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Bericht 6: „Khomeini, schwarze Schadors und menschliche Wärme
“ – Seite 4/6

      Wieder waren beim Einkaufen viele Menschen um uns herum. Wir waren in einer Konditorei und suchten Brot. Dabei muss man sich nicht groß verständigen. Wir deuteten auf die Ware und ließen den Preis auf einen Zettel schreiben oder schauten auf den Taschenrechner. Vor der Tür sprach uns eine Frau in akzentfreiem, guten Deutsch an. Sie war von einem Passanten herbeigeholt worden, der ihr erzählte, da seien zwei Japaner oder Franzosen. Es regnete – und wie. Heftig prasselte es auf uns nieder. Unsere Gesprächspartnerin hatte zwei Töchter und ihren Sohn von zweieinhalb Jahren dabei, den sie auf dem Arm hatte. Zunächst wollte sie mit uns zusätzlich Brot besorgen. Doch dann stiegen wir alle sechs in ein Taxi, und sie sagte: „Wir fahren zu uns nach Hause.“ Wir kamen durch ein Eisentor und einen Vorgarten ins Haus, in dem uns wohlige Wärme empfing. Ich hielt die Hände über den Ölofen – das tat gut! Der große Wohn- und Essraum verströmte rundum Behaglichkeit. Der Boden war mit kostbaren Teppichen, natürlich aus Täbris, ausgelegt. Welch eine glückliche Fügung! Ich fühlte mich sofort besser und konnte mich in einem bequemen Stuhl zurücklehnen. Die Töchter, zwölf und acht Jahre alt, besorgten inzwischen Brot und kochten mir eine Suppe. . .
. . . Sie stellte uns ihr komfortables Auto mit Fahrer zur Verfügung, der uns auch die Stadt zeigen sollte. Doch die Zeit war mit Erzählen vergangen. Ab und zu musste Nina zur Tür, wenn Nachbarn kamen oder etwas gebracht wurde. Dann zog sie sich jedes Mal ein Kopftuch um. Sie wolle die Leute nicht provozieren, sagte sie. Ohne Kopftuch zeigte sie sich nur im Haus, und selbst da hatte sie ein ungutes Gefühl, als ich sie zusammen mit Jutta fotografierte. Sie lud uns ein, in einem Gästehaus der Firma zu wohnen, in dem es mehr Komfort gäbe. . .
. . . Um 9 Uhr wollte uns Nina ins Gästehaus umsiedeln. Wir standen mit den gepackten Rädern vor der Tür, als sie kam. Sie hatte sich geschminkt und stach damit noch mehr von den Leute ab, die uns im Nu umlagert hatten. Die Geheimpolizei war bei ihr, berichtete sie. Sie dürfe uns tagsüber als Gäste haben, schlafen müssten wir jedoch in dem Hotel, das wir soeben mit Sack und Pack verlassen hatten. Wir wollten nicht mehr zurück, und Jutta sagte: „Wir fahren los.“ Nina war sichtlich enttäuscht, weil sie ein Programm für uns vorbereitet hatte. Sie sagte noch: „Es wird heute viel regnen.“ Zunächst fuhren wir hinter dem Auto her, um der Menschenmenge zu entkommen. Dann luden wir Räder und Gepäck ins Auto, und Hassan, der Fahrer, brachte uns zum Frühstück in sein Stammlokal. Nina war mit ihren Kindern im Taxi heimgefahren. Es war eine urige Kneipe, in der schon am frühen Morgen Einige an der Wasserpfeife nuckelten. Wir waren natürlich die Sensation. Hassan machte einen sehr befriedigten Eindruck.
      Er fuhr uns knapp zehn Kilometer bis zum Abzweig der Straße nach Ardabil hinaus. Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Der Bauch war zwar ruhig, schließlich war nichts mehr drin, aber ich war schlapp und wollte eigentlich den Tag zur Erholung nutzen. Jutta ging in Front und schaute sich häufig nach mir um. Es wurde einer meiner sehr harten Biketage. Ich pendelte nur noch zwischen dem Blick nach vorn zu Jutta, zu den Anstiegen und auf den Tacho. Ich konnte mithalten, musste aber immer häufiger vom Rad. Wir hatten keine hohen Berge zu überwinden, doch die langgezogenen Hügel hatten es in sich. Das Wetter wechselte ständig: eiskalter Wind von vorn, also Mütze und Handschuhe. Dann kam ich ins Schwitzen, als es bergan geht. Also wieder umziehen. Würde uns der Regen verschonen? Zur Rechten und hinter uns baute sich drohend eine Regenwand auf, doch der Wind hielt dagegen.
      Noch eine Rast – ich hatte sie nötig. Jutta wollte nur Wasser kaufen und weiter. Doch ich ging in das kleine Lokal hinein, und der Wirt trug Brot, Käse und Wabenhonig auf. „Der Honig wird dir gut tun“, sagte Jutta. Ich musste Mitleid erregend ausgesehen haben, denn der Wirt wollte gar kein Geld nehmen. Es war wie in der Schlussphase eines Marathonlaufes, eines 100-Kilometer-Laufes oder noch eher wie gegen Ende eines „Iron Man“. Ich mobilisierte alles, was in mir war, und musste mentale Stärke bringen. Jutta kämpfte energisch gegen den immer stärkeren Wind an, mich im Schlepptau. Die letzten zehn Kilometer war sehr lang. „Ich mag nicht mehr“, rief sie. Die Regenwolken wurden immer drohender und verbreiteten Düsternis. Da ging ich unter Aufbietung der letzten Kräfte in Front, und wir schafften es gemeinsam. Ich war richtig stolz auf mich und meine Frau.
      Bis zum nächsten Tag habe ich viel geschlafen, denn wir hatten ein ruhiges Hotelzimmer. Am Nachmittag machten wir wie immer unseren Rundgang durch die Straßen, wobei uns in erster Linien die Menschen interessierten, dann erst die Waren und das Angebot. Hier war es ein Angebot für sehr bescheidene Bedürfnisse. Wir sahen einen Friseur. „Da musst du hinein, so wild, wie du ausschaust“, sagte Jutta, „aber frag’ vorher nach dem Preis.“ „Ach was, so teuer kann das nicht werden“, antwortete ich. Ich erschrak gehörig, als ich mich so groß im Spiegel sah. Abgemagert, faltig, um Jahre gealtert. Was, diese ausgemergelte Gestalt will um die Welt radeln? Wie soll das gehen? Es ging mir von der Verdauung her etwas besser, jetzt sah ich aber ein, dass es besser war, einen weiteren Ruhetag einzulegen. Der junge Mann nahm sich sehr viel Zeit, stutzte meinen Bart fachgerecht, rasierte ihn aus und schnitt mir die Haare, so noch vorhanden. Als ich bezahlen wollte, wehrte er ab. Als ich ihm einige Scheine vor die Nase hielt, hob er beschwörend die Hände vor die Brust und verneigte sich. Wie kommt mir die Ehre zu? Ist es die Referenz vor dem Alter oder wurde ich gar für einem Geistlichen gehalten? Eine Stunde zuvor wollte ich nämlich eine Moschee in einem historischen Gebäudekomplex besichtigen. Da wurde ein Hochrangiger herzitiert, der mich in die nicht öffentliche Moschee führen wollte. Doch als er meine Frau sah, die ich mitnehmen wollte, winkte er mit einer ablehnenden Handbewegung ab. Einige Tage später erfuhr ich, dass graue Bärte bei älteren Herren Kennzeichen für Wissenschaftler, Religionsführer und Geistliche sind. Khomeini, Chatami und Chameini sind auch mit diesen Bärten auf großen Plakatwänden sowie in den Büros und Hotels zu sehen. Ich wurde an diesem Abend noch zwei Mal beschenkt, als ich Einkaufen wollte.
      Als wir wieder unsere Räder anschoben, waren wir beide richtig heiß auf Neues. Ich fühlte mich wie neugeboren. Meine Frau hatte mich schnell aufgepäppelt. Die letzte Etappe im Hochland lag vor uns. Wir wollten zum Kaspischen Meer, das 40 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Alle, die wir fragten, haben uns diese Strecke als sehr schwer mit vielen Bergen geschildert. Es wurde viel leichter als erwartet. Nach 25 Kilometern lagen die Berge vor uns, und die Landschaft war ganz anders. Kein Rostbraun mehr, die Hügel waren grün bis obenhin, dazwischen leichtes Buschwerk. Ausgerechnet hier, wo das frische Gras zu sprießen begann, waren keine Rinder- und Schafherden zu sehen. Vielleicht werden sie erst aufgetrieben, wenn das Gras höher gewachsen ist. Wir stiegen höher und höher, und es wurde kälter. Dann kam ein Tunnel in Sicht. Wir hatten Tunnelerfahrung und schalteten unsere Blinklichter ein. Als wir nach etwa einem Kilometer hinauskamen, waren wir in einer anderen Welt. Das musste der Scheiteltunnel gewesen sein. Wir waren viel früher als erwartet über den Pass. >

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