zurück zum Eingang  
die Herauforderung; aktuelle Position; Planung
aktuelle Reiseberichte und Berichte früherer Touren und Wettkämpfe
Ausrüstung; Freunde und Partner
Stimmen aus der Presse
Wie es uns geht; was der Arzt sagt
Persönliches
Schreiben Sie uns!
unsere Hompepage im Überblick
zurück zur 128ontour-Homepage Schreiben Sie uns! zu Favoriten hinzufügen
Seite 1
zurück zur Übersicht

Bericht 47:
Noch einmal durch die USA, Teil III

Vom Radlerparadies in die Autorealität
Gerry, der uns auf dem Rad bis Xenia begleitet hat, begrüßte uns nach der Ankunft am ehemaligen Eisenbahndepot mit „Welcome to Xenia, the unique Trail- and Bike Station in USA“. Ja, das ist sicher einmalig im Autoland!
In vier Richtungen erstrecken sich Rad- und Wanderwege in das flache Umland, bis zu 150 km. „No Motor Vehikels on this Trail“, das zu lesen hat uns richtig gut getan. Leider beschränkte sich dieser Vorzug für uns auf vier Tage. An diesem ersten Tag auf dem Radweg starteten wir zu einem gemütlichen Radausflug. Es war Sonntag und wir erwarteten den uns angekündigten lebhaften „Verkehr“ von Radlern und Fußgängern. An der Strecke gibt es einige Einsteigstationen mit Parkplätzen. Doch im Gegensatz zum Vortag waren wir weitgehend allein.
Unsere so vertrauten Räder unter dem Sattel rollten wie von alleine, obwohl meine Jutta, die seit Wochen das Tempo bestimmte, keine Bummelei zuließ. Ein Schnitt von 20 sollte es schon sein.
Dennoch konnten wir unsre Seele ein wenig baumeln lassen, in Erinnerungen schwelgen und ohne Stress die Augen schweifen lassen. Hier blühten am Wegesrand ungehindert Wildblumen in leuchtenden Farben, fernab von peniblen Rasenpflegern. Kleintiere verschiedener Gattungen huschten über den Weg, eine große Schildkröte hatte ihren Kopf furchtlos ausgestreckt, einige Rehe sprangen seitlich weg. Hier auf diesem Radweg herrschte Chancengleichheit zwischen Tier und Mensch.
„Was, wir sind schon da“ rief ich aus, als wir das Ortschild „London“ vor uns sahen, eine Kleinstadt mit 9000 Einwohnern. Hier wollten wir uns eine Bleibe zur Nacht suchen. Da war auch schon ein Mann an unserer Seite und bot uns Hilfe an. Tom hat es sich zu seiner privaten Aufgabe gemacht, für die Freizeitaktivitäten der Stadt zu werben. Er empfahl uns ein „Bed & Breakfast“. Wir fanden den Weg zu einem altehrwürdigen Haus im Impire Stil. Aber ja, wir waren in London. Die Türen waren unverschlossen, aber keiner war da. Unser Ratgeber der uns mit seinem Auto gefolgt war, rief die Besitzerin an. Sie war in den Urlaub gefahren und hatte vergessen, das Haus abzuschließen. Also, wieder einmal hatte eine einladende Kleinstadt keinen Platz für uns. Das kulinarische Angebot beschränkte sich auf eine McDonalds Bude. Wir mussten acht Kilometer weiter, hinaus zum Interstate, der Autobahn, zum Business-Distrikt.


Die Monotonie der Business-Distrikte
Eine der großen Enttäuschungen für uns ist die Verödung der kleinen, historischen Down Towns aus der Gründerzeit. Immer wieder haben wir es versucht und standen vor geschossenen Hotels und aufgelassenen Läden In den kleinen abgelegenen Towns die dem nicht zu übersehenden Verfall preisgegeben sind oder es sind nur die Fassaden mit Farbe aufgefrischt.
Auf unseren Radkarten zur Beschreibung der Geschichte der fliehenden Sklaven und ihrer Helfer wird der Besuch von Museen und Denkmälern empfohlen. Wir konnten dem nur sehr bedingt folgen, fühlten uns ausgesperrt. Auch die Altstadt-Motels in den größeren Städten waren nicht einladend, oft sanierungsbedürftig und unzumutbar.
Dass die älteren Motels, aber auch komfortable Häuser ganz überwiegend im Eigentum von Indern sind, hat uns erstaunt. Ob sie sich durch den Einsatz der Familienmitglieder mit einer bescheidenen Rendite begnügen?
Die Business-Distrikte, die wir zwangsweise aufsuchen mussten, bieten in allen Bundesstaaten das gleiche Bild. An autobahnbreiten Durchgangsstraßen sind alle Konsumanbieter vertreten. Die etwa zehn „Tempel“ der Fastfoodketten, die Family-Restaurants, Einkaufszentren mit Supermärkten und allen anderen Handelsanbietern, selbstverständlich auch alles um das Auto und schließlich die von uns zu suchenden Motels. Die sind in diesen Distrikten komfortabler, nicht immer konnte ich einen Seniorenrabatt aushandeln, die Inder sind da flexibler. Die Distrikte erstrecken sich über einige Kilometer. Leicht zu finden und bequem möglichst bis zum Eingang anzufahren sind wichtige Voraussetzungen, um die Kunden anzulocken. Dafür sorgen riesige Masten mit den Logos, von weit her sichtbar und Parkflächen in Hektargröße. Die verschwenderisch versiegelten Flächen würden die landwirtschaftliche Nutzfläche von einigen Großbauern bieten. Die hässlich schwarzen Teerdecken fielen uns besonders auf, weil sie nur zu einem Bruchteil genutzt waren. Die meisten Autos standen bei den Autohändlern, die sind mit jedem qm eingepackt mit Alt- und Neufahrzeugen. Die Autokrise lässt grüßen. Das „Drive trough“ also das einkaufen durch das Autofenster kannten wir ja schon. Das sind jetzt nicht nur die beliebten Burgers, die frittierten kleinen Hühnerteilchen, die Wings and Fingers, die nach echter amerikanischer Esskultur auch mit den Fingern gegessen werden nach eintunken in eine Soße, sind der große Renner. Mir ist nach wie vor schleierhaft, warum sich die Leute das Essen verpackt ins Auto reichen lassen, wo es doch im Lokal gute Sitzgelegenheiten gibt.
Die fahren lieber einige Meter weiter und essen im Auto. Drive-through ist auch an den Apotheken selbstverständlich geworden. Kaum vorstellbar bei uns, wo doch die Apotheker ihre Beratung so sehr anpreisen.
Auch zum Geldabholen am Bankomat muss der Bürger seinen A… nicht anheben. Ich muss dagegen in die Hocke gehen, um zum Geld zu kommen, da die Bedienungs-Elemente auf Fahrersitzhöhe angebracht sind.


Dem Auto ausgeliefert
Die US-Bürger haben sich total dem Verkehrmittel Auto ausgeliefert.
Im vegetationsreichen Osten ist die Wohnbebauung zersiedelt, mit weiten Entfernungen zum nächsten Ortskern. Nur in größeren Städten gibt es eine verdichtete Wohnbebauung, wie wir sie kennen.
Das Auto ist unentbehrlich für jede Besorgung. Nicht nur die Kirchen, auch Schulen, Behörden, und Krankenhäuser sind im Außenbereich angesiedelt. Die Kinder werden mit Schulbussen eingesammelt. Der logistische Aufwand ist jedoch enorm. Ich zählte an einem Sonntag 30 Schulbusse auf dem Parkplatz einer Schule.
Für die motorisierten Anforderungen sind die Amerikaner gut gerüstet.
Ich gewann in einigen Regionen schon rein optisch den Eindruck, die motorisierte Grundausstattung einer Familie der Mittelschicht besteht aus 3-4 Autos und einem Motorboot. Dazu kommen all die anderen Motorgeräte. Auf dem Golfplatz steht für jeden Sportler ein Golfcar, ein Caddy zur Verfügung, die Beine so gut wie möglich schonen, auch beim Sport!
Im Winter preschen sie mit den Snowmobiles stinkend und lärmend durch unberührte Schneelandschaften. Wir wurden durch Hinweisschilder für die motorisierten Schlitten darauf aufmerksam gemacht, dass wir vom schwülheißen Süden im kühlen Norden angekommen waren, wo schneereiche und kalte Winter die Regel sind, wie uns gesagt wurde.
Unser Radlerparadies war in London zu Ende. Auf die letzten 20 km des Radweges mussten wir wegen der erzwungenen Richtungsänderung verzichten. Dafür durften wir uns die Straße wieder mit den motorisierten Verkehrsteilnehmern teilen. Wir sind dabei ja die schwächsten, verletzlichsten. Deswegen registrieren wir aufmerksam das Verhalten der Autofahrer. Nicht immer konnten wir das anhupen als Sympathiesignal oder als Unmutsäußerung einordnen, aber es schien sich schon zu bestätigen, vor allem die Truckfahrer sind weniger rücksichtsvoll als vor Jahren.
Aber schon einen Tag später wurde es wieder angenehmer für uns. Wenige Autos, da stellten wir uns gern den erhöhten Anforderungen der Streckensuche, im Wettstreit der Radkarte mit dem GPS. Es wurde richtig einsam von Delaware bis zu dem kleinen Nest Butler. In erreichbarer Ferne gab es nur ein Hostel, abseits unserer Route. Wir haben die Abzweigungen gefunden, geholfen hat uns dabei die Sekretärin des Bürgermeisters der 900 Seelen-Gemeinde. Auch dort gab es bei den freundlichen Leuten keine Bleibe für uns. Es war überhaupt auffallend, dass die Leute in kleinen abgelegenen Orten besonders freundlich und aufmerksam waren.
Das Farm Hostel liegt idyllisch am Waldrand, ein Haus aus der Gründerzeit mit viel Charme auch im Hausinneren. Wir waren die einzigen Gäste und waren ohne unser Wissen bereits angekündigt. Bob, der Fernradler aus Kalifornien, unser erster Radler, den wir schon zweimal getroffen haben, war am Vortag hier zu Gast.


Die Amish
Als ich die Tür öffnete, stand ich zwei Frauen gegenüber, in altmodischen Röcken gekleidet und Hauben auf dem Kopf, Sie wichen zurück und führten uns zum Hostel-Manager. Sie ließen sich hernach doch auf ein Gespräch ein, die Ältere antwortete im sauberen Schulenglisch. Dreißig Amisch-Familien leben hier im Umkreis. Die beiden helfen im Hostel und werden später abgeholt. Mit mehr Fragen wollte ich sie nicht belästigen. Die jüngere hielt verschämt den Kopf gesenkt. Dann wagte sie doch, mir in die Augen zu schauen und es huschte ein Lächeln über ihre Mundwinkel. Auf der Umgehungsstraße von Ashland hatte ein Amish-Pferd seine Duftnote in Form von Pferdeäpfeln hinterlassen. Nicht sofort habe ich dies erkannt. Da kam auch schon eine Kutsche entgegen. “Die erste Amish-Kutsche“ rief ich meiner Jutta zu. Die nächste kam von hinten. Ich hörte ein tak tak von Pferdehufen, der gleichmäßige Takt kam näher und näher. “Gibt es das, der ist schneller als ich“ rief ich aus. Zugegeben, ich war nicht in Bestform an diesem Nachmittag.
Drei Tage später sollten wir den Amish noch viel näher kommen. In dem kleinen Ort Burton gibt es ein Bed & Breakfast- Hotel, das überwiegend von Businessleuten eines nahen Industrie-Unternehmens frequentiert wird.
Wir haben in solchen Fällen immer das Problem, wo kriegen wir was zu essen. Das ist stets eine unserer Fragen im Office. Eine Frau, die uns zuvor den Weg zum Zimmer gewiesen hat, erklärte klipp und klar “mein Mann wird sie zum Essen fahren“. Wolfgang, ihr Mann, ein Deutscher, der vor 50 Jahren eingewandert ist, erschien pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit.
Was aber für uns viel interessanter war, als das Essen beim Chinesen, er war ein Kenner der Amish und fuhr mit uns nach Middlefield, dem zweitgrößten Settlement der Amish in den USA. Wir selbst hatten uns im Internet schon etwas kundig gemacht.
250000 Amish leben in den USA, davon 71000 im Bundesstaat Ohio.
Die Geschichte dieser Menschen ist eigentlich unglaublich. Ursprünglich stammen sie aus dem Elsass und der Schweiz. Um der Verfolgung in ihrer Heimat zu entgehen, wanderten sie vor 300 Jahren nach Amerika aus. Und sie leben immer noch nach den gleichen strengen Regeln, die nur aus wirtschaftlicher Notwendigkeit etwas aufgelockert wurden. Transportmittel ist die eisenbeschlagene Kutsche, von einem Pferd gezogen. Sie verzichten auf elektrische Energie, das heißt auch: kein Fernsehen, kein Radio, kein Kühlschrank. Zur Beleuchtung haben sie eine Gaslampe entwickelt. Sie bleiben unter sich und haben deshalb keinen missionarischen Eifer. Es gibt keine Kirche für die Amish, die religiös mit den Mennonieten verwandt sind. Gottesdienst halten sie in ihren Häusern. Ursprünglich haben sie nur Landwirtschaft betrieben zur Selbstversorgung. Da es aber zunehmend schwieriger wird, landwirtschaftliche Nutzflächen zu erwerben für die zahlreichen Kinder, erlernen die jungen Männer zunehmend Handwerksberufe und sie vermarkten ihre gefertigten Produkte.
Wir haben sie persönlich erlebt. Wolfgang führte uns in eine große Lagerhalle, wo sie ihre Erzeugnisse anbieten: hauptsächlich hochwertige Möbel. Ein älterer Mann hatte das sagen und antwortete freundlich auf unsere Fragen. Er wollte auch von uns einiges wissen. Als einige Frauen und Männer dazukamen, lobte er uns, dass wir mit dem Rad so weite Strecken fahren und er hat auch mein Alter nachgefragt. Ich trage ja wie er einen Bart, meinen traditionellen Reisebart, unrasiert und ungestutzt seit Reisebeginn. Die Länge meines Bartes lässt auf die Dauer unsere Reise schließen.
Die Amish sind kinderreich, sechs bis acht Kinder sind die Norm, der Rekord liegt bei achtzehn. Eine junge Frau mit ihrem Baby auf dem Arm erregte Juttas Interesse. Sie war neunundzwanzig und hatte bereits vier Kinder, es werden noch einige mehr werden, meinte sie, aber hoffentlich nicht mehr allzu viele. Eine ältere Frau sprach einige Sätze ihrer altschwäbischen Mundart. Auf der weiteren Erkundungsfahrt sahen wir dann, dass in den meisten Häusern und landwirtschaftlichen Betrieben Amish zu Hause sind. Sie sind sehr fleißig und erfindungsreich als Bauern und Handwerker. Alle sind sie schlank, nur mittelgroß, mit dem Strohhut auf dem Kopf sehen sie alle ähnlich aus. Wolfgang wies uns auf die Erkennungszeichen für ein Amish Haus hin: kein Auto vor der Tür, keine Fernsehantenne, weißgestrichenes Haus und weiße Vorhänge.
Alle Häuser und die Umgebung waren blitzsauber, der Rasen nur um das Haus herum kurz gehalten, Ansonsten landwirtschaftliche Vielfalt, Ackerbau, Gemüse unter Folie, Viehweiden für Rinder und die Pferde.
Er zeigte uns auch einige Schulen, schlichte Zweckbauten. Die Schule soll für alle Schüler zu Fuß erreichbar sein, also keine Schulbusse.
Die Schule endet mit dem 15. Lebensjahr und dem Erreichen einer Schulbildung für einen Handwerksberuf. Die Amish finanzieren das alles selbst, sie haben auch ein eigenes Versicherungssystem für den Krankheitsfall. Im Vorbeifahren gab uns unser Reiseführer Informationen zu den jeweiligen Hausbesitzern. Der ist ein Schreiner und betreibt mit vier anderen eine Schreinerei, dieser ist ein Spezialist für anspruchsvolle Holzrenovierungen, der ist Schmid, er fertigt alle Metallteile für die Kutschen, einschließlich der Metallbereifung. Der Andere macht Feuerholz zum Verkauf, wieder ein anderer betreibt mit einigen anderen ein Sägewerk, die Energie liefert eine umgebaute Dampfmaschine. Schließlich führte er uns zu einem Parkplatz für ihre Kutschen. Da standen doch in Reih und Glied 15 Pferde mit den Kutschen hintendran, angeleint an einen Balken.
Sie sind autark, die Amish, keine Energiekrise trifft sie unmittelbar, wenngleich sie auf die „englischen“ wie sie ihre Landsleute bezeichnen, als Käufer und Kunden angewiesen sind. Sie halten zusammen und pflegen die Gesellichkeit untereinander, allein der Verzicht auf den Fernseher gibt ihnen viel Zeit dazu.
Am 31. Mai verkündete Präsident Obama den Bankrupt, die Eröffnung des Konkursverfahrens gegen General Motors und kündigte harte Zeiten an.
Die Amish werden das nur am Rande zur Kenntnis nehmen.

Am Lake Erie
Wir durften uns Zeit lassen auf dem Weg nach Norden, wo der Lake Erie auf unserer aktuellen Radkarte schon im Blau winkte.
Und so waren es halt einmal nur 35 km und ein weiterer Ruhetag dazu. Es war dann ziemlich unspektakulär, als am 3. Juni, einem ziemlich kühlen Tag die Wellen des großen Lake zwischen den Bäumen erkennbar wurden. Er ist ja nur einer von fünf, er reicht bis zum Horizont. Noch Tage zuvor hatte Jutta gefragt, können wir da schwimmen. Nein, dazu lud er nicht ein, der große See. Bei 14 Grad Außentemperatur. Da passte es gar nicht ins Bild, dass in Ufernähe großflächig Weinbau betrieben wird.
Nach weiteren drei Tagen hatten wir sie vor uns, die Großstadt Buffalo, wir mussten da hinein in die City. In einem Bike Shop wollen wir unsere Räder für den Rückflug einpacken lassen. Juttas GPS führte uns zum Hotel in der Nähe des Bike Shop. Es war Sonntag, die Stadt war wie ausgestorben, Das war aber nicht nur die Sonntagsruhe, auffallend viele Leerstehende Läden, also auch hier Spuren der Krise.




Am Ziel bei den „Niagara Falls“
Am Ziel waren wir noch nicht, das erreichten wir am nächsten Tag, die spektakulären Niagara Falls hatten wir dafür ausgesucht.
Auf unserer langen Reise über nahezu 3000 Kilometer waren wir vom Regen weitgehend verschont, nur zwei Regengüsse mussten wir kurzfristig überstehen, die letzten vier Kilometer vor unserem Ziel war eine Regenfahrt, das war zu ertragen, zeigte aber auf, wie ungemütlich eine stundenlange Fahrt im Regen werden kann, der Regen von oben und das Spritzwasser von unten.
Die gigantischen Wasserabstürze haben wir am nächsten Tag eingehend besichtigt. Ganz nahe kamen wir heran und ließen uns von diesem Naturwunder beeindrucken. Die Stromschnellen flussaufwärts erinnerten mich an meine Wildwasserzeit und das Trauma, den Kajak vor einem unfahrbaren Katarakt oder Wasserfall nicht mehr rechtzeitig an Land zu bringen. Die Stadt ist von der touristischen Anziehungskraft der Niagarafälle bestimmt, Vergnügungsmeilen und zigtausend angebotenen Betten, alle Hotel und Motelketten sind mit ihren Häusern vertreten, eines am anderen, die Auslastung ist bescheiden.

Was war anders?
Wodurch unterschied sich diese Tour von unseren Radreisen durch Amerika, von Ost nach West vor elf Jahren und von West nach Ost vor sechs Jahren, wovon uns so viele angenehme Erinnerungen geblieben sind, die in diesem Jahr einigen Enttäuschungen weichen mussten. Das liegt zunächst an der Route „Underground Railroad“, die wir als nicht sehr empfehlenswert empfinden mussten. Die klassische Mittelroute „Great Divide“ von Virginia nach Oregon ist sicher interessanter.
Die Monotonie der Landschaft und der Herbergen waren ernüchternd.
Oder waren wir verwöhnt von unserer Weltreise, wo jede Einreise in ein anderes Land völlig neue Eindrücke vermittelte.
Lag es auch an den Menschen?
Es mag sein, dass die Menschen im Osten nüchterner sind als im Westen, wir waren ja Süd-Nordost unterwegs. Leistungsdruck und Existenzsorgen lasse ich als Entschuldigung gelten. Auf Nachfrage konnte ich das oft heraushören. Es kommt hinzu, dass ihr Nationalstolz einen Knax bekommen hat. Vor sechs Jahren beobachteten wir einen patriotischen Taumel, nachdem der damalige Präsident Bush als oberster Befehlshaber auf einem Schlachtschiff das siegreiche Ende des Irakkrieges verkündet hatte.
Der Flaggenwald ist der Normalität gewichen. Flagge gezeigt haben die US-Bürger schon immer. Gänzlich verschwunden sind die Poster “We Support our troops, our brave Troops“ wir unterstützen unsere tapferen Soldaten.
In den etwas komfortableren Motels habe ich mit einigen Businessleuten gesprochen. Sie zuckten mit den Achseln auf die Fragen nach Chrysler, General Motors und die Bankenpleiten.
Bei aller in meinen Berichten geäußerten Kritik durften wir in persönlichen Begegnungen viel Sympathie entgegen nehmen, auch von jungen Leuten.
Eine Gruppe von Rennradlern zum Beispiel, die bei uns angehalten haben als sie hörten woher wir kommen, drückten sie uns spontan die Hand. Mein Alter brauchte ich dazu gar nicht erwähnen. Oder der junge Mann, der uns in einem Restaurant bediente. Als Student der Politik war er Wahlhelfer bei der Präsidentenwahl. Er war mächtig beeindruckt von unseren sportlichen Leistungen und er sah uns als Vorbild für die Bewältigung großer Herausforderungen, wie sie die Bürger der United Staates vor sich haben.
Du übernimmst Verantwortung für die Zukunft deiner Nation, sagte ich ihm, er nickte.
Oder der Vietnam-Veteran, der Sorge um die Zukunft äußerte und mangelnde Leistungsbereitschaft vielen Staatsbürger beklagte. Er hat uns vor Kriminellen gewarnt. Und die vielen anderen, die uns vor Gefahren warnten und ihr ehrlich gemeintes „Have a safe Trip“ mit auf den Weg gaben.


Unsere Räder und ihre Beladung
„Du mit deinem Gewichtstik“ wehrte Jutta ab, wenn ich die schwere Last beklagte, die wir schleppten. Wir waren ja wieder autark gerüstet, mit zusätzlichen Technikteilen. Unbekümmert hat sie wie gehabt Essen und Trinken zugeladen, um mir Gemüsesaft oder Frischobst nach der Zielankunft servieren zu können, mit der Bemerkung „Das habe ich für dich über alle Berge getragen“
Robust und zuverlässig, so wie sie uns um die Welt getragen haben, waren unsere Stahlrösser auch auf dieser Reise. Ein großes Kompliment an Roloff, die vierzehn Gänge der Nabenschaltung haben wir mit Lust beansprucht. Die Magura-Bremsen haben uns auch nicht im Stich gelassen.
Wir hatten ja Ersatzteile dabei, aber wer hätte sie montieren können?
Und die praktischen Ortlieb-Taschen gaben auch optisch viel her.

Was war anders zwischen uns beiden?
In diesen zwei Monaten, die wir ja in enger Tuchfühlung zusammen waren und uns immer wieder einigen mussten. Erstaunt habe ich registriert, dass vieles ähnlich war. Wieder haben wir unser sportliches Ziel erreicht, das auch diesmal hoch gesteckt war. Darauf dürfen wir in aller Bescheidenheit ein wenig Stolz sein.
In der Ausdauer war meine Frau stärker als ich, nachdem sie sich von den strapaziösen ersten Tagen erholt hatte. Da hat sich schon etwas verändert.
Ich musste mich mehr anstrengen, ließ mich bei Gegenwind in ihren Windschatten nehmen und musste mich nach der Tageszielankunft zunächst ins Bett legen und zur Regeneration auch eine Stunde schlafen.
Sie strebte wie früher schneller dem Tagesziel zu als ich, auch wenn kein Regen drohte.
Das wichtigste war für mich, war es für uns beide die Harmonie zwischen uns beiden. Nur einmal gab es Streit zwischen uns, als ich weiterfahren wollte, aber sie den Regen fürchtete.
„Fall nicht vom Rad“ rief sie mir vor jedem Start zu und wir küssten uns zur Bekräftigung
Wie früher bin ich auf das Rad gestiegen und habe mich beim anfahren so wohl gefühlt wie ein anderer Opa im Lieblingslehnstuhl. Konzentrieren musste ich mich schon bewusster eingedenk meiner Handikaps und des Alters.
Aber sonst war es wie ehedem zwischen uns beiden.
„Kleiner Löwe komm“ rief sie mich aus der einlaufenden Badewanne zum einsteigen ,einladend sexy mit ihren schelmisch blitzenden Augen,
Auch im weiteren gab es keine Einschränkung. Sie lag neben mir im Bett, obwohl da zwei getrennte Betten bereitstanden und wir küssten uns häufig, wie früher.
Ja, sie hat sich gelohnt, unsere Radreise.

Buffalo, am 10.6.2009
Gerhard Krauss

 

Seite 1
zurück zur Übersicht