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Bericht 45:
Noch einmal durch die Staaten, von Süd nach Nord

Noch einmal durch die Staaten, von Süd nach Nord

The Underground Railroad Bicycle Route
„my God, my God, on Bicycle to Kanada, unbelievable, be careful, be careful!" Diese Ausrufe unserer Taxifahrerin klangen echt mitfühlend und besorgt. Wir beide dagegen entspannten uns mit Erleichterung. Wir waren auf dem Weg zum Hotel in Mobile, dem Ausgangspunkt unserer Radreise nach Norden.
Unsere Räder lagen wohl verstaut im Laderaum hinter uns. Was uns jedoch das Wichtigste war, unsere beiden Vehikel waren unbeschädigt angekommen. Unsere insgesamt 12 Taschen, die wir in großen Säcken verpackt hatten, waren auch dabei. Einige Aufregung war vorausgegangen. Die Räder sollten in Kartons verpackt werden, das war auch unser Wunsch. Zwei mal waren wir am Flughafen. Als wir sie endlich ergattert hatten, mussten wir am Vorabend des Abfluges feststellen, dass sie zu kurz waren .Also erstmals nach unseren vielen Flügen mit eingepackten Rädern ohne schützende Kartonwände. Aber werden sie auch von den beiden Fluglinien so mitgenommen. Das wurde uns noch rechtzeitig von beiden Fluglinien bestätigt: Pedale abnehmen, Lenker einbiegen, spitze Enden verpacken und Luft rauslassen.

Haben wir uns zu viel vorgenommen?

Unsere Reise war in den Tagen zuvor von emotionalen Gefühlen begleitet. Als der Flieger abhob, kullerten meiner Frau einige Tränchen über die Backen.
Waren wir auf dem Weg zu Abenteuern? Es war der Vorschlag meiner Frau gewesen: noch einmal durch die Staaten auf dem Rad. Erst bei genauerem Kartenstudium kam mir die Erleuchtung, dass ich die Route etwas unbekümmert ausgewählt hatte. Wir erinnerten uns an gute Erfahrungen, die wir mit den Routenbeschreibungen und den Karten des „Adventure Cycling“ gemacht hatten.
„Underground Railroad“ heißt die vor uns liegende Route, konzipiert vor dem historischen Hintergrund der Sklaverei. Die Route folgt dem Weg der fliehenden Freiheitssuchenden Sklaven, entlang der Flussläufe bis hinauf zum Ohio. Das verspricht jedoch keine flachen Straßen entlang der Flussläufe, ganz im Gegenteil. An den träge mäandernden Flüssen gibt es keine Straßen. Charakteristisch sind die Zuflüsse im hügeligen bergigen Gelände. Das bedeutend stets Abfahrten zur Brücke und drüben wieder hoch, zwischen 30 und 100 Höhenmeter und das mehrmals am Tag. Eine echte Herausforderung für uns mit unseren Schwerbepackten Rädern. Die Routenkarten zeigten zudem viele, sicher nicht immer leicht zu findenden Abzweigungen, auf der Suche nach verkehrsarmen Straßen. Das fordert zusätzlich. Nichtsdestotrotz, wir wollen es packen, wenngleich sich nach diesen Erkenntnissen Unbehagen einschlich.
In Mobile am Golf von Mexiko grassierte der intensivste Sklavenhandel im Süden. Das letzte illegale Sklavenschiff landete 1860 an, kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges, der ja seinen Ursprung im Sklavenhandel hatte.
In der Stadt wird auch der “Battleship Memorial Park“ angeboten, also der „Schlachtschiff Erinnerungspark“. Das vor Anker liegende eingemottete Kriegsschiff mit seinen sechs drohend langen Geschützrohren ist nicht zu übersehen. Den Eintritt haben wir uns erspart. Zu besichtigen sind auch andere zur Massentötung bestimmte Kriegsgeräte, z.B. ein B52 Langstreckenbomber. Zwei Monumente erinnern an den Korea-Krieg und den Vietnam-Krieg.

Muss ich dem Alter Tribut zollen?
Die ersten Stunden unserer Tour waren ernüchternd. Wir mussten uns einordnen in einen regen Autoverkehr und konnten nicht auf einen Randstreifen ausweichen, wie auf unseren früheren Radreisen. Und sie fahren schnell, die Amis. Hat sie sich verändert, die Fahrweise der Amerikaner. Auch als wir nach Norden abgebogen waren, mussten wir noch viele überholende Fahrzeuge ertragen, obwohl der Hauptverkehrsfluss nach Osten ins nahe Florida abgebogen war. Da war auch noch unsere anfängliche Unsicherheit, denn wir hatten erstmals unsere vollbepackten Räder zu steuern. Nach 40 Km war schließlich Ruhe eingekehrt auf unserer Straße. Wir hatten offenbar das noble Wohngebiet der Großstadt verlassen. Die Wohnresidenzen stehen im gebührenden Abstand zum Nachbarn, aber nicht durch Zäune getrennt. Das vermittelt den Eindruck einer Parklandschaft mit locker stehendem Mischwald und kurzgeschorenem Rasen. In der peniblen Rasenpflege sind die Amerikaner wohl nur von den Engländern zu übertreffen. So nobel das auch aussah, wir vermissten die Blumen. Ich hatte die Pracht der Frühlingsblumen vor Augen, die wir noch vor unserer Abreise in unserem Garten genießen konnten. Wie oft wurde uns gesagt, warum fahrt ihr so lange weg, wo ihr es doch zu Hause so schön habt.
Unser Abenteuer mit dem weit gesteckten Ziel im Norden hatte begonnen. Unsere erste Tagesetappe sollte in Hubbarts Landing enden, einem Campingplatz am Alabama River.
Zum Essen stiegen wir vorher vom Rad, in Stockton, einem kleinen Nest. Wir kamen gerade recht zum Lunchbuffet. Zum Abschied gab uns die resolute Chefin, die ihren Laden ganz offenkundig gut im Griff hatte, eine Karte mit ihrer persönlichen Rufnummer. Wenn wir Hilfe bräuchten, sollen wir sie anrufen.
Das war motivierend, so wie wir die Staaten eigentlich kennen.
All die Informationen über Motels, Einkauf und Essen bieten die Tourenkarten des Radclubs. Dazu auch die Tel.Nr. der Motels und des zuständigen Sheriffs Mister Hubbard, ein Mann in meinem Alter, in dessen Landing wir bald danach gelandet waren, bot uns kostenloses Zelten an, außerdem eine Cabin, allerdings für 70 Dollar. Bei der schlichten Ausstattung lag das weit über den üblichen Motelpreisen. Er ließ sich nicht erweichen uns einen Seniorenrabatt zu geben, dann ließ er mir doch gnädiglich den Kaufpreis für zwei Suppendosen nach.
Um uns war totale Funkstille angekommen, kein TV, kein Radio, kein Internet keine Handy Verbindung,. Ich konnte gut damit leben.
Am Abend schaute mir meine Frau prüfend in die Augen und sagte: “Du hast gegen früher einen Leistungsabfall“ und besorgt schob sie nach „mute ich dir zuviel zu?“ "Hast du ein Wunder erwartet“ gab ich zurück, „wir wussten doch, dass ich altersbedingt Abstriche machen muss: öfter kleine Pausen einlegen, kürzere Tagesetappen und mehr Ruhetage. Und da ist auch noch meine Sehbehinderung von meinem Hawaii Sturz“
Ich lasse mir aber die Zuversicht nicht rauben!


Leidenstage meiner Frau
Gut ausgeschlafen schoben wir in der Morgenkühle um sieben Uhr unsere Räder an. Da kam aus dem Office ein älterer Mann heraus, der offenbar Nachtwache gehalten hatte. Hier herrscht wohl eine Seniorenmafia der 80jährigen. Der Mann war 86. So sie noch fit sind, machen die Alten einen Job, so lange es eben geht, ganz unabhängig davon, ob sie das Geld nötig haben oder nicht. Er machte einen munteren Eindruck, unser Nachtwächter. Ja, er war bei der Army im 2. Weltkrieg. Als Flieger hat er gegen die Japaner gekämpft. Mit Handschlag haben wir uns verabschiedet. Wir erwarteten die erste große Bewährungsprobe: vor uns lagen 110 km, dazwischen kein Motel oder Campingplatz, und das Höhenprofil flösste Schrecken ein.
Wir rollten auf glattem Asphalt mit dem angenehmen surren der Reifen im Ohr. Um uns zartes Frühlingsgrün. Begierig nahmen wir die wechselnden Landschaftseindrücke auf, die Morgenbrise fächelte um unsere nackten Beine. Das war es, was wir in den ersten Morgenstunden erwarten. Aber wir wussten ja, es wird heiß werden und schon erwarteten uns die ersten Berge.
Du siehst den Anstieg vor dir in gerader Linie hochführend, nicht verdeckt durch Kurven oder Serpentinen. Als Auftakt geht es erst hinunter zur Brücke des tiefer liegenden Creek oder Nebenflusses des nahen Alabama Rivers.
Mit den schnellen Gängen antreibend, konzentriert die Blicke auf die Fahrbahn und das Brückenprofil, den Schwung mitnehmen und mit Characho hinauf mit hoher Trittfrequenz, nicht nachlassen, herunter schalten um die Frequenz zu halten und weiter heftig treten, bis du schließlich im kleinen Gang angekommen bist. Geradezu sehnsüchtig geht der Blick nach oben, wo ist die Kuppe. Und siehe da, ich konnte gleichmäßig mit rundem Tritt und intensiver Atmung die Höhe gewinnen. Meine Jutta stieg vom Rad, ich wartete oben.
So ging es fünf sechs mal. “Roller Coaster“ nennen das die Amerikaner. Aber das was ich zunächst als Lust am Bergab und Bergauf verspürte, erforderte zunehmend Verschnaufpausen. Ja das Trinken nicht vernachlässigen. Die letzten 30 km haben wir in unangenehmer Erinnerung, es war nicht nur sportlich hart, sondern auch gefährlich. Wir mussten auf eine stark befahrene Staatsstraße einbiegen. „Be careful, the Truckdriver are crazy!”, ermahnte uns eine Frau. Es waren die Langholz Tracks, die uns mit Furcht einflößend röhrenden Signalen von der Fahrbahn wegpusten wollten. Nicht alle, aber auch wenige waren gefährlich genug... Wir konnten auf keinen Randsteifen ausweichen. Den Fahrbahnrand begrenzten eingefräste Holperstellen, die einschlafende Autofahrer beim Abkommen von der Fahrbahn aufrütteln sollen. Im Niemandsland für Radfahrer denkt da keiner an uns.
Ich tourte hoch im kleinen Gang, das erzeugte Pendelbewegungen des Vorderrades, verzweifelt versuchte ich, das Gleichgewicht zu halten. In dieser Situation abzusteigen, kann auch gefährlich werden. Raus aus dem Klick, das rechte Bein im hohen Bogen über die Packtaschen schwingen und dann raus aus dem Kick am linken Fuß. Wenn du da was falsch machst, kommst du zum Sturz.
Und ganz so geschmeidig ist ein achtzigjähriger ja auch nicht mehr. Jutta war schon früher abgestiegen. Wir haben ja stets den besorgten Blick für den Anderen.
Grove Hill war unser Zielort nach langen 110 km. Ich buchte gleich 2 Nächte im einzigen Motel.
Nach dem Ruhetag reifte ein harter Leidenstag für meine Jutta.
Nach 50 km hatten wir einen Campingplatz zur Wahl, das hätte aber eine Abzweigung in eine andere Richtung von 6 km erfordert. “Können wir es riskieren, weiter zu fahren?“ Ich hatte echt Zweifel, die Sonne brannte und es lagen bis zu unserem Zielort noch 90 km vor uns, dazwischen keine Übernachtungschance. Jutta entschied kurz und leise “wir fahren weiter“!
Der gefürchteten Hitze konnten wir nicht entgehen, mussten uns die Berge hochquälen, einen nach dem anderen, einige hundert Höhenmeter mögen sich da addiert haben, das Höhenprofil unsrer Karte zeigte 20 Anstiege an. Immer häufiger mussten wir anhalten, Jutta stöhnte „mir ist schlecht“. Mich überkam echte Angst um sie. Dreimal saß sie erschöpft am Straßenrand auf der Asphaltkante, Rastplätze wie zu Hause bei uns an den Straßen gibt es hier nicht... An einer Tankstelle tankten wir noch mal Wasser auf. Auf einer wackeligen alten Bank saßen drei Schwarze, wir quetschten uns noch daneben. Ist das nicht kurios, erstmals auf unserer Tour, und das gilt auch für die Tage danach sah ich Menschen im Freien sitzen. Auch als wir durch die Zielorte bummelten, vermissten wir Parkbänke oder einfach eine schlichte Sitzgelegenheit. Die Amis sitzen im Auto oder im klimatisierten Haus. Wir haben ja Hunderte, nein, vielmehr Häuser am Straßenrand passiert, nie sahen wir Menschen im Außenbereich, auch keine spielenden Kinder.
Jutta stöhnte, noch 20 Meilen, „Ich kann nicht mehr“. Ich ging auf einen Pickup zu, das sind die Autos mit offener Ladefläche, da könnten unsere Räder problemlos verstaut werden. Der Fahrer erkannte sehr schnell meinen Wunsch nach Mitnahme, auch als ich auf meine von den Strapazen gezeichnete Frau deutete.
Er winkte ab und deutete auf die Straße in anderer Richtung hin.
Da kamen in mir Erinnerungen an unsere Weltreise hoch. In den allermeisten von uns durchfahrenen armen Ländern, den so genannten Entwicklungsländern wären schnell Leute aktiv geworden, für uns eine Fahrgelegenheit zu organisieren.
Nicht hier in Amerika? Wir wollen ja nicht verallgemeinern, noch sind wir ja nicht durch auf unsrer Tour, und unser Ehrgeiz ist es, möglichst keine fremde Hilfe annehmen zu müssen.
Schließlich obsiegte unser Stolz, wir wollten uns nicht zu abgewiesenen Bittgängern machen und machten uns auf den Weg für unendlich anstrengende 32 Km. Ich habe meine Frau getröstet, gestreichelt, ihr Mut gemacht in den vielen Ruhepausen.
Abends gegen 19 Uhr sind wir angekommen in Linden, dem Besitzer des einzigen Motels wollte ich schier um den Hals fallen, er hat sich riesig gefreut und hat uns erst mal aufgemuntert. Wieder habe ich sogleich 2 Nächte gebucht, beide hatten wir den Ruhetag bitter nötig.


Es folgten drei Tage mit echtem Radlergenuss, ja, das ist nicht übertrieben. Beide waren wir gut erholt, meiner Frau wuchs ihr echtes Leistungsvermögen zu, wir waren sportlich gleich stark geworden Hat sich da nicht doch ein kleines Wunder eingestellt. Wir fühlten uns wohl auf unseren Stahlrössern, ganz so wie wir es auf unserer Weltreise erlebt haben, nach einer Eingewöhnungszeit von einigen Tagen. Also doch kein altersbedingter Leistungsabfall, noch will ich es nicht recht glauben. Es war nie langweilig, jeder Tag brachte Neues, zum Beispiel die Durchquerung von Columbus, der bis dahin größten Stadt mit 26tausend Einwohnern. An einer Kreuzung wären wir nahezu in die entgegengesetzte Richtung abgebogen, als uns Hilfe zukam von einem von mir angesprochenem Mann, der ortskundig war, das ist nicht selbstverständlich, eingeholte Auskünfte waren häufig unbrauchbar, oder wir konnten den Südstaatenslang nicht verstehen.
Erste Ampel rechts, dritte Ampel rechts. Er ermahnte uns noch, die nächsten 3 km flott durchzufahren und auf keinen Fall absteigen, das sei das kriminelle Schwarzenghetto der Stadt. Seine Mahnung zur Vorsicht unterstrich er noch mit dem Hinweis, dass vor kurzem eine holländische Fernradlerin totgefahren wurde.

Sind die Amis fett und bewegungsfaul?
Die Essenskultur der Amerikaner ist ja bekanntlich scheußlich. Wenn wir mal nichts anderes finden als McDonalds oder Burger King, dann empfinden wir das als unverdiente Strafe. Die Motels dagegen sind recht praktisch. Wir schieben unsere bepackten Räder einfach durch die Tür. Alle Zimmer sind groß genug für uns und unsere Räder und haben alle Kühlschrank und Mikrowelle. Soweit wir nicht ab und zu ein richtiges Restaurant fanden bereitete meine Jutta das Abendmenü.
Was uns aufgefallen ist, sind die extra breiten Stühle mit niedrigem Sitz und Armlehnen zum Hochstemmen des gewichtigen Körpers. Damit werden die Motels offenbar einem wachsenden Bedürfnis der übergewichtigen Gäste mit breiten Fettpolstern gerecht. Wenn wir nicht auch sportlich schlanke Frauen und Männer sehen würden könnte der Eindruck entstehen, die Fettleibigkeit ist Standard geworden in den USA. Sie bewegen sich ja auch nicht, nur wenige Meter von der Haustür zum Auto, vom Parkplatz in den Supermarkt, in den großen Einkaufsmärkten werden Rollis, also ein fahrbare Untersätze, zum Einkauf angeboten.
Nach nunmehr nahezu 1000km haben wir noch keinen Radfahrer gesehen, und auf die ersten weißen Fußgänger warte ich auch noch.

Wer zählt die vielen Kirchen?
Die Kirchen stehen hier nicht im Dorf, solitär in die Landschaft sind sie zu finden, am Rand der Straße oder den Hinweisschildern nach abseits im Wald.
Wir sahen sehr, sehr viele Kirchen, ca. 20 jeden Tag, Einmal zählte ich 13 auf 35 km. Meist sind es Baptisten und ihre Ableger, Methodisten und andere Religionsgemeinschaften. Es sind fast nur Holzkirchen nach der üblichen Hausbauweise, erkennbar oft nur an den kleinen spitzen Türmchen. An den Wochentagen sind die an jeder Kirche reichlich angebotenen Parkplätze leer, keine Menschenseele ist zu sehen. Am Sonntag stehen Autos auf den sauber vorgezeichneten Plätzen, das heißt, die Gläubigen sind in der Kirche.
An einer Kirche habe ich einen Mann gesehen, es war wie vermutet, der Pfarrer ein Schwarzer. Ich wollte von ihm wissen, welcher Religionsgemeinschaft seine Kirche angehört. Er sagte, keiner, seine Kirche sei einfach Kirche, seine Gemeinde zählt 65 Mitglieder. Für den modernen Kirchenanbau, den er mir zeigte, habe seine Gemeinde mehr als zehntausend Dollar aufgebracht.

Bewährungsproben jenseits der Achtzig
Wenn du mal 80 bist, wird alles viel schwerer, stimmten mich ältere Freunde auf das Greisenalter ein.
Ja es ist schon einiges schwerer geworden. Meine aktuelle Amerikareise auf dem Fahrrad mit ungeplanten vielen Bergen, viel schwerer als unsere früheren Coast-to-Coast - Radtouren. Ein ganz neues Erlebnis war unsere erste Zeltnacht im Gewitter. Wir lagen im Minizelt, der Regen knatterte auf unser flaches dünnes Dach über dem Kopf. Es ist dicht geblieben, unser dünnes Dach, da musste ich erst 80 werden um diese Erfahrung zu machen.
Dann folgte noch eine erhöhte Anforderung an die Beweglichkeit:
Im Liegen unsere elf im Vorzelt aufgetürmten Taschen packen, Isomatte rollen, Schlafsack eintüten, und der Regen knattert immer noch. Aber wir mussten weg, fürchteten das Wasser von unten und hatten nichts zu essen und trinken.
Der Statepark-Ranger war bürokratisch und muffig, ich konnte ihm kein Lächeln entlocken. Ihn drückte offenbar die Verantwortung, an der „Heimatfront“ im Krieg gegen den Terrorismus den State Park vor Anschlägen zu schützen.
Unsere Nachbarn im Campground schliefen noch im eigentlich nicht sehr komfortablen Wohnmobil, als wir loszogen. Sie hatten mir am Vorabend erzählt, dass sie vor 6 Jahren ihr Haus verkauft haben. Seither ziehen sie durch die Lande, den Winter verbringen sie in der Wüste, weil es da nicht regnet. Essen gehen sie nie, er zeigte mir seinen Vorrat an Konservendosen. Er hat hinter seinem fahrbaren Wohnsitz einen riesigen Hänger angekuppelt, darin ist seine Harley Davidson verstaut, die er ab und zu rausholt und Rundreisen macht. Sie saßen am Nachmittag auf ihren Klappstühlen und warteten auf den Abend.

Warum tun wir uns das an?
Ist es der Reiz der Weite, auch der sportliche Ehrgeiz, den riesigen Kontinent Nordamerika von einem Ende zum anderen Ende zu durchqueren, in die unterschiedlichen Klimazonen einzutauchen, aber nicht zuletzt die Begegnung mit Menschen und die vielfältigen Anforderungen an die Logistik.
Etwas enttäuschend ist bisher das Verhalten der Menschen. Wir vermissen die von uns so geschätzten lockeren, anteilnehmenden und hilfsbereiten Umgangsformen der Amerikaner. Wird das im Norden anders werden?

¬Waverly Tennessee,USA 7.5.09 Gerhard Krauss

 

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