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Bericht 6: „Khomeini, schwarze Schadors und menschliche Wärme
“ – Seite 3/6

. . . In tieferen Lagen gibt es blühende Obstbäume, und Wein wird auf sehr kleinen Flächen angebaut. Die Reben werden nicht hochgezogen, sondern liegen auf dem Boden. Einige Bauern sitzen am Felsrand und kochen am offenen Feuer. Tee wird es sicher auch geben. Uns winken die Leute auch hier zu und laden zum Verweilen ein. Die Ansiedlungen der Bauern reizen mich immer zu näherer Betrachtung. Es sind schmale Häuser mit Flachdach, aber höher und mit größeren Fenstern als in Anatolien. Auch hier gibt es in der Nähe gestapelten, getrockneten Rinderdung. Zwischen den Häusern werden die Grundstücke mit Lehmmauern abgegrenzt. Im Bereich dieser Ansiedlungen ist kein Grün zu sehen, auch keine Blumen. Die Provinz heißt Ostaserbeidschan. Wie wir am nächsten Tag erfahren haben, leben im iranischen Nordwesten Türken, Kurden, Aserbeidschaner, Armenier und andere Minderheiten. Vom Straßenrand und bei jedem Stopp winken uns die Menschen zu. Kinder sind viel weniger zu sehen.
. . . Wir kommen in eine kleine Stadt. Da werden wir Probleme haben, prophezeite uns am Vortag unser Freund Orkan. Die wirklich außergewöhnliche Hilfsbereitschaft der Menschen im Iran ließ aber gar kein Problem entstehen. Das Wort „Hotel“ verstehen die meisten. Wenn es nicht reicht, legen wir die Hand an den schräggestellten Kopf, das versteht jeder. Wenn wir vom Rad steigen, sind im Nu einige Leute bei uns, und es dauert nicht lange, bis uns einer aus der Menge sein bescheidenes Englisch anbietet. Diesmal fuhr uns ein Taxi bis zum Hotel vor, wobei die Bezeichnung „Hotel“ recht großspurig war. Wir könnten diese Häuser selbst nie finden, denn sie sind mit persischen Schriftzeichen gekennzeichnet. Zwischen zwei Läden gab es einen schmalen Eingang, hinter dem eine steile Treppe hochging. Wir kennen das inzwischen. Besser als im Zelt.
      Hier bediente uns ein kleiner flinker Junge. Der Vater saß unten im Teppichladen. Als Erstes wollen sie immer unsere Pässe haben. Wir haben ein ungutes Gefühl, aber es geht nicht anders. Beim Ausfüllen der Meldevordrucke hilft ein Gast aus. Er bestätigte uns, dass es das einzige Hotel in der Stadt ist. Im Nu sind unsere zehn Taschen nach oben getragen und die Räder in einem Nebenraum verstaut. Wir gehen durch die Gassen, in denen vielen kleine Läden sind. Einer liegt neben dem anderen, und manche sind nicht mehr als zwei Quadratmeter groß.
      Die Frauen tragen alle die schwarze Nonnentracht. Von hundert Frauen ist es vielleicht eine, die mutig ein andersfarbiges Kopftuch trägt. Ein graues Kopftuch mag schon als Protest gegen die strenge Kleiderordnung gelten. Das sind auch die Frauen, die Jutta aufmunternd zublinzeln. Sie fällt mit ihrer gelben Radjacke und dem bunten Kopftuch völlig aus dem Rahmen. . .
. . . Beim Einkaufen hatten wir sofort eine Menschentraube um uns, schon als wir nur eine Melone kaufen wollten, die vom offenen Auto angeboten werden. Dann kauften wir noch Obst in einem Laden mit auffallend großem Angebot. Der Inhaber, ein clever dreinschauender Geschäftsmann, wollte kassieren, ohne uns zuvor den Preis aufzuschreiben. Ich gab ihm einen Zehntausender-Schein, das sind etwa 1,25 Euro. Er wollte einen zweiten und machte nach einem Blick in meinen Geldbeutel die Geste für einen dritten Schein. Das war zuviel, wie mir auch der erstaunte Blick eines Verkäufers sagte. Ich zeigte mit dem Finger nach oben und sagte „Allah.“ Da lächelte er verlegen, verzichtete auf den dritten Schein und gab mir Geld zurück. Allah ist groß! Alles in allem geht es nicht um große Summen, wir leben sehr billig. . .
. . . Die Esskultur ist bescheiden im Iran, jedenfalls für uns, die wir auf Restaurants angewiesen sind. Sie sind nicht leicht zu finden. Ein Mann schickte seinen Sohn mit, der schließlich auf eine Tür deutete. Wir zögerten. Das soll ein Restaurant sein? In der dunklen Kneipe war niemand zu sehen, bis ein Mann auftauchte. Er beantwortete die Frage nach Essen eher lustlos mit einem Kopfnicken. Da waren einige schwarze Bottiche. Nach erstaunlich kurzer Zeit hatten wir Suppe auf dem Tisch. Jutta verweigerte nach einigen Löffeln. Für mich schmeckte die Suppe mit ihrem undefinierbaren Inhalt auch nicht frisch, aber ich wollte etwas im Magen haben. Ich aß alles auf, obwohl mich meine Frau gewarnt hatte. Den Salat solle ich stehen lassen, meinte sie. Sie hatte beobachtet, wie der Koch das von einem Bauern gelieferte Grünzeug ohne Waschen auf den Teller gab. . .
. . .In der Nacht rumorte es heftig in meinem Bauch, ich hatte Blähungen und besuchte die Gemeinschaftstoilette. Vorher hatte ich das richtige Benehmen auf dem Abtritt lernen müssen. Es gab kein Klopapier, dafür einen dünnen Wasserschlauch für die linke Hand. Deshalb gilt im Iran die linke Hand als unrein, mit der nie ein Mensch berührt werden sollte.
      Ich war ziemlich geschwächt, ziemlich „hautig beinander“, wie die Bayern sagen, doch wir wollten los. Ich vertraute meiner Frau, die mir einige homöopathische Kügelchen in den Mund gegeben hatte. Es waren „nur“ ca. 60 Kilometer, doch sie wurden für mich sehr schwer. Die Landschaft war hier offener, aber wie immer seit Wochen im Hochland mussten wir Bergrücken überwinden. Diese empfand ich heute länger und höher als sonst. Jutta war ganz ungewohnt in Front. Sie nahm mich in den Windschatten und wartete, wenn sie am Berg vor mir war. Ich blickte oft auf dem Tacho. Wenn ein Kilometer sehr lange dauert, ist das ein Zeichen für eine harte Phase. Ich trank in kurzen Abständen, bis alle Flaschen leer waren, und fühlte mich doch genauso leer. In einer Abfahrt kam ich vor Schwäche fast zum Sturz. Jetzt musst du dich zusammenreißen, Junge! Aufpassen und nochmal ran. Da lag ein langer, nicht enden wollender Anstieg vor uns. Ich sah mich erschöpft um. Beim ersten Pickup, den ich sehen konnte, hielt ich die Hand raus, und er hielt tatsächlich an. Drei Mann kletterten heraus. Wir konnten ihnen verdeutlichen, dass wir mit unseren Rädern, Sack und Pack mitgenommen werden wollten. Meshgin Shar war nur zehn Kilometer weiter. Sie nickten zustimmend und mussten erst einige Eisenstangen anders verstauen. Schließlich passten wir mit allem, was unser ist, hinten drauf. Es war Maßarbeit. Zehn Zentimeter länger dürften unsere Räder nicht sein.
      Auf einer sehr windigen Hochfläche kamen wir in dem kleinen Ort an. Noch hatten wir nicht nachgefragt, da wurden wir aus einem fahrenden Auto angesprochen. Sie fuhren zum Hotel voraus, direkt bis vor die Tür. Die drei aus dem Auto waren mitgekommen. Einer davon sah mich immer wieder an und machte eine Geste, dass er mir helfen wolle. Er sah mir an, dass es mir nicht gut ging. Er war klein, schlank und unterschied sich von den anderen durch helle Haare und einen hellbraunen, gut sitzenden Anzug. Seine Augen blickten besorgt. Er sagte: „Pharmacie.“ Ich deutete auf meine Frau: „She is a doctor.“ Das verstand er. Die drei kamen nach einer Stunde noch einmal zurück und boten ihre Hilfe an. Ich hatte volles Vertrauen in meine Jutta, die mich schon wieder hinkriegen würde. Ich konnte mich in dieser kleinen Kammer gar nicht groß umziehen. Wir sollten draußen die Schuhe ausziehen, weil ein Teppich am Boden lag. Ich packte den Schlafsack aus und versank auf der weichen Matratze schnell in den Schlaf. Nach drei Stunden musste ich aufstehen, denn wir mussten etwas zu Essen haben. >

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