur lockeres Training nach den zehrenden, langen Einheiten der Vorwochen. Wie im Erholungsurlaub! Den natürlichen Bewegungsdrang habe ich nach einer Stunde Laufen in der Mittagshitze abgebremst, als meine Frau noch weiter wollte. Die schwüle Hitze, die Nichtsportler schon bei langsamer Bewegung zum Transpirieren bringt, war uns nicht lästig. Ich fühlte mich gut, vor allem auf dem Rad, meiner starken Disziplin. Meine Frau war auch beim Training immer an meiner Seite. “Wie geht es dir?“, war oft ihre Frage, und sie schaute mir dabei prüfend in die Augen.
Jeden Tag waren wir an der nahen Pier zum Schwimmtraining. Von der donnernden Brandung wollte ich mich nicht schrecken lassen. Ich wusste, auf der Schwimmstrecke ist der Wellengang früh morgens bei guten, normalen Bedingungen erträglich. Es hat aber auch schon hohe Wellenberge unter starkem Wind gegeben, und viele mussten mit Seekrankheit aufgeben. Im Schwimmen war ich besser und sicherer geworden. Meine Frau, die ihre Liebe zum Schwimmen entdeckt hatte, hat mich mitgezogen. So kam ich sehr viel öfter ins Wasser als die Jahre davor. Ja doch, eigentlich war es fast ein echter Urlaubsgenuss. Im Uferbereich ein Schnorcheln mit der Schwimmbrille, unter uns ein Aquarium mit vielen bunten Fischlein.

Über die steilen Flanken des Vulkankegels waberten zeitweise Wolkenfetzen herüber, die aber keinen Regen abluden. Für den Wettkampftag hatte ich mir dichtere Wolkenvorhänge gewünscht. So hat uns beim versuchten Ablenken durch Einkaufen und abendliche Spaziergänge der Tag X nicht losgelassen. Lag er erwartungsvoll oder drohend vor mir? Es wurde ernst beim Abarbeiten der Checkliste: Bekleidung, Getränke, Rad. Einige Male habe ich noch den Schlauchwechsel geprobt. Erst als ich mein Rad am Vortag des Wettkampfes eingecheckt und die Umkleidebeutel abgegeben hatte, kehrte Beruhigung ein. Alles was nötig war, war abgegeben oder lag bereit.

Der längste Tag beginnt

Sehr früh sind wir beide zur nahen Pier, dem Startbereich, losgezogen. Da waren die besten Plätze an der Kaimauer schon besetzt. Was empfand ich in dieser Stunde beim bekannten Zeremoniell des Body -Markings, beim Gang zum Rad, begleitet von einem Servicemann, einem der 1.500 Volunteers, beim Pumpen und Verstauen der Getränkeflaschen und der Powergels?
Wie viele Wettkämpfe habe ich schon bestritten im Sommer- wie im Wintersport? Über tausend werden es schon gewesen sein, habe ich einmal überschlagen. Da waren auch viele Ultras und Marathons dabei. „Du bist ein Wettkampftyp“, hat meine Frau oft gesagt. Das mag stimmen, denn ich ging stets stark motiviert oder mit der Gelassenheit eines Sieganwärters an den Start, im Vertrauen auf die vom austrainierten Körper aufgenommenen positiven Signale.

Hier beim Ironman Hawaii war es anders. Schon jeder Triathlon ist anders als ein Einzelwettkampf, jedenfalls für mich, der ich erst im hohen Alter zu diesem Dreikampf gekommen war. Und hier hatte ich diese Wahnsinns-Distanzen vor mir, die unerbittlichen Sollzeiten. Die erste drohte schon beim Schwimmen, meiner schwachen Disziplin, und ich wusste, schon kleine Unachtsamkeiten oder vernachlässigtes Trinken können das vorzeitige Ende bedeuten, wie ich es erlebt habe. Werden meine Lendenwirbel mitmachen nach dem Aufrichten zum finalen Marathonlauf? Werden mich Krämpfe verschonen? Und wenn nicht, werde ich sie überwinden können? Ich durfte ja keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen. Das Reglement war streng, 30 Seiten lang. Allein das Durchlesen dieser Aufreihung von Verboten und Geboten kann abweisend wirken, wenn man nicht schon wie ich die rührende Fürsorge der Serviceleute erfahren hätte. Also, es waren eher gemischte Gefühle, keine freudige Erwartung, als ich mich von meiner Frau verabschiedete. Beide waren wir gerührt und umarmten uns unter Tränen.

Wir Alten ab 70, die wir nur eine Handvoll waren unter der Jugend, hatten eine silberfarbige Bademütze. Dadurch konnte mich meine Frau von der Tribüne aus gut herausfinden aus der großen Masse von bunten Bademützen beim Einschwimmen, als ich die Dichtigkeit meiner Schwimmbrille prüfte – das ist ja auch so ein Alptraum, Salzwasser in den Augen.

Ich kann die 3,9 Kilometer mit annähernd gleich bleibender Frequenz und ohne Pause durchkraulen.

Manchem Hobbyschwimmer mag das unerreichbar erscheinen, aber meine Schwimmzeiten sind miserabel. Gemessen an den Siegerzeiten von etwa 50 Minuten winkt mir schon ein Erfolgserlebnis, wenn ich die Sollzeit von 2:20 Stunden um einige Minuten unterbiete. Der altersbedingte Leistungsabfall ist beim Schwimmen am Größten. Als Spätberufener müsste ich viel mehr tun, um die Defizite in der Schwimmtechnik abzubauen. Ich vertraute darauf, dass ich in diesem Jahr häufiger im Wasser war.

Der Sprecher mahnte zum Start. Weniger als zehn Minuten waren es, und einige Hundert waren noch nicht im Wasser. Zögernd stiegen sie von der Pier herab, vorsichtig nackten Fuß vor Fuß setzend, junge Frauen und Männer - in meinen Augen sind sie alle sehr jung - ästhetische, vom Triathlon-Sport in den Muskelpartien wohlgeformte, braungebrannte Körper. An einen Schönheitswettbewerb dachten sie aber mit Sicherheit nicht in diesen Minuten.

Es ist soweit, der Start!

Der Ironman Hawaii beginnt mit einem Wasserstart. Das Einschwimmen bis zum Startseil ist schon ein aufregender Vorbeginn. Am Horizont hat sich der Sonnenball herausgeschoben. Die Sprecherstimme hallt über uns hinweg zu den Zuschauern, die diese Minuten mit Spannung verfolgen. Ich werfe noch einmal den Blick hinüber, wo ich unter den tausenden, mir starr erscheinenden Gesichtern meine Frau weiß. An der Startlinie rücken sie eng zusammen, die Schwimmasse, senkrecht strampelnd im tiefen Wasser. Aus meiner respektvoll rückwärtigen Warteposition erkenne ich nur Bademütze an Bademütze. Um mich herum habe ich Abstand zu den nächsten vor und hinter mir beim erwarteten hellen Knall, dem Signal zum Aufbruch, als 3.600 Arme auf Kommando das Wasser zu durchpflügen beginnen. Das Wasser kocht, als ob tausende Tauchsieder in die See geworfen worden wären, hat ein Kommentator diese fotogenen ersten Minuten beschrieben.

Im Wasser des offenen Meeres

Für mich ist es nicht so aufregend. Von dem engen Getümmel da vorne, vom Schnellstart wie bei einem Sprint, sehe ich nur die durch die Luft fliegenden Arme. Sie werden sich entfernen von mir, die allermeisten, das weiß ich. Ich muss meinen eigenen Rhythmus finden für diese ersten zwei Stunden meines selbst gewählten Abenteuers. Ja nicht überhasten, den Zugarm weit nach vorn bringen, Wasser fassen und durchziehen bis zum Oberschenkel. Wichtig ist eine flache Wasserlage. Ich liege von Haus aus tief im Wasser, vielleicht ist das auch altersbedingt. Bei den allermeisten Triathlons sind Neoprenanzüge erlaubt. Der Neo oder Wet Suit, wie er auch bei uns meist bezeichnet wird, gibt Auftrieb und verhilft zu schnelleren Schwimmzeiten. In Hawaii ist der Wet Suit jedoch nicht erlaubt. Also muss ich einen kräftigen Beinschlag machen und den Kopf tief im Wasser lassen, zum Atmen nur kurz drehen, damit ich hinten nicht durchhänge. Das alles kommt für einen geübten, guten Schwimmer intuitiv, besonders das Gefühl für das Gleiten. Das Gleiten im Wasser wie ein Fisch ist ein ganz anderes Gleiten als beim Skilanglauf. Ich sollte auch nach beiden Seiten atmen können, ich atme jedoch im Wettkampf nur links. Rechts schaffe ich die richtige Körperdrehung nicht ganz. Das ist ein Handicap für mich, denn die Orientierungsbojen liegen beim Triathlon meist rechts. Beim Schwimmen im offenen Meer muss ich auch mit dem unruhigen Wasser zurechtkommen, einige Male Salzwasser schlucken wäre nicht sehr förderlich.

Eine gute halbe Stunde habe ich andere Schwimmer in meiner Nähe. Dann wird es einsamer um mich. Umso wichtiger ist es, dass ich ab und zu den Kopf hebe, um die nächste Boje anzusteuern. Hier sind es große, rote Bälle. Als ich vor dem Start diese Reihe der roten Bälle entlang geschaut habe, wäre mir fast das Herz in die Badehose gerutscht: rote Bälle bis zum Horizont, und das Segelschiff an der Wende konnte ich noch gar nicht erkennen. Und dabei muss ich ja auch wieder zurück, auf der anderen Seite. Ich habe das schon zwei Mal geschafft, das macht Mut.

Da endlich: Schemenhaft taucht da vorn das Segelschiff auf. Ganz allein umrunde ich die Wendemarke. Im vorigen Jahr hatte ich dicht bei mir einen Begleiter auf einem Surfbrett, der mich steuerte. Doch ich werde es schaffen, daran hatte ich nie einen Zweifel. Ich schwimme okönomischer als im letzten Jahr und muss mich nicht so plagen. Als ich dann schließlich das rettende Zielufer erreichte, von eifrigen Helfern hochgehoben, war ich doch erstaunt, dass nur noch dreieinhalb Minuten bis zum Zeitlimit geblieben waren. Von Helfern begleitet und angefeuert, wurde ich zum Umkleidezelt eingewiesen. Gleich zwei halfen mir beim Umziehen, und mein Rad konnte ich auch nicht verfehlen. Da stand einer und winkte mich herbei. Einige andere Räder konnte ich noch sehen, also war ich doch nicht der Letzte.

Optimistisch auf die Radstrecke

Vor einer großen Zuschauerkulisse in den Sattel springen wie die Profis, das schaffe ich nicht. Als ich mich jedoch aufgeschwungen hatte und meine Radschuhe nach zwei Versuchen endlich „klick“ machten, wurde ich mit Beifall überschüttet. Dicht gedrängt standen die Zuschauer hinter den Absperrgittern und auf den Tribünen. Alle wollten auch die Letzten mit Beifall anspornen und begleiten. Das ist beispielhaft für den Mythos Hawaii, in diese wie Champagner prickelnde, aufputschende Atmosphäre tauchen sie alle ein, die 1.800 Ironman- Teilnehmer, die alle ihr Dabei sein als Glück empfinden und dafür die abverlangten Strapazen nicht scheuen. Auch ich ließ mich aufputschen und legte im Wiegetritt los, um Tempo zu gewinnen. Die Umstellung vom Wasser auf das Rad hat mir eigentlich noch nie Probleme bereitet. Es ist eigentlich so, als wenn das Rennen mit dem Radstart erst beginnt. Aber ich wusste natürlich von der Notwendigkeit, rechtzeitig mit dem Trinken zu beginnen. Ich hatte ja drei Flaschen dabei, Elektrolyt-Getränke mit etwas Salz angereichert, und bald schlürfte ich auch das erste Powergel. Schon bald auf dem Kuakini-Highway hatte ich die ersten eingeholt, auch meinen ersten Alterskonkurrenten Leon Leonard aus Kalifornien, den ich in Texas beim Half-Ironman zwei Mal auf die Plätze verwiesen hatte. Er musste sich dann jeweils bei einem anderen Rennen die Qualifikation holen. Ich habe ihm zugewinkt und ein paar Worte hinübergeschickt.Rechts hinauf die Palani-Road im Wiegetritt zur breiten Ausfallstraße, den Queen-Kaahumana-Highway, wo die Athleten die Stadt verlassen auf dem unendlich langen Weg hinüber nach Hawi, dem Wendepunkt nach 90 Kilometern, wo es einsamer wird auf dem langen Trip. Ich richtete mich ein, konnte eine gefürchtete Muskelverspannung oberhalb des Gesäßes durch kurzes Aufrichten und eine veränderte Sitzposition auflösen. Das war mir sehr wichtig. Ein gutes Tempo zwischen 25 und 30 Stundenkilometern konnte ich halten, nahm Getränke auf, zugereichte Flaschen, und das gute Gefühl verstärkte sich: Heute kam ich schneller voran als im letzten Jahr. Wind und Hitze waren erträglich, sie sollten mich nicht hindern, mit einer guten Zeit anzukommen. Auch die gefürchteten 20 Kilometer vor Hawi, wo der Wind im steigenden Gelände besonders heftig bläst, konnte ich hochtouren, ohne mich zu stark zu verausgaben.

Hatte ich in dieser geradezu euphorischen Rennphase etwa das Trinken vernachlässigt, als ich die Wende in Hawi passierte und der Tacho auf dem Rückweg auf 35 kletterte? Das gibt Auftrieb, wenn der Wind mit anschiebt. Weitere zwei Konkurrenten konnte ich überholen, das zeigte mir der Blick auf die Wade, denn dort war das Alter des Athleten aufgemalt. Nur noch 50 Kilometer, und ich rechnete mir eine Radzeit von knapp über sieben Stunden aus. Ja, heute kann ich es packen, da bleiben mir ja sieben Stunden zum Laufen.

Das Drama bahnt sich an

Nur etwas später bin ich am Straßenrand umgekippt, als ich eine Trinkflasche verstauen wollte. Ein harmloser Sturz, sagte ich mir, das hat nichts zu bedeuten. Aber warum habe ich den verschobenen Lenker nicht wieder gerade gebogen? Ich nahm wieder Tempo auf mit schräg stehendem Lenker. Noch 30 Kilometer. Eine Trinkstelle passierte ich, ohne abzubremsen. Dabei wäre es wichtig gewesen, anzuhalten und viel zu trinken, Gatorade und Powergels zu schlucken, aber da waren keine mehr. Eine Bewusstseinsstörung muss meinen klaren Verstand, der mir bislang auch in heißen Wettkampfphasen nie abhanden gekommen war, getrübt haben. Ich stürzte ein weiteres Mal. Ein Deutscher, der am Straßenrand als Betreuer eines Läufers stand, wollte mich aufhalten. „Du bist ja Schlangenlinien gefahren!“, rief er mich an. Er stand neben einem Kleinbus, in den ich hätte einsteigen können. Ich richtete mich auf, es war mühsam. Starke Rückenschmerzen behinderten mich. Da durchzuckte es mich: Es ist aus! So urplötzlich, das darf doch nicht sein. Einige Minuten zögerte ich, doch dann siegte die Unvernunft. Ich muss doch ins Ziel zum Radwechsel, dort wartet meine Frau auf mich. Es sind doch nur noch sieben Kilometer, und ich hievte mich mühsam in den Sattel. Alles andere als dynamisch war das. Als ich für die allerletzten Kilometer abzubiegen hatte vom belebten Highway, wo die Läufer dominierten, war ich allein. Den Einweisungen zum letzten Abbiegen konnte ich noch folgen. Doch als ich das Radziel vor mir auftauchen sah, konnte ich das nur noch in Trance wahrnehmen. Das Absperrgitter kam auf mich zu, mehr weiß ich nicht.

Der verhängnisvolle Sturz

Meine Frau: „Ich warte auf meinen Mann. Von der Tribüne aus kann ich die Einfahrt zum Radwechsel gut beobachten. Im Internet habe ich die Zwischenzeiten eingesehen, er war schnell. Eigentlich müsste er bald kommen. Wo bleibt er denn? Siebeneinhalb Stunden sind bald vorbei. Ist wieder etwas passiert mit ihm? Weitere zehn bis 15 Minuten, ich bin voller Ängste. Da endlich, er kommt. Ja, das ist er, im schwarzen Dress. Warum bremst er denn nicht ab? Ich höre ein Krachen. Um Gotteswillen. Ich springe hinüber boxe mich durch. Da liegt er in einer Blutlache, das Auge heraus gequollen, Blut überströmt sein Gesicht. „Gerhard, Gerhard“, rufe ich ihn an. Er rührt sich nicht. „Er ist tot“, schreie ich entsetzt. Da werde ich an den Armen gepackt und zurückgedrängt. Ich wehre mich mit all meinen Kräften und schreie: „Ich muss zu ihm, er ist doch mein Mann“, und boxe mich wieder vor. Sie legen ihm eine Halsmanschette um, betten ihn vorsichtig auf eine Trage und bringen ihn ins Sanitätszelt. Ich bin bei ihm. Dann plötzlich: „Frau, bist du da?“, höre ich seine Stimme. „Ja, mein Mann, ich bin da bei dir“, rufe ich mit Tränen erstickter Stimme. Von da an weiche ich nicht mehr von seiner Seite. Die Sanitäter und Notärzte hatten auch erkannt, dass ich mit meinen Kenntnissen echt helfen kann.“

Mein Leidensweg

„Frau, bist du da?“, waren meine ersten Worte. „Ja, ich bin da“, hörte ich ihre erregte Antwort. Da war ich beruhigt: Ich war angekommen. Instinktiv versuchte ich mich zu erheben. Das gelang nicht. Sanft drückte mich meine Frau zurück, wie sie mir hernach erzählte. Ich ergab mich in mein Schicksal:

Liegend im dämmrigen Zustand war ich auf andere angewiesen, und meine Frau war bei mir. Ich spürte Hände, die mich auf eine andere Bahre betteten, ein Rucken, als ich in den Krankenwagen geschoben wurde, die leichten Erschütterungen auf der Fahrt und schließlich die Stille bei der Ankunft im Krankenhaus, leise Stimmen um mich herum. Auf der Fahrt hatte mir meine Frau beim Erbrechen geholfen. Es hatte mich also wohl auch eine Gehirnerschütterung erwischt. Das stundenlange Warten auf die Ärztin, die von irgendwo herkommen sollte, habe ich nicht als belastend empfunden. Sie hat dann meine klaffende Wunde in den Augenbrauen genäht. Als Spezialistin für Augenverletzungen hielt sie es für nötig, dass ich nach Honolulu verlegt werde. Sie könne eine Einblutung hinter dem Auge nicht ausschließen. Ich nickte zustimmend und hörte dabei auf den Rat meiner Frau. Nachts um 12 Uhr bin ich dann in ein Kleinflugzeug geladen worden. Neben mir hatte ich einen Mann, der mir beruhigend versicherte, meine Frau sei dabei, sie sitze vorn als Copilot.

Das Queens Hospital in Honolulu ist eine moderne, große Klinik. Zwei Nächte blieb ich dort, meine Jutta war mit auf dem Zimmer. Wir beide erfuhren wohltuende, menschliche Zuwendung. Ich hatte so ziemlich alle Knochen rings um das Auge gebrochen. Das Auge selbst war aber unversehrt, und wiederholte Tests der Ärzte ergaben, dass ich nicht unter Doppelbildern zu leiden hatte. Eine Operation könne möglicherweise vermeidbar sein, äußerten die beiden ärztlichen Kapazitäten, denn die gebrochenen Knochen seien ja keiner Belastung ausgesetzt. Die Ärzte gestatteten mir den Rückflug nach Hause, als Ironman würde ich das schon schaffen, meinten sie. Zunächst mussten wir jedoch zurück nach Kona auf Big Island. Hilfe bekamen wir von Ines Denk und Ralf Eggert vom Ironman-Holiday-Service, wo wir die Flugreise gebucht hatten. Ralf und seine Frau Nina haben uns zum Flughafen gebracht. Schon am Unglückstag hatten sie mein Rad und die Umkleidebeutel abgeholt. Gemeinsam haben meine Frau und ich den Rückflug geschafft. 28 Stunden waren wir auf den Beinen, mit langen Zwischenstopps in L.A. und Chicago, bis ich zu Hause in mein Bett fallen durfte.

Es gibt weitaus härtere, tragischere Krankenschicksale, und ich durfte mich damit trösten, du hattest ja noch Glück dabei, es hätte noch viel schlimmer kommen können. Und jammern darf ich auch nicht, den Sturz habe ich mir ja selbst zuzuschreiben. Das erzeugte in mir auch ein Schuldgefühl, vor allem gegenüber meiner Frau, die ich in Angst und Schrecken versetzt hatte. Über meinen anschließenden Leidensweg will ich deshalb nicht zu ausführlich berichten.

Die Operationen

Nach zwei Tagen war ich beim Gesichtschirurgen zum Fädenziehen, wie uns in Honolulu aufgetragen worden war. Der Doktor schaute mich nur kurz an und schickte mich in die Klinik, in die Operationsabteilung MKG, Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie. Ich müsse sofort operiert werden. Es war Freitagmittag, da gab es keine Notaufnahme, ich kam ja schließlich zu Fuß an. Beim Gang durch die Instanzen, Röntgen, EKG, Augenklinik, Kernspin, Anästhesie, Ultraschall, warteten wir stundenlang auf harten Bänken, oder Türen waren verschlossen, weil schon das Wochenende angebrochen war. Am Montag stand die Operation an. Wieder saßen wir stundenlang auf harten Bänken. Zwischen Tür und Angel besprach sich der Stationsarzt mit dem Oberarzt und zeigte ihm die Bilder. Ja, eine Operation sein nötig, wurde ich informiert. Auf dem Flur wurde ich über mögliche Komplikationen aufgeklärt, das übliche Freizeichnungszeremoniell, in diesem Fall zwischen Tür und Angel. Gegen Mittag schließlich bekam ich ein Bett und wurde zur OP vorbereitet. Ich war schlapp. Wie mir auferlegt worden war, hatte ich seit 15 Stunden nichts gegessen und getrunken.

Fünf Stunden nach der Narkose kam ich zu mir. In der Aufwachecke hatte ich zuallererst nach meiner Frau gerufen. Sie war in der Nähe, wie zuvor und in den Tagen danach. Zur Visite am nächsten Tag erschienen sechs Leute in weißen Mänteln. Nur der Stationsarzt sprach einige Worte: „Das ist der Ironman.“ „Warum schaut ihr denn so ernst? Ich bin doch kein hoffnungsloser Fall“, sagte ich. „Wer hat mich denn operiert?“, wollte ich wissen. Keiner wusste es. „Da müssen wir auf den OP-Plan schauen“, sagte der Stationsarzt.

Am nächsten Tag wieder eine kurze Visite. Diesmal war der Oberarzt dabei, der das Sagen hatte. Auf meine Frage nach dem Operateur zeigte er auf einen jungen Arzt, der nach auffordernden Blicken des Oberarztes einige Worte sagte. Die Trümmerfraktur habe die OP erschwert, meinte er. Dabei machte er mir einen etwas unsicheren Eindruck, weil er zum Oberarzt schielte. In den Tagen danach hatte ich extreme Doppelbilder, die ich ja zuvor nicht hatte. Das sei nur vorübergehend, wurde mir von den Ärzten versichert. Allein die Oberschwester war skeptisch. „Ich will Sie ja nicht beunruhigen, aber die Doppelbilder sollten jetzt eigentlich wieder verschwinden.“ Auf meine wiederholten, besorgten Äußerungen hin, wurde mir eine weitere Kernspin-Aufnahme verordnet. Ich hatte schon mein Bett geräumt, und beide warteten wir wieder stundenlang auf der harten Bank auf die Auswertung. Da müsse noch der Oberarzt draufschauen, tröstete uns der Stationsarzt. Meine Frau wurde dann energisch: „Wir fahren jetzt nach Hause, bitte rufen Sie uns an.“ „Endlich in mein Bett, nie wieder ins Krankenhaus“, hatte ich kurz zuvor ausgerufen, als der Anruf kam. Ich müsse sofort zurück in die Klinik. Ein Hämatom in der Augenhöhle und eine verschobene Folie, in die das Auge eingebettet worden war, erforderten eine sofortige Nachoperation am nächsten Tag.

Diesmal wachte ich nach drei Stunden auf. Immerhin hatte der Oberarzt operiert. Ich hatte keine Doppelbilder mehr, außer beim Lesen und in der Blickrichtung von oben nach unten. Dafür ist mir ein empfindliches Auge geblieben, ein Brennen und Tränen. Das habe ich nach einem halben Jahr noch immer nicht ganz los. So habe ich die Erkenntnis, dass ich mehr an den Operationsfolgen und den Folgen eines Operationsfehlers leide als an den Sturzfolgen.

Ich hatte ja auch eine Schulterverletzung davongetragen, die sich mit stechenden Schmerzen vor allem beim Abstützen meldete. In der Klinik wollte ich mich deswegen nicht auch noch in eine Behandlung begeben. Das war gut so, denn die Schmerzen sind inzwischen weg, also kein Sehnenriss, und ich habe mir einen erneuten, zeitraubenden Gang durch die Gerätemedizin erspart. Erspart habe ich auch eine Menge Kosten.

Ich will diese unangenehmen Erinnerungen eigentlich längst hinter mir lassen und mich auf die Zukunft orientieren. Außer den Beschwerden wirken aber auch die Abrechnungen noch nach. Im Zeitraum von drei Monaten trudelten die Privatrechnungen ein, ein gutes Dutzend mögen es gewesen sein. Ich staune immer wieder, wie viele Positionen da abgerechnet werden. Alles, was der Leistungskatalog der Kasse hergibt, wird da in Rechnung gestellt, erscheint es mir. Ich hatte deshalb Verständnis dafür, als die Kasse zwei Abrechnungen unter Hinweis auf einschlägige Paragraphen beanstandete. Den Namen des Klinikchefs, des Herrn Prof. Dr. Dr. Dr. – sollen diese Titel wohl Ehrfurcht erzeugen? – las ich nur auf seiner, von ihm noch nicht mal unterschriebenen Privatrechnung. Gesehen habe ich den Mann nie.

Es bleiben Fragen

Wie kam es zu den dramatisch plötzlichen Körperreaktionen mit der Sturzfolge? Kein Arzt hatte eine plausible Antwort darauf. Die Operateure in der Klinik hatten sich ohnehin nur mit dem Operationsfeld befasst. Lag es an einer extremen Entleerung der Glykogen-Depots oder an der erhöhten Gamma- GT, die einen verlangsamten Abfluss der Galle aus der Leber signalisiert? Oder war es doch eine Dehydrierung?

Geschrieben im April 2006
Gerhard Krauss

 

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