zurück zum Eingang  
die Herauforderung; aktuelle Position; Planung
aktuelle Reiseberichte und Berichte früherer Touren und Wettkämpfe
Ausrüstung; Freunde und Partner
Stimmen aus der Presse
Wie es uns geht; was der Arzt sagt
Persönliches
Schreiben Sie uns!
unsere Hompepage im Überblick
zurück zur 128ontour-Homepage Schreiben Sie uns! zu Favoriten hinzufügen
Seite 1
zurück zur Übersicht

Bericht 44:
„Endlich“ achtzig!

War es neugierige Erwartung, die Schwelle zum nächsten Jahrzehnt zu erreichen, mit der „8“ davor?  Jetzt ist es also soweit: Unerbittlich tickt die Lebensuhr. Rein statistisch habe ich noch sieben Jahre vor mir, was natürlich meinen Ehrgeiz weckt, noch einige Jahre dranzuhängen. Mich erschreckt es, wenn ich alte Menschen mit schon rein äußerlich erkennbaren körperlichen Gebrechen sehe. Wenn ich darüber ins Grübeln komme und einen Leidensweg vor mir sehe, muntert mich meine Frau auf: „Du bist biologisch allenfalls siebzig.“
Wie unbeschwert und unbeeindruckt vom fortgeschrittenen Alter habe ich die 50, 60 und 70 Jahre gemeinsam mit der Familie und mit Freunden gefeiert. Ein Geburtstagslauf als sportliches Element war immer dabei, auch diesmal beim achtzigsten - aber nicht als Wettkampf, ein lockerer Lauf ohne Zeitnahme. War das vielleicht auch ein Zeichen des beginnenden Rückzuges vom Wettkampfsport?
Umso mehr wiegt es als früher, wenn ich wieder Lust auf körperliche Belastung spüre.

Wettkampferlebnisse im Achtzigsten

Davon ermutigt, stellten wir uns beide im vorigen Jahr der Herausforderung „Europäische Triathlon-Meisterschaften in der olympischen Distanz“, wo zeitversetzt auch die Profis ihre Meister suchten.
Ich habe es geschafft: erster Triathlon-Europameister der Altersklasse 80-84 in der Geschichte der Europäischen Triathlon-Union. Es war hart genug. Im kalten Wasser Orientierungs-Probleme beim Zickzackschwimmen, dann im nassen Einteiler aufs Rad, bei Regen Unsicherheit durch meine Sehbehinderung, beim Laufen plagten mich schließlich heftige Muskelschmerzen im Rücken, die mich zum Anhalten und Dehnen zwangen. Meine Jutta begleitete mich auf meiner letzten schmerzhaften Runde. Ich schämte mich ein wenig dafür, dass ich den mir als Ältestem geltenden heftigen Beifall nicht durch einen flotten Zielsprint beantworten konnte.
Mächtigen Auftrieb gab mir einige Monate später mein überlegener Sieg auf der Zehn-Kilometer-Strecke bei den Sparkassen-Meisterschaften. Mit 58 Minuten und 15 Sekunden kam ich auf dem bergigen Kurs 17 Minuten vor meinem Verfolger an. Es war ein herrliches Lauferlebnis wie in alten Zeiten. Ich war mittendrin unter jungen Leuten. Meine Beinmuskeln signalisierten nach oben: „Her mit dem Sauerstoff, wir können noch schneller.“ Und alle Körperorgane machten in Hochform mit,  Herz, Kreislauf, Lunge. Die Sehnen und Gelenke federten auch den harten Aufprall beim ungebremsten Bergab ohne Murren problemlos ab, so als ob sie mir beweisen wollten, was sie noch leisten können.
Da wir die Wettkämpfe selektiert reduzieren, wird Zeit für andere Ziele frei. Wieder sattelten wir unsere Tourenräder und kurvten individuell durch das Allgäu und die Schweiz. An 16 Seen entlang, über Höhen und Pässe.
Und etwas ganz Neues auf Vorschlag meiner Jutta: zu Fuß mit dem Rucksack von der Haustür in meine Heimatstadt Hersbruck, 320 Kilometer in elf Tagen. Das war für uns Läufer ziemlich gewöhnungsbedürftig. Die Tour stand unter dem Motto „In Demut die Langsamkeit ertragen“.
Im französischen Autrans bei Grenoble, dem Austragungsort des „Masters World Cup 2009“ erklang für mich die deutsche Nationalhymne. Ich wurde als Weltmeister in der AK 11 (80-84 Jahre) über fünf Kilometer in der freien Technik des Skilanglaufs geehrt. Bei erschwerten Bedingungen im nassen Schnee bin ich in 20 Minuten und 37 Sekunden ins Ziel gekommen.
Aus dem Starterfeld hatte ich es mit drei Wettkampf erprobten, „hartgesottenen“ Konkurrenten zu tun: Otto Schwab, dem ich vor 37 Jahren erstmals bei einem gemeinsamen Volkslauf begegnet war, Michel Oberauer, dem Tiroler, mit seinen 52 Kilo ein Spezialist und ernsthafter Konkurrent im Berglauf und auf Langlaufbrettern. Und schließlich Akhmet Siraziev, dem Tataren aus der autonomen russischen Republik Tatarstan, ein zäher Bursche. Er hat in all den Jahren nahezu jedes Rennen souverän gewonnen. Unwiderstehlich ist er schon nach dem Startschuss davongezogen, daran hatten sich alle Mitstreiter gewöhnt, sonst wäre es leicht deprimierend gewesen.
Doch dieses erste Mal habe ich ihm mehr als zwei Minuten abgenommen, davon hätte ich nicht zu träumen gewagt. Es hatte alles gepasst an diesem 2. Februar 2009: meine volle Konzentration auf dieses Rennen nach langem Erholungsschlaf, die von mir selbst optimal präparierten Skier und die Renntaktik.

Mein Vater

„Wie lange noch?“ Diese Frage schließt nicht nur den Sport ein. „Wann beginnt das Greisenalter?“ habe ich noch am Vortag meines Geburtstages provozierend meine Jutta gefragt und darauf die erwartete Rüge eingefangen. Ich sehe meinen Vater in diesem Alter vor mir: tief gebeugt von schwerer körperlicher Arbeit. Der Krückstock war ihm eine unentbehrliche Stütze beim Gehen. Er war eisern, hat sich mühsam körperliche Arbeit abverlangt. Mit hellwachen Augen über den eingefallenen Wangen hat er sich für alles interessiert, was so geschah. Und er konnte erzählen, bildreich und lebhaft ausholend. Nicht nur seine Söhne, auch so manchen Besucher hat er damit in seinen Bann gezogen. Seine Kindheit, die Wanderburschenschaft als Schmied, seine Militärzeit bei den Ulanen und vor allem seine Fernweh erzeugenden Schilderungen seiner Erlebnisse als Seemann. Das hat sich bei uns eingeprägt, als ob wir dabei gewesen wären. Er hing am Leben bis zum letzten Atemzug, ein Vorbild für mich. Als ich mich bei meinem letzten Besuch an sein Bett setzte, nahm er meine Hand, hielt sie lange fest und sagte: „Da strömt Kraft über.“
Im Alter aus der Vergangenheit leben, das aktive Leben loslassen, Stück für Stück im Ermüdungsprozess des Alterns – ich wollte das nicht für mich gelten lassen, habe stets vorausgeschaut und für mich neue Ziele gesucht. Nun holen sie auch mich mehr und mehr ein, die Erinnerungen an ein ereignisreiches Leben. Es ist, als ob ich eine vergessene Truhe geöffnet hätte, aus der mir die Erinnerungen entgegenströmen.

Mein Beruf

Da kommt auch mein Berufsleben zum Vorschein, angeregt durch die aktuellen Ereignisse der Bankenkrise mit dem unfassbaren Szenario einer drohenden Weltwirtschaftskrise. Muss ich mich als ehemaliger Bankdirektor schämen oder gar verleugnen? Mein Verantwortungsbereich war das Inland-Kredit-Geschäft, die Finanzierung des Mittelstandes. Vieles davon, was  ich mir in Jahrzehnten selbst abverlangt habe, hat die Erinnerung nur in Fragmenten erhalten. Was bleibt? Es sind nicht die ausgehandelten Zinsmargen eines Kreditgeschäftes oder bonuswürdige Geschäftserfolge, die zählen - mich reizte es und ich sah es auch als meine Aufgabe an, meinen Beitrag mit vollem persönlichen Einsatz zu leisten, Unternehmenskrisen zu überwinden, drohende Insolvenzen abzuwenden.
Einen Firmengründer und Seniorchef, der viel Idealismus und Ethik in die über Jahre erfolgreiche Entwicklung seines Unternehmens eingebracht hat, habe ich mit Handschlag versprochen, alles zu tun, den drohenden Konkurs zu vermeiden. Es ist mit viel Zeitaufwand und dem tatkräftigen Einsatz meiner Mannschaft gelungen. Die Firma mit mehr als tausend Beschäftigten gibt es noch.
Ein Familienunternehmen mit einigen tausend Beschäftigten in fünf Werken geriet durch Expansion in akute Schwierigkeiten. Der Juniorchef engagierte mich als Krisenmanager und Aufsichtsratsvorsitzenden. Dabei erinnerte er sich an den Rat seines verstorbenen Vaters: „Hol’ dir den Krauss, wenn du in Schwierigkeiten kommst.“ Ich habe den Job angenommen, bin zum Abschluss meines Berufslebens ins Unternehmerlager gewechselt. Der rund um die Uhr aktive Jungunternehmer hat bedenkenlos sein gesamtes Familienvermögen eingesetzt und eine Pleite drohte auch einen kerngesunden Unternehmensbereich mit in den Abgrund zu reißen.
Meine Aufgabe durfte ich nach einigen Jahren als erfüllt ansehen, als die sanierte Firma von den Banken wieder als begehrter Kunde umworben wurde.
Das zählt in der Erinnerung an meine nun schon so lange zurückliegende Berufszeit, aber auch die Loyalität meiner Mitarbeiter und die Fairness im Umgang mit den Kollegen. All das von früher wird jedoch überlagert vom aktuellen Geschehen, was auch für einen aufmerksamen Beobachter wie ich es bin aufregend genug ist.

Der Sport

In meinem Kraftraum habe ich in allen Richtungen meine Trophäen vor Augen, angesammelt in Jahrzehnten. Siebenhundert sind es grob geschätzt, und jeder Pokal, jede Medaille haben ihre Geschichte. Da verharre ich neuerdings schon mal einige Minuten und lasse mich von den Aufschriften zurückholen in ein sportliches Ereignis. Und da hängt auch das große Poster mit uns beiden auf unserer legendären Radreise um die Welt, neben einem Stapel unseres Buches „Welterfahrung“, wofür wir auf unseren Reisen in den letzten Jahren immer wieder Interessenten gefunden haben. Die positiven Zuschriften, die uns selbst nach sechs Jahren noch immer erreichen und der Verkaufserfolg im Buchhandel lassen mich jedoch nicht zufrieden im Sessel zurücksinken. Nein, wenn ich es recht sehe, wollte ich mich nie mit Erreichtem zufrieden geben. Auch nicht jenseits der Achtzig? Na ja, ich darf doch wenigstens davon träumen, ein zweites Buch zu schreiben. Das hängt jedoch zunächst mal von meiner Gesundheit ab. Ich musste da schon einige Rückschläge hinnehmen. Da wirkt auch noch der Hawaii-Sturz nach und da ist auch noch mein entdeckter Leberschaden, der sich im Lauf von zwanzig Jahren entwickelt hat. Ich habe in der Klinik Bogenhausen einige diagnostische Eingriffe über mich ergehen lassen und nun will ich es wieder mal als kleines Wunder bezeichnen, die Werte sind besser als vor zehn Jahren. Und so hoffe ich halt, dass meine regenerationsfähige Leber noch einige Jahre mitmacht, vielleicht dürfen es auch noch zehn Jahre sein.

Noch eine große Radtour durch die Staaten

Der Professor, den wir vor kurzem noch konsultiert haben, gab mir auf jeden Fall grünes Licht für unsere Radtour durch die USA, von Süd nach Nord. Bei allen Arztterminen war meine Jutta dabei und sie macht mir Mut: Ich brauche ihre Unterstützung. Die Spannung der Vorbereitung in der letzten Phase steigt. Am             18. April fliegen wir hier ab und wollen nach zweieinhalb Monaten zurück sein. Wie lautete der letzte Satz eines Zeitungsberichtes:“Der Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde steht noch aus.“ Darauf habe ich jedoch nie geschielt. Es war der Vorschlag meiner Frau, noch einmal durch die Staaten zu radeln. Wir beide wollen es gemeinsam schaffen und freuen uns darauf.

 

Seite 1
zurück zur Übersicht