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Bericht 43:
Ein neues Zeitalter

War es das jähe Ende meines Leistungssports? Schluss, aus ein für alle Mal – das dämmerte mir erst Tage nach meinem fatalen Radsturz am 15. Oktober beim Ironman Hawaii, als ich erstmals in meinem Leben in Krankenhäusern lag. Ich musste resignierend die Erschöpfung nach zwei langen Operationen hinnehmen und hatte einen quälend langen Genesungsprozess vor mir.

Der Neubeginn mit dem Wintersport

Dann kam einige Wochen später der Schnee, und ich stellte mich auf meine Langlaufski, ermuntert von meiner Frau, die mich in diesen schweren Wochen pflegte und ermutigte. Im Skatingschritt mühte ich mich im flachen Gelände einige Male hin und her. Derweil pflügte meine Jutta den Hang hoch, was ich mit Wehmut wahrnahm. Werde ich ihr nie wieder einen Anstieg hoch folgen können oder gar übermütig vorauseilen? Dieser Gedanke prägte sich ein, ich werde ihn nie vergessen. Ich kann das ertragen und freue mich für sie, tröstete ich mich. Ein neues Zeitalter eben! Skiwandern oder das neudeutsch moderne „Nordic Walking“, nicht überanstrengen, das Programm für Ältere, wenn sie schon auf 80 zusteuern.

Ich wollte mich nicht damit begnügen, das möge man mir nachsehen. Auf gepflegten Loipen, die uns dieser schneereiche Winter in der Nähe bot, haben wir uns beide mit Lust gefordert, alle Technik-Varianten geübt, den Ski gleiten lassen auch im Anstieg, es hat richtig “Spaß“ gemacht. Fünf Stunden in der Woche, viel weniger als früher. Das war schon ein Zugeständnis an meinen immer noch geschwächten Körper. Wettkämpfe hatten wir eigentlich gestrichen, dann wurden es doch fünf.

Der erste Wettkampf

Sehr zögerlich war ich bei den Deutschen Seniorenmeisterschaften an den Start gegangen. Nur ankommen wollte ich. Dann bin ich doch ans Limit gelaufen, obwohl hinter mir ein großer Abstand klaffte und der zweite Platz nie gefährdet war. Mein Freund Hubert, der als Erster angekommen war, hat mir das größte Kompliment gemacht.

Ermutigt zum Koasa-Lauf

Nein, einen Volkslauf im Massenstart wollten wir auf keinen Fall riskieren, hatten wir uns beide versichert. Dann hat uns doch der Hafer gestochen, und wir haben kurzfristig zum Koasa-Lauf gemeldet. Mit besten Bedingungen hatte dieser Klassiker gelockt. So oft war ich schon dabei und bin unbekümmert losgestürmt. Diesmal war ich erstmal leicht verunsichert, als die jungen Sportler um mich herum zusammenrückten. Meine Frau war neben mir, als der Böllerschuss das donnernde Signal zum Aufbruch gab, zum Start der Massen in die kritische Phase, wo im Getümmel der ungestüm vorwärts Stürmenden Stöcke brechen und überhastete Läufer zum Sturz kommen. Da musst du immer die Vorderleute im Auge behalten, um einem Stürzenden ausweichen zu können. Da musste ich ja meine Frau aus den Augen verlieren.

Der gefürchtete lange Anstieg zur Huber-Höhe hat mir meine Grenzen aufgezeigt. Ich musste mithalten im Gedrängel nach oben, das schmerzte. Nach dem hohen Anfangstempo hatte ich auf einen Stau zum Durchschnaufen gehofft. Aus dem letzten Loch pfeifend bin ich dann unter den aufmunternden Zurufen von Zuschauern endlich oben angekommen. Geschafft! Ab jetzt nicht mehr hetzen lassen. Wo mag meine Jutta sein? Hier oben hatte ich dann den Blick frei für den herrlichen Wintertag. Der meterhohe Neuschnee hatte sanfte Hügel geformt, die Schneekristalle und der Raureif auf den Bäumen funkelten tausendfach wie Diamanten. Die Loipe war im Pulverschnee optimal präpariert, es war ein Genuss im gleitenden Skatingschritt. Ich ließ mich nicht auf Zweikämpfe ein und kam doch voran im kalten, stumpfen Neuschnee, mittendrin unter jungen Leuten. Ich war nicht ausgepowert oder erschöpft, wie ich befürchtet hatte, als ich zum Ziel in Kössen einbog. Sechs Minuten später kam meine Frau an. Beide standen wir auf dem Siegertreppchen, ich ganz oben.

Als ältester Teilnehmer war ich auch im Vorjahr angekommen, noch mittendrin unter jungen Leuten. Vor dem Aufruf zur Siegerehrung stutzte der Renndirektor, als er die Ergebnisse der Klassensiege überflog. Jahrgang 1928 und die Zeit? Das gibt es nicht, 1Stunde:49 Minuten für 30 Kilometer. Da hat er in den Ergebnislisten der Vorjahre nachprüfen lassen, wo ich mit guten Ergebnissen zur finden war. Erfreut drückte er mir dann den Pokal in die Hand und entschuldigte sich lachend für die durch seine Zweifel verursachte kleine Verzögerung der Ehrung. Für mich war es ja ein Riesenkompliment, wenn vielleicht ein Jahrgangsdreher vermutet wurde, 1928 statt 1982.

Das Klischee vom ältesten Teilnehmer

Für den ältesten Teilnehmer gibt es eigentlich klischeehafte Kennzeichen. Er nähert sich nach Zielschluss, wird vom Stadionsprecher angekündigt, unverkennbar, dick eingepackt in Wärmekleidung stakst er mühsam dem Ende seines Mammutunternehmens zu. Er erntet Lob und Anerkennung, oder ist es mehr amüsiertes Mitleid? Junge Mitstreiter der Rennstrecke mögen es vielleicht als Aufwertung ihrer Laufzeit sehen, wenn der älteste Teilnehmer so viel später ankommt. Daran habe ich gedacht, als ich den Bericht unseres Triathlon-Abteilungsleiters Helmut über sein „Luggi-Lauf“-Erlebnis gelesen habe.

Ich habe mich daran gewöhnen müssen, ältester Wettkampf-Teilnehmer zu sein, vor allem auf den langen Strecken wie Triathlon und Skilanglauf. Das empfinde ich nicht als Auszeichnung, sondern mehr als Verpflichtung, eine gute Leistung zu zeigen, die eine Teilnahme rechtfertigt. Bisher bin ich noch nie als Letzter ins Ziel gekommen. Bevor die Kampfrichter auf mich warten müssen, werde ich aufhören, das habe ich mir fest vorgenommen. Eine ganz andere Frage ist es, welche Belastung ich meinem Körper noch zumuten darf, auch wenn ich einen guten Wettkampf mit einem vielleicht sogar herausragenden Ergebnis gemacht habe. Diese Frage kann mir auch ein erfahrener Sportarzt nicht zuverlässig beantworten.

15 Jahre Ural – ein Jubiläum

Noch war er nicht zu Ende, der Winter. Im März bin ich mit meiner Frau für drei Wochen in den Ural geflogen. Das war die erste große Herausforderung dieses Jahres. Die Reise hatte die Überschrift „15 Jahre Ural – die Geschichte einer Freundschaft“ also ein Jubiläum.

Darauf wollte ich nicht verzichten, auch wenn ich mir als Folge meines Sturzes und der Operationen eine noch bestehende gesundheitliche Beeinträchtigung eingestehen musste.

Ein Filmprojekt

Schon im Vorjahr hatte ich eine Filmdokumentation angekündigt. Meine Freunde Victor Iwanowitsch und Nicolai aus Novouralsk haben die Idee aufgegriffen und ein Kamerateam aus Jekaterinenburg vermittelt. In acht Drehtagen kam Filmmaterial für einige Stunden zusammen. Das will ich in den nächsten Wochen von professionellen Filmemachern für eine Länge von 50 Minuten schneiden und vertonen lassen. Die Texte dazu muss ich liefern.

Der Film soll nachzeichnen, wie einzigartig unsere Beziehung zu so vielen Menschen in den beiden Städten Novouralsk im Mittelural und Slatoust im Südural ist.

Es begann vor 15 Jahren mit einem Trainingslager für Senioren im deutschen Skiverband in Slatoust. Sehr schnell zeigte sich damals, dass der Sport nicht das Wichtigste war. Wir waren die ersten Boten aus dem goldenen Westen, die in ihre Stadt im fernen Ural gekommen waren, in eine russische Region, die bis dahin Sperrgebiet für Ausländer war. Wir waren das sichtbare Zeichen der Öffnung zum Westen nach dem Scheitern der kommunistischen Planwirtschaft. Uns Sportler nahmen die Russen mit starkem Interesse und gefühlsbetonter Herzlichkeit auf, mit offenen Armen. Das hat uns mächtig beeindruckt.

Die Seniorensportler haben geholfen

Wir erkannten aber auch die Not der Menschen, die sich in dieser Zeit des Umbruches noch verstärkt hatte. Spontan spendeten wir Geld und organisierten humanitäre Hilfsaktionen. Schon einige Monate später erreichte ein Fahrzeugkonvoi der Johanniter aus Donauwörth die Stadt. Die uns betreuenden Russen kamen zu Gegenbesuchen in altersschwachen Reisebussen nach Deutschland. Fünf Tage und Nächte waren sie alleine für die Anfahrt unterwegs.

In Erinnerungen schwelgen

Die Erinnerung an diese Zeit, unsere ersten Begegnungen, haben unsere Freunde in emotionalen Tischreden wachgerufen. Die Erlebnisse aus dieser Zeit haben sich stark eingeprägt und erklären für mich das anhaltende Interesse an unseren Besuchen. Leider sind auf deutscher Seite nur einige wenige übrig geblieben, die noch in den Ural reisen. Wir nahmen die teils bewegten Dankesworte stellvertretend für all die anderen entgegen, die sich an den in den Jahren fortgeführten Hilfeleistungen und Austauschprogrammen beteiligt haben. In unserer Begleitung hatten wir für zwei Wochen Wilma Rupp, eine Austragsbäuerin aus dem Allgäu, mit ihrer Tochter Anneliese, die mit großer persönlicher Hingabe über viele Jahre Sach- und Geldspenden gesammelt haben. Dabei mussten sie mit erhöhtem Zeitaufwand und viel Geduld bürokratische Hindernisse überwinden.

In beiden Städten hatten unsere Freunde reichhaltige Programme ausgearbeitet. Wir waren zu Besuch in acht Familien, in Kinderheimen und Waisenhäusern. Sie hatten für uns Gesangs-, Musik- und Sport-Programme einstudiert. Das Programm der deutschen Schule Nr. 10 in Slatoust nahm einige Stunden in Anspruch.

Die gesperrte Stadt Novouralsk im Mittelural, eine der beiden Partnerstädte, die ich vor 15 Jahren als erster ausländischer Tourist mit einer Sondergenehmigung besuchen durfte, ist in der Folge des 11. Septembers für Besucher wieder hermetisch abgeriegelt. Wir wohnten privat außerhalb der Stadt bei Walja und Valera, die uns rührend wie Vater und Mutter betreuten. Unsere Freunde sind dann zu uns herauskommen aus der Stadt. Etwa 50 werden es gewesen sein, manche davon einige Male. Wir konnten auch Komplimente verteilen, aus Überzeugung und Anerkennung für die gebotenen kulturellen Leistungen an die Lehrer, Schüler und Studenten für ihre deutschen Sprachkenntnisse. Als besondere Ehre empfanden wir beide die Nachricht, dass ein Mann und eine Frau unabhängig voneinander dabei sind, unser Buch „WELTerfahrung“ ins Russische zu übersetzen.

Ein kleines Wirtschaftswunder

Wir erlebten in diesem Jahr aber auch überzeugende Beispiele wirtschaftlicher Erfolge in unserem russischen Freundeskreis. Da ist die auch für mich als ehemaliger Banker unglaubliche Erfolgsgeschichte des Bankiers Frolov.

Als Wirtschaftswissenschaftler und Universitätsprofessor startete er vor 15 Jahren in einem dürftigen Büro am Stadtrand ein Bankgeschäft. Mit seiner Größenordnung lag er nach einem Jahr an 1000. Stelle unter den russischen Banken. Heute hat die Bank, der er immer noch als Chef vorstand, Niederlassungen in fünf großen Städten und 25 Filialen. Auf den 18. Platz in der Rangliste ist seine Bank inzwischen aufgestiegen. Wir waren zwei Tage auch privat bei ihm zu Gast. Er ist persönlich immer noch der Gleiche geblieben, wie wir ihn vor 15 Jahren bei Skilanglauf kennen gelernt haben.

Sergej hatte sich als Selbständiger in verschiedenen Bereichen versucht. Mit Recycling hat er es geschafft, er hat zehn Mitarbeiter.

Oleg Taschtschilin und sein Zwillingsbruder haben vor 15 Jahren vom Kombinat die Großbäckerei übernommen. Damals wurden drei Brotsorten gebacken. Er bietet heute 200 Gebäcksorten (Brot und Konditorei-Produkte) und unterhält 25 Verkaufsstellen in der Stadt.

„Jeder, der arbeiten will, bekommt Arbeit“, erklärte mir Oleg auf meine Frage nach der Arbeitslosenquote.

In der Stadt geht es sichtbar aufwärts. Ausgebaute Straßen, viele neue Autos, eine Vielzahl von Läden, Cafés, sowie Klein- und Mittelbetriebe dokumentieren den gewachsenen Lebensstandard - eigentlich ein kleines Wirtschaftswunder.

Und der Sport? Den gab es auch. Meine Frau und ich mussten energisch einige Stunden für das Training reklamieren. Sie erwarteten unsere Teilnahme an Skilanglauf-Rennen und wollten uns im Ziel ganz vorne sehen.

Fünf Betreuer und Fans brachten uns mit einem Kleinbus zum Start des Skimarathons Europa-Asien nahe Jekaterinenburg. Die 16 Minusgrade am Morgen schreckten uns nicht. Nach Wind und starkem Schneefall in den Tagen zuvor sollte es ein herrlicher Wintertag mit samtweichem Neuschnee werden. Beide kamen wir gut heraus aus dem dichten Startfeld. Wir hatten uns weiter hinten eingereiht, denn wir wussten, die Russen können beim Überholen ganz schön ruppig sein.

Wir kannten die Strecke aus den Vorjahren. Sie führte durch Nadelwälder mit dicker Schneelast auf den Zweigen wie im Vorjahr immer wieder hinaus ins freie Feld mit dem im Sonnenlicht funkelnden Neuschnee. Dazwischen kurze, aber steile Anstiege. Als besonders reizvoll empfinde ich immer wieder die für die Taiga typischen locker stehenden Birkenwälder. Die hohen, schlanken Stämme zeichnen ihre Schatten in den Schnee, und die weiße Rinde der Bäume kontrastiert mit dem blauen Himmel. Unsere Freunde versorgten uns unterwegs mit warmen Getränken. Sie waren erleichtert, als sie sahen, dass wir „gut drauf“ waren. Und unser Kamerateam lag auf der Lauer. Die letzten drei Kilometer mit langen, nicht enden wollenden Waldanstiegen haben mir dann noch alles abverlangt. Ich hatte einen Konkurrenten in der Nähe, den ich vom Aussehen her meiner Altersklasse zuordnete. Er ist mir dann, als ich schon den Stadionsprecher hörte, noch eine Minute weggelaufen. Es wurde der dritte Platz. Meine Jutta kam etwas später an und wurde auch heftig begrüßt. Dass ich zur Siegerehrung mit einem „Stockerl“-Platz für mich nicht bleiben konnte, habe ich bedauert: Wir mussten zum nächsten Drehtermin.

Ein „Sprint“ in Slatoust

Eine Woche später, bei den Regionalmeisterschaften in Slatoust, waren für die Älteren ab 60 fünf Kilometer zu laufen – also ein Sprint! Das Stadion und die Trainings- und Wettkampfstrecken sind uns wohl vertraut. In den mir nicht verständlichen Lautsprecher-Durchsagen hörte ich einige Male meinen Namen. Ich habe dort vor einigen Jahren die russische Seniorenmeisterschaft gegen den haushohen Favoriten gewonnen, was eine gewisse Aufmerksamkeit erregte. Heute war ich der älteste Teilnehmer, der einzige in der Klasse 75 und älter. Als ich dann ins Startfeld eingewiesen wurde, neben etwa 15 Frauen und Männern, dachte ich: Die werden den Alten ganz schön alt aussehen lassen! Doch es kam anders. Schon beim Anschieben konnte ich mithalten, und als wir die ersten Skatingschritte setzen durften, war ich schon an zweiter Stelle. Der vor mir entschwand am ersten Anstieg langsam, aber sicher aus meinen Augen. Nach hinten konnte ich mich aber behaupten. Der griffige Neuschnee ließ eine gute Technik zu, und ich schaffte es, auch die Steilstücke in der Führhandtechnik hochzugleiten, zwar weit ausholend, aber immer noch gleitend, was ich vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten hatte, als die Skatingtechnik aufkam.

Ja, echt stark fühlte ich mich, wie in früheren Zeiten. Noch eine lange Abfahrt, in der Hocke hinab, dem Ziel entgegen. War es der Adrenalin-Stoß, der Euphorie verleiht, eine süchtig machende Laufdroge, wie Kritiker vermuten? Ein Kraftschub strömte mir zu. Mit intensiven Doppelstock-Schüben stürmte ich voran, in die Zielschleife mit Armschwungtechnik, wie sie der Top-Biathlet Andi Greis so gut beherrscht. Wie riskant ist es, wenn sich ein Alter an jungen Vorbildern orientiert? In diesen Sekunden des von Beifall begleiteten Zielsprints dachte ich daran nicht. Ich ließ mich wie ein junger Spitzenathlet vom Erfolgserlebnis durchdringen.

Wenig später stand ich auf dem Betonsockel ganz oben, auf den ich mich schon einige Male zur Siegerehrung hochgehievt hatte. Ganz oben, meine beiden Konkurrenten aus der AK 70 zog ich mit nach oben, die anderen Senioren kamen zum „Shooting“ hinzu. Es war berauschend, dieses letzte Rennen der Saison.

Nachtrag

Gleich nach der für mich vorgezogenen Siegerehrung hat uns Anatoli zu einer Fahrt in die Naturschutzregion der Taganai abgeholt, mit dem Motorschlitten. Nur widerwillig hatten wir zugestimmt, denn als Langläufer mögen wir die stinkenden und lärmenden Motorschlitten nicht. Endlich waren wir angekommen am Fuß der Felsenberge, und Ruhe kehrte ein. Für den Weg zurück wollten wir unsere mitgebrachten Langläufskier unterschnallen. Wir freuten uns darauf, denn wir konnten ja immer noch einen herrlichen Wintertag genießen. Doch vorher hatte uns der Kameramann für Nahaufnahmen noch mal auf den Motorschlitten gebeten. Wir saßen quer zur Fahrtrichtung, der Kameramann rittlings quer direkt vor uns. Da machte der Fahrer ein gewagtes Manöver nach links. Der Schlitten geriet in den Lockerschnee und kippte um. Meine Jutta auf der Unterseite fiel in den Schnee, ich selbst wurde von oben herunterkatapultiert und schlug mit dem Mund auf eine Eisenstange auf. Meine Jutta und der Kameramann hatten nur leichte Schrammen abbekommen, ich dagegen spuckte Blut und Zähne aus. Wieder war meine Jutta sofort bei mir. In einer nahen Hütte wurde ich notdürftig versorgt. Vier Zähne waren weg und beide Lippen aufgeplatzt. Ich Pechvogel! Für den Weg zurück mussten wir unsere Langlaufskier wieder einpacken. Ich wurde auf einen Anhänger gelegt, meine Jutta neben mir. Die Lippen mussten genäht werden, ein kostenloser Gesundheitsservice in einem Krankenhaus, das schon zur Sowjetzeit veraltet war. Ich habe da einige Bilder in Erinnerung: über mir ein älterer Arzt ohne Mundschutz, der mit zittriger Hand einen dicken Faden durch die Nadel zog. Ich spüre noch die Einstiche in die schmerzempfindlichen Lippenpartien.

Einige Tage konnte ich nichts essen, nur trinken mit dem Strohhalm. Inzwischen sind die Wunden erstaunlich schnell verheilt, und mein Zahnarzt wird mir neue Zähne in die Wurzeln implantieren.

Dieser Sturz hat mich wieder etwas nachdenklicher gemacht, obwohl mich diesmal wirklich keine Schuld traf. Ich werde beim Ausdauersport bleiben, mein Sportherz will schließlich beschäftigt werden, aber vielleicht nicht mehr so intensiv wie früher. Ich hoffe, den richtigen Weg zu finden, der mich hinüberführt in mein achtes Jahrzehnt.

Geschrieben im April 2006
Gerhard Krauss

 

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