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Bericht 48:
Mit 81 Jahren, in 63 Tagen rund um Deutschland
mit Besuch aller neun Nachbarstaaten

Unsere Radreise in diesem Jahr war reichlich voll von täglichen Erlebnissen und vieles davon wollte ich festhalten, zunächst für unsere eigene Erinnerung. Mein umfangreicher Bericht könnte Teil eines Buches werden, was jedoch nicht im Vordergrund stand. Für die Besucher unserer Homepage will ich eine gekürzte Fassung anbieten.

Reisebericht 48

Die Idee

Die Idee“, Rund um Deutschland“ holte ich mir von der Wetterkarte im Fernsehen. Von der Haustüre losfahren und ankommen aus der anderen Richtung, das war wieder eine reizvolle Herausforderung. Zusätzlich wollten wir uns in die Pflicht nehmen, alle neuen Nachbarstaaten zu besuchen. Ob wir für diese Geste zur europäischen Einigung ein Urheberrecht beanspruchen könnten, weiß ich nicht, wohl aber dafür, dass sich ein Zeitzeuge des verheerenden zweiten Weltkrieges dies vornimmt. Wir beide, meine Frau Jutta und ich, die wir als eingespieltes Team mit vollbepackten Rädern in aller Welt 40.ooo Kilometer hinter uns gebracht haben, wollten zu diesem Abenteuer aufbrechen. Beide waren wir aufeinander angewiesen, ich mehr als meine Frau.

Die Strecke

Die vorgegebene Zielplanung erleichterte die Routenplanung nicht. So konnte ich beliebte Fernradwege entlang der großen Flüsse nur teilweise einplanen. Ob die ausgesuchten Straßen auch wirklich verkehrsarm waren, konnte ich nur vermuten. Meine Hoffnung, dass die Durchgangsstraßen im Westen und Norden Radwege anbieten, hat sich jedoch erfüllt. Schließlich hatte ich auch die Radkarten des ADFC zur Verfügung. Und dann gab es auch noch Juttas Navi.

Das ist nun unser individueller Routenplan:

Aufbruch vom Starnberger See nach Westen. Schongau, Marktoberdorf ,über Kempten, auf den Illerradweg direkt auf die Voralpen zu nach Immenstadt. Dann forderte uns das Allgäu mit seinen Höhenrücken ein letztes Mal, bevor wir in Bregenz den Bodensee erreichten, Dem folgten wir auf dem Radweg und der Fähre nach Konstanz und begleiteten schließlich den Rhein über Schaffhausen mit seinen spektakulären Wasserfällen auf vorbildlich markierten Radwegen bis Basel, dabei wehselten wir fünf mal die Landesgrenze zur Schweiz. Auf dem Naturbelag des ‚Rhein-Radweges kamen wir bis ‚Straßburg, schwenkten nach Westen ins Elsass, zunächst auf dem komfortablen Radweg entlang des Marne- Rhein-Kanals, der uns windungsreich durch sie steil ansteigenden Vogesen führte. Das ist ein empfehlenswerter Geheimtipp. Von Lutzelburg nach einigen Anstiegen freuten wir uns auf den Saarradweg. Da sind viele Radler unterwegs. Erstmals sah ich da ein Tempolimit von 20 Km zum Schutz der langsameren Freizeitradler Der folgende Westkurs nach Luxemburg war radlerisches Niemandsland.

Im Länderdreieck reisten wir über Schengen ein, als Nutznießer des Schengener Abkommens ohne Grenzkontrolle. Für das weiterkommen mussten wir viel fragen. Die Hinweise auf Hunsrück, Eifel und Ardennen kündigten Berge an. Auf 720 Höhenmeter mussten wir klettern um dann 25 Kilometer hinabzurollen zur Maas und wir waren wieder in Belgien angekommen, Durch Lüttich lotste uns ein hilfsbereiter junger Mann mit seinem wendigen Kleinrad. Die mäandernde bis zur Seenlandschaft ausweitende Maas gab uns einige Rätsel auf, einige Male mussten wir umkehren. Im holländischen Maastricht, wo der für die europäische Einigung wichtige Vertrag zustande kam, wechselten wir bei der Herbergssuche dreimal die Grenze zurück nach Belgien. Ein geradezu lustvolles Radeln bot uns der weitere Weg Nordost nach Wilhelmshaven. Das dünn besiedelte Emsland und Friesland brachte uns nahe zu den Menschen, die sich alle Zeit nahmen für einen Plausch. Die geplante Fähre nach Helgoland viel für einige Tage wegen stürmischer Winde aus. Das Risiko, viele Tage festzusitzen, wollten wir nicht eingehen und wählten deshalb den Regionalzug, mit drei Mal umsteigen nach Büsum, wo wir mit der Helgolandfähre eigentlich ankommen wollten. Von dort folgten wir zunächst dem Nordseedamm und drehten dann ab nach Husum und weiter bis Flensburg.

Dänemark sollte ja auch dabei sein. Wir setzten auf drei Insel über und kamen in Rostock mit der Fähre an. Es folgte der Ostseeradweg bis Ückersmünde zum nordöstlichen Zipfel unserer Republik. Der Oder-Neiße –Radweg auf unserem Kurs nach Süden hat uns schier begeistert. Auf der Dammkrone mit glattem Belag kamen wir fast mühelos voran. Der Schrecken kam von den holprigen Pflastern in den Dörfern und Städten. Die groben Steine rüttelten uns unbarmherzig durch und zwangen uns zum Absteigen. Nach zwei Kulturtagen in Görlitz kamen wir in Zittau im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien an. Es war nur ein Katzensprung hinüber zu unserem neunten Nachbarstaat, aber die geplante Route nach Süden Zum Bayerischen Wald ist lang, vierhundert Kilometer. Zunächst drifteten wir nach Westen ab, um fünfzig Kilometer Elbe aufwärts zu erleben. Dabei ahnten wir schon, dass wir in den Tagen darauf hart geprüft werden sollten Die von mir ausgesuchten Straßen nach Süden über Rakovnik und Pilsen waren alles andere als verkehrsarm. Die Straße Nr.27 ist zur Schnellstraße ausgebaut. Dann die Steigungen und Abfahrten, 200 Höhenmeter aufwärts und wieder bergab und das einige Male. Wir mitten drin im Pkw- und Schwerlastverkehr, die Hitze obendrein. Diese Tage forderten unsere sportliche Fitness wie nie zuvor. Es war auch gefährlich, wenn die Trucks mit kappen Abstand in den Serpentinen vorbeizogen. Ja nicht wackeln, sonst kannst du unter die Räder kommen. Wir sind auch ausgewichen auf Nebenstraßen, Radwege gab es ja nicht-. Das war eine Irrfahrt, mit vielen Umwegen. Mit Spannung erwarteten wir, was uns der Aufstieg in den Böhmerwald abverlangen wird. Er forderte viel Kraft, Schweiß und Geduld. Wir mussten kilometerweit unsere beladenen Rädern mühsam schieben, wozu wir dank des genialen Rohloff- Schaltsystems nur selten gezwungen sind. Der Berg wollte kein Ende nehmen, erst bei 920 Höhenmetern. Der Böhmerwald gönnte uns noch eine lange Abfahrt bis zum Eingang In den Freistaat Bayern, eine Rückkehr. Von Zwiesel bis Passau, das sind immerhin 70 Kilometer bergauf und bergab, traten wir geradezu übermütig in die Pedale. Jutta meinte, es war geradezu ein Kindergeburtstag gegen die Strapazen der Vortage. In drei Tagen wollen wir wieder ankommen in Feldafing, vor unserem Haus, über Wasserburg Rosenheim und Wolfratshausen. Wieder einmal, noch einmal, vielleicht ein letztes Mal haben wir dann ein großes Ziel erreicht

Der Weg ist das Ziel

Ja, ich will mich kurz fassen, was mir aber schwer fällt angesichts der vielfältigen Erlebnisse und Beobachtungen. Wir radelten vom Frühling in den Sommer, das vermitteln allein die Landschaftseindrücke. Sattes Grün der Wiesen und Weiden, frisches Laub in den Wäldern demonstrierten den Aufbruch der Natur. Es war auch Spargelzeit, wochenlang labten wir uns mit frischem Spargel. An der Nordsee und Ostsee war Fisch die erste Wahl auf der Speisekarte,
Auf den Feldern lugte der Mais erst in Spitzen hervor, In der Oberrheinischen Tiefebene war die Natur schon weiter. Das erste Gelb im Landschaftsgrün entdeckten wir in Friesland, dort war Regen nötig. An der Oder leuchteten die Gerstenfelder goldbraun. In Tschechien hatten wir Getreidefelder rundum bis zu den breiten Hügeln, die wir zu erklettern hatten. Jeden Tag trafen wir andere Menschen, interessant dabei waren auch die Veränderungen der Dialekte und Akzente. So überraschte mich zum Beispiel der berlinerische Einschlag in Brandenburg. In allen von uns angepeilten Tageszielen fanden wir problemlos gute Unterkünfte, Ob in Privatpensionen oder Hotels, überall wurden wir freundlich aufgenommen und wurde uns mit nur wenigen Ausnahmen ein guter Standard geboten, so dass wir uns sofort wohl fühlen konnten. Das gilt im Besonderen auch für Tschechien.
Achtzig Tage haben wir uns vorgegeben. Auch wenn uns Berge und die Hitze bremsten, werden wir gute zwei Wochen früher ankommen. In Topform haben wir uns geradelt, siebzig bis achtzig Kilometer jeden Tag.
Wir waren aber nicht auf Rekord jagt, nahmen uns auch Zeit für die Besichtigung historischer Altstadtkerne, in Stralsund, und Görlitz, aber auch in Tschechien, wie Ceska Lipa,Rakovnik ,Pilsen und Klatovy. Die historischen Marktplätze mit den reichlich stuck verzierten, in frischen Farben leuchtenden Farben haben uns sehr beeindruckt.

Das Wetter

Es ist eigentlich unvorstellbar, dass wir in den nunmehr schon 59 Tagen vom Regen verschont blieben. Als es in Bayern wochenlang regnete, konnten wir das kaum glauben. Wir hatten auch angenehm kühle Tage, als die Menschen im Süden unter der Hitze stöhnten. An der Neiße hat uns die Hitze eingeholt. Als wir uns in den Tagen in Tschechien bei 36 Grad die Anhöhen im schmelzenden Straßenteer hoch quälten, hätten wir uns den ansonsten so gefürchteten Regen zur Abkühlung gewünscht

Macht der Körper mit.

Um es voraus zu sagen, ich fühlte mich nach keiner noch so harten Tagesetappe überfordert. In der sportlichen Leistungsfähigkeit sind wir immer noch etwa gleich stark. Wenn ich langsamer werde und zurückfalle, weiß meine Frau, der Akku ist leer. Dann gibt es Wasser, Banane und ein Energiegetränk. Die Hitze kann ich besser verkraften. Meine Jutta hat allerdings eine größere Last zu schleppen mit einer zusätzlichen Pachtasche hinten drauf. Alters- und verletzungs- bedingte Schwächen muss ich eingestehen, die Reflexe sind verlangsamt, eine erhöhte Konzentration muss ich auch wegen meiner Sehschwäche in Engstellen aufbringen. Überholmanöver anderer haben mir drei Stürze beschert, die Verletzungen waren zum Glück minimal. Dass wir beide die wirklich außerordentlichen Belastungen in Tschechien souverän gemeistert haben, gibt uns Zuversicht, ohne dabei übermütig zu werden. Vor jedem Start zur Tagesetappe küssten wir uns und ich musste meiner Frau versprechen, nicht vom Rad zu fallen.

Geschrieben am 19. Juli 2010
Gerhard Krauss


Nachtrag zum Bericht 48

Jeder Tag ist voller Überraschungen und neuer Herausforderungen. So war es auch in diesen letzten drei Tagen unserer langen Tour, kein gemütliches nach Hause traben.

"almost done" rief mir meine Jutta zu, als wir die Donau und die markante Silhouette von Passau vor uns hatten. Das war eine Erinnerung an unsere erste Radreise "across Amerika" Ein Angler rief uns dieses "almost done" zu, als er hörte, woher wir kommen und wo wir hin wollten. Dabei mussten wir noch 1400 km über die Rocky Mountains überwinden. Aber - von Passau bis Feldafing, das ist ja wie ein Ausflug in die Nachbarschaft, allenfalls 250 bis 300 km.
Wir ließen es ruhig angehen, zunächst auf dem Innradweg unserer österreichischen Nachbarn bis Simbach am Inn, wo wir uns von unserem Webmaster und der örtlichen Presse feiern ließen. Schon am Abend vorher gab es ein Wiedersehen mit meinem Sohn Peter, dem Biobauern mit seiner Familie. Am ersten Tag plagte uns die Hitze und der Innradweg lotste uns über Stock und Stein und zu guter Letzt hatte meine Jutta einen "Platten", den allerersten nach 61 Tagen! Wir waren so verwöhnt und mussten den Schlauchwechsel erst wieder üben.
Am zweiten Tag setzte uns der Innradweg noch mehr zu, das war für uns streckenweise eine Mountainbike-Route. Und schließlich hatte uns der Regen erreicht. Glitschnass auf Herbergssuche zu gehen, das war ein Albtraum, jetzt wurde es zum Erlebnis. Jutta entschuldigte sich in Rosenheim an der Hotelrezeption für die verursachte Wasserpfütze.
Am dritten und letzten Tag traf uns das, was ein Radler am meisten fürchtet: Dauerregen und kalter Wind von vorn. Das war nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich: schlechte Sicht ,beschlagene Brille Orientierungs- und Bremsprobleme! Trocken blieb nur der Inhalt unserer Ortlieb-Radtaschen. Von oben bis unten triefend nass und bibbernd vor Kälte kamen wir an. Nach 3500 km mit unzähligen Berganstiegen und tief in das Gedächtnis eingeprägten Eindrücken und Erlebnissen endlich wieder daheim.

Geschrieben am 25.Juli 2010
Gerhard Krauss

 

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