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Bericht 6: „Khomeini, schwarze Schadors und menschliche Wärme“ – Seite 1/6

Wir hatten nur 35 Kilometer bis zur Grenze und spurten mit Rückenwind flott dahin. 25 bis 30 Stundenkilometer zeigte unser Tacho an. Jetzt war das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit wieder sehr stark. Neues Aufregendes lag vor uns, eine andere Welt: der Iran. „Auf in den Iran!“, rief ich übermütig mit einer halben Kopfdrehung zurück. „Wie alt bist du eigentlich?“, rief sie lustvoll-laut hinter mir her. Diesen Anruf hatte ich schon öfter gehört, immer dann, wenn es uns beiden recht gut geht und ich besonders flott vor ihr her fahre. Ich antworte dann „Ziemlich!“ oder „Jung genug!“. Wir stoppten einmal, als wir ein Auto im Straßengraben sahen. Es waren junge Holländer, die auch auf Welttour waren und 52 Wochen eingeplant hatten. Sie waren übermütig zu tief ins Wasser gefahren und hatten nun eine Panne. Wir konnten ihnen nicht helfen und verwiesen auf eine nahe Militärkaserne.
      Als Vorboten der Grenze kamen stehende Truck-Kolonnen in Sicht. Auf der rechten Seite wurde uns eine letzte nationale Demonstration der Türkei geboten. Ein Hügel war mit einem großen Halbmond vreziert. Ich argwöhnte plötzlich Probleme und rief meiner Frau zu: „Heute ist doch Freitag, das ist ein Feiertag im Iran. Hoffentlich kommen wir über die Grenze.“ „Das wäre ja übel. Müssen wir dann noch mal zurück, gegen den Wind?“ Auch für Jutta wirkte dieser Gedanke dämpfend auf unsere Hochstimmung. Die umstehenden Trucker ermunterten uns jedoch, durchzufahren. Dann kamen die Geldwechsler auf uns zu. Ich hatte mich am Vortag über die Wechselkurse informiert, über den „black market“ und das gewisse Risiko, Falschgeld einzutauschen. Ich hatte mir die gängigen 10.000 Rial-Scheine mit dem Bildnis von Khomeini gut eingeprägt und schon mal 30 Dollar getauscht. „Tasch’ nicht zu viel“, raunte mir Jutta zu. Sie ist ja die vorsichtigere von uns beiden. Es ging gut. Ich habe das Risiko verteilt und bei einigen Händlern eingetauscht. Ich war dann doch recht erleichtert, als ich drüben erstmals mit einem Rial-Schein Obst einkaufte und keinem Falschgeldhändler aufgesessen war. Im Iran zählt nur „cash“: Es werden weder Kreditkarte noch Reiseschecks akzeptiert. Der Dollar des Erzfeindes USA ist hier die eigentliche Währung.
      Nun bekamen wir eine bevorzugte VIP-Abfertigung. Schnell hatten wir unseren Stempel von den Türken. Dann wurden wir in einen düsteren, vergitterten Vorraum verwiesen, wo eine große Menschenmenge vor einem Tor wartete. Der Grenzbeamte nahm das Vorhängeschloss ab und dann machten die wartenden Türken, ohne dass sie gebeten wurden, eine Gasse für uns frei. Alle waren sie einverstanden, als wir unsere Räder mühsam durch die schmale Tür bugsierten. Im nächsten Raum hatten wir den Blick auf das Bildnis von Khomeini. Das war also der Iran. Ist es ein gelobtes Land, ein Tor zur Freiheit? Nein, das ist es sicher nicht. Meine Frau hatte sicher sehr viel mehr gemischte Gefühle als ich. Der Grenzbeamte demonstrierte zunächst staatliche Autorität. Er verschwand mit unseren Pässen und kam nach zehn Minuten zurück. Dann ging es sehr schnell. Er stellte uns eine Bescheinigung aus, nach der wir nicht meldepflichtig sind. Er interessierte sich für unsere Räder und unsere Tour und machte mit einer großzügigen Handbewegung den Weg in den Iran frei. Wir kamen noch am Zoll vorbei. Doch auch dort gab es nur einige Fragen zu unserer Tour, und wir waren im Land.
      Wir schauten uns verwundert an. „Das fängt doch gut an!“, rief ich aus. Jutta, die inzwischen ein Kopftuch unter den Helm gezogen hatte, war noch skeptisch. „Du hast leicht reden als Mann. Schau’ dir die Frauen an, sie müssen sich unter schwarzen Tüchern verstecken.“ Das iranische Grenzgebäude war einladend, freundlich und sauber. Hohe Räumen mit Marmorböden, davor gepflegte Blumenrabatten. Wir hatten 25 Kilometer bis Maku vor uns. Hier empfing uns der Frühling. Wir empfanden es wohltuend, auf das frische Grün und die blühenden Obstgärten zu schauen. Wir hatten den Wind nun von vorn und fuhren mit mehr Kraftaufwand ein Tal hinunter, das sich zunehmend verengte. . . .
. . . Wir sahen Bewässerungsanlagen, und viele Leute waren auf den Feldern. In einigen kleinen Dörfern und den umliegenden Äckern sahen wir Frauen in auffallend bunten Trachten. Sie gehören sicher einer ethnischen Minderheit an. Die Straße führte wieder hinauf, und die Landschaft wurde garstig gelb – so, wie man sich den Iran vorstellt. Zu diesem Ödland gehören Ziegen- und Schafherden, die geduldig und anspruchslos dürre Grasbüschel abrupfen, so wie wir es aus der Osttürkei kennen.
      Aber nun hatten wir eine harte Phase vor uns. Wir versorgten uns nicht ausreichend mit Wasser. Jutta war heute voraus. Sie war sehr stark und kämpfte gegen den Wind an. Wir sahen ein Straßenschild: „Evogli“. Dort sollte es Hotels geben, aber es war noch 120 Kilometer entfernt. Wir schafften es wieder mal, aber ich war ziemlich kaputt. Es stellte sich heraus, dass der Ort nur aus einigen Häusern bestand, überwiegend Läden und Werkstätten, alles fürs Auto. Hier kreuzen sich zwei Hauptstraßen. Aber es gab kein Hotel. Jutta wollte es nicht glauben. Wie immer umringt von Menschen, wenn wir absteigen, wurden wir zunächst auf ein kleines Häuschen verwiesen. Das soll ein Hotel sein? Jutta stieg demonstrativ aufs Rad, und wir fuhren weiter. Wir erkundigten uns bei einem Polizisten, der mit uns zu einem Truckerstopp ging, der auch nicht als Hotel ausgewiesen war. Der Inhaber, mit dem wir uns nur schlecht verständigen konnten, führte uns in einen Raum ohne Inventar. Er war mit einem großen Teppich ausgelegt. Das war der Gebetsraum. Da draußen Regen drohte, war meine Frau einverstanden. „Besser drinnen als draußen zelten“, meinte sie. Die Räder hatten gerade noch am Teppichrand Platz. Wir packten unsere Liegematten und Schlafsäcke aus. Der Koran lag griffbereit am Fenster. Jetzt schliefen ausgerechnet zwei Ungläubige auf dem Gebetsteppich. Zur Toilette mussten wir durch das Restaurant. Da haben es die Frauen natürlich viel schwerer als wir Männer. Der Fernseher lief, wie meistens in solchen Lokalen, sehr laut. Es wurde ein Fußballspiel übertragen. Im Vorbeigehen hörte ich „Oliver Kahn“. Das hat mich keineswegs elektrisiert. Der Torwart-Hero passte nun wirklich nicht hierher, und es interessierte mich überhaupt nicht, welches Match da übertragen wurde, mich störte einfach der Lärm. . . . >

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