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Bericht 46:
Noch einmal durch die USA, Teil II

Wasser und Berge in Tennessee
Die Grenze nach Tennessee passierten wir dicht am Wasser des Pickwick -Lake
Das ist zugleich der Tennesse-River und die Wasserstraße hinab zum Alabama-River. Die Routenplaner wollten ja möglichst am Wasser bleiben und so querten wir häufig auf weitgespannten Brücken Flussläufe und Seen, weit ausladend mit überschwemmten Agrarflächen. Es war viel Regen herunter gekommen in den Tagen zuvor. Einmal wurden wir von einer überschwemmten Straße zur Umkehr gezwungen, als wir einen Abkürzer nehmen wollten. Das förderte Unbehagen, werden wir durchkommen? Kann es zwischen so viel Wasser auch Berge geben? Oh ja. Unsere Bergerlebnisse der ersten Tage zwangen uns Respekt ab vor den Höhenprofilen der Radkarten. Furcht erregend steigen da die Zacken hoch. Wir versuchten den Anforderungen mit kürzeren Tagesetappen zu begegnen, soweit das möglich war. Wo können wir den nächsten Unterschlupf finden? Zelten nur im Notfall.

Macht der Körper mit?
Der stärkste Wille erreicht nichts, wenn nur ein Körperorgan strikt nein sagt.
Mein Körper sagt ja, bisher! Auch behindernde Beschwerden plagen mich nicht.
Keine Rückenschmerzen, das Hinterteil verträgt den Satteldruck ohne Murren und ich wurde auch noch nicht von den gefürchteten Muskelkrämpfen heimgesucht.
Ich kann in jedem Bett beschwerdefrei liegen und schlafen, auch auf der Isomatte im Zelt. Insgeheim hätte ich nichts gegen eine weitere Zeltnacht, wo wir doch alles dafür Nötige mitschleppen. Obwohl meine Frau das meiste davon im Ortlieb-Gepäcksack verstaut hat, hält sie am grundsätzlichen Zeltverbot fest.
Und die Sichtbehinderung? Mit der eingeschliffenen Sonnenbrille kann ich gut sehen, besser als im letzten Jahr, also kein erhöhtes Risiko.
Ich habe großen Respekt vor meinen Körperorganen, die mich ja schon so oft überrascht haben, also auch jenseits der achtzig, kaum zu glauben.
Ich werde nicht übermütig!
Meine Jutta hat sich auch in Hochform gesteigert. Meist in der ersten Stunde nach dem Frühstück ist sie mir zu schnell. Das war auch so, als wir auf den kleinen Ort Linden zufuhren. In einem anderen Linden endete ja unsere erste Mammutetappe.
Ich hörte ihren lauten Aufschrei, “mein Fuß, mein Fuß!“
ein stechender Schmerz. Ist es die Achillessehne, ein Riss vom harten treten?
Ratlos standen wir da. Ist es das frühzeitige Aus unserer Tour?
Wir blickten uns um und da war direkt vor uns das Schild „Hotel“ zu sehen.
Es war tatsächlich in Betrieb, eine Rarität, wie es sich im Verlauf unserer Reise noch bestätigen sollte, für uns ein Glücksfall. Freundlich wurden wir von der Besitzerin aufgenommen und wir fühlten uns sofort wohl. Es wird bis morgen sicher besser werden, motivierte sich meine Frau.
Ohne zögern stieg sie am nächsten Tag auf ihr Rad, der permanente aber offensichtlich erträgliche Schmerz hinderte sie nicht, mit Tempo die Tagesetappe anzugehen,“ Ich spüre es ständig, aber es geht, nur ziehen kann ich nicht“ war ihre Antwort auf meine Mahnung, nicht so hart zu treten.



Der erste Fußgänger

Am Abend zuvor hatten wir noch ein Restaurant gefunden, wo wir für amerikanische Verhältnisse gut essen konnten, ein weiterer Glücksfall:
Auf dem Rückweg mit meiner humpelnden Jutta tauchte er vor uns auf:
Der erste weiße Fußgänger. Einige schwarze Männer zu Fuß hatten wir ja in Alabama „erlebt“
Es war kein fröhlicher Wandersmann, der da vor uns her ging. Es sah so aus, als ob er sich in unvorsichtiger Weise zu weit von seinem Auto entfernt hat.
Wegen seiner dicken Beine watschelte er breitbeinig und mit den Armen rudernd vor uns her. Vielleicht waren es noch 50 Meter, die er schaffen musste.

Rasenpflege und Müll
Ganz in der Nähe mühten sich zwei Männer mit handgeschobenen Mähwerkzeugen, das Gras kurz zu halten. „Schau mal, die haben Sträflingshosen an“. Ich zweifelte, doch dann sah ich den bewaffneten Bewacher.
Die US-Bürger machen ja fasst alles mit Motorkraft. Der Rasen wird selbstverständlich sitzend mit Radantrieb gemäht. In den Tagen darauf haben wir allerdings einige gesehen, die sich an Böschungen mit Handgeräten bemühten, dem Gras beizukommen.
Wenn es eine Monotonie in den viele Meilen ausgedehnten Wohnlandschaften gibt, dann ist es die Rasenpflege. In diesen Maitagen des intensiven Wachstums war das für uns besonders auffallend. Kurz geschoren muss er sein, der Rasenteppich rund um das Haus, Und das sind große Flächen bei den gebührenden Abständen zu den Nachbarn. Auch wenn es 10000 Qm und mehr sind, das Gras wird kurz gehalten. An einigen Tagen waren sie auf ihren Mähfahrzeugen besonders emsig am Werk, so als ob sie einem Signal folgten:
Der Nachbar mäht, also müssen wir auch.
Erstaunlicherweise wird das Gras auch um primitive Containerhäuser und verlassene Häuser kurz gehalten. Kein anderes Kräutlein als die gestutzten Schnittlauchhalme wird geduldet. Der erklärte Feind der Rasenpfleger ist der Löwenzahn, der hat keine Chance. In der Fernsehwerbung haben wir gesehen, wie gesprühte Chemie die Löwenzahnblüte blitzschnell schwarz zusammen schnurren lässt.
Im Gegensatz zur noblen Landschaftspflege stehen andere Eindrücke, windschief stehende Hausreste, verlassene Häuser mit Bergen von Müll umgeben. Und dann die Autofriedhöfe: Ich betrachtete eine im ansteigenden Hügel von höherem Standard kündende Wohnresidenz, gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite im krassen Gegensatz ein Autofriedhof. Über einige Tausend qm rosten da Autowracks und andere Abfälle vor sich hin, eine Endlagerung?

Unsere Orientierungssysteme
Unsere Fahrstrecke wechselt oft. Die Radkarten geben uns auch Nebenstraßen ohne Nummern vor, mit häufigen Abzweigungen. Zwei Orientierungssysteme haben wir dafür zur Verfügung: Ich habe die aktuelle Karte sichtbar auf der Lenkertasche und Jutta, die ja mehr die moderne Technik mag, vertraut ihrem Garmin, ein GPS. Zuweilen gab es schon Streit bei Abweichungen. Recht hilfreich ist der Garmin bei der Herbergssuche, er führt uns zum nächsten Motel. Meine Frau ist auch zuständig für die Statistik, sie führt Buch über die Ausgaben, die gefahrenen Kilometer und einiges andere. Der Höhenmesser funktioniert leider nicht, er würde addierte Rekordhöhen anzeigen.


Mit Tieren haben wir es auch zu tun
Hunde wollen ihr Terrain gegen angreifende Eindringlinge verteidigen. Gefährlich werden halbverwilderte Hunde, die über längere Strecken angreifen, wie wir es in der Türkei erlebt haben. Nur an einem Tag haben uns freilaufende Hunde erschreckt, Jutta mehr als mich. Zum Glück war es im fallenden Gelände, einige haben unser Tempo mitgehalten und kamen nahe heran. Gefährlich konnte es nur werden, wenn einer in die Speichen geriete, die waren ganz schön wild auf uns.
Pferde wollten am Zaun gestreichelt werden, da stiegen wir schon ab und zu vom Rad, wenn sich abwechslungsreiche Agrarlandschaften öffneten, zu den Rinderherden in den bis zum Horizont reichenden Weideflächen. Für uns der Eindruck von Ruhe und Idylle in diesen sattgrünen Maientagen.
Der Autofahrer nimmt nicht wahr, wie viele Tiere dem motorisierten Verkehr zum Opfer fallen, es sei denn, ein Reh springt vor die Windschutzscheibe.
Wir Radfahrer können die vielen Tierkadaver nicht übersehen. In Tennesse waren es die Gürteltiere mit ihren geschuppten langen Schwänzen, weiter oben waren es Kleintiere mit dicken Pelzen, zwei Rehe lagen am Straßenrand.
Drei Schildkröten habe ich über die Straße getragen, sie lauerten am Straßenrand zurückgezogen im Panzer auf ihre Chance, die war gering.


Recreation, die Erholung im State Park
An der Grenze zu Kentucky näherten wir uns dem „Land Between the Lakes“, das ist ein waldreicher hügeliger Landstreifen zwischen einer Seen- und Flusslandschaft. Hindurch führt eine gut ausgebaute verkehrsberuhigte Straße, achtzig Kilometer lang. Der Beschreibung nach ist es ein nationales Erholungsgelände mit einem vielfältigen Angebot an Aktivitäten: Wanderwege, Verleih von Mountain Bikes, Bootsfahrten. Die Campingplätze würden sich an den Wochenenden sehr schnell füllen, wurden wir gewarnt. Es war Sonntag, der 10.Mai, sonnig und angenehm warm. Wir erwarteten einen Massenbetrieb, auch viele Radfahrer, bei geradezu idealen Bedingungen.
Wir fuhren vom Süden kommend hinein in das nationale Erholungsgebiet und waren allein. Nach 10 Km war das schon ein wenig unheimlich, wir befürchteten eine Straßensperrung wegen Überflutung. Etwas später kamen zwei Autos vorbei, also doch, aber kommen wir auch durch bis zum Nordausgang?
Die freie Straße mit glattem Asphalt reizte uns zu flottem Tempo, mit Lust spurten wir die Hügel hoch und ließen uns in den überschaubaren Abfahrten den Wind um die Ohren blasen. Wo waren die Erholung suchenden Menschen?
Da waren die Hinweisschilder zu den Campingplätzen, aber viel mehr zu den Einlassstellen für Motorboote, das sind die kleinen schnellen Flitzer, die auf Hängern hinter dem Auto hergezogen werden, also sehr mobil.
Wir haben im Bereich der Flüsse viele davon gesehen. Einige davon kamen auch hier vorbei. Nach 35 km wurden wir durch ein grellrotes Schild gestoppt “Road closed“. Ein Pfeil zeigte zur Umfahrungsstrecke, das war eine Schotterstraße. Es kam ein Auto an, der Fahrer wollte ohne Anhalten auf die Ausweichstrecke abbiegen, ich hielt ihn an. Er saß zurückgelehnt im Fahrersitz, dem gewölbten Bauch Raum gebend. Eher gelangweilt gab er Auskunft: die Umfahrung sei 12 km lang, wir müssten wegen der spitzen Steine mit Platten rechnen. Ungerührt fuhr er los. Wir zögerten, „nicht auf diesem Schotter, wir riskieren die Durchfahrt“, sagte ich. Jutta deutete auf den ansteigenden Berg „und wenn wir zurück müssen?“
Wir haben es riskiert, es war nur ein Stück Straße abgesackt, wir konnten ohne Absteigen ausweichen.
Weiter nach Norden wurde es dann lebhafter. Motorräder in Rudeln auf dem Sonntagsausflug. Wo sind die Radler, sind die noch im Winterschlaf?
Da vorne, ja das könnte er sein, der erste Radler, ein Einsitzer, der sich langsam bewegt! Nein, doch nicht, es war ein langsames Motorrad.
Der Lärm der Motorboote und Motorräder, das ist hier auch als Recreation zu verstehen, also die motorisierte Erholung. Es gibt auch den Recreation- Travel den Autoverkehr auf dem Weg zur Erholung und die Recreation Vehicle, das sind die “Wohnhäuser“ auf Rädern, so groß wie Reisebusse.

Der erste Radler
Das Wetter hat es bisher gut gemeint mit uns, wären wir ängstlich dem TV Wetterkanal gefolgt, duften wir an einigen Tagen nicht auf das Rad steigen. Meine Jutta ist in diesen Tagen wir der Teufel geritten, um dem drohenden Unheil zu entgehen.
Nach 1400 km, am 13. Mai war es dann soweit. Zum typisch kargen Breakfast im Best Western Motel erschien Bob aus Fresno Californien barfuss im Radlerdress. Er war auf unserer Route „Underground Railroad“
„See you on the Road“ verabschiedete er sich. Mit leichtem Gepäck auf seinem Rennrad war er im Vorteil.
Sieben Tage später stand er wieder vor uns, in Cincinnati, er war wie wir auf dem Weg zum “Underground Railroad Freedom Center“. Das Museum ist der Geschichte der nach Norden fliehenden Sklaven und ihrer Helfer gewidmet.



Ein Abstecher nach Indiana
Noch waren wir nicht da in Cincinnati, es sollte noch spannend werden. Mit einem 95 km langen Anlauf zur Ohio-Brücke, Brandenburg hieß das Ziel. Der Staat Indiana empfing uns mit einem 10km langen Berganstieg. Wir bemerkten Unterschiede gegenüber Kentucky. Mehr lutherische Kirchen laden ihre Gläubigen ein, die Häuser sind schlichter und wir sahen den ersten Linienbus.
Wir näherten uns der Großstadt Louisville, zunächst völlig unbehelligt vom Autoverkehr in Serpentinen hinab, wo wir uns dann einbringen mussten in den Großstadtverkehr, mitten drin in der Autoflut, mit häufigen Ampelstopps, das erneute anfahren mit unseren schwerbepackten Rädern, eingezwängt, Autos neben uns, links und rechts und schließlich die Orientierung, da war Juttas GPS von Vorteil
In Madison waren wir wieder am Ohio River angelangt und bemerkten einen Wandel Wir fanden ein privat geführtes kleines Motel mit Blick zum Fluss und die imposante Stahlkonstruktion der Brücke. Auf dem Uferweg war Leben, Menschen zu fuß und für uns die ersten sportlichen Läuferinnen. Kinder spielten und rannten im Bewegungsdrang. Wir wollten Essen gehen. Der Chefin war der Fußweg zu weit. Spontan stellte sie ihren Golfcar bereit, er war einfach zu bedienen.
Die Gäste und das Personal interessierten sich für unsere Räder und die Reise. Eine Frau will unbedingt zu unserem Buch kommen und sich dafür einen Übersetzer suchen. Ganz ernst sprach sie das aus.
Nach Cincinnati
Wir mussten über die Brücke, Der Staat Kentucky hatte uns wieder. Zunächst verwöhnte er uns mit einer Genusstour am Ufer entlang, dann präsentierte er uns — nein, nicht schon wieder — zum Abschied die ziemlich längsten und zehrenzden Anstiege.
Unser Ziel war Florance, nur 20km vor Cincinnati und da standen wir nun wie die Türken vor Wien, aber nicht zur Belagerung, Wir waren entschlossen die „Festung“ zu stürmen. Sechs Brücken führen im Citybereich hinüber. Konzentriert waren wir mit guten Karten vorbereitet. Zeitweise sah es so aus, als wenn sich alle Straßen und Interstats wie in einem Trichter verdichten. Aber unsere ausgesuchten Straßen Nr. 42 und 127 fanden ihren Weg über die Interstats hinweg oder unten durch. Und ganz plötzlich waren wir nahe dran an drei Brücken. Eine davon musste es sein, unsere Fußgängerbrücke. Da drang bayerische Volksmusik an mein Ohr und ich schaute auf. “Hofbräuhaus“ las ich da, am “Platzl Nr.9.“ Das sei der erste Lizenznehmer des weltberühmten Trinkpalastes, erklärte uns ein Ratgeber, er begleitete uns hinüber. Drüben strömten von allen Seiten Menschenmassen dem nahen Stadion zu, ein wichtiges Baseballspiel stand an. Häufig wurden wir angesprochen auf dem Weg zum Museum.
„Have a safe Trip“ wurde uns von allen mit auf den Weg gegeben.



Auf den Radweg
Ein neues Raderlebnis kam auf uns zu. Im Außenbereich der Stadt beginnt ein breiter Radweg, 180 km lang, auf einer aufgelassenen Bahnstrecke. Motorfahrzeuge sind konsequent ausgeschlossen. Hier sind sie unter sich, die Fußgänger, Läufer und Radfahrer, einige sportliche Rennradler und Freizeitradler, die meisten davon mit Übergewicht, sie plagten sich, das nötigt uns Respekt ab. Hoffentlich bleiben sie dabei, bis es Spaß macht, sich zu bewegen.
Einige Radler hielten uns an oder fuhren pausenlos redend neben uns her.
Das war richtig anstrengend für mich, im engen Abstand die Richtung halten, Gegenverkehr vorbei lassen, verstehen konnte ich nicht viel, schon rein akustisch. Garry war recht selbstlos. Er kehrte um und begleitete uns bis Xenia um uns dort bei der Motelsuche behilflich zu sein.
Noch einige Tage und wir werden mit dem Sinkflug beginnen müssen, um nicht über das Ziel hinaus zu schießen. Der Lake Erie ist nicht mehr weit.




Geschrieben am 25.Mai 2009 Gerhard Krauss

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